„….immer einige Schritte weiter“ [Im Trentino 1]

Vor mir breitete sich die malerische Varoneschlucht aus. Weinreben säumten meinen Weg. Ich spürte die Wärme des frühlingshaften Tages auf meiner Haut und genoss die wunderschöne Landschaft. Der Weg schlängelte sich zwischen den Obstgärten und verschwand in einem Dorf, das von einem mittelalterlichen Schloss überragt wurde. Einige Kilometer hinter der Burg leuchtete ein großer, hellblauer und von Bergen umrahmter See. Ich musste lachen, denn tags zuvor saß ich ungefähr zur gleichen Zeit im Auto auf dem Weg dorthin. Da habe ich noch nicht geahnt, was mich hier erwarten würde. Vor wenigen Wochen wusste ich nicht einmal, dass ich diese Reise antreten werde. Es gibt aber diese Tage, die viele Überraschungen in sich bergen. So ging es mir an jenem Wochenende vor zwei Wochen.

Anreise

Vor etwas mehr als einem Monat fragte mich meine Freundin, ob ich sie nach Italien begleiten möchte, wo sie eine Weiterbildung machen wollte. Für sie würde die Reise einen offiziellen Charakter haben, mit wenig Zeit für Ausflüge, aber ich könnte mitkommen, um sie zu begleiten und um mir die Gegend anzusehen, wenn ich möchte. Der gesamte Preis für die Reise wäre sehr niedrig, ein Nachteil wäre die verfügbare Zeit, denn uns stand nur das Wochenende zur Verfügung. Tatsächlich war ich anfangs auch etwas skeptisch, ob die Reise nicht zu stressig sein würde. Am Ende bereute ich meine Entscheidung aber keine Sekunde.

Bereits die Anreise am Freitag lieferte uns einen Vorgeschmack auf den kommenden Tag. Eine Bekannte von meiner Freundin fuhr ebenfalls mit. Der sonnige Nachmittag und die Alpen in Österreich sowie später die Dolomiten in Italien machten schon Vorfreude auf die späteren Erlebnisse. Auf dem kurzen Zwischenstopp in Innsbruck konnten wir noch einige Eindrücke der schönen Alpenstadt bekommen, uns fielen insbesondere die spektakuläre Sprungschanze mitten in der Stadt und die schöne Stiftskirche Wilten auf.

Nachdem wir uns am Abend ein wenig verfahren haben, machen wir in einer kleinen Dorfkneipe in Stenico Pause. Wir Nichtfahrer tranken Aperol Sprizz, den die Einheimischen wie Limonade zu trinken schienen. Der urige Barbesitzer und die beiden letzten Gästen versuchten uns gestenreich den Weg zu erklären, wobei sie mehrfach die Reihenfolge der Ortsnamen wiederholten. Abgesehen von einigen kurzen Augenblicken der Nervosität ließen wir uns die Stimmung nicht verderben und kamen am Abend schließlich ins Dorf Lago die Tenno an, wo wir eine Ferienwohnung reservierten, während die Bekannte meiner Freundin in einem Hotel übernachtete.

Das mittelalterliche Dorf Canale di Tenno

Die Kurzreise nach Italien plante ich relativ spontan und aus diesem Grund konnte ich mich kaum vorbereiten. Normalerweise bereite ich meine Ausflüge relativ gründlich vor, dieses Mal hatte ich keine Zeit dafür. Am nächsten Morgen setzte ich mich gemütlich in ein Café, um in Ruhe zu frühstücken. Ich fragte den Cafébesitzer, ob er mir Ausflugstipps geben könnte und wie ich am einfachsten zum nahe gelegenen Gardasee kommen könnte. Der Bus sei leider schon weggefahren, informierte mich der Cafébetreiber, ich könnte jedoch den nächsten um 14:00 Uhr nehmen. Da es erst ungefähr 9:30 Uhr war, beschloss ich, mich zunächst auf eigene Faust umzusehen.

