Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge [2]

Im ersten Teil der fantastischen Erzählung begleiten wir Alrond, einen Chronisten, der im Auftrag des Hofes von Phoenixstein die unerklärlichen Ereignisse im Blauen Nebelgebirge aufschreiben soll. Um sich und seinen Mitreisenden während der Fahrt in einem Planwagen die Zeit zu vertreiben, erzählt er ihnen über eine unheimliche Begegnung. An jenem Abend begegneten er und seine Begleiter Riandell und Ledos seltsamen Gestalten, die sie angegriffen hatten.

Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge – eine fantastische Erzählung [2]

„Wir müssen eine andere Stelle zum Überqueren des Abgrunds finden“, stellte Riandell fest. Wir ritten entlang des Klippenrandes, von dem es tief nach unten ging. Die Kopffüßler waren schnell für ihre Größe, sie konnten uns jedoch nur aus der Entfernung verfolgen. Am schnellsten waren die kleinen Leuchtwesen, die wir aber leicht loswerden konnten. Die fliegenden Rochen erwiesen sich als schwerfällig.

Ich machte meine Begleiter auf einen Klippenvorsprung aufmerksam, den ich vor uns gesehen hatte. Mit einem langen Anlauf sprangen wir mit unseren Pferden nacheinander über den Abgrund. Zwei Flugrochen folgten uns wie unheimliche Schatten. Um sie herum schwirrten die kleinen Lichter. In der Ferne erkannten wir schwarze Umrisse des einsamen Aussiedlerhofes. Die Kreaturen blieben plötzlich wie angewurzelt stehen. Zunächst wunderten wir uns darüber, doch bald bemerkten wir eine kreisförmige Markierung aus Grenzsteinen, die jemand im großen Bogen um das Haus errichtet hatte. Die Steine ordneten die Erbauer im Abstand von ungefähr einem Meter zueinander an. Auf den Grenzsteinen waren uns unbekannte Symbole eingemeißelt.

Die Kreaturen versammelten sich um den Steinkreis. Die Flugrochen suchten vergeblich einen Durchgang, die leuchtenden Wesen bildeten einen Kreis um die unsichtbare Barriere. Etwas schien sie daran zu hindern, den Kreis zu passieren. Die Dunkle Herrin tauchte wieder auf. Ihre Augen glühten vor Wut. Ich sah sie ein letztes Mal an und erschauderte vor ihrem Anblick. Wir erreichten kurz darauf die entlegene Hütte. Die Bewohner nahmen uns freundlich auf, sie wussten, in welcher gefährlichen Situationen wir waren.“

Alrond beendete seine Geschichte. Zunächst war nur das Rattern der Räder zu hören.

„Eine verrückte Geschichte“, unterbrach Ysella die eingesetzte Stille im Inneren des Planwagens, „glücklicherweise glaube ich nicht an solche Fantastereien.“
„Das ist dein gutes Recht“, sagte Alrond ruhig.

