Das verwunschene Bergdorf – ein Frühlingsmärchen [2/2]

Sigrun suchte einen trockenen Zufluchtsort, als sie bemerkte, wie intensiv der Schneefall geworden ist. Sie stellte sich unter einen Felsen, wo sie abwartete, bis der Schneesturm vorüber war. Sigrun erledigte Galineas Aufgabe und sammelte Holz in einem Korb, den sie auf dem Rücken trug. Sie setzte den Flechtkorb ab und wartete.
Erst als sie ihr Versteck wieder verließ, bemerkte sie das Ausmaß der Verwüstung. Die Schneedecke war mehrere Meter hoch, die Landschaft nicht mehr wiederzuerkennen. Sigrun wunderte sich über den plötzlichen Schneefall. Sie erinnerte sich an eine Frau, die als Heilerin und Kräutersammlerin arbeitete. Sie lebte in einigen Kilometern Entfernung vom Dorf, was Sigrun Hoffnung machte, dass sie vom Schneesturm verschont geblieben ist. Die Heilerin hieß Rumata und nicht wenige brachten sie mit Magie in Verbindung.
Sigrun verlor keine Zeit. Nach wenigen Minuten kam sie zum Haus der Heilerin, welches sich auf einer ruhigen Lichtung befand, die leicht vom Schnee bedeckt war. Sigrun klopfte an, die Frau öffnete die Tür und bat sie, einzutreten. Im Inneren roch es intensiv nach Salbei und Eisenkraut. Rumata bat sie, ihr Anliegen zu beschreiben. Ihre hellblauen Augen strahlten Güte und Weisheit aus. Die Kräutersammlerin bot Sigrun einen Sitzplatz am Tisch. Nachdem Sigrun erzählt hatte, was passiert ist, dachte die Heilerin kurz nach.
„Ungewöhnlich,“ sagte Rumata schließlich, „um diese Zeit des Jahres sollte es keinen Schnee mehr geben, zumindest nicht in dieser Menge.“
„Das habe ich mir auch gedacht“ pflichtete ihr Sigrun bei, „deswegen bin ich zu dir gekommen.“
„Ich befürchte, es handelt sich um einen dunklen Zauber“, mutmaßte Rumata nach einigen Minuten, „vermutlich ist ein Hasszauber dafür verantwortlich.“
„Können wir dagegen etwas tun?“ wollte Sigrun wissen.
„Ja, das können wir.“ bestätigte die weise Frau, „allerdings gibt es keine speziellen Heilmittel gegen einen Hasszauber. Wie für alle Gifte so gibt es allerdings auch für alle Zauber ein Gegenmittel, sozusagen einen positiven Spiegelzauber“, erklärte die weise Frau.
„Was ist ein Spiegelzauber?“ wollte Sigrun wissen.
„Ein positiver Spiegelzauber kehrt einen Fluch ins Gegenteil um. Er spiegelt ihn sozusagen ins Positive wider.
„Das gefällt mir“, zum ersten Mal schöpfte die junge Frau Hoffnung, „bitte erzähle mir, was muss ich dafür tun?“
„Leider wissen wir nicht genau, wie der Zauberspruch lautete. Deswegen wird unser Spiegelzauber aus zwei Bestandteilen bestehen: um einen Teil wirst du dich kümmern, den anderen werde ich in die Wege leiten“.

