Sal’iq: der vergessene Stamm [6]

Sal’iq lief im fünften Teil der Kurzgeschichte „Sal’iq: der vergessene Stamm“ vor dem Waldbrand davon, den die Soldaten des Fürsten Telor absichtlich entfachten. Die Fischer Dott und Nalis boten ihr an, sie mit ihrem Kahn in die Stadt Dilmuth zu fahren.

Sal’iq: der vergessene Stamm [6]

Sal’iq versorgte mit einigen Wurzeln und Kräutern ihre Brandwunde. Dott und Nalis beobachteten sie neugierig, stellten aber keine Fragen. Sie sammelten die Reste ihres Mahls ein und stiegen in den Fischerkahn. Darin lagen säuberlich verstaute Fischernetze im vorderen Bereich. Sal’iq nahm zwischen den beiden Männern Platz. Die Fischer stießen das kleine Boot mit den Paddeln vom Ufer ab. Die leichte Strömung zog die kleine Barke sofort in die Mitte des Flusses. Sie kamen schnell voran und entdeckten nach einer Biegung des Flusses voller Entsetzen die verheerenden Folgen des nächtlichen Waldbrands. Wo sich früher das blühende Leben erstreckte befanden sich die verkohlten Überreste der einst mächtigen Bäume. Auf das Boot fielen winzige Aschestücke, die der Wind aufwirbelte. Gespenstische Stille herrschte um sie, nicht einmal kleine Tiere oder Vögel waren zu hören. Nur das Plätschern ihrer Paddel unterbrach die Ruhe. Schweigend fuhren sie weiter.

„Ich sehe, dass du traurig bist“, sprach nach einer Weile Dott Sal’iq vorsichtig an, „denkst du an deinen Vater?“
„Ja, ich habe Angst, dass ihm etwas passiert ist“, erwiderte Sal’iq niedergeschlagen, „ich mache mir auch Sorgen um meine Mutter, Schwester und meinen Onkel“, sie schluchzte, „sie waren vermutlich auch im Dorf.“
„Mach dir keine Sorgen“, ermutigte sie Dott und umarmte sie, „ich bin mir sicher, dass dir deine Freunde in Dilmuth helfen können, deine Familie wiederzusehen.“
„Das hoffe ich“, sagte Sali’q leise und weinte. Dott und Nalis kämpften ebenfalls mit den Tränen, wollten aber wegen Sal’iq stark bleiben, um ihr nicht zusätzlich Angst zu machen.
Mehrere Stunden dauerte es, bis sie das vom Feuer schwer gekennzeichnete Waldgebiet hinter sich ließen. Die Fischer versprachen jedoch nicht zu viel, denn als die Sonne den Zenit erreichte, sahen sie in der Ferne bereits die Silhouette der berühmten Hafenstadt.
„Sieh, Sal’iq, dort ist Dilmuth“, Dott deutete auf die Türme, die sich vor ihnen abzeichneten.
„Eine schöne und riesige Stadt“, sagte Sal’iq begeistert.
„Freu dich nicht zu früh“, Dott versuchte ihre Erwartungen zu dämpfen, „die Stadtbewohner sind nicht so freundlich, wie du es vermutest. Insbesondere mögen sie keine Menschen, die wie du aus anderen Provinzen und Ländern in ihre Stadt kommen und dort leben möchten. Auch, wenn sie vor Krieg flüchten.“
„Das hat mir Rul’ot auch gesagt. Warum sind diese Menschen so böse?“
„Ich weiß es auch nicht“, gab Dott zu, „vielleicht wollen sie gar nicht böse sein, wissen es aber nicht besser.“
„Werdet ihr mit mir in die Stadt kommen, um die Händler aus Elosien und meine Freunde zu suchen?“
„Nein, das werden wir leider nicht“, bedauerte der junge Fischer, „wir haben sehr viele schlechte Erfahrungen mit den Bewohnern gemacht. Deswegen möchten wir die Stadt nicht mehr betreten.“
„Schade“, antwortete Sal’iq traurig, „hoffentlich kann ich bald das Schiff der Händler finden, über die Rul’ot gesprochen hat.“
Die Fischer befestigten ihr Boot an einem Holzsteg vor den Toren Dilmuths. Viele Galeeren, Boote und kleine Segelschiffe lagen vertäut im kleinen Flusshafen.
Nalis wollte Sal’iq helfen, auszusteigen, sie sprang jedoch gekonnt aus dem kleinen Kahn auf den Anlegesteg. Nalis und Dott lächelten.
„Ab hier wirst du alleine weitergehen“, sagte Dott, als sie vor dem offenen Haupttor ankamen, „hier kehren Nalis und ich wieder um.“
„Danke euch vom ganzen Herzen“, sprudelte es aus Sal’iq heraus und sie umarmte zuerst Nalis und dann ganz innig Dott, „ihr habt mir sehr geholfen.“
„Wir sind uns ganz sicher, dass du bald deine Freunde und Familie wiederfinden wirst. Du bist ein besonderes und starkes Mädchen, du wirst deinen Weg finden“, sprach er ergriffen, „halte dich am besten nicht lange in den Gassen der Stadt auf, sondern laufe schnell zum Seehafen von Dilmuth“, riet Dott ihr.
„Danke euch, Nalis und Dott, ich werde euch nie vergessen.“
„Lebe wohl, kleine Sal’iq, vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder.“
„Ich wünsche euch alles Gute, Dott und Nalis“, verabschiedete sich Sal’iq von ihren Helfern, „hoffentlich sehen wir uns eines Tages wieder“.
Die beiden Männer stiegen in ihr Boot und winkten ihr lächelnd noch eine Weile zu. Sal’iq ging über die Decks auf dem die Schiffer ihre Waren ent- und beluden und erreichte schnell die große Steinmauer, welche die Stadt vor ihren Feinden beschützte. Hinter der Verteidigungsanlage, die aus riesigen
Steinblöcken gebaut war, zeichneten sich imposante Palasttürme mit smaragdgrünen Kuppeln ab.

