Sal’iq: der vergessene Stamm [4]

Tal’ok und seine Tochter erzählten den Dorfbewohnern im dritten Teil der Kurzgeschichte „Sal’iq: der vergessene Stamm“ über ihre lange und beschwerliche Reise. Sie planten zum Bruder von Tal’ok zu gehen, um bei ihm Unterschlupf zu finden. Das Dorfoberhaupt Ilit schlug vor, sie mit ihrer Handelskarawane in die Nähe von Teram mitzunehmen, wo Tal’oks Bruder wohnt.

Sal’iq: der vergessene Stamm [4]

Die ungleiche Reisegruppe verließ das Dorf auf den Pferdewagen. Ihre Gastgeber winkten ihnen zu. Den Bergleuten war jedoch auch die Sorge anzumerken, mit der sie das riskante Vorhaben der beiden Nohamatuaq bedachten. Die ersten Minuten verbrachten die drei Stammesgenossen auf der vorderen Sitzbank des Wagens nachdenklich und ohne ein Wort zu sagen. Sal’iq unterbrach schließlich die Stille: „Wie heißt die Stadt, in der ihr euer Salz verkaufen werdet?“ wollte sie von Rul’ot wissen, während die drei Pferdegespanne gemächlich über eine hügelige Graslandschaft fuhren.
„Dilmuth heißt die Stadt. Wir treffen uns dort mit einem Händler aus Elosien, der einmal im Monat nur wegen uns nach Dilmuth kommt“, erklärte Rul’ot ihr das Ziel ihrer Reise.
„Ist das eine schöne Stadt? Sollen wir auch eines Tages hinfahren?“
„Nein, Sal’iq, es ist zwar eine glänzende und große Hafenstadt, die Stadtbewohner sind aber sehr grob und unfreundlich. Insbesondere zu Menschen wie euch, die vor Krieg flüchten“, erzählte er mit leichtem Ärger und Unverständnis in der Stimme, „geh‘ am besten nicht in diese Stadt, du wirst sonst nur enttäuscht.“
„Warum sind die Menschen dort unfreundlich? Haben sie kein Geld oder keine Heimat mehr wie wir?“ wunderte sich Sal’iq.
„Ich befürchte, sie sind so geworden, gerade weil sie diese Probleme nicht kennen“, überlegte Rul’ot, „manchmal denke ich, dass es ihnen einfach zu gut geht“, er schüttelte mit dem Kopf, als er an das Thema denken musste. Sal’iq schaute ihren Vater an, der sie sanft ansah und seufzte, als ob er ihr auf diese Weise sagen wollte, dass nicht alle Menschen auf der Welt freundlich sind und er sie leider auch nicht vor allem Bösen beschützen kann, obwohl er es gern tun würde. In den nächsten Stunden wechselten sie wieder nur wenige Worte. Rul’ot konzentrierte sich auf die staubige Straße und die beiden Pferde. Sal’iq lehnte sich an ihren Vater und schlief. Sie wachte wieder auf, als eines der Pferde laut schnaubte.

„Wie heißen die kleinen Tiere drüben auf dem Berg?“ fragte Sal’iq ein wenig später interessiert und deutete auf einen Hang neben dem Pfad.
„Das sind rutesianische Bergziegen“, antwortete Rul’ot, „wir verlassen die Übergangsregion zwischen der Wüste und dem riesigen Waldgebiet, in dem sich das Dorf deines Onkels befindet. In dem Wald gibt es auch viele solche Ziegen.“
„Erzähl‘ mir doch etwas über das Land, in dem mein Onkel wohnt“, bat Sal’iq Rul’ot.
„Dein Onkel lebt in unserer Nachbarprovinz Rutesi. Es ist ein großes, grünes Land mit uralten Wäldern und seltenen Pflanzen- und Tierarten. Die Menschen leben dort hauptsächlich von der Viehzucht, dem Ackerbau und dem Fischfang“, erklärte Rul’ot und merkte wie Sal’iq seine Worte förmlich aufsog, „wir handeln gerne mit den Bewohnern dieses Landes. Sie sind ein sehr friedfertiges und sympathisches Volk, das uns sehr ähnlich ist.“
„Kennst du meinen Onkel?“ hakte Sal’iq nach.
„Nein, noch nicht“, erwiderte Rul’ot lächelnd, „ich hatte noch nicht die Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Ich bin mir aber sicher, dass er gut mit den Einheimischen klarkommt, wenn er so freundlich und neugierig ist wie du“, sagte er zu Sal’iq und zwinkerte ihr zu. Sal’iq errötete.
„Du bist in der Tat wissbegierig, Sal’iq“, pflichtete Tal’ok ihm fröhlich bei, „manchmal auch zu wissbegierig“, bemerkte er mit gespielter Empörung und schaute dabei seine Tochter an. Alle drei lachten. „Du musst sie bremsen, Rul’ot, wenn sie dir zu viel redet.“
„Nein, nein, ich rede sehr gerne mit deiner Tochter. Außerdem wäre die Fahrt langweilig ohne ein wenig Ablenkung.“ Sal’iq freute sich, das zu hören.

