Vergessene Tempelstadt Naga

Tief unter dem heißen Wüstensand im heutigen Sudan lag fast 2000 Jahre die Tempelstadt der in Vergessenheit geratenen afrikanischen Frühkultur Meroë begraben. Bis heute ist ungeklärt geblieben, warum die Bewohner von Naga ihre Stadt um das Jahr 200 nach Christus verlassen haben. Seit jenem Tag blieben die Ruinen unangetastet unter den Sandmassen verborgen. Einige ihrer Geheimnisse konnten die Forscher der antiken Stadt bis heute nicht entlocken.

Die Ansicht von Naga (Quelle: Karl Richard Lepsius (1810–1884), retuschiert, Spanky Ham derivative work: JMCC1 (Lepsius-Projekt_tw_1-2-141.jpg) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Naga – eine „Pfalz“ des Reiches Meroë

Über die Ausgrabungen der Tempelstadt Naga habe ich bei meinen Recherchen im Internet erfahren. Ich finde es spannend darüber zu berichten, weil ich mich für Kunst und Kultur der antiken Frühkulturen interessiere und zudem handelt es hierbei um eine relativ unbekannte Fundstelle, die noch nicht Mal in Ansätzen erforscht ist.

Naga oder auch Naqa, war ein Außenposten, Warenumschlagplatz und eine der Königsresidenzen („Pfalz“) des Reiches Meroë (650 v. Chr. – 350 n. Chr.), das aus dem numibischen Reich von Napata (ca. 1000 – 650 v. Chr.) entstanden ist. Beide Reiche sind jeweils nach ihren Hauptstädten benannt.

Eine gängige Bezeichnung ist auch „das Reich von Kusch“. In einer meroitischen Pyramide wurden Grabbeigaben für die Königin Amanishakheto gefunden. Amanishakheto war im 1. Jahrhundert v. Chr. Königin von Meroë und trug ebenfalls den Titel „Herrscherin des Reiches von Kusch“. [1]

Handelsbeziehungen und Rivalität zu anderen Frühkulturen

Das Königreich von Kusch stand im engen Austausch mit Ägypten und anderen Frühkulturen des Mittelmeerraumes. Sie waren Handelspartner aber auch Rivalen und auch erbitterte Gegner. Während des sogenannten „Neuen Reiches“ (1540-1292 v. Chr.) erobern die ägyptischen Pharaonen die Gebiete des späteren Reiches Meroë. Erst um das Jahr 1100 v. Chr. entsteht wieder ein eigenständiges Reich in Nubien, zunächst mit dem Hauptsitz in Napata.[2]

Die Könige von Kusch beherrschten wiederum von 750 bis 660 vor Christus das ägyptische Pharaonenreich. Sie gingen in die Geschichte als „Schwarze Pharaonen“ ein. Sie wurden nach fast 100-jähriger Herrschaft von den Assyrern aus Ägypten vertrieben. [3] Das spätere Reich der Meroiten zog auch gegen die Römer im 1. Jahrhundert vor Christus mehrmals in den Krieg, bis es mit Kaiser Augustus einen Friedensvertrag schloss. [4]

Frontpylon des Löwentempels(Apedemak) in Naga mit König Natakamani und Kandake Amanitore (Quelle: TrackHD (Own work) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons)

 

Das Reich Meroë wurde zunehmend selbstständiger und als Handelspartner von Ländern sowohl in Afrika als auch im Mittelmeerraum geschätzt. Berühmt und gefragt waren unter anderem meroitisches Eisen, Gold und sogar Elefanten, die auch als Kriegselefanten verwendet wurden. [5]

Sprache und Kultur der Meroer

In den ersten Jahrhunderten der Entwicklung war der Einfluss ägyptischer Kultur im Reich Kusch sehr dominant: Sie übernahmen die 800 ägyptischen Hieroglyphen und bauten wie ihre Nachbarn Pyramiden, ihre Könige und Königinnen begruben sie in Nekropolen. Erst im 3. Jahrhundert vor Christus ersetzten die Meroer die Hieroglyphen durch eigene 23 Buchstaben. Die Sprache konnten die Wissenschaftler aber bis heute nicht vollständig entziffern. Aus diesem Grund sind die meisten Informationen, die die Forscher über die meroitische Kultur sammeln konnten, ägyptischen, assyrischen oder griechisch-römischen Ursprungs. [6]

Luftbild von den Nubischen Pyramiden bei Meroe in 2001 (Fotograf: B N Chagny [CC BY-SA 1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0)%5D, via Wikimedia Commons)
Auch die Architektur, Malerei, Skulpturen und Keramik der Tempelstadt zeugen vom regen Austausch mit Kulturen Afrikas, Ägyptens und Griechenlands. [7]

Einige ihrer vielen Götter übernahmen die Meroiten aus dem Pharaonenreich. Manche Wissenschaftler vermuten wiederum, dass die Ägypter den Widdergott Amun von den Nubiern übernommen haben. Amun wurde in jener Region noch vor der Entstehung des meroitischen Reiches verehrt. [8]

