Sal’iq: der vergessene Stamm [2]

Im ersten Teil der Kurzgeschichte Sal’iq: der vergessene Stamm durquerten Tal’ok und seine 8-jährige Tochter Sal’iq eine Wüste und wurden dort von einem Sandsturm überrascht. Danach wehrten sie den Angriff eines Sandwolfes ab und versteckten sich in einer Höhle, als sie Stimmen hörten.

Sal’iq: der vergessene Stamm – Teil 2

Sal’iq und ihr Vater zogen sich tiefer in die Höhle zurück. Die letzten Sonnenstrahlen, die durch die kleine Öffnung in der Decke hereinfielen, konnten den Raum nur dürftig erhellen. Die unverständlichen Stimmen wurden leiser. Tal’ok suchte nach einem Durchgang, der sie in die tieferen Bereiche des unterirdischen Höhlensystems bringen würde. Schnell bemerkte er, dass die Wände aus schroffem Material bestanden. Ein fahles Schimmern durchbrach die Dunkelheit und ein Geruch von Schwefel und Salz lag in der Luft.

Plötzlich erleuchtete eine Fackel die Höhle. Tal’ok und Sal’iq zogen sich ängstlich in eine Ecke zurück. Tal’ok stellte sich schützend vor seine Tochter. Einer der Männer, deren Stimmen sie hörten, trat durch den Spalt hindurch und redete beruhigend auf sie ein. Sie verstanden seine Sprache nicht, spürten aber, dass er keine bösen Absichten hegte. Der Mann steckte die Fackel in eine Öffnung in der Wand, holte einen Holzteller aus seiner Stofftasche heraus und legte diesen vor sie. Darauf legte er mehrere Scheiben Brot, etwas Käse, Kaktusfeigen und drei ungewöhnliche Wurzelknollen. Daneben stellte er eine Karaffe Wasser hin. Eine angespannte Stille entstand. Die drei gegenüberstehende Gestalten betrachteten sich aufmerksam.

Tal’ok sah sich um und versuchte ihre Fluchtmöglichkeiten auszuloten. Der unterirdische Raum, in dem sie sich befanden, schien viel größer zu sein, als sie es zunächst vermuteten. Nur ein kleiner Schlitz in der Decke ließ etwas Licht hinein, wenn die Witterungsbedingungen es zuließen. Der erhöhte Salzgehalt in der Luft entstammte von den grob behauen Kristallen, welche die gesamte Oberfläche der Höhle bedeckten. Der Fackelschein warf flatternde Schatten an die Wand und die Salzkristalle schimmerten rötlich. Tal’ok wusste, dass es ihnen sehr schwer fallen würde, sich im Höhlensystem zurechtzufinden, sollten sie vor diesen Männern fliehen müssen. Außerdem spürte er die Erschöpfung und den Hunger, die ihn schwächten.

Der Mann trat in das Licht und Tal’ok konnte ihn aus nächster Nähe betrachten. Er hatte lange graue Haare und seine blasse Haut bedeckten Spuren einer gelblichen Pulverschicht. Seine Nase war leicht gekrümmt. Die Schatten ließen Falten in seinem Gesicht erkennen. Der Unbekannte trug einen schweren Mantel aus Leder, der mit mehreren Bronzeplatten verstärkt war, die den Fackelschein reflektierten. Tal’ok sah in seiner Stofftasche eine helmartige Kopfbedeckung, konnte jedoch ihren Zweck nicht genau erkennen. Der Grauharige zeigte auf sich selbst: „Belot“, sagte er und lächelte. In dem Wort vermuteten sie seinen Namen und stellten sich ebenfalls zögerlich vor. Belot deutete zunächst auf das Essen hin und dann auf Sal’iq und ihren Vater.

