Die Parabel vom mürrischen Kopierer

Beinahe täglich lief Arne am Kopierladen des alten Julius vorbei. Das Geschäft befand sich zwischen seiner Wohnung und dem Parkplatz, auf dem er immer seinen altgedienten Renault parkte. Der Copy-Shop grenzte an einen kleinen Park an, in dem ein Fischteich Enten, Frösche und Mücken anlockte. Oft beobachtete Arne auch wie emsige Eichhörnchen in den Baumkronen munter herumtollten. Der hagere Besitzer des Kopierladens schien sich jedoch nur für seine Kopierarbeit zu interessieren. Tagein, tagaus nahm Julius neue Aufträge an und arbeitete an seinem einzigen Kopierer.

In der Nähe öffnete vor einem Jahr ein etwas moderner ausgestatteter Copy-Shop, Julius‘ Laden hatte aber mehr Charme, so dass er seine Stammkunden halten konnte. Arne wusste nicht genau, wie alt Julius tatsächlich war, jedoch unter seiner hellblauen Ballonmütze lugten graue Locken hervor und um seine Mundwinkel zeichneten sich viele Falten ab. Im Gegensatz zu den meisten Menschen in seinem Alter benötige Julius keine Brille. Seine grünen Augen blieben wach und kräftig, trotz seiner dauernden Arbeit am Kopiergerät. Er trug feine Hemden und sportliche Sakkos. Stets glatt gebügelte Leinenhosen vervollständigten sein elegantes Äußeres.

Eines Tages beobachtete Arne, wie ein Eichhörnchen eine Nuss aus der Schale auf dem Kopiergerät durch das offene Fenster stibitzte. Arne schmunzelte über das gewiefte Hörnchen. Drei Tage später lockte Julius den kleinen Nussdieb mit einer handvoll Eicheln an. Er verteilte die Eicheln auf dem Boden, zog sich zurück und wartete. Das rotbraune Tierchen kam bereitwillig und nahm eine Eichel, um gleich wieder zurück auf den Baum zu klettern. Der grauhaarige Mann lächelte. Arne konnte sich nicht daran erinnern, ob er ihn zuvor jemals fröhlich sah. Jedesmal, wenn er den Kopierladen betrat, wirkte der Besitzer mürrisch und launisch. Julius schien auch nie Urlaub zu machen. Er hielt sich dauernd in seinem Geschäft auf und kopierte.

An folgenden Tagen fütterte Julius immer wieder das Eichhörnchen. Das possierliche Tierchen wurde zutraulicher. Mit der Zeit blieb das Tier länger beim mürrischen Ladenbesitzer und zog sich nicht mehr sofort zurück. Julius blühte regelrecht auf und erfreute sich sichtlich an der tierischen Gesellschaft.

Zwei Wochen später sah Arne auf dem Nachhauseweg einen Zettel an der Tür des Kopierladens. Er las den geschwungen handgeschriebenen Text und musste lachen:

"Der Kopierladen bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Ich habe genug vom Kopieren und werde hier demnächst eine kleine Buchhandlung mit einem Café eröffnen. Das Leben bietet zu viele Wunder, um die Zeit hinter einem Kopiergerät zu vergeuden. Auch ihr braucht keine Kopien mehr. Seid mutig und setzt eure eigene Ideen um. Ich habe mich aufgemacht, um die Schönheiten der Welt zu entdecken. 

Bis bald! 

Herzlichst,
Euer Julius."

Titelbild: Das Eichhörnchen des Kopierers (Fotorechte: Dario schrittWeise)

27 Kommentare zu „Die Parabel vom mürrischen Kopierer

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  1. Er hätte ja auch im Kopierladen eine Comedyveranstaltung organisieren können wie bspw. Nightwash im Waschsalon, oder aus dem Laden zur Hälfte ein Cafe machen? dann hätte er noch das Einkommen vom Kopierladen. Ohne Moos nix los 🙂

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  2. Eine sehr schöne, zum Nachdenken inspirierende Parabel. Wie komme ich raus aus meiner Rutine, aus meinem sicheren aber leblosen Tagesablauf? Woher kommt der Impuls für meine Erneuerung? Von Innen oder von Außen? So viele Fragen, lieber Dario. Deinen Kopierer vermisse ich sehr. Kannst du mir bitte seine E-Mail-Adresse schicken? Ich möchte ihn fragen, ob er tatsächlich die Grenze zur Erneuerung überschreiten konnte. Danke.

    LG, Sophia Mai

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    1. Hallo Sophia, danke dir. Das sind tatsächlich viele Fragen, auf die wohl jeder seine eigene Antwort finden muss. Eine E-Mail-Adresse vom Kopierer habe ich nicht. Soweit mir bekannt ist, wollte er den modernen Geräten entsagen und kann wahrscheinlich keine E-Mails empfangen. Vermutlich ist er jetzt irgendwo unterwegs, vielleicht auf einem Schiff vor der Küste Madagaskars. 🚢🏝️ Ich wünsche dir einen erholsamen Abend, liebe Grüße, Dario

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    1. Das finde ich auch und es ist nie zu spät dafür. Meistens sind es dann doch innere Entwicklungen und Veränderungen, die wir nur in Dingen der Außenwelt wiedererkennen, wie in einem Spiegel. Liebe Grüße aus Nürnberg, Dario 🙂

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    1. Hallo Michael, danke dir. Die Kopiertätigkeit des Julius symbolisiert für mich die moderne Arbeitswelt, in der die Gesellschaft alles mit technischen, oft sinnentleerten Mitteln lösen möchte und dabei die Seele des Menschen vergisst. Gleichzeitig lässt sie auch das kreative Element vermissen. Liebe Grüße und einen schönen Abend, Dario

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      1. Danke Dir, Dario! Ja, so isses, und wir müssen fürchten, dass es mit der „Digitalisierungskampagne“ noch schlimmer wird. Weil man immer wieder hört, dass zu wenig Bücher gelesen werden, hat unser Ort hier die Kommunalbücherei neu gestaltet Jetzt finden dort Kaffeekränzchen und Handarbeitstreffs statt. Dies in der Regionalpresse unter der Headline „Es wird wieder mehr gelesen in Eslarn“. LOL LG Michael

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          1. Lesekampagnen? Hatten wir doch auch schon mal. 😉 Bei uns (wohlgemerkt im Ort) heißt es seit einigen Jahren nur noch „Biertrinken“, genauer „Zoiglbier-Trinken“. Es soll mal eine Werbetour zu Euch nach Nbg. gegeben haben, aber Eure Leute wollten nicht probieren. LOL
            Wünsche Dir ein schönes WE! LG Michael

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