Reiseleitung als Kommunikation – ein Interview

In Ägypten haben wir viele freundliche Menschen getroffen. In diesem Beitrag möchte ich eine Ägypterin vorstellen, die unsere Führerin bei drei geführten Ausflügen gewesen ist. Gleichzeitig ist es eine kleine Werbung, sie ist aber unbezahlt und freiwillig.

Ich habe beschlossen, ein Interview mit Mosheiras zu führen, weil ich ihre Reiseleitung besonderes finde. Ihre Arbeit geht in meinen Augen über die Tätigkeit einer Führerin hinaus, sie kann viele tolle Geschichten rund um die ägyptische Vergangenheit, Kunst und Kultur erzählen.

Alle Fotos in diesem Beitrag, auch das Titelfoto, hat mir freundlicherweise Mosheira zur Verfügung gestellt. Die abgelichteten Menschen auf den Fotos sind andere Reisende, die Mosheira begleitet hat. Mir sind sie nicht bekannt.

Zu den Antworten kann ich noch sagen, dass sie natürlich subjektiv sind und nur die Meinung der Interviewpartnerin widerspiegeln.

Wegweiser durch Ägypten

Ein Interview mit Mosheira

Frage 1: Vorstellung

Stelle dich gerne ein wenig vor. Diese Frage möchte ich bewusst offen lassen.

Mosheira: „Mein Name ist Mosheira, ich bin 50 Jahre alt. Ich lebe in Kairo, mein Geburtsort befindet sich 36 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, in einer ländlichen Gegend.

Im Jahr 1996 habe ich mein Lehrdiplom abgeschlossen.

Früher habe ich Englische Sprache und Literatur unterrichtet. Ich bin nach Kanada, Saudi-Arabien, Kuweit, GB, in die USA, Oman, Abou Dhabi, die Türkei, Athen etc. gereist.

Seit 2017 arbeite ich als Reiseleiterin. Dafür habe ich eine 2-jährige Zertifizierung, ein Jahr Training in den Ausgrabungsstätten und fünf Abschlussprüfungen gemacht. Der Schwerpunkt ist auf der griechischen, ägyptischen, römischen und islamischen Geschichte gelegen.

Vor zehn Jahren habe ich ein Austauschprogramm mit dem Archäologischen Institut gemacht.“

Unterirdisch, Rechte: Mosheira Aboghalia
Unterirdisch, Rechte: Mosheira Aboghalia

Frage 2: Aktuelles

Wie geht es dir aktuell?

Mosheira: „Jetzt ist Sommer, so dass es wie jedes Jahr nur wenige Touristen gibt. Zu diesem Zeitpunkt schreibe ich meine Doktorarbeit (Ph.D.) an der Technischen Universität Helwan in Kairo.“

Frage 3: Thema der Doktorarbeit

Wie lautet das Thema deiner Doktorarbeit?

Mosheria: „Das Thema meiner Doktorarbeit ist das Welterbe und das Management der Ausgrabungs- und Besucherstätten. Die Frage ist, wie ein Managementplan erstellt werden kann. Und der Einfluss des Klimawandels auf die Ausgrabungsorte. Wie können Museen geleitet werden.“

Frage 4: Arbeit als Ägyptologin

Neben deiner Tätigkeit als Reiseleiterin arbeitest du auch als Ägyptologin. Könntest du uns etwas dazu erzählen?

Mosheria: „Wie gesagt, die Sommerzeit ist hart für die Touristenführer in Ägypten. Im Mai, Juni, Juli und August gibt es kaum Touristen, erst im September kommen sie wieder, mit der Hochphase im November und Dezember.“

In Sakkara, Rechte: Mosheira Aboghalia
In Sakkara, Rechte: Mosheira Aboghalia

Frage 5: Konflikt bei Ausgrabungen

Interessant fand ich die Situation in Sakkara, als du gesagt hast, dass du als Ägyptologin nicht an einer Ausgrabung teilnehmen darfst, weil du auch Reisegruppen führst. Wie ist da die Regelung?

Mosheira: „Touristenführer:innen sind bei den Ausgrabungen nicht erlaubt, weil wir Interessenskonflikte haben. Reiseleiter:innen gehören in Ägypten zum Sicherheitssektor, sie sind sensible Jobs. Wir dürfen auch nicht als Lehrer:innen arbeiten.“

Frage 6: Eine Anekdote

Was war die lustigste Situation bei einer Führung?

Mosheira: „Ein Kind aus den USA, Remy, hat eine schöne Situation in der Höhlenkirche im Koptischen Kairo. Er hat in der Kinderecke gespielt, die ein polnischer Designer entwickelt hat. Er hat lange gespielt, als sein Vater zu ihm gesagt hat, er hätte kein Geld mehr.