Die Ausgrabungsstätte und UNESCO Weltkulturerbe

Ein weiteres Rätsel wirft die Position der Stadt, denn sie liegt nicht etwa, wie die anderen bedeutenden Städte der Region, am Nil, sondern 30 Kilometer davon entfernt in der Steppe, 130 Kilometer nordöstlich von Khartoum. Die Wissenschaftler konnten bisher noch nicht völlig zufriedenstellend erklären, warum die Meroiter die Stadt so weit in der Wüste gebaut haben. Die Überreste der antiken meroitischen Stadt Naga sind durch den Wüstensand sehr gut erhalten. Die Grundrisse der mehr als 15 Tempel- und Palastbauten zeichnen sich auf den Hügeln der Ruinen deutlich ab.[9]

Die Ursprünge der Ausgrabungsgeschichte reichen mehr als 150 Jahre zurück. 1822 besuchten die Franzosen Linant de Bellefonds und Cailliaud als erste europäische Forscher Naga. 22 Jahre später, 1844, untersucht R. Lepsius im Rahmen einer preußischen Expedition als vorerst letzter Wissenschaftler die Tempelstadt. Die antike Stätte gerät für weitere 150 Jahre in Vergessenheit. 1995 erhält der Direktor des Ägyptischen Museums Berlin eine Grabungslizenz und startet ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Langzeitprojekt. Im Jahr 2013 übernimmt schließlich das Ägyptische Museum München die wissenschaftliche und organisatorische Leitung. In beiden deutschen Museen können bedeutende Leihgaben der sudanesischen Antikenverwaltung zu diesem Thema besichtigt werden. [10]

Seit 25. Juni 2011 zählt die Tempelstadt Naga zum UNESCO Weltkulturerbe und kann somit noch besser untersucht und bewahrt werden. [11]

Links (alle zuletzt abgerufen am 21.06.2017):

[1] http://www.aegyptisches-museum-berlin-verein.de/c33.php
[2] http://www.aegyptisches-museum-berlin-verein.de/c33.php
[3] http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/dokumentationen/133584
[4] http://www.br.de/naga/naga-tempelstadt-sudan-100.html
[5] http://www.br.de/naga/naga-tempelstadt-sudan-100.html
[6] http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/dokumentationen/133584
[7] http://naga-project.com/de/funde-und-befunde/skulpturenkunst-in-naga/
[8] http://www.br.de/naga/naga-tempelstadt-sudan-100.htm
[9] http://naga-project.com/de/der-fundplatz/topographie-ubersicht/
[10] http://naga-project.com/de/das-grabungsprojekt/erschliesung/
[11] http://naga-project.com/de/der-fundplatz/unesco-weltkulturerbe/

4 Kommentare zu „Vergessene Tempelstadt Naga

Gib deinen ab

  1. Interessant auch, daß neuerdings von Pyramiden berichtet wird, die beinahe vergessen schienen oder sogar Neue entdeckt werden. Darüberhinaus scheinen diese über die ganze Welt verstreut vorzukommen. Wie hier:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Chinese_pyramids
    http://www.npr.org/2011/05/28/136718454/lost-egyptian-pyramids-discovered-from-space
    http://www.aljazeera.com/news/2017/04/pyramid-remains-discovered-south-cairo-170403102437622.html

    Da fragt man sich schon, welches antike „Wissen“ wohl dazu führen konnte, daß unterschiedlichste Kulturen diese Bauform anstrebten. In einer Weise konstruiert, wie man es nicht mal mit modernen Methoden nachbauen könnte.
    Einfach bemerkenswert.

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Patrick,

      ja, das sind faszinierende Funde. Auch die Pyramiden in Südamerika folgen diesem Schema und die Götterbilder, die man überall auf der Welt findet, wie „fliegende Schlange“ usw. Danke für die Links.

      Gefällt mir

  2. Hallo Herr SchrittWeise!

    Wenn ich deine Beschreibung zu der Tempelstadt Naga lese, dann muss ich sofort an meine Ägyptenreise im Februar dieses Jahres denken. So gern wollte ich nach Gizeh zu den Pyramiden, aber es hat – noch – nicht geklappt. Dafür habe ich das Tal der Könige, den Hatschepsut- und den Karnaktempel gesehen. Alle drei sind wundervolle und beeindruckende Kunstwerke mit einer unvergleichlichen und beruhigenden, fast schon beschützend wirkenden, Atmosphäre. Ich kann es dir nur wärmstens ans Herz legen. Diese Art von Bauwerken scheinen wirklich ein Geheimnis in sich zu tragen. Kein Wunder also, dass davon bisher noch relativ wenig entschlüsselt ist.

    Liebe Grüße
    SL

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo SL,

      danke für die schöne Beschreibung deiner Reiseeindrücke, da bekommt man sofort Lust, hinzufahren 🙂 Ich hoffe, dass ich eines Tages die reichen kulturellen Schätze der Ägypter und Meroer selber vor Ort erleben kann.

      Viele liebe Grüße
      schrittWeise

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