Bossa Nova – eine „verstimmte“ Nacht

An manchen Tagen will einfach nichts gelingen. So fing auch jener Abend am 21. November 1962 in der Carnegie Hall in New York an. Die Mikrophone fielen aus und peinliche Stille entstand. 3000 Konzertbesucher warteten ungeduldig auf die Fortsetzung des Konzerts. Der Abend drohte zu einem Fiasco zu werden. Die Gäste aus Brasilien schwitzten auf und hinter der Bühne. Sie dachten fieberhaft nach, wie sie den Abend noch retten könnten. João Gilberto, der berühmte Bossa Nova-Sänger und -Gitarrist, traute sich nicht auf die Bühne. Seine Hose hatte eine Falte. Gilbertos Perfektionismus trieb alle in den Wahnsinn. Er lief in der Garderobe in Unterhose herum. Komponist und Gitarrist Roberto Menescal sollte sein berühmtes Lied singen, „O barquinho“, um die Situation zu retten. Gesungen hatte er jedoch noch nie vor einem großen Publikum. Er vergaß eine Strophe, geriet ins Stocken, das Lied misslang. Menescal verließ enttäuscht und mir hochrotem Kopf die Bühne. Die Zuschauer saßen unruhig in ihren Sitzen, die ersten räusperten sich. [1]

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Carnagie Hall in New York, By Wholtone (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

„Jazz Samba“ von Charlie Byrd und Stan Getz

Ein Jahr vor dem Konzert in der Carnegie Hall reiste Charlie Byrd im Auftrag der US-Regierung nach Brasilien. Wie die anderen Musiker, die in Brasilien tourten, sollte er dem brasilianischen Publikum US-amerikanische Musik näherbringen. Stattdessen verliebte sich der Besucher in die neue Musik von der Copacabana. Er brachte viele Schallplatten in die Heimat mit und nahm mit dem Jazz-Saxofonisten Stan Getz im Jahr 1962 das Album „Jazz Samba“ auf. Die Platte blieb 70 Wochen auf dem 1. Platz der US-amerikanischen Charts, was für ein Jazz-Album eine sehr lange Zeit ist. Für seine Interpretation des Liedes „Desafinado“  („Verstimmt/Unmusikalisch“) gewann Getz 1963 den Grammy. „Jazz Samba“ löste einen Bossa Nova-Boom in den USA. Viele US-amerikanische Künstler entdeckten die neuen brasilianischen Rhythmen für sich und integrierten sie in ihre Kompositionen.[2]

Youtube-Video: Stan Getz und Charlie Byrd – Bahia („Baia“) Dauer: 6:40 Minuten

Der US-amerikanische Reeder Sidney Fry organisierte mit der brasilianischen Regierung und dem Außenministerium der USA das Konzert in der Carnegie Hall. Der Name lautete werbewirksam „Bossa Nova – the new brasilian Jazz“, obwohl Bossa Nova einen eigenständigen Musikstil verkörperte und nur entfernt Ähnlichkeiten mit Jazz besaß. [3]

Tom Jobims Auftritt bringt die Wende

Viele Bossa Nova-Größen reisten zum Konzert an: der Sänger João Gilberto und der Komponist Antônio Carlos „Tom“ Jobim sowie elf weitere Musiker und zwei Bands, unter anderem Sérgio Mendes, Roberto Menescal und Carlos Lyra.

Doch an jenem Abend gelang anfangs kaum etwas. Auch Tom Jobim konnte die Stimmung zunächst nicht ändern. Bei seinem Lied „Samba de uma Nota Só“ verwechselte er die Strophen, auch mit dem nächsten Lied hatte er Probleme. Doch dann fing er an, abwechselnd Englisch und Portugiesisch zu singen. Dies half ihm, die Nervosität abzulegen und seine berühmte Leichtigkeit wiederzufinden. Das Publikum begann begeistert mitzusingen. Endlich betrat auch João Gilberto die Bühne. Eine Theaterschneiderin bügelte seine Hosenfalte. Seine Lieder „Samba da Minha Terra“ („Samba meines Landes“) und insbesondere „Desafinado“ („Verstimmt“) kamen beim Publikum sehr gut an. Die beiden Musiker, Ikonen des Bossa Nova, brachten die Wende. Das Publikum hielt nun nichts mehr auf ihren Sitzen, der sprichwörtliche Funke sprang über.[4]

Statue von Tom Jobim, Foto: VinnyWiki (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
Statue von Tom Jobim, Foto: VinnyWiki (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

„Garota de Ipanema“

Das Konzert stuften die Musiker von Ipanema trotzdem nicht als großen Erfolg ein, sie fühlten sich von den Organisatoren eher  „instrumentalisiert“. Nur die Aufnahmetechnik funktionierte richtig, sie verdienten auch sehr wenig. Der Abend war jedoch eine Eintrittskarte zum internationalen Durchbruch der meisten beteiligten Künstler. Zwei Wochen nach dem Konzert traten sie im Weißen Haus vor der damaligen First Lady, Jacqueline „Jackie“ Kennedy, auf. Nach diesen bewegenden Wochen blieben viele der Musiker in den USA oder kamen später aus Brasilien zurück und unterschrieben gutdotierte Plattenverträge.[5]

Jobim und Gilberto nahmen 1963 mit Stan Getz eine Platte auf. Das Album „Getz/Gilberto“ wurde zum großen Erfolg und gilt bis heute als ein Meilenstein des Bossa Nova und Latin Jazz. Das Album gewann 1965 drei Grammy Awards: für das „Beste Album des Jahres“, „Beste Jazz Instrumental Album“ und für die „Beste technische Aufnahme“. Insbesondere ein Lied erlangte Kultstatus, „Garota de Ipanema“ – „The Girl from Ipanema„, über die unerwiderte Liebe eines Mannes am Strand von Ipanema. Der Song wurde auch mehrfach gecovert, u.a. von Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong, Nat King Cole, später auch von Madonna und Winehouse. „Das Mädchen von Ipanema“ gilt als der am häufigsten gespielte und gecoverte Popsong nach „Yesterday“ von den Beatles.

