Der gute Rat [1]

Mattis arbeitete in einer Großstadt als Fondsmanager für eine große Bank. Sein Leben bestand an Arbeitstagen nur aus geschäftlichen Terminen und Überstunden. Seine Frau und Kinder konnte er nur am Wochenende sehen. Er wohnte unter der Woche in seiner Zweitwohnung, weil die Fahrt nach Hause drei Stunden dauerte.
Eines Tages erzählte ihm sein Arbeitskollege Ben beim gemeinsamen Mittagessen in der Firmenkantine von einem weisen Mann, den Menschen aufsuchten, die nach Antworten im Leben suchen.
„Der Mann ist ein Phänomen“, schwärmte sein Gesprächspartner, „er lebt einsam auf einer Seeinsel in den Bergen, in völliger Abgeschiedenheit.“
„Wie hast du von ihm erfahren?“ wollte Mattis wissen.
„Ein Freund hat mir von ihm erzählt. Der Mann braucht keine Werbung, er bekommt genug Mundpropaganda.“
„Ja, und jetzt?“, wollte Mattis wissen.
„Wie, und jetzt?“
„Was hat dir der Mann geraten?“
„Es ist nicht so sehr, was er gesagt hat“, sinnierte Ben, „sondern wie er das getan hat. Mattis, ich glaube, ich werde was komplett Anderes machen.“
„Wie, etwas komplett Anderes? Hörst du in der Firma auf?“
„Ja, vermutlich. Ich bin auch schon am Suchen nach etwas Neuem.“ Ben sah ihn hoffnungsvoll an.
Danach kreisten den ganzen Tag Mattis‘ Gedanken um die Geschichte des besonderen Mannes. Immer wieder fragte er seinen Bürokollegen nach ihm. Vielleicht kann ihm dieser Mann den Rat geben, wie er seinem Leben eine entscheidende Wendung geben kann. Am Wochenende unterhielt er sich mit seiner Ehefrau Kira über den Gedanken, für einige Tage in die Berge zu fahren, um mit dem Mann zu sprechen.
„Und du bist sicher, dass der Mann dir helfen kann?“, wollte seine Frau wissen.
„Das weiß ich nicht, aber einen Versuch ist es wert“, erwiderte Mattis lächelnd, „Ben hat regelrecht von ihm geschwärmt. Er will jetzt auch sein Leben neu ausrichten.“
„Neu ausrichten?“ fragte Kira mit einem besorgten Unterton in der Stimme.
„Na ja, was weiß ich, mit einem neuen Job, denke ich. So konkret sind seine Pläne noch nicht. Er sieht sich erstmal nur um.“
„Das kann ja heiter werden, wenn sich Männer in seinem Alter ’nur umsehen'“, sagte sie lachend, „hoffentlich wird er bei seiner Entscheidung auch an Gabriele und die Kinder denken.“
„Das wird er schon machen, mach‘ dir keine Sorgen“, beruhigte sie Mattis, „und weißt du, um mich brauchst du dich auch nicht zu sorgen, ich werde natürlich auch an dich und die Kinder denken.“
„Ja, daran musste ich auch kurz denken“, sagte sie, „was hast du nun vor? Möchtest du bald zu diesem Mann fahren?“
„Mein Plan ist, am kommenden Freitag hinzufahren. Der Mann lebt auf einer Insel in einem Bergsee. Der See ist sehr abgeschieden und nicht mit einem Auto erreichbar. Ich werde einen Teil des Weges zu Fuß gehen müssen. Am besten, ich nehme ein Zelt mit, um dort übernachten zu können.“
„Du und Zelten?“ prustete Kira los und musste aufpassen, ihren Kaffee nicht zu verschütten, „ich kann mir dich alleine in der Natur gar nicht vorstellen. Du hast zuletzt vor mehr als sieben Jahren eine Wanderung gemacht. Und nur für wenige Stunden.“
„Das könnte stimmen, doch es muss immer ein erstes Mal sein“, Mattis lachte, „es gibt keinen Grund, es nicht zu versuchen, auch wenn es von einem nicht erwartet wird.“
„Ja, du wirst es schaffen. Gehe hin, wenn du denkst, dass dir die Reise helfen wird. Tommy, Mimi und ich werden schon zurechtkommen.“
Mattis küsste sie dankbar. Kira verstand ihn, wie immer. Sie freute sich, Hoffnung in seinen Augen zu sehen.
Einige Tage später saß Mattis in seinem Wagen und fuhr über eine kurvenreiche Straße, die sich durch eine Berglandschaft schlängelte. Die Bäume waren in kräftige Grün- und Blautöne bis zum Horizont getaucht. Mattis genoss die beruhigende Aussicht des sonnigen Vormittags auf der Landstraße. Er dachte an den Abschied von seiner Familie. Am gestrigen Morgen fuhr er los und übernachtete nach mehreren Fahrtstunden in einem Gasthaus. Das Essen war durchschnittlich und sein Zimmer einfach aber zweckmäßig. Er vermisste jetzt schon seine Familie, seine verständnisvolle Frau Kira, seine fast immer fröhliche Tochter Mimi und den verschmusten Tommy.
Am Nachmittag kam Mattis zur Kreuzung, die ihm sein Arbeitskollege beschrieben hatte. Danach bog er in den Wald und fuhr eine weitere Stunde über einen verlassenen Feldweg.
„An dieser Stelle müsste die Lichtung sein, von welcher Ben mir erzählt hat“, dachte er, „von hier werde ich weiter zu Fuß gehen, mit dem Auto komme ich nicht mehr voran.“
Er holte seinen Rucksack und das Zelt aus dem Auto. Das Gepäck fühlte sich schwer an.
Skeptisch betrachtete er den Berg, der sich majestätisch vor ihm erhob. Gleichzeitig freute er sich über die nächsten Tage. Mattis warf noch einen letzten Blick zurück, auf seinen Wagen und gewissermaßen auf sein altes Leben. Danach suchte er den Pfad, dem er folgen sollte.
Fortsetzung folgt

Titelfoto: "In den Bergen", Fotoreche: Dario schrittWeise

10 Kommentare zu „Der gute Rat [1]

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