Tal’ok fasste einen Beschluss. Er kostete von jedem Nahrungsmittel einen kleinen Bissen und trank einen Schluck Wasser. Daraufhin wartete er ein wenig und reichte schließlich alle Nahrungsmittel und das Wasser Sal’iq, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie nicht vergiftet waren. Er ließ sich von seiner Menschenkenntnis und Intuition leiten. Mit großen, eingefallenen Augen nahm das kleine Mädchen den Teller, trank das Wasser und aß hungrig das angebotene Essen.

„Tal’ok, du musst auch essen“ sagte Sal’iq zu ihrem Vater und bot ihm den Teller an.
„Nein meine Sal’iq, danke. Du musst weiter essen, mein kleiner Mond am Nachtfirmament“, er lächelte erschöpft.

Belot bekam feuchte Augen, weil er die Situation sehr gut verstand, obwohl er ihre Sprache nicht sprechen konnte. Er ging hinaus. Kurz darauf kam er mit noch mehr Nahrung zurück, die er Tal’ok anbot. Nachdem beide mit dem Essen und Trinken fertig geworden sind, versuchte Belot ihnen etwas zu erklären. Auf dem Boden unterhalb der Fackel zeichnete er einen Berg und deutete auf sich selbst und seine beiden Gegenüber. Sie verstanden, dass er den Berg meinte, in dem sie sich befanden. Danach zeichnete er in einem Abstand von wenigen Zentimetern eine Ansammlung von einfachen Häusern. Mit einer Linie verband er die beiden Orte miteinander.

„Sal’iq, ich glaube, er möchte, dass wir ihn und seine Freunde in ihr Dorf begleiten“, sagte Tal’ok zu seiner Tochter, „wie findest du den Vorschlag?“ wollte er von ihr wissen.
„Ja, ich würde gerne mitkommen. Ich bin sehr müde“, sagte sie leise.
„In Ordnung, ich glaube, wir können ihnen vertrauen“, ergänzte er und zeigte mit dem Zeigefinger auf die gezeichneten Häuser und auf Sal’iq und sich selbst.

Belot nickte und zeigte mit einer Handbewegung auf den Ausgang. Sie folgten ihm. Draußen trafen sie die anderen Männer, die auf sie warteten. Die Nacht war kristallklar, der abnehmende Mond und die Sterne erhellten die Landschaft. Die Männer unterhielten sich kurz und Belot lud sie ein, auf einem der beiden einfachen Pferdegespanne Platz zu nehmen.

Sal’iq betrachtete kurz die Wüste, die sie hinter sich ließen, schlief aber vor Erschöpfung bald ein. Tal’ok kämpfte während der gesamten Fahrt mit der Müdigkeit, wollte aber nicht einschlafen, damit er auf Sal’iq aufpassen konnte. In der Ferne heulten die Sandwölfe. Die Raubtiere trauten sich jedoch nicht in die Nähe der Pferdewagen.

Nach ungefähr zwei Stunden erreichten sie das Dorf. Die Hütten lagen im Schatten, nur das Licht des Mondes und der Sterne beleuchtete sie. Belot nahm sie mit in seine Holzhütte. Seine Familie schlief bereits, er weckte seine Frau, die ihm half, Betten für die Neuankömmlinge herzurichten. Tal’ok trug Sal’iq in die Hütte und legte sie in das vorbereitete Bett. Er selbst konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Seine Augen fielen vor Müdigkeit zu. Er legte sich in seinen Kleidern in das andere Bett und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen klopfte Belot vorsichtig an. Tal’ok öffnete die Holztür. Durch das mit weißem Leinen bedeckte Fenster fiel das Sonnenlicht in das Zimmer ein. Die Inneneinrichtung bestand fast vollständig aus hellbraunem Holz. Die weiß gekalkten Wände bestanden aus einfachem Flechtwerk, wie durch einen Riss in der Kalkoberfläche sichtbar war. Ein Duft aus Feuer und einer wohlriechenden Mahlzeit breitete sich in der Hütte aus. Sal’iqs Magen knurrte. Alle lachten. Tal’ok betrachte seine Tochter und freute sich, sie wieder lachen zu sehen. Belot sagte etwas in seiner Sprache, dass sie als Begrüßung und Einladung zum Essen verstanden. Tal’ok erwiderte den Gruß und Dank in seiner Sprache.