Sie unterhielten sich weiter und die Zeit ging schnell vorbei. Nach einigen Stunden überschritten sie die Grenze von Rutesi, wie sie auf einer Hinweistafel lesen konnten.
„Jetzt sind wir im Land deines Bruders“, übersetzte Rul’ot Hedols Worte, „es ist nicht mehr weit bis zum Dorf Teram.“
Wenige Minuten später hob Hedol seine linke Hand. Die kleine Karawane blieb stehen.

„Soldaten“, flüsterte Rul’ot, „wir müssen uns verstecken.“
Hedol deutete auf einen Bergrücken auf der anderen Seite des Tals. Eine Gruppe von sechs Soldaten ritt langsam auf leicht gepanzerten Pferden und beobachte eindringlich die Umgebung. Sie trugen maskenartige Helme, auf denen ein ausdrucksloses, entpersonifiziertes Gesicht zu sehen war. Ihre Rüstung spiegelte das Sonnenlicht. Tal’ok und Sal’iq wurden kreidebleich. Der Anblick der Soldaten schien schmerzhafte Erinnerungen in ihnen zu wecken.

„Sie sind Kundschafter“, stellte Rul’ot betrübt fest, „vermutlich gehören die Reiter zu einer größeren Einheit. Sie fühlen sich sehr sicher und versuchen nicht einmal, ihre Rüstung zu verbergen“, analysierte er die Situation.

Die Reisenden verständigten sich weiter mit Handzeichen und zogen sich in ein Dickicht aus Schlingpflanzen zurück. Alle kümmerten sich um die Pferde, damit diese keine unerwünschten Geräusche von sich geben. Tal’ok hielt die zitternde Hand von Sal’iq, die ihn ängstlich ansah. Keiner wagte, ein Geräusch zu machen. Mehrere Augenblicke der Ungewissheit verstrichen.

Die Soldaten gingen in die andere Richtung und verschwanden hinter den Felsen.
„Da hatten wir aber Glück gehabt“, atmete Belot auf.
„Ich finde es ein wenig unerwartet, dass sie überhaupt hier waren“, wunderte sich Hedol.

Sie stiegen wieder auf ihre vollbeladenen Wagen und fuhren auf dem staubigen Waldweg weiter. Nach einigen Kilometern erreichte die ungewöhnliche Handelskarawane eine Kreuzung. Ein Pfeil des hölzernen Wegweisers zeigte den Weg nach Dilmuth und ein anderer nach Teram an.

„Ich befürchte, wir müssen hier Abschied nehmen“, erkannte Rul’ot traurig, „ab hier müsst ihr allein weiterlaufen.“
„Ja, das ist mehr als wir erhofft haben. Laut dem Wegweiser ist es nicht mehr weit bis zum Dorf meines Bruders.“

Nachdem sie sich von den Dorfbewohnern verabschiedet und bei ihnen bedankt hatten, liefen Tal’ok und Sal’iq zu Fuß weiter in die Richtung, die ihnen ihre neugewonnenen Freunde beschrieben. Der Weg schlängelte sich durch den Wald und sie empfanden keine Mühe, vorwärts zu kommen. Beide waren es gewohnt, längere Strecken zurückzulegen.

„Sieh Mal, Tal’ok“, rief Sal’iq plötzlich, „da vorne ist Rauch“, sie zeigte in die Richtung, in die sie liefen.

„Du hast wirklich Argusaugen“, lobte sie ihr Vater und schaute mit sorgenvoller Miene die Rauchwolken an. „Das muss ein größeres Feuer sein“, dachte er laut nach und fasste einen Entschluss: „Ich muss jetzt etwas Gefährliches tun und habe eine wichtige Bitte an dich.“
„Was denn?“ fragte Sal’iq kleinlaut, Böses ahnend.
„Erinnerst du dich, als ich dir gesagt habe, dass es eines Tages passieren kann, dass wir uns in einer sehr gefährlichen Situation befinden. Dann werde ich dich bitten, habe ich gesagt, mir zu vertrauen, auch wenn du Angst haben solltest?“
„Ja, ich kann mich sehr gut daran erinnern“, Sal’iq kamen Tränen in die Augen.
„Weine nicht, meine kleine Sal’iq, mein kleiner Mond, so schlimm wird es nicht sein“, versuchte er sie zu trösten, „du musst jetzt ganz tapfer sein.“
„Ich kann es versuchen.“
„Wir sind in der Nähe vom Dorf Teram, wo wir deine Mutter, deine Schwester und deinen Onkel treffen sollten. Und drüben brennt ein großes Feuer“, fing er an, ihr ruhig seinen Plan zu beschreiben, „und ich muss jetzt alleine in das Dorf gehen, um nachzusehen, ob ich helfen kann.“
„Nein, bitte tu‘ das nicht“, ihre Stimme zitterte und ihre Unterlippe bebte.
„Ich muss leider, meine kleine Tochter“, seine Augen füllten sich ebenfalls mit Tränen, „ich muss versuchen, ihnen zu helfen. Deswegen möchte ich dich bitten, dort auf mich zu warten“, Tal’ok deutete auf einen kleinen Hügel, der sich in ihrer Nähe befand, „bitte verstecke dich hinter dem Gebüsch und warte dort auf mich.“ Tal’ok umarmte seine Tochter, sie schluchzte leise und kämpfte mit den Tränen. Tal’ok wartete bis sich seine Tochter versteckte, er winkte ihr noch einmal zu und verschwand im Wald.

Fortsetzung folgt

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