Währenddessen lief Galinea mit starken Gewissensbissen durch die Schneelandschaft. Mehrmals blickte sie sich um und dachte an ihre Freundin, die sie ebenfalls im zugeschneiten Dorf wähnte. Sie grübelte darüber nach, ob es richtig war, was sie getan hatte.
An einer Kreuzung begegnete ihr eine alte Frau, die einen grünen Kapuzenmantel trug.
„Bist du Rumata, die Kräuterkundige?“
„Ja, das bin ich“, bestätigte die Heilerin ihre Vermutung, „ich glaube, den Grund für deinen Kummer zu kennen, Galinea. Noch ist es nicht zu spät“, teilte Rumata ihr mit.
„Woher kennst du meinen Namen? Und warum glaubst du, meine Probleme zu kennen?“ wunderte sie sich.
„Leider haben wir keine Zeit für ausführliche Erklärungen. Deine Freundin braucht deine Hilfe“, sagte die Heilerin ernst.
„Ich tue alles. Sag mir nur, wie ich ihr helfen kann“, bat sie Galinea verzweifelt.
„Nur wenn du deine Tat ehrlich bereust und deiner Freundin aus einer Notlage hilfst, kannst du den Fluch auflösen.“
„Das mache ich. Nur, wie kann ich ihr helfen, wenn sie doch auch vor dem Schneesturm im Dorf gewesen ist?“
„Nein, sie nicht. Du findest sie am Ufer des Flusses Donas, neben dem alten knorrigen Baum“, erwiderte Rumata ernst.
Sie lief zum vereisten Fluss und sah Sigrun, die am Ufer neben einem großen, ausgetrockneten Baum mit starken Wurzeln saß. Die Äste und die Rinde waren völlig von einer feinen Eisschicht überzogen.
Sigrun sang ein sehr ergreifendes und emotionales Lied. Galinea verstand den Inhalt nicht, weil sie zu weit entfernt stand, aber die Melodie rührte sie zu Tränen. Die umliegende Schneedecke und die Eisschicht aus dem Fluss begannen zu erzittern. Risse durchzogen sie. Die Eisoberfläche schmolz. Ein starker Wind umwehte die beiden Freundinnen und verstärkte Sigruns Lied. Plötzlich begann der Berg der Ahnen zu beben.
In der Ferne ertönte der Schrei einer Frau. Wenige Sekunden später riss eine Schneelawine Sigrun mit sich in den Fluss. Galina rannte los. Ohne viel nachzudenken legte sie ihren Mantel ab und sprang in den eisigen Fluss. Sie schwamm zu ihrer Freundin, welche sie ans Ufer brachte. Dort legte Galinea ihren Mantel um sie und sammelte Äste, um ein Feuer anzuzünden. Sigrun zitterte am ganzen Körper.
„Ich muss mein Lied singen, meinen Teil des Zaubers“, sagte sie fiebrig, „nur das, was ich immer in meinem Herzen trage, kann dem Dorf helfen, hat mir die Kräuterfrau gesagt.“
„Keine Sorge, du hast unserem Dorf schon geholfen“, beruhigte sie Galinea weinend, „sieh dich nur um, sogar der knorrige, tote Baum über uns erwacht zu neuem Leben.“
Tatsächlich verwandelte sich die Landschaft vor ihren Augen: Der Schnee schmolz dahin und auf der Wiese sprossen Schneeglöckchen. Auf dem Kirschbaum landete ein grüner Vogel, der nur für sie zu singen schien.
„Das ist schön“, freute sich ihre Freundin leise und schloss die Augen.
„Du darfst jetzt nicht einschlafen“, hielt Galinea sie besorgt wach, „warte, ich werde das Feuer verstärken.“
„Danke, du bist eine gute Freundin“, erwiderte Sigrun müde.
„Das bin ich leider nicht“, Galinea schluchzte, „ich bin für alles verantwortlich, für all‘ das, was heute hier passierte. Ich habe die dunkle Zauberin Atamur gebeten, mir einen Zauberspruch zu nennen, mit dem ich das Dorf verfluchen kann.
„Warum hast du das getan?“ fragte Sigrun traurig.
„Liebe Sigrun, es tut mir sehr leid“, sprach sie unter Tränen, „ich konnte dir dein Glück nicht gönnen, denn auch ich wollte Ritter Kunibert heiraten. Jetzt sehe ich aber wie töricht ich war. Deine Freundschaft zu verlieren würde keinen Gewinn, den ich mir durch diesen Fluch erhofft hatte, gerechtfertigten. Kannst du mir bitte verzeihen?“
„Meine Liebe, auch ich empfinde deine Freundschaft als etwas sehr Wertvolles in meinem Leben. Mit deiner Tat hast du mir zwar viel Kummer und Schmerz bereitet, aber durch deine Reue kann ich dir leichten Herzens verzeihen. Zudem verdanke ich dir mein Leben. Vermutlich bist du der zweite Teil des Spiegelzaubers, von dem die Heilerin sprach“, sagte sie strahlend.
In dem Moment tauchte hinter ihnen Ritter Kunibert auf. Seine Haare und Uniform waren noch nass vom geschmolzenen Schnee, ansonsten schien er wohlauf zu sein.
„Sigrun, da bist du ja!“
„Kunibert, mein Liebster“, Farbe kehrte in ihre Wangen. Galinea zog sich zurück, um ihnen Privatsphäre zu gewähren.
„Ich habe dich überall in eurem Dorf gesucht. Dann hat dieser fürchterliche Schneesturm angefangen. An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern. Plötzlich bin ich auf der Straße aufgewacht, wie die anderen Dorfbewohner auch. Eine grün gekleidete Frau sagte mir, dass ich dich hier finden werde“, erzählte er verwirrt, aber freudestrahlend, weil er sie gefunden hatte, „weißt du, was das alles bedeutet?“
„Das ist jetzt nicht mehr wichtig, es war ein starker Wintersturm, der jetzt vorbei ist. Das Dorf war eingeschneit, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung. Die ganze Geschichte erzählen ich dir später. Am wichtigsten ist, dass du wieder bei mir bist“, versicherte sie ihm mit leuchtenden Augen.
„Und ich werde für immer bei dir bleiben, wenn du das möchtest“, sagte der junge Ritter.
„Es würde mich sehr glücklich machen“, bestätigte Sigrun und küsste ihn.

Die Bewohner erzählten ihnen, was mit der bösen Zauberin Atamur geschehen ist. Sie verunglückte tödlich in der Schneelawine, die auch um ein Haar Sigrun das Leben gekostet hätte. Sigrun und Kunibert heirateten im Königsschloss, Galinea war Sigrun Patin. König Brumert nahm Sigrun in seine Dienste auf.

Nach einigen Jahren erhob der König das Paar in den Fürstenstand. Sie regierten weise und umsichtig. Ihnen zu Ehren erzählen die Bewohner des Bergdorfes ihren Kindern noch heute das Märchen von der schönen Fürstin Sigrun, die mit Hilfe einer grüngekleideten Frau den Frühling nach Rotimur brachte. Sie wird Sigrun, die Fürstin des Frühlings genannt.

Es ist die Geschichte des Sieges der Liebe und Verzeihens über Hass und Groll. Auf diese Weise bleibt das Fürstenpaar in den Erinnerungen der Menschen unsterblich. Mit Recht können wir also sagen: „wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute“.

Hier geht es zum ersten Teil.

2 Kommentare zu „Das verwunschene Bergdorf – ein Frühlingsmärchen [2/2]

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  1. Lieber Dario,
    das ist ein schönes Märchen. Besonders das Ende gefällt mir sehr gut. Heutzutage soll wenigstens in der Welt der
    Fantasie das Positive herschen.
    LG, Sophie Mai

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