Die Templer und der Geist des Weges [Camino Francés IX]

Die Pilger wurden in Mittelalter von verschiedenen Ritterorden beschützt. Dazu zählen auch die Tempelritter, deren Spuren ich bereits mehrmals auf dem Jakobsweg gesehen hatte, beispielsweise während meines Besuches in Figeac in Frankreich. Der Orden hatte im Mittelalter in ganz Europa und darüber hinaus einen starken Einfluss. In Terradillos de los Templarios in der spanischen Region Palencia hatte ich die Gelegenheit, in einem Ort zu übernachten, in dem das Erbe der Templer bis heute spürbar ist. Dort blieb ich in einer Pilgerherberge, die nach Jacques de Molay benannt wurde, dem letzten Großmeister des Ritterordens, um dem sich bis heute Legenden ranken.

Die Zeit der Ordensritter ist seit langem vorbei. Heutzutage achten in erster Linie Pilgerinnen und Pilger aufeinander. Eine diese besonderen Situation hatte ich auf meiner diesjährigen Pilgerreise. Nach zwei bis drei Etappen kam ich mehr und mehr in den Fluss des Laufen, lernte andere Pilgerinnen und Pilger kennen, die im ähnlichen Rhythmus liefen wie ich. Doch am 5 Tag ist plötzlich eine Situation eingetreten, die mich beinahe dazu gebracht hätte, meine Pilgerreise abzubrechen. Später mehr dazu.

Wegweiser

Etappe 15: Hontanas – Boadilla del Camino

  • Datum: 21.09.2021
  • Entfernung: 29 Kilometer

Am Morgen stand der Mond auf dem Himmel, ich ging kurz raus, um ein Foto davon zu machen. Ayla setzte sich zu mir an den Tisch. Ich lernte sie am Abend des Vortages kennen. Wir unterhielten uns ein wenig, sie ging vor mir los. Ich machte noch einige Fotos in Hontanas.

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Unterwegs holte ich Ayla ein. Wir liefen gemeinsam weiter. Ich erfuhr, dass sie gebürtig aus Iran stammt, derzeit in München lebt und im Management eines großen internationalen Konzerns arbeitet.

Klosterruine des Heiligen Antonius

Nach wenigen Kilometern kamen wir zur Klosterruine des Heiligen Antonius. Hier befindet sich die spartanische Herberge, von welcher die slowenischen Studenten gestern erzählt hatten. Sie hatte kein warmes Wasser und nur eine Art Plumpsklo. Es wäre aber sehr reizvoll hier zu übernachten, vielleicht mache ich es ein anderes Mal. Andererseits fand ich die Herberge von Hontanas auch bezaubernd. In der Ruine tummelten sich andere Pilger, eine von ihnen machte sogar Aufnahmen mit einer Drohne.

Castrojeriz

Nach 10 Kilometern erreichten wir Casterojeriz, wo wir eine Rast eingelegt hatten. Oberhalb des Dorfes wacht der Castillo de Castrojeriz über seine Bewohner. Auf dem Berg bauten schon die Römer eine Befestigungsanlage.

In der Bar, wo wir die Pause gemacht hatten, gab es ein Missverständnis mit einer Frau, weil ich kurzeitig dachte, dass Ayla ihre Jacke vergessen hatte. Wie es sich herausgestellt hatte, gehörte die Jacke der Frau aus der Bar, die sich deswegen aufgeregt hatte. Ich entschuldigte mich und konnte einigermaßen die Wogen glätten. Ihre Reaktion fand ich aber übertrieben.

Wir besuchten die Kirche Santa María del Manzano (Hl. Maria vom Apfelbaum). Die Stiftskirche wurde im 13. Jahrhundert errichtet. Der Pförtner, ein älterer Herr, erzählte uns über die Kirche und Castrojeriz, in dem sich mit 1500 m die längste Straße auf dem Camino Francés befindet.

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Tatsächlich dauerte er einige Zeit, bis wir den Ort verlassen hatten. Vor uns erhob sich die Bergkuppe von Alto de Monstelares. Der Berg war meine erste richtige physische Herausforderung auf der diesjährigen Tour. Bisher verlief der Weg meistens gleichmäßig und ohne nennenswerte Erhebungen, was typisch für die Meseta ist. Sogar einige Fahrradpilger, die uns überholt hatten, kamen ins Schwitzen.