Dann hat Remy direkt den Aufseher des Spielplatzes mit süßen, traurigen Augen gefragt, ob er noch spielen dürfte. Der Mann hat ihm 30 weitere Minuten umsonst gegeben.“

Frage 7: Eine unangenehme Situation

Gab es auch eine unangenehme Situation, die du mit uns teilen möchtest? Wie hätte man sie vermeiden können?

Mosheira: „Als ich die Arbeit begonnen habe, ist die Logistik nicht immer klar gewesen. Es ist bei den Pyramiden passiert, um 15:00 Uhr sind wir fertig mit dem Besuch der Pyramiden gewesen. Um 15:55 Uhr sind wir am Museum gewesen, was zu spät ist. Jetzt verdopple ich die Zeit. Ich versuche die Orte miteinander zu kombinieren, die nah beieinander sind. Und sehr früh zum Treffpunkt zu kommen.

Es gibt unterschiedliche Erwartungen, die oft mit unterschiedlichen Nationalitäten und Alter verbunden sind.

Dann gibt es Unklarheiten wegen der nonverbalen Kommunikation. Manche Leute lachen nicht und machen keine nennenswerte Gesichtsausdrücke. So ist es für mich manchmal schwierig zu verstehen, was diese Personen über die Situation denken und fühlen.

Deshalb frage ich meine Kunden immer direkt, was sie vom heutigen Tag erwarten und was sie heute lernen wollen.

Ich versuche, alles zu personalisieren. Zu den geführten Ausflügen bringe ich Sonnencreme, Sonnenbrillen, Trinkwasser, nur für den Fall der Fälle. Ich passe und verändere die Geschichte je nach Kulturkreis aus dem die Menschen kommen.

Mein Grundsatz lautet: Reiseführung ist Kommunikation. Die Menschen sollen in erster Linie mit Erinnerungen und nicht nur mit Informationen zurückkehren.“

Frage 8: Drei Tage in Ägypten

Was würdest du jemandem raten, der nur drei Tage in Ägypten hätte?

Mosheira: „Mein Rat lautet, einen gute Reiseführer zu wählen und eine Reservierung für einen Tag zu machen. Seid um 7:00 Uhr bei den Pyramiden. Beginnt sehr frühzeitig. Alle Besichtigungsorte schließen um 17:00 Uhr, die Besucher:innen müssen um 16:30 Uhr die Orte verlassen.

Esst lieber schnell ein belegtes Brot und nicht ein großes Mittagessen, das eine Stunde dauert. Sagt am Anfang zum Reiseführer, dass ihr nicht am Shopping interessiert seid. Fragt den Reiseführer, langsamer zu sprechen, falls nötig.

Und am Ende: Wenn ihr den Reiseführer gemocht habt, bucht ihn wieder, ansonsten fragt nach einem anderen Reiseführer.

Einige interessante Orte sind die Schwarze Pyramide, die Djoser-Pyramide und die Pyramiden in Gizeh. Die Mittlere Pyramide wird derzeit restauriert.

Der Pyramiden-Komplex von Giseh wird komplett umgestaltet. Es wird mehr Busse und mehr Unterstände geben. Zudem wird ein Pendelzug zwischen GEM, Pyramiden und der Roten Pyramide fahren. So werden diese Orte leichter erreichbar sein.“

Mosheira bei den Pyramiden, Rechte: Mosheira Aboghalia
Mosheira bei den Pyramiden, Rechte: Mosheira Aboghalia

Frage 9: Lieblingsort in Ägypten

Was ist deine Lieblingsstätte/-ort in Ägypten?

Mosheira: „Mein Lieblingsort ist Tell el-Amarna. Es war die Hautstadt vom Pharao Echnatons, bevor er unter mysteriösen Umständen gestorben ist. Echnatons gehörte zur 18. Dynastie (sog. „Neues Reich“).

Amarna war 17 Jahre lang altägyptischen Hauptstadt. Gemälde in den Gräbern sind für die syrischen Menschen gedacht gewesen. Nicht viele Ägypter:innen haben Echnaton gehorcht, dafür sind viele Syrier:innen zu ihm gekommen. Sie haben alles angenommen, bis auf das Symbol des Gottes Aton.

Ein Priester hat auf der Grabstätte der Teje die Texte der neuen Religion niedergeschrieben. Beispielsweise das Kapitel 153 des Buches David.

Die Ägypter:innen haben gegen Echnaton rebelliert. Von da an wussten die Menschen, sie konnten rebellieren.“

Frage 10: Sicherheitslage

Einige Leute haben uns über die Sicherheit im Allgemeinen gefragt. Wir haben uns jederzeit sicher gefühlt und hatten keine Probleme mit dem Wasser/Essen. Was kannst du den Menschen ausrichten, die sich darum Sorgen?

