Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge [1]

Menschen haben sich schon seit Urzeiten gegenseitig Geschichten erzählt, zuerst nur mündlich, dann mit Bildern als Illustration und Gedächtnisstütze, die sie beispielsweise an die Wände einer Höhle oder an Steine gemalt haben. Mit der Erfindung der Schrift konnten schließlich die Erzählungen für die Nachwelt detailliert festgehalten werden.

Herkules, Jason und Odysseus gehören beispielsweise zu den bekanntesten Helden, die viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller inspiriert hatten und es bis heute tun. Ich habe mich schon immer für die fantastischen Erzählungen und Epen der Antike und des Mittelalters interessiert, wie die Illias, das Nibelungenlied oder die Artussage. Sie haben meine Fantasie beflügelt. Die folgende Erzählung sehe ich auch in der Tradition dieser Geschichten, wenn auch in einem kleineren Rahmen.

Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge – eine fantastische Erzählung

Der Abend holte meine beiden Begleiter und mich ein, als wir durch ein Waldgebiet ritten. Ich sollte in der Gegend die Geschehnisse für die Chroniken des Hofes aufzeichnen. Der königliche Kammerherr stellte mir die beiden Söldner zur Seite, weil die Nebelberge unsicher seien, wie er behauptet hatte. Riandell und Ledos trugen leichte Lederrüstungen, verzichteten aber auf Helme, was mich beruhigt hatte, weil ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns ziehen wollte.

Leider konnten wir nicht rechtzeitig eine Übernachtungsmöglichkeit in den umliegenden Dörfern finden, somit beschlossen wir, ein Notlager aufzubauen. Wir kannten die Schauergeschichten, die sich die Anwohner der Gegend über den Bendeler Wald erzählten, glaubten ihnen aber nicht. Auch diese merkwürdigen Ereignisse, über die ich schreiben sollte, konnten wir bis zu dem Zeitpunkt nicht bestätigen. Trotzdem verspürte keiner von uns die Lust, an jenem Ort die Nacht zu verbringen.

Der Wald war voll kleiner, umherfliegenden Lichter, die wir für Leuchtkäfer hielten. Entfernt hörten wir eine Eule. Riandell, ein kleiner aber durchtrainierter Mann, deutete auf einen umgestürzten Baum und vermutete, dass sich diese Stelle gut zum Übernachten eignen würde. Wir stiegen ab und banden die Pferde an den umliegenden Bäumen fest. Ledos beobachtete die Leuchtkäfer fasziniert. Er sagte, er hätte noch nie solche prächtigen Exemplare gesehen.

Um uns herum war es auf einmal sehr leise geworden. Während wir Äste, Blätter und Moos für unseren provisorischen Nachtlager sammelten, hörten wir plötzlich einen markerschütternden Schrei. Wir drehten uns um. Die fliegenden Lichter wechselten ihre Farbe, sie sind feuerrot geworden. Wir erkannten, dass die winzigen Wesen keine Glühwürmchen waren, weil alles zischte und glühte, womit sie in Berührung gekommen sind. Auch unsere Haut schmerzte wie nach einem Sonnenbrand, wenn die roten Tierchen sie berührten.

Ledos schlug auf eines der Wesen, welches einen schrillen Laut von sich gab, bevor es ganz aufhörte zu leuchten. Wir sahen uns das Wesen genauer an. Es sah wie eine kleine Gottesanbeterin aus. Das winzige Wesen begann wieder zu leuchten und flog davon.

Der entsetzliche Schrei war wieder zu hören. Wir stiegen auf die Pferde und ritten Hals über Kopf davon. Die kleinen Biester waren nicht alleine, sie brachten ihre Geschwister mit. Mehrere riesige, rochenartige Wesen flogen geräuschlos auf uns zu. Wir wendeten die Pferde, die verängstigt wieherten und kaum zu bändigen waren. Und da stand sie: eine in dunkelblaue Kleider gehüllte Frau, die Dunkle Herrin, wie sie die Einwohner nannten. Ihr fahles Gesicht verbarg sie im Schatten ihrer Kapuze, nur ihre Augen waren deutlich zu sehen. Wütend sah sie uns an. Mit einer gleitenden Handbewegung befahl sie ihrer stummen Gefolgschaft, uns einzukreisen.

