Sal’iq: der vergessene Stamm [9 – Ende]

Auf ihrer Flucht vor dem Krieg suchte Sal’iq Zuflucht in der Hafenstadt Dilmuth. Sie traf dort ihre Familie unter den anderen Mitgliedern ihres Stammes, die sich ebenso in die Stadt zurückgezogen hatten. Von ihrem Vater fehlte jedoch jede Spur. In der achten Fortsetzung der Kurzgeschichte standen Sal’iq und ihre Familie schließlich vor der Entscheidung, sich entweder Kapitän Gelan oder ihren Freunden, den Bergbauern, anzuschließen.

Sal’iq: der vergessene Stamm 9

Drei Tage nach dem Treffen mit dem Kapitän Gelan warteten sie weiterhin auf Tel’ok. Immer wieder kamen Flüchtlinge aus der Region nach Dilmuth in das Zeltlager, Sal’iqs Vater befand sich nicht unter ihnen.
Ein Mann von der Stadtverwaltung überbrachte ihnen Nachrichten aus dem Kriegsgebiet. Die feindlichen Truppen rückten näher, sie übertraten die Grenze zu Dilmuths Provinz. Die Stadt müsse sich verteidigen, erklärte ihnen der Bote. Der Stadtrat traf die Entscheidung, das Zeltlager aufzulösen. Alle Lagerbewohner müssen die Stadt verlassen.
Rul’ot trat beim Gebetszelt vorsichtig an Cet’iq heran. „Belot, Hedol und ich haben uns dafür entschieden, in unser Dorf zurückzukehren“, erklärte er mit ernster Miene, „und was werdet ihr tun?“
„Ich habe mit meinen Töchtern gesprochen“, erwiderte Cet’iq nachdenklich, „selbstverständlich möchten sie so lange wie möglich hier bleiben, um auf ihren Vater zu warten.“ Cet’iq fiel es sichtlich schwer, über Tel’ok zu sprechen. „Ich vermisse Tel’ok auch sehr, weiß aber, dass wir keine andere Wahl haben. Die Mädchen wissen es ebenfalls.“ Die schmächtige Frau atmete leise aus. „Wir werden das Angebot von Kapitän Gelan annehmen und mit ihm nach Soarakk fahren, auch wenn es uns nicht leicht fällt“, erklärte sie Rul’ot ihren Plan.
„Das klingt vernünftig“, befand Rul’ot zustimmend. „Wir können euch leider auch nicht besser unterstützen“, bedauerte er. „Wir werden heute Nachmittag abreisen. Kapitän Gelan wird bestimmt bald die Segel setzen wollen.“
„Ja, wir haben gestern mit ihm gesprochen, sein Schiff wird morgen ablegen.“
Bis zum Nachmittag packten die drei Bergbauern ihre Sachen zusammen und legten sie auf ihre Pferdewagen, die bereits abfahrbereit auf einer Wiese unterhalb des Zeltdorfes standen. Sal’iq, ihre Mutter und Schwester sowie einige der anderen Nohamatuaq kamen hinzu.
„Kleine Sal’iq“, übersetzte Rul’ot Hedols Worte, „jetzt müssen wir uns wieder trennen. Ich befürchte, dieses Mal wird der Abschied endgültig sein.“ Hedol ging in die Hocke und legte seine rechte Hand sanft auf ihre Schulter. „Dich und deine Familie erwartet in der neuen Heimat eine ungewisse, aber gleichzeitig positive Zukunft. Dort werdet ihr sicherer sein als hier. Die Wagen sind vorbereitet. Wir werden Nahrung, Holz und noch einige Werkzeuge mitnehmen.“
„Eure Abfahrt erinnert mich an den Tag, als wir euer Dorf verlassen hatten, nur Tal’ok fehlt“, sagte Sal’iq traurig.
Rul’ot umarmte sie, bevor er Hedol und Belot übersetzte. Rul’ot übernahm das Wort: „Wir werden an euch denken. Wir haben einige Bekannte in Dilmuth gebeten, nach deinem Vater Ausschau zu halten. Sollte er eines Tages hierherkommen, werden sie ihm von eurer neuen Heimat erzählen“, versprach Rul’ot, „wir werden an euch denken, kleine Kämpferin. Mögen die Naturgötter der Nohamatuaq, Tullis, Geron und Deliw, euch beschützen.“
Belot und Hedol umarmten Sal’iq ebenfalls und verabschiedeten sich von allen Anwesenden in der Sprache der Nohamatuaq, wie es ihnen Rul’ot beigebracht hatte. Gerührt nahmen sie auf ihren drei Pferdewagen Platz und verließen die Wiese.