Mosheira: „Insgesamt ist es größtenteils sicher in Ägypten, aber es gibt Orte, da sollte man aufpassen. Frauen sollten beispielsweise nicht alleine zu großen touristischen Plätzen wie den Pyramiden von Giseh gehen. Wenn ich Touren organisiere, bei denen mehr als 5 Menschen mitfahren, muss ich Informationen über den Trip an die Sicherheitsbehörden weitergeben. Bei mehr als 12 Personen muss uns ein Auto mit Sicherheitskräften begleiten.“

Frage 11. Armut in Ägypten

Wir haben viel Reichtum, aber auch viel Armut gesehen. Und unweit von Kairo wird eine luxuriöse Stadt gebaut, New Cairo. Wie sieht es mit der Armut in Ägypten aus?

Mosheira: „Es gibt arme Menschen in Ägypten, keine Frage. Aber jeder ist für sein eigenes Glück verantwortlich. Es wird langsam besser, Menschen versuchen, die Armut zu überwinden. Was uns hilft, von der Armut zu einer höheren Ebene aufzusteigen, ist Bildung. Wir müssen stets an uns selbst arbeiten.

Was auf jeden Fall gut ist: Es gibt kaum obdachlosen Menschen in Ägypten. Einige arme Menschen leben in den Grabstätten ihrer Familien.

Es ist so, dass Ägypter erst seit 1952 Land besitzen dürfen. Der militärische Staatsstreich von 1952 ist eine Revolution gewesen, eine große Veränderung. Vorher haben einfache Menschen nichts gehabt.“

Frage 12: Schlussworte und Dank

Möchtest du zum Schluss noch einige Worte an die Leser:innen meines Blogs richten?

Mosheira: „Wenn ihr nach Ägypten kommt, besucht zumindest für einen Tag Kairo. Nehmt euch einen Reiseführer, der die Reine nach euren Wünschen gestalten kann. Teilt ihm mit, wenn ihr mehr Informationen braucht. Fahrt nach Alexandria, informiert euch über die griechisch-römische Geschichte Ägyptens, endet den Tag auf dem Basar.

Fahrt nach Al-Minya, bleibt in Giseh nicht zu lange im Pyramiden-Bereich. Es ist insbesondere nicht empfehlenswert für Frauen. Alt-Kairo und das Islamische Kairo sind auch sehr sehenswert. Zwischen Kairo und Alexandria befinden sich die ältesten Klöster Ägyptens. Al Fayoum ist fanatisch, Luxor ist ebenfalls eine tolle Stadt für einen Besuch.“

Und zum Schluss möchte ich sagen: „Kommt und besucht Ägypten, hier gibt es viele Geheimnisse, die darauf warten, entdeckt zu werden.“

Kontakt

Wo können dich die Leser:innen meines Blogs erreichen, wenn Sie eine Reise bei dir buchen möchten?

Liebe Mosheira, danke dir für die inspirierenden Führungen rund um Cairo, Gizeh und Al Fayoum sowie das tolle Gespräch. Als ein weiteres Reiseziel werde ich mir insbesondere Tell el-Amarna vormerken.

Fotos im Beitrag

Titelfoto: Moscheira in Al Fayoum, Rechte: Mosheira Aboghalia

Copyright für alle Fotos im Beitrag: Mosheira Aboghalia

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7 Antworten auf „Reiseleitung als Kommunikation – ein Interview

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  1. Lieber Dario, ich bin begeistert über die Art, wie du dieses Interview geführt hast. Mit deinen Fragen hast du das Interesse dieser besonderen Person geweckt. Gleichzeitig haben sie deine offenen Fragen motiviert, einem „Unbekannten“ gelassen und freudig über sich und ihre Interessen zu erzählen. Selbst die Reklame hat ihre Grenze, aber nicht deine Fragen. Ungezwungen und ruhig konnte sie nur so viel und so weit über sich erzählen, wie sie es wollte. Dieses Interview war für mich ein ganz besonderes Erlebnis. Danke dir ganz herzlich dafür. LG, Sophie Mai

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    1. Hallo Sophie, ja, es war mich wichtig, dass meine Interviewpartnerin nur so viel von sich preisgibt, wie sie es möchte. Das sollte am besten auch im Alltag selbstverständlich sein. Oft sind wir Menschen zu neugierig, wie ich finde. 🙂 Danke dir und liebe Grüße, Dario

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    1. Hi Kirsten, it was a spontaneous idea on one of the tours, because Mosheira was telling us many fascinating stories about the old and not so old Egypt. And I was thinking, it would be nice to have some personal connection with somebody from Egypt. Kind regards, Dario 🙂

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