Das Eisentor war kunstvoll gestaltet, diente aber mit seiner massiven Erscheinung gleichzeitig als Abschreckung vor potentiellen Gegnern. Zwei gelangweilte Wachmänner mit Lanzen beäugten den Neuankömmling kurz, um sich gleich wieder in ihr Gespräch zu vertiefen. Viele Menschen gingen durch das große Tor ein und aus, die meisten waren Händler, die verschiedenste Handelsgüter zum Verkauf mitbrachten. Die Torbrücke vibrierte, als sie darüber liefen.

Ein Wirrwarr aus Stimmen, Gerüchen und Farben prasselte auf Sal’iq ein, als sie die Torbrücke und das Haupttor passierte. Auf dem großen Platz fand ein Markt statt und unzählige Händler priesen ihre exotischen Waren an, die von Nahrungsmitteln, lebendigen Tieren, Kleidern, bis zum reichbesetzten Perlen- und Edelsteinschmuck reichten. Viele der feilgebotenen Güter sah die junge Nohamatuaq noch nie. Mit großen Augen beobachtete Sal’iq die prachtvollen Häuserfassaden und die vielen Menschen, die nervös ihren Geschäften nachgingen und aus aller Herren Ländern zu stammen schienen.

„Ein schönes Zeichen trägst du um dein Hals, mein Kind“, unterbrach mit hoher Stimme ein grauhaariger Obstverkäufer ihre Tagträumerei.
„Oh, Sie sprechen meine Sprache“, wunderte sich Sal’iq.
„In Dilmuth sprechen wir viele Sprachen, du wirst es noch sehen, mein Kind. Möchtest du einen leckeren Apfel?“ fragte er sie hinter seinem Obststand lächelnd und hielt ihr einen saftigen Apfel entgegen.
„Gerne, vielen Dank“, freute sich das Mädchen und wollte die Frucht nehmen, als der Mann demonstrativ in den Apfel biss und höhnisch lachte
„Hast du ernsthaft geglaubt, dass ich so einer verlausten Göre wie dir etwas schenken würde?“ keifte er und lachte sie aus, „Solche Menschen wie euch brauchen wir in Dilmuth nicht, ihr kennt nicht Mal unsere Sprache“, rief er ihr nach, als sie schockiert weglief, „mach‘, dass du hier wegkommst, ich will dich hier nicht sehen.“ Der Obsthändler warf den angebissenen Apfel nach ihr und seine Frau stimmte in sein Lachen ein.
Niedergeschlagen rannte Sal’iq davon und bog um eine Ecke, um in den Straßen aus dem Sichtfeld der schreienden Händler zu kommen. Sie sah sich um und versuchte, sich zu orientieren.
Ein großer Mann mit gebogener Nase stellte sich ihr in den Weg.
„Warum so ängstlich, kleines Mädchen?“, wunderte er sich theatralisch und strich sich die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht, „was brauchst du denn, vielleicht kann ich dir helfen?“ flötete er, „Sorihal ist mein bescheidener Name“, stellte er sich vor und grinste dabei spöttelnd. Der Unbekannte kam ihr langsam immer näher, so dass sie zurückweichen musste.
„Ich brauche deine Hilfe nicht“, stellte Sal’iq unmissverständlich klar.
„Nicht doch“, tadelte sie Sorihal jovial, „das werden wir noch sehen. Warum kommst du nicht einfach mit mir?“ schlug er gespielt spontan vor und lief weiter fast unmerklich weiter auf sie zu, „ich kenne einen schönen Ort, an dem es noch genug Platz für traurige Mädchen wie dich gibt“, erklärte er mit einem unehrlichen Lächeln. Sal’iq erkannte, dass der Fremde sie in eine staubige kleine Gasse drängte.
„Ich werde nirgendwohin mit dir mitkommen“, antwortete Sal’iq entschieden.
„Nun‘, ich habe Freunde mitgebracht“, sagte er auf zwei Männer deutend, die hinter Sal’iq in die kleine Gasse kamen, „ich befürchte, du hast keine andere Wahl“.

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