In der Morgendämmerung des nächsten Tages holten sechs Seemänner von Kapitän Gelan Sal’iq, ihre Familie und sieben weitere Nohamatuaq im Zeltlager ab. Die Matrosen halfen ihnen, ihre wenigen Habseligkeiten zu tragen. Leise liefen sie zum Hafen, jeder in seine Gedanken versunken.

Die Morgensonne färbte den See und die umliegenden Berge rot. Der alte Hafen erwachte langsam zum Leben. Der Leuchtfeuerwärter löschte die Befeuerung im Leuchtturm. Die übrigen Nohamatuaq kamen ebenfalls in den Hafen, weil Gelan die befreundeten Kapitäne einiger anderer Schiffe überzeugen konnte, sie in ihre Zielhäfen mitzunehmen, bevor ihr Zeltlager aufgelöst wird. Gelans zweimastiges Segelschiff mit gelben, dreieckigen Segeln lag ablegebereit am Pier. Die Schiffsmannschaft bereitete sich für das Ablegemanöver vor. Der Kapitän empfing seine Passagiere persönlich und half beim Beladen des Schiffs. Die Kranken und Gebrechlichen bedachte er mit besonderer Aufmerksamkeit und half ihnen, auf das Schiff zu kommen.
„Uns erwartet ein gewaltiges Unwetter“, kündigte Kapitän Gelan an, „habt aber keine Angst, mein Steuermann Kirell kennt sein Handwerk“, versicherte er ihnen. “ Mein Schiff, die Wellensänger, wird es schaffen. Macht euch aber auf einen heftigen Tanz mit den Wellen bereit.“

Die Schiffsbesatzung lichtete den Anker und setzte die beiden dreieckigen Großsegel. Die günstige Windrichtung ermöglichte ein schnelles Ablegemanöver. Die gelben Segel nahmen eine gewölbte Form an und trieben das Segelschiff voran. Der Steuermann manövrierte die Wellensänger gekonnt aus dem Hafen.
Sal’iq blieb am Heck und betrachtete sehnsüchtig die befestigte Stadt mit dem alten Hafen und der wuchtigen Mauer. In der Ferne suchte sie nach den Spuren der Verwüstung, die der große Waldbrand hinterlassen hatte.
Ihre Mutter trat vorsichtig an Sal’iq heran und legte den Arm an ihre Schulter. Die junge Nohamatuaq schaute sie kurz an, um gleich wieder die kleiner werdenden Umrisse der Stadt und der Berge zu betrachten.
„Du denkst bestimmt an Tal’ok“, nahm Cet’iq an. „Ich habe mich vorhin mit deiner Schwester Nal’ih ebenfalls über ihn unterhalten. Sie und dein Onkel Def’on vermissen ihn auch sehr. Ich kann gut nachvollziehen, wie es dir geht. Wir fühlen uns alle schuldig, weil wir nicht länger auf Tal’ok gewartet haben, wir hätten sogar nach ihm suchen können. Doch was hätte es gebracht? Vermutlich würden wir uns selber in große Gefahr begeben.“
Sal’iq schwieg. Sie blickte weiterhin in die Ferne.
„Obwohl es schmerzhaft ist, müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen. Tel’ok ist vielleicht in Kriegsgefangenschaft geraten, vielleicht ist er verletzt“, sie machte eine kurze Pause, „oder ist sogar tot“ sprach sie ihre Befürchtungen zu Ende aus, um ihre Fassung ringend. Sie drehte leicht ihren Kopf, um die Tränen vor ihrer Tochter zu verbergen. Sal’iq umarmte fest ihre Mutter.
„Wir haben uns Drei, das ist am wichtigsten. Def’on und seine Familie sind auch bei uns“, sagte Cet’iq nach einigen Augenblicken, nachdem sie ihre Augen mit einem Tuch abtrocknet hatte.
„Euer Vater würde sich wünschen, dass wir glücklich sind“, versuchte Cet’iq ihre Tochter aufzumuntern.
„Ja, ich weiß“, erwiderte Sal’iq niedergeschlagen, „er würde jetzt sagen, wir sollen nicht weinen, weil uns ein friedliches Leben erwartet.“
„Dein Vater war – ist“, korrigiert sich Cet’iq umgehend, „ein sehr positiv eingestellter Mensch. Er wünscht sich eine sichere Zukunft für seine Töchter. Und ich bin mir sicher, dass er noch lebt und nach einem Weg sucht, zu uns zu kommen.“
„Wenn einer es schaffen kann“, pflichtete ihr Sal’iq traurig bei, „dann Tal’ok“.
Cet’iq umarmte sie innig.