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Beim Aufstieg erwischte uns die Mittagshitze, was es nicht einfacher machte. Ich bemerkte, dass ich noch nicht ausreichend fit bin für Wanderungen mit vollem Rucksack, aber auch das war machbar. Meine Mitpilgerin hatte es dagegen viel schwerer, sie hatte noch die große Etappe vom Vortag in den Knochen. Auf dem Gipfel musste sie dringend Pause machen, ich freute mich auch darüber, kurz verschnaufen zu können und aß mein Mittagsbrot.

Nach dem Berg erwartete uns ein typischer Meseta-Abschnitt. Mehrere Kilometer lang liefen wir durch die weite Ebene. Der staubige Weg war auf einer ehemaligen Römerstraße gebaut.

Kurz vor San Nicolás machte meine Begleiterin Pause und beschloss, in der Nähe zu übernachten, vermutlich in Itero de la Vega. Da ich weiterlaufen wollte, nahm ich von meiner Begleiterin Abschied und setzte den Weg fort.

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San Nicolás

An der Kapelle San Nicolás traf ich Pilger, die darauf warteten, dass die angeschlossene Pilgerherberge öffnet. Die Pilgerherberge war sehr klein, sie hatte für 4 – 6 Gäste. Unter den Wartenden erkannte ich das Pilgerpaar Anja und Florian. Ich wunderte mich, dass sie schon da waren, denn ich sah sie hinter mir in Casterojeriz Pause machen. Wir tauschten uns kurz aus und ich setzte meine Etappe fort.

Kurz danach kam ich zur Brücke von Itero de la Vega. Hier machte ich einige Fotos weil mich die denkmalgeschützte Steinbrücke beeindruckt hatte. Über die alte Brücke überquerte ich den Fluss Pisuerga und kam in die Provinz Palenzia. Es dauerte nicht lange, bis ich nach Itero de la Vega gekommen bin.

Boadilla del Camino

Mein Tagesziel, Boadilla del Camino, erreichte ich vergleichsweise spät am Nachmittag. Die Tagesetappe war relativ lang und mit dem Bergabschnitt und der Hitze zog sich alles ein wenig hin.

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Zu den Sehenswürdigkeiten im Ort gehören der Pranger, die Kirche Nuestra Señora de la Asunción und die gotische Gerichtssäule. Der Gerichtspfeiler war ein Zeichen der richterlichen Macht im Ort. Hier wurden auch Gerichtsbeschlüsse verkündet und teilweise vollstreckt.

Die Pilgerherberge Albergue en el Camino in Boadilla del Camino, in einem alten Landhaus untergebracht, war etwas Besonderes. Der Garten hatte viele Graffiti mit Pilgermotiven an einer Wand und eine Statue in der Mitte des Gartens. Der Schlafsaal war rustikal charmant, mit Doppelbetten unten und einer wackeligen Holzempore mit einfachen Matratzen im oberen Bereich. Mir wurde eine der Matratzen auf der Empore zur Verfügung gestellt, die ich über eine Holztreppe erreichen konnte. Ich war begeistert.

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Der Besitzer der Herberge ist ein geselliger Mann, der viele Sprachen spricht und über ein hervorragendes Namensgedächtnis verfügt, er konnte sich sehr viele Namen der aktuellen Gäste einprägen. Er erkannte sogar einige der Besucher, die schon einmal bei ihm übernachtet hatten.

Während ich mit anderen Pilgern im Aufenthaltsbereich der Herberge auf den Einlass in das Esszimmer gewartet hatte, lief im Fernsehen ein aktueller Bericht über den Vulkanausbruch auf La Palma. Die Nachrichten über die Naturkatastrophe verfolgten uns über die gesamte Zeit der Pilgerreise.

Beim Abendessen saß ich mit einer gemischten Truppe, u.a. mit Davide aus Italien, James aus den USA sowie Dimitris aus Zypern. Mit James ist mir eine lustige Namensverwechslung passiert, ich sprach ihn mit John statt mit James an. Er meinte daraufhin, es ist eben einer der Apostel.

