Die Rückkehr nach Taizé [Basel – Cluny 6]

Auf einem Platz inmitten einfacher Gebäude warten viele Jugendliche und junge Erwachsene aus allen Herren Ländern in mehreren Warteschlangen drauf, ihr Mittagessen zu bekommen. Es ist sommerlich warm und die Stimmung unter den Wartenden ist entspannt. Sie sind nicht genervt, dass sie warten müssen, sondern sie freuen sich, sich mit anderen unterhalten zu können. Sie unterhalten sich, singen und lachen, während sie warten. Auch die jungen Menschen in der Warteschlange freuen sich auf ihre Arbeit und stimmen in ein fröhliches Lied ein. Ein Helfer von der Essensausgabe ruft plötzlich, es werden noch mehr Helfer/-innen für die Essensausgabe und den Abwasch benötigt. Mehrere Jugendliche melden sich sofort und helfen gerne. Was wie eine Szene aus einem Film klingt ist eine typische Szene aus dem Alltag in der ökumenischen Gemeinde von Taizé im französischen Burgund.
Jede/r von uns erinnert sich gerne an eine bestimmte Zeit oder einen Ort, in dem wir besonders glücklich waren. Es sind diese besonderen Geschichten aus unserer Vergangenheit, die wichtig für uns sind. Zu den bedeutenden Zeiten in meiner Vergangenheit gehören für mich 15 Monate, die ich im Rahmen meines „Anderen Dienstes im Ausland“ (eine Art Zivildienst) in Taizé verbracht habe.

Wegweiser

18. Etappe: Buxy – Taizé

  • Datum: 03.11.2016
  • Entfernung: ca. 26 Kilometer

Meine Gastgeberin Christine brachte mich mit dem Wagen am frühen Vormittag des 3. Novembers zurück zum Jakobsweg, auf eine Anhöhe oberhalb von Buxy, ca. 2 Kilometer von Dorf Monagny-le-Buxy entfernt. Sie sagte mir, dass ich mich auf die farbenfrohen Weinberge freuen kann, die sie selber bei ihren Spaziergängen genießt. Wir verabschiedeten uns und ich begann meine besondere Tagesetappe.

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Ich lief an wunderschönen Aussichten vorbei, herbstlich gefärbten Weinbergen so weit das Auge reicht. Das Wetter war an dem Tag am schönsten bisher, man könnte sich fast wie im Sommer fühlen, wenn es nicht so frisch gewesen wäre. Am Vormittag verspürte ich eine starke Euphorie, fast wäre ich nach Taizé gerannt.

In Saint-Gegnoux-le-National

Als ich um die Mittagszeit im mittelalterlich anmutenden Städtchen Saint-Gegnoux-le-National angekommen bin, waren fast alle Läden geschlossen. In einem Café traf ich ein deutsches Ehepaar, das sich hier einen Kuchen geholt hatte. Wir unterhielten uns kurz. Es stellte sich heraus, dass sie die beiden ebenfalls Taizé-Besucher waren.

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Nach einem Kaffee und Kuchen erkundete ich weiter das pittoreske Städtchen und bekam sogar im Rathaus einen Stempel. Eine Katze begleitete mich dabei und wollte gestreichelt werden.

Als ich die Stadt verließ, machte ich mir zunehmend Gedanken darüber, wie meine Rückkehr in Taizé sein würde.

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Unterwegs nach Taizé

Die letzten Stunden bis Taizé waren sehr aufregend für mich. Ich habe mich gefragt, was mich in Taizé erwarten wird. Die Spannung stieg mit jedem Kilometer, so dass ich mich kaum auf den Weg konzentrieren konnte.

Cormatin

In Cormatin, einem kleinen Dorf kurz vor Taizé, habe ich mir einen weiteren Kaffee gegönnt, das Café war voller englischsprechender Jugendlicher, eventuell teilweise aus Schweden, dem Akzent nach zu urteilen. Sie sind offensichtlich aus Taizé „ausgebüxt“, ihr Betreuer war auch dabei.

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Aumegny

Ich folgte lange Zeit dem Fahrradweg „Voie Verte“ – „Grüner Weg“, einer ehemaligen Eisenbahnstrecke von Chalon-sur-Saône nach Mâcon. Der ursprüngliche Verwendungszweck war der Strecke anzumerken, der schmale Weg verlief häufig geradeaus.

Die letzten Kilometer gingen von der „Voie Verte“ runter, die Straße entlang und über einem Berg nach Aumegny, am Gebäude mit dem wohlklingenden Namen „Cherisérie“ vorbei. Aumegny ist ein Nachbarort von Taizé, auch mit diesem Ort verbinde ich viele Erinnerungen.

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Meine Rückkehr nach Taizé

Meine Ankunft in Taizé war weniger spektakulär als von mir erwartet. Ich ging zuerst zum Empfangshäuschen am Dorfeingang, „Casa“ genannt. Dort wurde ich von einem Volontär begrüßt. Jugendliche, die einige Wochen oder Monaten in Taizé ehrenamtlich mitleben werden „Permanents“ genannt, ich gehörte für 15 Monate auch dazu, im Rahmen meines „Anderen Dienstes im Ausland“, gewissermaßen „Zivildienst im Ausland“, den ich in Taizé absolviert hatte.

Ich kannte das Prozedere, habe ich doch selbst bei meinem Aufenthalt mehrmals in „Casa“ und beim Empfang von Neuankömmlingen gearbeitet. Trotzdem ließ ich mir vom „Permanent“ das Leben und den Tagesablauf in Taizé erklären, seine Ausführungen weckten nostalgische Gefühle und Erinnerungen in mir. Interessant war es zu hören, was es Neues im täglichen Ablauf gibt.

