Sal’iq: der vergessene Stamm [1]

Der heiße und trockene Wind wirbelte ohne Unterlass den Wüstensand auf. Zwei zitternde Gestalten kämpften gegen die mächtige Wand aus Luft, die sich vor ihnen aufbaute. Ihr Gesicht schützten sie mit einem Tuch, der ihnen jedoch wenig half. Die beiden konnten sich kaum auf den Beinen halten. Pfeifend und heulend umwehte sie der Sandsturm. Die Steine und Wurzeln der trockenen Sträucher erschwerte ihr Vorankommen zusätzlich. Nach wenigen, unendlich scheinenden Minuten, sahen sie einen kleinen Wacholderhain. Sie suchten darin Zuflucht und warteten unter einem Wacholderbaum, bis der Sturm vorüberging. Die beiden schemenhaft erkennbaren Silhouetten schmiegten sich aneinander und versuchten, sich so vor dem peitschenden Wind zu schützen.

Nachdem sich das Unwetter beruhigt hatte, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab. Dahinter verbargen sich die Gesichter eines schwarzhaarigen Mannes Ende Vierzig und eines kleinen 8-jährigen Mädchens. Der Mann schien sich seit mehreren Wochen nicht mehr rasiert zu haben. Das Mädchen neben ihm wirkte viel zu ernst für ihr Alter. Beide trugen weite braun-graue Kleider nach der Art der Menschen, die in dieser Wüste leben.

„Vater, endlich ist der Sandsturm vorbei“, sagte das Mädchen erleichtert.
„Ja, Sal’iq, zum Glück“, antwortete ihr Vater erleichtert, „denn länger hätte ich es kaum ausgehalten.“
„Wo werden wir heute schlafen, Tal’ok?“ fragte Sal’iq müde.
„Hmm, zuerst sollten wir einen geschützten Platz im Wäldchen aufsuchen und dann werden wir ein Nachtlager aufschlagen, wo wir auch zu Abend essen können“, antworte Tal’ok und schaute sich um. Er sah nur vertrocknete Bäume, Steine und Sand. Viel Sand. Die Sonne näherte sich langsam dem Horizont.

Plötzlich hörten sie ein Rascheln im Gras. Ein Schatten huschte zwischen den Bäumen hindurch. Auf dem Boden liegende Zweige und Äste knackten geräuschvoll. Tal’ok stand auf und bedeutete Sal’iq Schutz zu suchen. Er nahm einen Ast vom Boden auf und wartete darauf, dass der Angreifer hinter dem Versteck hervorkam. Mit lautem Knurren sprang ein orange-grauer Sandwolf aus dem Geäst hervor. Er fletschte seine Zähne und wirkte ausgehungert. Sein Fell verlor längst den Glanz.

Das verzweifelte Tier bäumte sich auf und knurrte aggressiv. Den beiden war klar, dass es sie jederzeit angreifen konnte. Tal’ok versuchte ruhig aber entschlossen zwischen Sal’iq und dem Wolf stehen zu bleiben. Er wusste, dass seine Tochter wegen ihrer Größe das Hauptziel des Angreifers war, der sie langsam umkreiste und beide nicht aus den Augen ließ.

„Wir haben auch Hunger, mein Lieber“, versuchte Tal’ok beruhigend auf den Wolf einzureden. Das Tier knurrte unbeirrt weiter und fixierte ihn mit seinen dunkelgrauen Augen. Darin spiegelten sich gleichzeitig Wut, Hunger und Verzweiflung wider.

„Pass auf!“ rief Sal’iq, als sie sah, dass der Sandwolf ihren Vater angreifen wollte.

Tal’ok schlug mit dem Ast vor dem Wolf und hob den Stock wieder drohend in die Höhe. Sand und kleine Steine flogen in die Luft. Der Angreifer wich zurück. Sal’iq warf einen Stein zur Abschreckung daneben. Der Sandwolf erschrak und lief davon.

„Danke, Sal’iq. Wir sind ein eingespieltes Team“, atmete Tal’ok auf.
„Der arme Wolf tat mir leid“, erwiderte Sal’iq.
„Ich weiß, mir ging es nicht anders. Es sind schwierige Zeiten“, Tal’ok umarmte seine Tochter sanft. Sie schienen nicht zum ersten Mal in einer derartigen Situation zu sein.

„Wir haben die Wüste endlich überquert“, sagte Tal’ok erleichtert, „vor dem Einbruch der Dunkelheit müssen wir die Felsen drüben erreichen“. Er deutete in die Richtung einer Felsformation, hinter welcher die purpurrote Sonne verschwand.

„Vermutlich wird der Sandwolf mit seinem Rudel zurückkehren“, befürchtete Sal’iq.

Sie beeilten sich. Tal’ok humpelte. Die Anstrengung der letzten Tage war ihnen deutlich anzumerken. Sal’iq zog ihren Kopfschutz enger zu. In der Ferne heulten mehrere Wölfe. Schnell erreichten sie den felsigen Berg. Die letzten Sonnenstrahlen kämpften sich hinter den Gipfeln hervor, die einer Turmruine glichen.

„Sieh, meine kleine Sal’iq“, flüsterte Tal’ok erschöpft, „ein Höhleneingang“, er deutete auf einen schmalen Felsspalt über ihnen.
„Können wir uns darin verstecken? Ich bin so sehr müde.“
„Das hoffe ich, meine kleine Tochter.“

Sie kletterten über die Böschung und zwängten sich vorsichtig durch den Spalt. Die untergehende Sonne erhellte teilweise den Eingangsbereich. Drei Fledermäuse flatterten aus der Höhle in die hereinbrechende Nacht. Tal’ok stellte sich schützend vor Sal’iq, sie ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Plötzlich hörten sie Geräusche und menschliche Stimmen.

„Wir müssen tiefer in die Höhle, die Dunkelheit wird uns Schutz bieten“, wisperte Tal’ok und legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen. Sal’iq nickte. Sie schlichen langsam und tastend in den hinteren Teil der Höhle.
Die Stimmen wurden lauter.

— Fortsetzung folgt —

17 Kommentare zu „Sal’iq: der vergessene Stamm [1]

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