„Gedankenmühle“ – ein Readymade

Eine handelsübliche Kaffeemühle ziert ein Bücherregal. Doch von Büchern keine Spur. Einen Alltagsgegenstand wie diesen erwartet man eher in der Küche oder einem Café. Hier sehen wir eine handbetriebene Mühle in einem neuen Kontext.

Wo wir Bücher mit Gedanken von Schriftsteller:innen erwarten, steht nun ein Haushaltsgerät zum Mahlen von Kaffeebohnen. Die Mühle verschmilzt mit dem Hintergrund und ersetzt die Gegenstände, für die ursprünglich das Regal gedacht war. Statt in den Büchern fließen die Gedanken gewissermaßen in das ausgestellte Objekt.

Die Gedankenmühle

Das Werk nenne ich „Gedankenmühle“. Eine Gedankenmühle ist normalerweise kein Gegenstand, sondern eine Situation, in der wir uns viele Gedanken über ein oder mehrere Probleme machen. Im Kopf drehen wir uns im Kreis. Wir verharren in dieser Situation, bis wir eine Lösung oder Ablenkung finden.

Bei diesem Objekt handelt sich um ein „Readymade“, das in diesem Fall auch zur kinetischen Kunst gehört, weil ein Teil beweglich ist – die Kurbel. Readymades gehören wiederum zur sogenannten Objektkunst. Sie werden auch „Objet trouvé“ genannt (frz. für „Gefundenes Objekt“).

Readymades

Bekannt waren Readymades von Marcel Duchamp, wie seine „Fontäne“, die er aus einem Urinal gestaltet hat. Auch Picasso hat Kunstwerke geschaffen, die unter diese Gattung fallen. Denken wir nur an den Sattel und die Lenkstange eines Fahrrades, die er aufeinander montiert hat, um sie „Stierkopf“ zu nennen. Auch Dada-Künstler haben sich viel mit diesem Konzept der Kunst beschäftigt.

Duchamp hat einst gesagt: „… ein Werk (wird) vollständig von denjenigen gemacht, die es betrachten oder es lesen und die es, durch ihren Beifall oder sogar durch ihre Verwerfung, überdauern lassen.“ (Marcel Duchamp, 1956).

Die gefundenen Objekte sollten nach den Grundsätzen der klassischen Readymades bzw. Objet trouvés unbearbeitet in einen Ausstellungskontext gebracht werden und zu einem Kunstwerk erklärt werden.

Die Gedanken sind frei

Bei meiner „Gedankenmühle“ geht es mir auch um das Experimentelle dieses Kunstbegriffs. Denn Readymades waren wegen ihrer Konzeption schon immer umstritten. Da sie aber dadurch in erster Linie zum Nachdenken anregen, finde ich das sogar positiv. Ein wenig erinnern sie mich dadurch auch an die sogenannte Konzeptkunst.

Das Objekt soll zudem die Leichtigkeit unterstreichen, mit der wir uns mit den Gedanken beschäftigen sollen, die uns nicht loslassen. Durch das imaginäre Drehen an der Kurbel werden die Gedanken zermahlen. Auch die Mahlstärke kann geändert werden. Wie intensiv wollen wir unsere Sorgen wälzen? Nur leicht, mittel oder ganz stark? Oder wollen wir sogar ganz aufhören, sie unendlich zu „zer-mahlen“?

Quellen

Titelfoto: Gedankenmühle, eigenes Werk, Fotorechte: Dario Schrittweise
https://www.hatjecantz.de/readymade-5052-0.html?article_id=5052&clang=0 (zuletzt abgerufen am 04.10.23)
https://www.kunst-welten.de/kunst-lexikon/o/objet-trouve.html (zuletzt abgerufen am 04.10.23)

Entdecke mehr von Dario Schrittweise

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

2 Antworten auf „„Gedankenmühle“ – ein Readymade

Add yours

Hinterlasse eine Antwort zu Dario Schrittweise Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Erstelle eine Website oder ein Blog auf WordPress.com

Nach oben ↑