„Und wer sind die Bewohner gewesen? Haben sie diesen Steinkreis gebaut?“ wollte Gellas wissen, „konntet ihr euch in der Hütte vor der Dunklen Herrin retten?“
„Vorerst waren wir dort in Sicherheit. Die Bewohner waren derartige Überfälle gewohnt. Die Steinmarkierung war jedoch viel älter. Die Bewohner hatten darin ihre Holzhütte gebaut, weil sie sich der schützenden Wirkung des Kreises bewusst waren.“
„Was mich noch interessieren würde: Woher kamen diese seltsamen Wesen?“ fragte Ysella misstrauisch.
„So einfach kann ich das nicht beantworten. Ich habe in der Zwischenzeit einige Theorien entwickelt. Noch fehlen mir aber Beweise.“ grübelte Alrond.
„Und wie ging es von da aus weiter?“ hakte Tuson von seinem Fahrerplatz aus nach, „du sitzt jetzt bei mir im Wagen. Aber was ist mit deinen Mitstreitern passiert?“
„Nun, wir sind bis zum nächsten Morgen bei der Familie Gillerfärber geblieben. Nach dem gemeinsamen Frühstück setzten wir unsere Reise fort. Ledos und Riandell haben mich noch einige Tage begleitet, aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt habe ich euch genug gelangweilt“, wechselte Alrond das Thema, „erzähl uns, Ysella, etwas über dich. Wir reisen schon mehrere Tage gemeinsam, wissen aber sehr wenig über dich. Unser Kamerad hier, Gelas, möchte seinen Krempel in Phoenixstein unter die Leute bringen…“
„Nenn meine Waren nicht Krempel“, protestierte Gelas empört.
Alrond und Ysella lachten.
„Außerdem wisst ihr, dass ich reise, um Chroniken der Region zu verfassen“, erinnerte sie Alrond.
„… die später ohnehin niemand lesen oder dir glauben wird, weil du die Hälfte der Geschichten erfunden hast“, fügte Ysella stichelnd hinzu.
Dieses Mal lachte Gelas mit.
„Wie dem auch sei“, räusperte sich Alrond leicht errötend, „was ich damit sagen wollte, es wäre schön, wenn du uns etwas über dich erzählen könntest. Warum reist du nach Phoenixstein?“
„Ja, warum? Diese Frage stelle ich mir auch dauernd. Ich möchte bei meinem Onkel arbeiten. Er hat eine Taverne und kann jede helfende Hand gut gebrauchen. Vielleicht kann ich eines Tages ein eigenes Gasthaus eröffnen.“
„Das ist eine schöne Idee“, sagte Alrond, „ich wünsche dir viel Erfolg“.
„Ich habe ein gutes Gefühl, das klappt bestimmt“, ermutigte sie Gelas, „du siehst wie eine Person, die für ihre Ziele einsteht. Welche Taverne gehört deinem Onkel?“
„Mein Onkel und meine Tante führen die Taverne ‚Zum pfiffigen Biber'“, antwortete Ysella, „ihre zwei Söhne helfen ihnen zwar ein wenig, sie zeigen aber kein Interesse, eines Tages in ihre Fußstapfen zu treten.“
„Sachen gibts!“ rief Alrond erstaunt aus, „dein Onkel ist der berühmte Biber. Ich habe zunächst an die anderen Tavernen in Phoenixstein gedacht, wie „Der Betrunkene Elch“ oder „Bei der Flotten Schildmagd“.
„Das ist die Konkurrenz“, lachte Ysella, „leider kenne ich meine Tante und meinen Onkel kaum. Sie sind noch vor meiner Geburt aus unserem Dorf im Röteltal ausgezogen, um sich in Phoenixstein niederzulassen.“
„Mit deinem jugendlichen Elan wirst du es problemlos schaffen. Dein Onkel Ulsor und seine Frau Tella sind rechtschaffende Menschen, du wirst es gut bei ihnen haben“, sprach Alrond ihr Mut zu.

Tuson lenkte den Wagen mit ruhiger Hand in eine enge Schlucht. Die Wände waren mit Moos und Farn bewachsen. Der umsichtige Wagenfahrer sah sich die Felswand genauer an.

„Ich will euch nicht beim Plaudern stören“, unterbrach Tuson ihre Unterhaltung beunruhigt, „aber hier stimmt etwas nicht. Macht euch auf eine ungemütliche Zeit gefasst.“
Die Erde unter ihnen begann zu beben. Plötzlich fielen kleine Steine auf die Wagenplane, auch Tuson bekam auf seinem Fahrersitz einige ab. Er fluchte.

Fortsetzung folgt …

Titelfoto: Steinerne Zeugen, Fotorechte: Dario schrittWeise

7 Kommentare zu „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge [2]

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  1. Hallo Dario, deine fantastische Erzählung hat mir bisher recht gut gefallen. Du hast diese fantasievolle Geschichte sehr interessent und spannend mit vielen unerwarteten Situationen und Wendungen „gewürzt und gespickt“. Ich bin gespannt wie es weiter geht,
    LG und eine schöne, gute Sommerzeit wünsche ich dir.
    Sophie Mai

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  2. Hallo Dario! Besseres Wetter bei euch? 😉 Toll geschrieben, aber ich muß mir trotzdem die letzten Folgen noch einmal durchlesen, um mich darin verlieren zu können. Wünsche dir ein schönes Pfingst-Wochenende, und bitte bleib gesund (es ist ja jetzt die indische Variante unterwegs ;-( ) LG Michael

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    1. Hallo Michael, danke dir, die Erzählung wird sich langsam aber stetig entfalten 🙂. Ich habe Lust auf eine längere Geschichte bekommen. Das Wetter ist hier wechselhaft, heute ein wenig sonniger, aber ich bin skeptisch 😉 Dir auch ein angenehmes Pfingst-Wochenende, hoffentlich von allen Mutanten und sonstigen unheimlichen Gestalten verschont 😉 LG, Dario 🍀🌞🐞

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