Youtube-VideoThe Girl from Ipanema„, Astrud Gilberto mit Stan Getz, Ausschnitt aus dem Film „Get Yourself a College Girl“ (Sidney Miller, 1964), Dauer: 3:04 Minuten

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Der Strand von Ipanema, Fotorechte: Mayra Pavanello Munerato (Own work) [CC BY-SA 3.0 ], via Wikimedia Commons

Militärputsch in Brasilien und die Erben der „Falschspieler“

Der sozialistische Präsident Juscelino Kubitschek blieb bis 1961 im Amt. Er wollte das Land in fünf Jahren „hundert Jahre voranbringen“. Sein Name stand für den Fortschritt, genauso wie die neue Hauptstadt Brasilia mit Oscar Niemeyers Bauten und der neue Musikstil, Bossa Nova. Seine Reformpläne scheiterten. Brasilia blieb bis heute ein Symbol seiner Zukunftsvision. Das wahre kulturelle Leben Brasiliens geschieht jedoch weiterhin in anderen Großstädten, in Sao Paolo, Rio de Janeiro, Salvador da Bahia… Auch Bossa Nova ist ein Überbleibsel dieser kurzen Epoche, wie ein Traum von besseren Zeiten.

Mit seiner Ablösung änderte sich die politische Lage in Brasilien. Im 1964, ein Jahr nach dem Konzert in der Carnagie Hall, kam es zu einem Militärputsch in Brasilien. Mit dem Putsch übernahm der General Humberto Castelo Branco die Präsidentschaft. Im neuen politischen Klima hat die leichtfüßige und leicht melancholische Lebenseinstellung der Bossa Nova wenig Platz. Neue Ideen waren gefragt, die Musik soll die politische Protestbewegung unterstützen. „Canção de Protesto“ (Protestlieder) und der neue Musikstil „Tropicália“ oder „Tropicalismo“ treten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Nach nur 6 Jahren hörte der Aufschwung der Bossa Nova in Brasilien auf. Viele Künstler verließen Brasilien, die meisten emigrierten in die USA.[6]

Während das Interesse in Brasilien stark nachließ, beeinflussten die eingewanderten Musiker den nordamerikanischen Latin Jazz und jene Instrumentalmusik, die an Bossa Nova erinnert und oft als Samba-Jazz bezeichnet wird. Einige der bekanntesten US-Musiker nahmen mehrere Lieder mit den brasilianischen Stars auf, neben der Produktion von Getz und Gilberto sind auch die Aufnahmen von Sérgio Mendes, Ella Fitzgerald („Ella abraça Jobim“) oder Frank Sinatra und Jobim im Jahr 1966. Diese Mischung zwischen Jazz und Bossa Nova wird oft auch „Bossa Nova Jazz“ genannt.[7]

Seit den Achtzigerjahren sind Pop-, Jazz- und elektronische Versionen der Bossa Nova-Klassiker wieder populär. Einige Beispiele sind Lieder der Sängerin Sade, der französischen Gruppe Nouvelle Vague, Bebel Gilberto oder von Sergio Mendes. Beispiele für Einflüsse in der elektronischen Musik sind die Songs von Thievery Corporation und Musikstücke, die unter dem Begriff „brasilectro“ zusammengefasst werden. Im Jahr 2008 nahm der deutsche Jazztrompeter Till Brönner das Bossa Nova- und Jazz-Album „Rio“ auf.

Meinen Blogbeitrag zu den Anfängen von Bossa Nova könnt ihr >> hier <<  nachlesen.

Youtube-Video:Breakout – Moonlight Bossa (Nova Version)„, Album: Brazilectro: Latin Flavoured Club Tunes Session 8, Dauer: 5:37 Minuten


Ich finde, dass Einflüsse von Bossa Nova überall in der modernen Musikwelt präsent sind, obwohl es diese Musikrichtung außerhalb der Jazzüberarbeitungen nur selten in ihrer Reinform gibt. Dieser verträumt klingende Musikstil wird manchmal auch etwas spöttisch, als „Easy Listening“ bezeichnet. Zu unrecht, wie ich finde. Aber fehlt uns das nicht manchmal im Leben: ein wenig „Easy Living“ oder „Easy Thinking“? Wie sind eure Erfahrungen mit Bossa Nova? Welche Klassiker hört ihr gerne? Kennt ihr noch andere interessante moderne Variationen oder gecoverte Bossa Nova-Lieder?

 

Quellenangaben

[1] http://www.spiegel.de/einestages/bossa-nova-konzert-1962-in-der-carnegie-hall-in-new-yrok-a-947822.html (zuletzt abgerufen am 01.10.2017)
[2] Schreiner, Claus: "Música popular Brasileira: Handbuch der folkloristischen und populären Musik Brasiliens", Darmstadt 1985, S. 185 f.
[3] Birkenstock, Arne und Blumenstock, Eduardo: "Salsa, Samba, Santeria: lateinamerikanische Musik", München 2002, S. 203
[4] http://www.spiegel.de/einestages/bossa-nova-konzert-1962-in-der-carnegie-hall-in-new-yrok-a-947822.html (zuletzt abgerufen am 01.10.2017)
[5] Birkenstock, S. 203 f.
[6] Birkenstock, S. 207 f.
[7] Birkenstock, S. 208 ff.

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