In der Küche wartete auf sie die Frau von Belot mit ihren zwei Kindern, die ungefähr in Sal’iqs Alter waren. Über dem knisternden Feuer hing ein Topf aus welchem köstlicher Duft entstieg. Auf dem Boden der Hütte, der aus Lehm bestand, spielte ein graues Nagetier, das einem Wiesel ähnelte, mit einem Stoffball. Am Tisch saßen ein älterer Mann und eine Frau, die sich äußerlich von ihren Gastgebern unterschieden. Vielmehr ähnelten sie Sal’iq und ihrem Vater.

Belot stellte seine Frau, Amut und ihre Kinder Feus und Ailot vor. Die beiden Besucher hießen Tin’iq und Rul’ot. Tin’iq ergriff das Wort, während Belot seiner Frau half, verschiedene Köstlichkeiten anzubieten.

„Guten Tag, Tal’ok und Sal’iq“, begrüßte sie Rul’ot, der männliche Besucher. Er trug einen grünen Umhang aus Wolle.
„Wie kannst du unsere Sprache sprechen?“ wunderte sich Tal’ok. Sal’iq schaute ebenfalls verduzt und aß ihr breiartige Mahlzeit, die duftend vor ihnen auf dem schweren Holztisch stand.
„Meine geliebte Ehefrau Tin’iq und ich“, er zeigte auf seine Begleiterin, „sind wie ihr Nohamatuaq, Kinder des vergessenen Stammes jenseits der großen Wüste“, er lächelte traurig als er den Namen seines Stammes aussprach.
„Wie seid ihr hierher gekommen?“ fragte Sal’iq neugierig und aß laut schmatzend ihr Brei. Ihr Vater schaute sie von der Seite gespielt vorwurfsvoll an. Beide lächelten, das Schmatzen hörte jedoch auf.
„Wir wohnen seit vielen Jahren hier, noch bevor der Krieg begann“, antwortete Tin’iq vorsichtig, um die gelöste Atmosphäre nicht wieder zu verkrampfen. Tin’iq und Rul’ot übersetzten abwechselnd, damit auch die Gastgeber sie verstehen konnten.
„Die Dorfbewohner nahmen uns großzügig auf. Wir wohnen nun seit mehreren Jahren hier und helfen bei der Arbeit im Dorf und im Salzbergwerk aus“, erzählte Tin’iq weiter, „heute entdeckten euch die Bergarbeiter, als sie nach der Schicht die Wölfe hörten. Sie wussten, dass jemand in Gefahr ist. Im Salzbergwerk erkannten sie eure Halsketten mit dem Flusszeichen wieder, weil auch wir diese Ketten tragen“, Tin’iq hielt ihre Kette hoch, die sie um den Hals trug. Auf einer kreisförmigen, grünen Tonscheibe waren vier Wellenzeichen eingraviert.
„Ich denke, jetzt ist es an der Zeit, euch unsere Geschichte zu erzählen“, sagte Tal’ok und sah seine Tochter an, die ihm zustimmend zunickte.

— Fortsetzung folgt —

20 Kommentare zu „Sal’iq: der vergessene Stamm [2]

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  1. Hallo Dario, das Thema deiner Geschichte ist recht zeitgenössisch und aktuell. Besonders spannend und gefühlvoll finde ich diese behutsame, wortlose Kommunikation zwischen den Hauptfiguren und den Einheimischen. Ich freue mich schon auf die nächste Folge.
    L.G., Sophie Mai

    Gefällt 1 Person

  2. Moin Dario
    Sehr schöne Geschichte. Sie gefällt mir. Wäre es ein Buch, ich würde es nicht aus der Hand legen können, aber du „zwingst“ mich, mich in Geduld zu üben 😉. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.
    friesische Grüße „smilane“

    Gefällt 1 Person

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