Ein Schiffsoffizier räusperte sich hinter ihnen. Im Auftrag des Kapitäns soll er alle Passagiere bitten, das Oberdeck zu verlassen, weil sich vor ihnen das angekündigte Unwetter aufbaut und es zu gefährlich wäre, draußen zu bleiben. Sie gingen in den Laderaum, der ihnen zugewiesen wurde, herunter. Das Segelschiff begann sich sofort unter starkem Wellengang in verschiedene Richtungen zu neigen. Das alte Holz knarzte.
Durch eine Luke beobachtete Sal’iq den Sturm, der vor ihnen tobte. Schwarze Wolken zogen auf und hüllten die Wellensänger in beinahe völlige Dunkelheit. Die Mannschaft holte die Segel ein, weil der kalte und feuchte Wind zu stark an den Großmasten und Tauwerk rüttelte. Ein lautes Heulen des Windes setzte ein. Sal’iq schloss die Luke, weil ein Wasserschwall in die Kabine schwappte.

Aus der Ferne betrachtet, konnte die Silhouette der Wellensänger nur noch schemenhaft erkannt werden. Das Schiff bahnte sich seinen Weg gegen Wind und Wellen, schwankte mächtig, ging aber nicht unter.

— Ende —

13 Kommentare zu „Sal’iq: der vergessene Stamm [9 – Ende]

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  1. Ich bin froh, dass du die Geschichte „Sal’iq: der vergessene Stamm“
    auf diese Weise beendet hast. So fährt diese kleine Gemeinde voller
    Zuversicht und mit vollen Segeln in eine neue, heile Welt. Sie werden es schaffen. Bestimmt!
    LG, Sophie Mai

    Gefällt 1 Person

  2. Mit Spannung habe ich das Ende der Geschichte erwartet und bin nun traurig, dass es „vorbei“ ist.
    Wirklich wunderschön geschrieben. Wenn es ein Buch darüber geben sollte, irgendwann, bin ich bestimmt eine erste Leserin 🙂 !
    Hat mich sehr gefreut, mit Sal´iq zu reisen.
    Gruß
    Manuela

    Gefällt 1 Person

    1. Sal’iq wird ihren Weg finden, vermute ich. Für mich als Autor der Geschichte war es am Ende auch nicht einfach, so ist aber der (Kreis-)Lauf des Lebens. Wir werden sehen, was die Zukunft so bringt 😉 Danke dir, Manuela. Frühlingshafte Grüße, Dario 🙂

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