Sapere aude

Ein Mann sitzt auf einem Podest und grübelt. Er ist ganz in seinen Gedanken vertieft. Die Skulptur „Le Penseur“, der „Denker“, auf dem Titelbild ist eine berühmte Plastik des französischen Bildhauers Auguste Rodin (1840 – 1917). In den Gesichtszügen und der angespannten Körperhaltung der Figur ist der Prozess des Denkens deutlich geworden.

Passend dazu finde ich das lateinische Sprichwort „Sapere aude“. Es geht auf den römischen Dichter Horaz (65 v. Chr. – 8 v. Chr.) zurück, der es in einem seiner Werke beschrieben hat. Das Sprichwort bedeutet „Wage es, weise zu sein“.

Heute kennen wir es vermutlich in erster Linie in der Interpretation von Immanuel Kant, der 1784 geschrieben hat: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Diese berühmte Deutung von Kant (1724 – 1804) hat gewissermaßen eine ganze Kulturepoche geprägt und ist zu einem der Leitsätze der Aufklärung geworden.

Das lateinische Sprichwort „Sapere Aude“ ist mein Gedanke des Monats Februar. Er ist wie immer im unteren Bereich meines Blogs und auf der Seite mit den bisherigen Gedanken des Monats zu finden.

Die Denker-Figur auf dem Titelfoto steht für mich sinnbildlich für diesen philosophischen Gedanken. Es ist eines der 13 offiziellen Abgüsse der berühmten Skulptur, die vor der Kunsthalle in Bielefeld aufgestellt ist. Der dargestellte Mann ist tief in seine Gedanken versunken. Rodin hat einst darüber geschrieben: „Dann hatte ich die Eingebung für einen anderen „Denker“, der nackt auf einem Felsen kauert und die Füße anspannt. […] Er ist kein Träumer. Er ist ein Schöpfer.“ (Rodin in „Gil Blas“ am 7. Juli 1904)

Wir sollten jedoch natürlich nicht zu viel nachdenken, sondern gezielt, damit wir nicht zu sehr grübeln, ohne zu handeln. Das wäre das andere Extrem. Wie immer ist eine Balance wichtig.

Viele Influenzer, selbsternannte Expert:innen und Ratgeber:innen möchten uns einreden, was wir denken und was wir tun sollten. Wir kennen es: „tue dies“ und du wirst glücklicher oder „tue jenes“ und du wirst gesünder. Beispiele gibt es ohne Ende.

Klar ist, dass wir in hochspezialisierten Bereichen wie Gesundheitswesen, Technik oder Gesetzgebung auf ausgebildete Expert:innen vertrauen sollten.

Doch ich finde, dass der beste und universelle Rat für die alltäglichen Nöte nach wie vor „Sapere aude“ lautet. Die richtigen Antworten finden wir meistens in uns selbst. Wenn wir uns trauen, darauf zu hören, brauchen wir weniger Ratschläge von anderen Menschen. Wagen wir es, weise zu sein.

Quellen

Titelfoto: Skulptur "Der Denker" von Auguste Rodin, vor der Kunsthalle Bielefeld, fotografiert von Dario Schrittweise.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/immanuel-kant-300-100.html(zuletzt aufgerufen am 01.02.26)
https://artinwords.de/auguste-rodin-werke/(zuletzt aufgerufen am 31.01.26)
https://www.deutschlandfunk.de/der-bildhauer-auguste-rodin-und-sein-hoellentor-wir-muessen-100.html(zuletzt aufgerufen am 31.01.26)

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9 Antworten auf „Sapere aude

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  1. Hallo Dario,

    den „Denker“ von Rodin habe ich heute mit größerer Aufmerksamkeit als sonst betrachtet. Er ist tief in seinen Gedanken versunken. Wie jemand, der fieberhaft nach einer wichtigen Lösung sucht. Man sagt, dass ungewöhnliche Situationen ungewöhnliche Handlungen und Lösungen verlangen. Sehr passend auch zu unserer Gegenwart. Wie auch das immerwährende Zitat „Sepere aude“ von Horaz. Mit anderen Worten (meiner Meinung nach): wage es, dem Gegenwind der Besserwisser und Möchtegernkritiker zu widerstehen. Die Besserwisser (aller Art), wissen gar nicht, wie groß ihre Unwissenheit ist.

    „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagte der weise, der große griechische Philosoph Sokrates, und so, auf eine kreative, humorvolle, überzeugende Weise bleibt er offen für die unzähligen Möglichkeiten und Wege des Lebens.

    „Wage es Weise zu sein.“ Wagen wir es, eigene Lösungen zu suchen, um neue Entscheidungen zu treffen. Wagen wir es, neue Wege und Umwege mutig und überlegend, schrittweise zu gehen. Ich werde es wagen, ich zu sein und nicht gleichgültig zu werden. (Weil es vielleicht bequemer ist.) Auf diese Weise können wir stärker werden und uns auch gegen das soziale Chaos in unserer Welt selenruhig und aus eigenen Überzeugung widersetzen.

    Lieber Dario, herzlichen Dank für deine herausfordernde Gedanken. Wage es weiterhin, weise zu sein. LG, Sophie Mai

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    1. Hallo Sophie, danke dir für deine Gedanken zu meinem Beitrag. Ich finde es spannend, welche Assoziationen mein Text hervorruft. Ich finde es wichtig, mutig zu sein und wir selbst zu bleiben. Einen schönen Abend und liebe Grüße, Dario

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  2. Wage es, weise zu sein.

    Der Denker von Rodin ist zu verkniffen, zu angestrengt. Erkenntnisse sollten einem zufallen (können). Aber es braucht dazu meistens einen Mediator, einen Therapeuten, der etwas wach kitzeln kann.

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      1. Falsche Versprechen gibt es zuhauf, finde ich. Ich kenne ja den Therapiemarkt. Klappt es nicht, ist es meistens der Klient, der nicht alles dafür tut, daß es besser wird. Man nennt es „Widerstand“.
        Viele Therapeuten glauben auch, sie hätten potente Möglichkeiten, da unterliegen sie einem Trugschluss.
        Meines Wissens gibt es keine umfassende Erhebung, inwieweit Therapie hilfreich war, auch im nachhaltigen Sinne.
        Zwar glaube ich daran, daß man ohne therapeutische Hilfe wenig Chancen hat auf Verbesserung, aber mit therapeutischer Hilfe verbindet sich nicht unbedingt Erfolg.

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  3. Lieber Dario, Deinen Monatsgedanken finde ich ansprechend erläutert und bebildert. Die Pose des Denkers von Rodin erinnert mich auch an die Darstellung des Walther von der Vogelweide: „Ich saß auf einem Steine“. Guten Februar und schöne Grüße, Bernd

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