Etappe 16: Boadilla del Camino – Carrión de los Condes

  • Datum: 22.09.2021
  • Entfernung: 26 Kilometer

Nach dem Frühstück ging es wieder los, der Blick in den Himmel verhieß nichts Gutes. Dunkle Wolken bedeuteten baldigen Regen. Ich verließ Boadilla del Camino und lief entlang des Kanals de Castilla. Wie vermutet regnete es bald. Ich legte meinen Rucksack ab und zog meine Regenhose und -jacke an, die ich bereits griffbereit hatte.

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Nach einigen Kilometern entlang des Kanals erreichte ich eine der Schleusen. Hier bog der Pilgerweg nach Frómista ab.

Frómista

In Frómista machte ich in einer Bar eine kurze Pause. Danach besichtigte ich die romanische Kirche San Martín aus dem Jahr 1035 und machte einige Fotos. Im Kircheninneren fanden gerade Restaurierungsarbeiten statt. Mit einem Kran machten sich die Arbeiter an der Wand hinter dem Altar zu schaffen.

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Am Stadtausgang traf ich Giovanni, einen älteren italienischen Pilger. Ich lernte ihn am Vortag auf dem Weg nach Boadilla del Camino kennen. Er sagte mir, dass er leider seine Pilgerschaft in Frómista beenden muss, weil er starke Fussschmerzen hatte. Ich wünschte ihm gute Besserung und verabschiedete mich von ihm.

Über eine alternative Streckenführung des Pilgerweges lief ich nach Villovieco. Auf dem kleinen Hauptplatz des Dorfes aß ich meinen mitgebrachten Proviant.

Der nächste Ort auf dem Weg war Villalcazar de Sirga mit der prächtigen Kirche Santa María. Die spätromanische Kirche aus dem 13. Jahrhundert wurde im Cluny-Stil gebaut, bekannt ist sie unter anderem für das Bildnis der Santa María la Blanca, die Wunder vollbringen soll.

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Carrión de los Condes

Gegen 16:00 Uhr erreichte ich mein Tagesziel Carrión de los Condes. Hier übernachtete ich in der Herberge Espiritu Santo. Die Ordensschwestern der kirchlichen Herberge empfingen mich herzlich.

Auf dem Hauptmarkt traf ich bekannte Gesichter und lernte neue Pilger/-innen kennen. Ich aß mit den Pilgern Gregor, Franziska und Kim zu Abend. Gregor war ein alter Pilgerhase. Er erzählte uns viele Geschichten und Anekdoten vom Jakobsweg. Er lernte auch seine Ehefrau auf dem Jakobsweg kennen.

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Eine der Anekdoten von Gregor betraf unsere Unterkunft. Als er einmal nur in Unterwäsche bekleidet ins Bad zum Duschen gehen wollte sah ihn eine der Schwestern und zeigte mit der bekannten, verneinenden Fingerbewegung, dass das hier nicht so gerne gesehen wird. Das Gleiche ist auch seiner Frau passiert, als sie später – ebenfalls leicht bekleidet – ins Bad für Frauen huschte.

Georg und Kim sah ich an jenem Tag zum ersten und letzten Mal. Kim machte in Leon eine längere Pause und Georg übersprang mit dem Bus mehrere Etappen, weil er den Weg sehr gut kannte.

In der Nacht kam es zu einer witzigen Kontrolle durch eine der Schwestern. Sie kam Punkt 22:00 Uhr leise zu uns ins Schlafzimmer und leuchtete die Betten an, um zu prüfen, ob alle im Bett liegen.

Etappe 17: Carrión de los Condes – Terradillos de los Templarios

  • Datum: 23.09.2021
  • Entfernung: 26 Kilometer

Am nächsten Morgen musste ich früh aufstehen, weil das eine der Regeln des Hauses war. Ich frühstückte wieder auf dem Hauptmarkt von Carrión de los Condes. Bald darauf begann ich meine Tagesetappe.

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Ich überquerte eine historische Steinbrücke und kam an einem Klosterkomplex vorbei. Die ersten 4 Kilometer verliefen entlang einer Straße, auf welcher teilweise Straßenarbeiten stattgefunden haben.

