Die Fabel von der aufmerksamen Schildkröte

An einem lauwaren Abend lief eine Schildkröte gemütlich zum nahegelegenen Fluss. Am Ufer angekommen, sah sie einen Blauen Pfau, der sein Spiegelbild im Wasser bewunderte. Die untergehende Sonne färbte den Fluss und den Dschungel in prächtige Abendlichter. Die Schildkröte bedauerte es, dass der Pfau dieses Naturschauspiel nicht sah und sprach ihn darauf an:
„Guten Abend, lieber Pfau, der Sonnenuntergang ist so wunderschön. Findest du es nicht schade, ihn zu verpassen?“
„Ach, der Sonnenuntergang interessiert mich überhaupt nicht“, sagte der Pfau gelangweilt, „sieh dir lieber an, wie schön mein Gefieder im Wasser glänzt“. Der stolze Vogel erfreute sich weiter an seinem Äußeren. Die Schildkröte zuckte nur mit den Schultern und lief weiter.

Die Zeit verstrich, die Sonne ging mehrmals auf und nieder. Nach einem regnerischen Vormittag stolzierte der Pfau wieder am Fluss entlang, während die Schildkröte genüsslich an einem Algenblatt knabberte. Im Wasser bemerkte sie die Spiegelung eines Regenbogens, der über dem Urwald erschien.
„Lieber Pfau, über dir leuchtet ein Regenbogen in herrlichen Farben“, rief die Schildkröte beeindruckt.
„Pah, du schon wieder. Einen Regenbogen braucht doch niemand“, antwortete der Vogel brüsk. Die Schildkröte verdrehte innerlich die Augen und tauchte unter die Wasseroberfläche, um eine kleine Schnecke zu fangen.

Weitere Tage vergingen, der gepanzerte Wasserbewohner vergaß beinahe die Begegnung mit seinem eitlen Nachbar. Doch dann hörte die Schildkröte hinter sich ein Rascheln. Der buntgefiederte Vogel tauchte plötzlich vor ihr auf.
„Du bist wieder da“, ließ sich die gemütliche Schildkröte fröhlich entlocken, „bist du jeden Tag an diesem Ort?“
„Ja, fast jeden Tag. Hier ist es so ruhig“, erwiderte der Blaue Pfau, „für mich gibt es an diesem Fluss viel zu essen und außerdem kann ich mich im Flusswasser besser betrachten, als in den trüben Pfützen.“
„Hm, so sauber finde ich unseren Fluss auch nicht. Und es gibt wohl wichtigere Dinge im Leben, als sich dauernd selbst zu beobachten.“
„Ach, was weißt du schon, du bist bloß eine Schildkröte“, entgegnete der Pfau genervt, „außerdem habe ich keine Zeit für solche Ablenkungen“, zischte der Vogel.
Die Schildkröte ging weiter, wunderte sich etwas über den gereizten Regenwaldbewohner, ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Plötzlich erblickte sie ein Krokodil, das zur Stelle schwamm, wo sie den blauen Vogel zuletzt gesehen hatte.
„Ich muss den Pfau warnen“, dachte die Schildkröte, „das Krokodil ist auf der Suche nach einer Mahlzeit.“

Wie von der Schildkröte vermutet, war der Pfau so mit der Betrachtung seiner Spiegelung im Wasser beschäftigt, dass er das jagende Reptil nicht bemerkt hatte. In dem Moment, als die Schildkröte die Lichtung betrat, schlich sich das Krokodil aus dem Wasser. Der unheimliche Jäger visierte den nichtsahnenden Pfau an und näherte sich seiner Beute.
„Pass auf, das Krokodil greift dich an!“ warnte ihn die Schildkröte besorgt, während das Reptil sein Maul weit aufriss. Der Pfau flog auf einen Mangobaum. Das Krokodil schnappte zu, ins Leere beißend. Die Schildkröte versteckte sich im Schilfdickicht. Das Krokodil schnaubte und wütete, konnte weder den Pfau auf seinem Ast erreichen, noch die Schildkröte finden, die sich in ihren Panzer zurückzog. Das echsenartige Tier zog sich verärgert in den Fluss zurück.

„Hach, die Gefahr sind wir losgeworden!“ freute sich der Vogel, vom Baum auf den Boden flatternd.
„Ja, da hast du dieses Mal aber ziemlich viel Glück gehabt.“
„Du hast Recht“, stellte der Pfau fest, „wenn du mich nicht gewarnt hättest, wäre ich jetzt das heutige Mittagessen des Krokodils“.
„Das hätte jedes andere Tier an meiner Stelle vermutlich ebenfalls getan“, mutmaßte die Schildkröte bescheiden.
„Zukünftig sollte ich mich mehr um meine Umgebung und die wirklich wichtigen Dinge des Lebens kümmern“, sinnierte sein gefiederter Freund.
„Den ersten Schritt, lieber Pfau, hast du gerade getan“, stellte die Schildkröte lächelnd fest.

16 Kommentare zu „Die Fabel von der aufmerksamen Schildkröte

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  1. Guten Abend Dario!
    Einige, die von sich selbst und ihrer Wichtigkeit zu sehr überzeugt sind, brauchen manchmal bodenständige und wasserdichte Beweise, um erkennen zu können, was im Leben wirklich wichtig ist.
    Das ist eine sehr schöne Fabel über die Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und Gutmütigkeit.
    LG, Sophie Mai

    Gefällt 1 Person

    1. Guten Abend Sophie, ich sehe es ähnlich wie du. Vermutlich trägt fast jeder von uns ein wenig vom Pfau und ein wenig von der Schildkröte in sich 😉 Liebe Grüße aus Nürnberg und einen schönen Abend, Dario 🌆🌃🌌🌒

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