Die Halle der Eisglut [6.2]

Mit dem Zauberfaden von Ariadne begaben sich Alrond und seine Begleiter in die Unterwelt des Vulkans Schwarzfeuer. Ihnen blieb nur wenig Zeit, um die unbeschreibliche Katastrophe zu verhindern. In den unterirdischen Gängen begegnete ihnen eine Widersacherin von Alrond.

Die Erzählung „Die Halle der Eisglut“ ist der sechste und letzte Teil der Reihe „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge“.

Was bisher geschah

Die Halle der Eisglut 6.2

Die Frau, die Alrond nur unter dem Namen Dunkle Herrin kannte, stand ruhig vor ihnen. Sie warf die Kapuze ihrer dunkelroten Tunika zurück. Ihre hellblauen Augen fixierten Alrond eindringlich. „Ich habe nicht damit gerechnet, dich so bald wiederzusehen, Alrond, der Schreiber und Marionette des Hofes von Phoenixstein.“
Alrond wollte protestieren, doch zu seiner Verwunderung trat Sellur vor.
„Ich grüße Sie, meine Herrin.“ Sellur verbeugte sich leicht.
Was hat Sellur vor? Kennt er diese Frau? Ist er ein Verräter? Alrond kämpfte mit seinen Gefühlen.
„Wie ich sehe, ist jemand aus meinem Volk der Marâanaer unter euch.“ Die Dunkle Herrin musterte Sellur prüfend. „Wie heißt du?“
„Mein Name ist Sellur. Ich bin einer der Exilbewohner der Koralleninseln. Die Inselfürsten haben mich geschickt, damit ich die sonderbaren Ereignisse auf dem Festland untersuche.“
„Wegen der merkwürdigen Ereignissen bist du hier an der richtigen Stelle. Koralleninseln. Von dieser Kolonie habe ich gehört. Wo wart ihr, als wir Marâanaer euch am nötigsten gebraucht haben? Als die Bewohner von Phoenixstein uns unterdrückt haben? Wir mussten uns alle verstecken, geheime Identitäten annehmen, unsere Städte verlassen.“
„Wir mussten auch fliehen, als der große Krieg zwischen Menschen und unserem Volk ausgebrochen ist“, erwiderte Sellur entschuldigend. „Damals war ich noch ein kleines Kind.“
„Und jetzt kooperierst du mit dem Feind? Wisst ihr, wie Phoenixstein zu seinem Namen gekommen ist? Die Stadt wurde auf den Ruinen einer unseren Städte errichtet. Die Statue des Phoenix‘ auf dem Marktplatz ist ein Symbol dieser Entstehung. Für die Menschen ein Zeichen des Erfolges, der Lichtbringer, doch für unser Volk ist es der Blutvogel.“
„Das wussten wir nicht.“ Alrond fühlte eine Trauer in sich. Warum wurde dieser Aspekt der Geschichte vor ihnen verborgen?
„Ihr wisst vieles nicht. Das ist aber keine Entschuldigung. Und vermutlich ist euch auch nicht bewusst, wer wirklich hinter diesen Anschlägen und Vorkommnissen steckt.“
Hinter einem Felsen über ihnen tauchten vier Gestalten hervor. Es waren die Zwillinge, der Mann mit der Ledermaske, der ihr Wärter in der Ruinenstadt war, und eine rothaarige Unbekannte mit einem Bronzehelm und einem Kettenhemd.
„Wen sehen wir denn da?“ Die Wechselingsfrau Arzatoë erhob sich triumphierend auf dem Felsvorsprung. „Unsere jämmerliche Truppe. Aber ihr könnt uns nicht aufhalten. Hier endet eure Reise. Wir werden euer Königreich Kenaris in Schutt und Asche legen.“
„Wartet, ihr begeht einen Fehler“, rief Alrond.
„Das glaube ich nicht.“ Arzatoë lachte hämisch.
Die Dunkle Herrin hob die Hand und schoss einen purpurroten Energiestrahl auf die Angreifer. Sie duckten sich, doch der Blitz traf den Mann mit der Ledermaske. Er schrie auf und fiel nach hinten.
„Auch das wird euch nicht helfen. Erdbebenmacherin, tue deinem Namen alle Ehre.“ Arzatoë deutete auf die Mitte des Höhlengewölbes.
Die Frau mit dem Bronzehelm trat voran. „Stürze ein!“ Sie schlug mit der Faust gegen die Felswand.
Eine Erschütterung riss Steine von der Höhlendecke. Im Boden öffnete sich ein Riss, der sich wie eine klaffende Wunde verbreitete. Chaos entstand, alle schrien wild durcheinander. Staub wirbelte auf. Steinbrocken und Splitter prasselten hernieder. Große Felsen lösten sich von den Höhlenwänden und krachten auf den Boden.
Der Boden unter Alronds Füssen zerbröckelte in unzählige Mosaikstücke und fiel in die Tiefe. Alrond verlor den Halt. Er war zu weit vom Rand des Spaltes entfernt, um sich daran festzuhalten.
„Alrond!“ Lyssea reichte ihm die Hand. Doch er konnte sie nicht ergreifen. Er stürzte schreiend in die Dunkelheit.

Fortsetzung folgt

Titelbild

Foto: In der Unterwelt von Schwarzfeuer, Rechte: Dario Schrittweise

Entdecke mehr von Dario Schrittweise

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe mir gerne einen Kommentar :-)

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Erstelle eine Website oder ein Blog auf WordPress.com

Nach oben ↑