Danach begann wieder ein langes Stück Meseta. Hier lief ich auf der römischen Straße „Via Aquitana“, wovon 12 Kilometer ursprünglich geblieben sind. Ich hatte gehört, dass auf der halben Strecke ein Verkäufer in seinem Foodtruck Essen und Trinken anbietet, doch dieses Mal war er nicht da.

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Die alte römische Straße verlief ca. 14 Kilometer geradewegs durch die Meseta. Der nächste Ort war Calzadilla de la Cueza. Kurz bevor ich im Ort angekommen bin lernte ich den deutschen Pilger Ferdinand kennen. Er machte Panoramafotos der Landschaft. Wir liefen gemeinsam nach Calzadilla de la Cueza.

Nach der Pause liefen Ferdinand und ich weiter. Ungefähr 30 Minuten später hörte ich hinter mir jemanden meinen Namen rufen. Es war Davide aus Italien, der uns einholte, weil ich im Café in Calzadilla de la Cueza meinen Portemonnaie vergessen hatte. Er war außer Atem. Davide zeigte mir mein Portemonnaie. Ich war völlig überrascht, weil mir gar nicht aufgefallen ist, dass ich etwas verloren hatte. Davide hatte mich gerettet, sonst hätte ich bestenfalls viel Zeit für die Suche verschwenden musste und schlimmstenfalls hätte ich alle meine Dokumente und Karte sperren und ersetzen müssen. Ein Verlust meines Geldbeutels hätte sogar zum Abbruch der Pilgerreise führen können. Ich bedankte mich herzlich bei Davide und lud ihm auf einen Getränk ein. Er lehnte aber dankend ab, das hätte er gerne getan, sagte er. Bald darauf verabschiedete ich mich von Ferdinand und Davide, weil sie andere Orte als Etappenziele geplant hatten.

Terradillos de los Templarios

Ein wenig durcheinander erreichte ich Terradillos de los Templarios. Die ganze Zeit musste ich an die Situation mit dem vergessenen Portemonnaie denken.

Zuerst sah ich mir die Ortskirche Kirche San Pedro aus Backstein an, die wie der gesamte Ort in historischer Verbindung mit den Tempelrittern stand. „Terrado“ bedeutet auf Spanisch „Dach“, somit lautet der Name des Dorfes übersetzt „kleine Dächer der Templer“. Das Dorf stand unter der Verwaltung des Templerordens.

Nach kurzem Suchen fand ich die Pilgerherberge „Jacques de Molay“ und trat ein. Dort bekam ich ein Zimmer, in dem noch drei Personen schliefen, u.a. Annika aus Schweden. Ich ruhte mich im Garten aus. Ein großer Hund kam in den Garten und wollte mit den Pilgern spielen. Sein Besitzer kam hinterher.

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Am Abend aß ich mit Franziska zu Abend. Ansonsten war es ein ruhiger Abend und ich ging vergleichsweise früh schlafen. Die gute Tat von Davide ging mir nicht aus dem Kopf. Was wäre passiert, wenn ich meinen Geldbeutel woanders vergessen hätte? Wer hätte es mir so hinterhergetragen und das rennend dazu? Nicht viele Pilger hätten gewusst, wer ich bin. Glücklicherweise gehörte Davide zu den sportlicheren Pilgern. In meinen Augen war es der Geist des Caminos, der mich gerettet hatte.

Quellen

Titelfoto: Kirche in Frómista, Fotorechte: Dario schrittWeise
https://www.spain.info/de/reiseziel/fromista/
https://www.spain.info/de/reiseziel/villalcazar-sirga/

8 Kommentare zu „Die Templer und der Geist des Weges [Camino Francés IX]

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    1. Hi Schrati, danke dir, Spanien ist sehr sehenswert, dort würde es dir bestimmt gefallen.

      Ich kenne den Franziskusweg und Assisi (noch) nicht, würde aber sehr gerne hingehen. Insbesondere Assisi und die berühmten Fresken interessieren mich. Ich habe gehört, dass der Franziskusweg empfehlenswert ist. Und Italien ist immer eine Reise wert. 🙂

      Liebe Grüße, Dario 🙂🍀

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