Notizen eines Nachmittags

An jenem heißen Nachmittag drängten sich viele ungeduldige Menschen in der Altstadt. Ich suchte die schattige Geborgenheit eines versteckten Cafés auf. Im Vergleich zum Trubel der engen Gassen kam mir dieser Ort mit altmodischer Inneneinrichtung wie eine Ruheoase vor. Ich setzte mich auf einen lederbezogenen Stuhl und bestellte beim Kellner einen Kaffee, den er mir kurz danach auf den Holztisch stellte.

Der Cafébesitzer wischte lächelnd die Theke. Seine gewellten schwarzen Haare trug er zur Seite gekämmt und seine smaragdgrünen Augen sprühten vor Lebensfreude. Im Radio spielte fröhliche Jazzmusik. Eine tiefe Männerstimme sang im Duett mit seiner lieblich klingenden Partnerin. Ihren verträumten Gesang begleiteten ein Kontrabass, eine Jazzgitarre und ein Saxofon. Am Tisch neben mir saß ein grauhaariger Gast mit langem Schnurrbart, eine Tageszeitung lesend. Er wippte fröhlich im Rhythmus der Musik. Der flinke Kellner brachte ihm einen Espresso mit einem Glas Wasser.

Ich hielt einige Gedanken in meinem kleinen Notizbuch fest, während der Kaffee in der Tasse dampfte. Kleine Geschichten ereigneten sich vor mir, die ich aufmerksam beobachtete. Der Kellner unterhielt sich lebhaft mit dem älteren Herren über einen berühmten Tänzer. Vor mir lachten zwei junge Frauen, vermutlich Studentinnen. Eine der beiden blickte immer wieder lächelnd zum Kellner hinüber. Er freute sich über ihr Interesse und zwinkerte ihr zu. Am dritten Tisch sprachen Geschäftsleute lebhaft miteinander. Ein wenig später kam ein Briefträger mit seinem Fahrrad an, das er vor dem Café abstellte. Er setzte sich an die Bar. Der Besitzer schien ihn zu kennen, denn er brachte ihm sofort einen Schnaps. Ich fragte mich, worüber sich diese Menschen um mich wohl gerade unterhalten mögen und welche Schicksale sich dahinter verbargen. Ihre Stimmen verschwammen und verschmolzen mit der Radiomusik.

Meine Beobachtungen notierte ich in Form von kleinen Stimmungsbildern, die mich in ihre eigene Welt hineinzogen. Die Buchstaben und Sätze, die ich auf den kleinen Seiten niederschrieb, entfalteten eine beruhigende Wirkung, die beinahe etwas Hypnotisches an sich hatte. Während ich so sinnierte, verlor ich die Zeit aus den Augen. Die Wanduhr zeigte 18:15 Uhr an. Da ich noch eine Verabredung privater Natur hatte, trank ich meinen Kaffee aus, schloss mein Notizbuch, zahlte und verließ das kleine Café. Der Besitzer winkte mir lächelnd zu.

Am nächsten Morgen wollte ich wieder zurückkehren, konnte den Ort aber nicht mehr finden. Ich wunderte mich darüber, weil ich mir die Adresse aufgeschrieben hatte. In dem Gebäude, wo ich das Café vermutete, entdecke ich nur die Werkstatt eines Schumachers, der gerade Tanzschuhe besohlte. Darüber befanden sich mehrere Wohnungen. Ich betrat die Werkstatt, in der es nach Klebemittel und Schuhpolitur roch.

Ich erklärte dem schwarzhaarigen Schuhmacher den Grund für meine Verwunderung. Er versicherte mir, dass ich mich irren müsste, weil sich hier tatsächlich ein Café befand, das jedoch vor mehr als 50 Jahren nach einem großen Erdbeben eingestürzt sei. Zum Glück wurde damals niemand verletzt. Der Mann zuckte nur mit den Schultern und widmete sich weiter seinem Handwerk. Ein wenig kam er mir bekannt vor. Nachdem ich die Werkstatt verlassen hatte, suchte ich in meinen Notizen nach der Beschreibung des gestrigen Nachmittags, konnte die Stelle jedoch nicht finden. Der Schuhmacher blickte mir mit seinen grünen Augen durch das Schaufenster nach, ein Lächeln umspielte seine Lippen.

2 Kommentare zu „Notizen eines Nachmittags

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