Das verwunschene Bergdorf – ein Frühlingsmärchen [1/2]

Es war einmal ein Dorf in der Bergregion Telamon namens Rotimur. Die Gegend war geprägt von lieblichen Landschaften und grünen Bergwiesen. Die Winter konnten jedoch hart sein, weil dann die Pässe zu dem Dorf schwer zugänglich waren. Dann rückte die Dorfgemeinschaft enger zusammen, um die schwierige Zeit zu überstehen. Auch der weise König Brumbert unterstützte die Dorfbewohner nach Kräften.

Eines Winters ritt der König mit seiner Gefolgschaft durch das Dorf. Sie übernachteten in der Dorfschänke von Rotimur. Unter seinem Gefolge war auch der junge Leutnant Kunibert. An jenem Abend arbeiteten Sigrun und Galinea als Bedienung in der Taverne. Sie waren unzertrennliche Freundinnen.

Dem Ritter Kunibert gefiel die reizende Sigrun auf Anhieb und er traute sich, sie anzusprechen:
„Guten Abend, verehrtes Fräulein. Welche Speise können Sie mir empfehlen?“ wollte er wissen und lächelte sie dabei freundlich und ein wenig schüchtern an.
„Seien Sie gegrüßt, werter Herr“, Sigrun lächelte zurück, „ich kann Ihnen natürlich alle Speisen und Getränke wärmstens empfehlen. Aber mein Favorit ist der Rote Eintopf, scharf gewürzt“, nannte sie ihm ihre Lieblingsspeise schmunzelnd. Kunibert bestellte den Eintopf strahlend.

Galinea beobachtete den ganzen Abend die Annäherungsversuche von Kunibert und in ihr stieg ein ungewohntes Gefühl auf. Normalerweise freute sie sich, wenn ihre Freundin glücklich war, doch an diesem Abend gönnte sie ihr die Freude nicht.

Als der Tavernenbesitzer Terol Galinea bat, im Wald Holz zu sammeln, ging sie mit finsterer Miene hinaus. Auf dem Weg zum Wald dachte sie über Sigrun, den hübschen Leutnant und Terol nach. Sie war verärgert, konnte sich aber zunächst selber nicht eingestehen, warum. Vielleicht wollte sie es auch nicht. Missmutig begann sie Reisig und trockene Äste zu sammeln, als sie eine Idee bekam. Sie erinnerte sich an eine alte Frau, die allein in einer Hütte oberhalb eines Bergpasses lebte. Von der geheimnisvollen Frau wusste sie, dass ihr Zauberkräfte nachgesagt werden. Sie wird ihr helfen können. Manche Menschen hielten sie sogar für eine Hexe. Die Dorfbewohner hatten Angst vor ihr und vertrieben sie aus Rotimur.

Galinea warf das gesammelte Holz zur Seite. „Soll Terol seine blöden Äste selbst holen“, dachte sie genervt, „ich brauche ihn nicht und Sigrun sowieso nicht. Die Dorfbewohner können mir auch gestohlen bleiben.“

Galinea stampfte davon, ohne ihre Aufgabe zu erledigen. Sie war auf alle im Dorf verärgert und wollte den Bewohnern Schaden zufügen. Nach einigen Stunden kam Galinea zum Berg der Ahnen, wo die Zauberin lebte. Galinea stieg einen schmalen Pfad hinauf, der mit Schnee bedeckt war. Dort sah sie die einsame Hütte der Magierin. Schwarzer Rauch stieg aus dem Schornstein auf. Vorsichtig näherte sie sich der Hütte und klopfte an.
„Wer ist da?“ fragte die Hüttenbewohnerin.
„Hier ist jemand, der eure Hilfe benötigt.“
Eine Frau mit grauem, langem Haar öffnete die Tür. Aus der Küche kam ein feiner, süßlicher Duft.
„Komm nur herein, mein Kind“, sagte die Frau.
„Mein Name ist Galinea, ich habe gehört, dass Sie mir helfen können.“
„Und mein Name ist Atamur. Ich weiß schon, welche Art Hilfe du benötigst“, lächelte sie wissend, die Tür hinter Galinea schließend.

In der Zwischenzeit suchte Sigrun vergeblich ihre Freundin. Sie machte sich Sorgen um sie. Außerdem fehlte in der Taverne Holz, welches Galinea holen sollte. Damit Galinea keinen Ärger mit Terol bekam, beschloss sie, selbst Holz zu sammeln.

Der Ritter Kunibert verpasste Sigrun um Haaresbreite, als er auf seinem Pferd in das Dorf ritt. Er nutzte seinen freien Nachmittag, um nach dem hübschen Mädchen aus der Dorfschänke Ausschau zu halten. Zunächst erkundigte er sich bei Terol nach ihr.
„Sigrun ist soeben in den Wald gegangen“, antwortete der Tavernenbesitzer misstrauisch, „sie müsste aber jeden Augenblick wieder zurück sein.“
„Kein Problem“, erwiderte Kunibert, „ich kann warten, den Nachmittag habe ich frei“. Der junge Ritter des Königs setzte sich an einen der Tische und trank sein Bier.

Währenddessen kam Galinea an den Fluss Donas, der nur wenige Meter später in das Dorf hineinfloss, um auf der anderen Seite wieder hinauszufließen. Sie setzte sich am Ufer hin und holte aus ihrer Jackentasche eine kleine Glasflasche, die eine rötliche Flüssigkeit enthielt. Sie öffnete das Flässchen und tröpfelte einige Tropfen in den Fluss und in den Wind. Dabei wiederholte sie drei Mal den Satz der Zauberin, wie sie es ihr beigebracht hatte: „Ritter Kunibert, dein Herz werde mein, verfluchet soll dieses Dorf sein.“

Zunächst fror der Fluss komplett ein. Dann verdunkelte sich der Himmel. Schließlich brachte ein eisiger Wind den Schnee. Galinea entfernte sich vom Fluss, konnte jedoch kaum etwas sehen, weil der Schneefall sehr stark wurde. Sie freute sich, weil dies der Beweis war, dass die alte Zauberin recht hatte. Ihr Fluch funktionierte. Galinea kletterte auf einen Hügel oberhalb des Dorfes, um zu beobachten, ob der Fluch die von der Zauberin versprochene Wirkung entfalten würde. Das Dorf versank nach und nach unter dem Schnee. Alle Menschen und Tiere, die sich im Dorf befanden, erstarrten zu Eis. Galinea freute sich sehr darüber und verließ den Schauplatz ihres Fluchzaubers. Nach einigen weiteren Minuten verschwand das Dorf völlig unter der weißen Oberfläche und der Schneefall hörte auf. Stille trat ein. Nur eine Brise wirbelte den Schnee leicht auf.

Fortsetzung folgt…

Hier geht es zum zweiten Teil.

2 Kommentare zu „Das verwunschene Bergdorf – ein Frühlingsmärchen [1/2]

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  1. Hallo Dario,
    eine so mit dem Schnee bedeckte, zauberhafte Landschaft habe ich schon lange nicht mehr gesehen…
    Dein Frühlingsmärchen hat mir recht gut gefallen. Dort wo Eifersucht, Neid und Bosheit im Spiel sind, werden alle Beteiligten volle Hände zu tun haben.
    Ich bin gespannt, wie es weiter geht.
    LG, Sophie Mai

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