Normerweise erzählen die Mitarbeiter am Empfang den Neuankömmlingen über die Geschichte von Taizé und erklären ihnen den Tagesablauf. Zudem werden die Besucher in eine Gesprächsgruppe über Bibeltexte eingeteilt und sie bekommen eine kleine Aufgabe für die Woche, die sie in Taizé verbringen. Ich finde den Gedanken hervorragend, denn so sorgen die Besucher für sich selbst und werden in die Gemeinschaft integriert. Jeder hat eine Aufgabe, denn so fühlt man sich als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft. Die „Jobs“ sind vielfältig: Küchendienst, Abwasch, Essenverteilen, Aufräumen, Putzen, Arbeit am Empfang, in der Kirche, einer Art Sicherheitsdienst usw.

Da ich nur knapp drei Tage bleiben wollte, wurde ich nur in eine Gesprächsgruppe der Erwachsenen eingeteilt, bekam aber keine feste Aufgabe, weil in den Herbst- und Wintermonaten weniger Menschen Taizé besuchen, weswegen weniger Aufgaben verteilt werden müssen.

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Mein Kontaktbruder war auch gleich da. Alle Freiwilligen, die länger in Taizé bleiben, bekommen einen Kontaktbruder oder eine Kontaktschwester zugewiesen, mit welchen sie einmal pro Woche reden. Mein Kontaktbruder erkannte mich auf Anhieb, begrüßte mich und wir verabredeten uns für den Freitag, um miteinander zu reden. Wie in alten Zeiten, dachte ich mir.

Ich war insgesamt drei Tage in Taizé, bevor ich meinen Jahresabschnitt in Cluny beendet habe. Über diese Tage werde ich im nächsten Beitrag über meine Jakobswegpilgerschaft schreiben. Auch werde ich darin über Frère Roger, die Gründung von Taizé und eine typische Woche in Taizé schreiben.

Den Blogbeitrag möchte ich mit einem Zitat von Frère Roger, dem Gründer und erstem Prior von Taizé, beenden:

„Am Abend unseres Lebens wird es die Liebe sein, nach der wir beurteilt werden, die Liebe, die wir allmählich in uns haben wachsen und sich entfalten lassen, in Barmherzigkeit für jeden Menschen.“

Frère Roger (1915 – 2005)

Das Zitat ist gleichzeitig mein Gedanke des Monats Juni 2021.

Quellen

Titelfoto: Ankunft in Taizé, Fotorechte: Dario schrittWeise

6 Kommentare zu „Die Rückkehr nach Taizé [Basel – Cluny 6]

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  1. Lieber Dario, danke für diesen sehr interessanten, emotionalen und aufregenden Beitrag, der meine eigenen Erinnerungen an den Aufenthalt in Taizée sehr lebendig wach gerufen hat. Ich war zwei mal dort, in der Gruppe von Erwachsenen, und werde nie die unglaubliche Freude, Begeisterung und Wahrnehmug der unterschiedlichen Wirklichkeiten, vergessen. Besonders gern denke ich an das orangene Licht von Taizé und an die Freundlichkeit und Hilfbereitschaft von Freiwilligen aus vielen Ländern. Es gibt noch etwas: wenn ungefähr 3000 Menschen ruhig miteinander in einem großen, geschloßenem Raum auf dem Fußboden sitzen und gleichzeitig in ihren Gesangbüchern beim Singen blättern, klingt es wie ein starker Regen. Und dein Gedanke des Monats von Frère Roger rundet das Ganze wunderbar ab. Ich bin auf den zweiten Teil deiner „Taizé-Erzählung“ gespannt.
    LG, Sophie Mai

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Sophie, es freut mich immer, wenn meine Blogbeiträge Erinnerungen an schöne Zeiten wecken. Besonderes bemerkenswert finde ich deine Erinnerung an die Geräusche, die beim Blättern in den Liederheften entstehen. Danke dir und liebe Grüße, Dario 🙂🍀

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Dario
    Dein Bericht über Taizé erinnert mich an zwei Silvester 1989/1990 und 1990/1991. Diese verbrachte ich mit tausend anderen Jugendlichen in Warschau und in Prag. Organisierte Jugendtreffen durch und von Taizé. Eine unglaubliche Erfahrung, ein unglaubliches Erlebnis. In Warschau waren wir in einer Familie untergebracht, in Prag in einer Schule. Junge Menschen, alle eine andere Sprache, andere Kulturen und doch „eins“. Es war sehr sehr schön. Tagsüber waren wir meist in Kirchen, saßen auf dem Boden, lauschen der Ansprachen in unzählbaren Sprachen, die Städte platzten fast aus ihren Grenzen. Alles und jeder war friedlich. Es gab kein „anders sein“, wir teilten mit jedem und jeder mit uns ……. Ach, war das schööööööön !!!

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Smilane, es freut mich sehr, dass noch jemand aus der Blogwelt ebenfalls Taizé kennt. 🙂 Die Taizé-Gemeinschaft ist wirklich etwas Besonderes, fast „zu schön, um wahr zu sein“. Ich habe auch an mehreren Jugendtreffen teilgenommen. In Taizé selbst ist es dann sehr ähnlich, nur noch beschaulicher, weil der Großstadttrubel der Silvestertreffen fehlt. Warst du auch in Taizé? Liebe Grüße dir

      Gefällt 1 Person

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