Dorf Canale di Tenno am Hang (Fotorechte: Dario schrittWeise)

Auf einer Hinweistafel las ich, dass sich ungefähr 30 Minuten von Lago di Tenno ein mittelalterliches Dorf befindet. Interessant, dachte ich, und entschied mich dafür, einen kleinen Spaziergang bis zum Dorf zu machen, um mir die Zeit bis zur Abfahrt des Busses zu vertreiben. Danach hätte ich noch Zeit, um mir beispielsweise den Tenno-See anzusehen.

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Canale di Tenno liegt auf einem Hang und ist sehr gut erhalten. Vor wenigen Jahren wurde es zu einem der schönsten Dörfer Italiens gewählt. Die Häuser sind im Stil der italienischen Dörfer des 13. Jahrhunderts sehr dicht aneinander gebaut, vermutlich, um besser dem Wind zu trotzen. Typisch für die Architektur des kleinen Bergdorfes sind auch die niedrigen Bogengänge. Die Dorfbewohner, wahrscheinlich die Mitarbeiter der Touristeninformation, schmückten einige Häuserfassaden mit bunten Stickereien, die Szenen des dörflichen Lebens darstellten.

Das Haus der Künstler

Im Dorf befindet sich auch ein Haus der Künstler, die Casa degli Artisti, die dem Maler Giacomo Vittone gewidmet ist. Darin werden Ausstellungen, Sommerseminare, Schulungen und Tagungen in Kooperation mit Kunsthochschulen und Akademien veranstaltet. Internationale Künstler wohnen und arbeiten im Haus. Sie hinterlassen eines ihrer Kunstwerke für die Sammlung des Hauses als Spende und Dank für den kostenlosen Aufenthalt. Auch der Eintritt für die Besucher ist kostenfrei.

Verschiedene Kultur- und Künstlerinitiativen waren es auch, die das Dorf aus seinem Dornröschenschlaf geweckt haben. In der Nachkriegszeit verließen fast alle Dorfbewohner Canale di Tenno und erst in den 1960er Jahren kam wieder Leben in die Gemeinde zurück.

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Das Dorf hat auch einen musealen Charakter. Neben dem Haus der Künstler beherbergt es auch ein Museum für Brauchtum und landwirtschaftliche Gerätschaften, von welchen einige auch außerhalb des Museums betrachtet werden können. Dazu gehört auch ein sogenanntes Travaglio, eine Vorrichtung zum Beschlagen von Ochsen.

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Ein Wetterseil

Im Dorf sah ich auch eine interessante Wettervorrichtung, die mich an meine früheren Reisen erinnerte. Während ich bisher in der Fränkischen Schweiz und in Frankreich einen Wetterstein gesehen habe, entdeckte ich in Canale di Tenno, ohne Scherz, ein Wetterseil.

Auch hier stellt sich die Frage, wer von wem kopiert hat. Die meisten Wortpaare kamen mir bekannt vor, nur die unteren drei fand ich neu:

  • das Seil ist doppelt – weniger Bier (trinken)
  • das Seil fehlt – es wurde geklaut
  • zieh‘ am Seil – 10 Jahre Pech

Ich finde diese humorvollen Wetterschilder gut zum Lernen von Sprachen.

Strambevie – der Treffpunkt der Familienoberhäupter

Am Ausgang aus dem Dorf Canal di Tenno kam ich an einer Stelle vorbei, auf der sich früher die Dorfältesten der umliegenden Dörfer trafen. Der Platz heißt Strambevie und hier, bei der Kreuzung der öffentlichen Strassen, fand laut einer Tafel in der Vergangenheit die sogenannte „Regola“ oder die Versammlung der Gemeinschaft von Ville del Monte, der Dörfer des Berges, statt.

Eine Wasserstelle mit der Darstellung des Landlebens und einer Tafel mit den Namen der letzten Familienoberhäupter

Die Gemeinschaft bildete die Vicinia Granda mit den Vicini, den Familienoberhäuptern der umliegenden Dörfer von Canale, Calvola, Pastoedo und Santo Antonio. Die Vicinia wurde im Mittelalter ins Leben gerufen, um die Güter der wegen der Pest verstorbenen Familien und das öffentliche Erbteil der ersten Einwohner in Ville del Monte zu verwalten. An diesem Ort wird traditionell jeden Karfreitag das Brot unter den Familien, Mitgliedern der Vicinia und der Jugendlichen der Gemeinschaft verteilt. Eine sehr noble Geste, wie ich finde.

Die Versammlung (Fotorechte: Dario schrittWeise)

Hier wurde auch ein Denkmal für die Dorfältesten errichtet. Beinahe hörte ich die Familienoberhäupter flüstern und lachen. Im Hintergrund waren die wunderschönen Berge mit schneebedeckten Gipfeln zu sehen.

Da es erst ungefähr 11:00 Uhr war und ich von der Strambevie aus noch ein Dorf mit einem schönen Schloss tiefer im Tal gesehen habe, beschloss ich, einen Fußweg zu dieser Ortschaft zu suchen.

Frapporta mit dem Schloss und dem Gardasee (Fotorechte: Dario schrittWeise)

Zum Glück dauerte es nicht lange, einen kleinen Weg zwischen den Obstgärten und Weinbergen zu finden. Ungern wäre ich länger auf der Strasse geblieben. Der Weg war eine Mulattiere, ein alter Maultierweg zum Transport von landwirtschaftlichen Gütern.

Eine Mulattiere (Fotorechte: Dario schrittWeise)

Über den Maultierpfad und einen Wirtschaftsweg, sowie stets von pittoresken Landschaften umgeben, lief ich fröhlich kaum 30 Minuten zum Ort Frapporta. Ich entfernte mich somit schätzungsweise 3 Kilometer von Lago di Tenno.

Dolomiten (Fotorechte: Dario schrittWeise)

Castello di Tenno in Frapporta

Die befestigte Ortschaft Frapporta ist, laut einer Erklärtafel neben der Burg, charakteristisch für das Tenno-Gebiet. Der mittelalterlichen Ortskern, den eine Stadtmauer umschließt, wurde auf den Terassen des Magnone- und San Lorenzo-Tals errichtet. Auf der Stadtmauer befindet sich ein kleiner Turm aus dem 17. Jahrhundert.

Das Wahrzeichen des Dorfes ist das Schloss von Tenno. Es war Jahrhunderte lang Sitz des bischöflichen Vikars und wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die Truppen des General Vendôme beschädigt. Seitdem erlebte das Castello eine Zeit des Niedergangs.

Mit der Machtübernahme Napoleons und dem Verlust der politischen und militärischen Bedeutung des Fürstbistums wurde das Schloss von Privatleuten gekauft. Heute ist es bewohnt und es kann leider nicht besichtigt werden.

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Die Glocke der Dorfkirche läutete zu Mittag. Ich machte am Dorfbrunnen eine kurze Pause und überlegte meine nächsten Schritte. Der Bus würde in etwas mehr als zwei Stunden fahren. Sollte ich mich bis dahin in der Nähe aufhalten? Das Wetter blieb weiterhin fabelhaft.

Wie ich mich entschieden habe, werdet ihr im nächsten Beitrag zu meinem außergewöhnlichen Wochenende im Trentino erfahren.

14 Kommentare zu „„….immer einige Schritte weiter“ [Im Trentino 1]

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  1. Aha, ein Cliffhanger! Ich wunderte mich bereits, wo denn die Aufbereitung dieser Geschäftsreise mit Herrenprogramm bleibt … Das scheinen urige Dörfle zu sein, laden in der Tat zum flanierenden Entdecken ein, die Kamera dauernd im Anschlag. Dank Dir jedenfalls für die neugierig machenden und Unternehmungslust weckenden Photis. Wohlsein, der El

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