Ledos schoss einen Bolzen seiner Armbrust auf einen der fliegenden Rochen, doch ohne Wirkung. Riandell sah eine Lücke und preschte mit seinem Wallach vor. Ledos und ich folgten unserem Mitstreiter. Der Schrei der Dunklen Herrin ließ den Wald erzittern.

„Und diese Märchengeschichte sollen wir dir glauben?“ unterbrach ihn Ysella ungläubig, „Monstrositäten im Wald, die von einer seltsamen Frau angeführt werden?“ Ysella war eine schlanke Frau Anfang dreißig, mit hellbraunen Haaren, die sie zu einem aufwendigen Zopf geflochten hatte. Ihren einfachen gelben Wollmantel hielt ein kleiner Gewandhaken fest.
„Ich dachte, du bist ein Chronist und kein Geschichtenerzähler. Musst du dich nicht immer an Fakten halten?“ warf Gellas, der Händler ein und fuhr sich mit der Hand durch den schwarzen Bart.

„Ihr könnt es mir glauben oder es lassen. Ich erzähle euch nur die Tatsachen, wie ich sie mit eigenen Augen erlebt oder von sicheren Quellen gehört habe“, erwiderte Alrond belustigt. Alrond hatte dunkelbraune Haare und ein schmales Gesicht. Er trug ein Leinenhemd und einen grünen, halbrunden Umhang aus Schurwolle, den er mit einer Bronzefibel festgebunden hatte.

Sie saßen in einem beengten Pferdewagen, der mit einem Dach aus grobem Stoff vor Wind und Wetter geschützt war. Darin war gerade noch Platz für drei Personen vorhanden, die sich gegenübersaßen. Der Rest des dunklen Bereichs unter der vergilbten Wagenplane war vollgestellt mit Fässern und Kisten voller Lebensmittel für die Burg Phoenixstein. Unter der Stoffplane roch es intensiv nach gepökeltem Fleisch und diversen Gewürzen. Der Wagen rüttelte während der Fahrt. Die Mitreisenden spürten jeden Stein und jede Unebenheit. Auf der Sitzbank des Wagenfahrers saß Tuson und lenkte die drei Pferde, die den Wagen zogen.

„Es fällt mir schwer, an Flugrochen zu glauben. Wie soll das gehen?“, sagte Gellas misstrauisch.
Der Wagenlenker mischte sich von seiner Fahrerbank in das Gespräch ein: „Wenn ihr erlebt hättet, was ich alles in meinen Dienstjahren erlebt hatte, dann würdet ihr es auch nicht glauben.“ Er war ein kräftiger Mittfünfzier, mit einer Glatze und braunem Schnurrbart.
„Ich hoffe, ihr werdet selber nie die Gelegenheit haben, der Dunklen Herrin gegenüberzustehen. Sie kann Wesen herbeirufen, die ihr in euren schlimmsten Albträumen nicht gesehen habt“, fuhr Alrond fort.
„Wie ist eure Begegnung ausgegangen?“ Wollte Tucson wissen.
„Ja, erzählt uns das Ende, die Fahrt ist schon unerträglich genug. Da würde uns etwas Unterhaltung guttun, egal welche Hirngespinste ihr euch dieses Mal ausgedacht habt“, stichelte Ysella.
„Lacht ihr nur, wenn ihr in unserer Lage gewesen wärt, würdet ihr nicht so vergnügt sein.“
„Und lasst euch nicht von Ysella aus der Ruhe bringen, werter Herr Chronist, wie sie es schon sagte, wir sitzen schon seit drei Tagen auf diesem Pferdewagen, mir zumindest tun alle Knochen weh, daher kann ich Ysellas Unmut gut verstehen“, sagte Gellas und zupfte an seiner blauen Weste, um sie gerade zu richten, „außerdem ist es kalt hier“.
„An der Bequemlichkeit kann ich leider nichts ändern“, warf Tuson entnervt ein, „der gnädige Herr könnte das nächste Mal mit den feinen Damen und Herren reisen, ihre Pferdewagen sind viel bequemer, wobei sie auch über Schmerzen in ihrem Podex klagen, wie mir ein befreundeter Fahrer berichtet hatte. Er arbeitet am Hofe des Königs Cederic. Aber mich würde die Fortsetzung der Geschichte auch interessieren.“
„Nun gut“, ließ sich Alrond nicht zweimal bitten, „dann hört mir gut zu.“

„Nachdem meine beiden Gefährten und ich die beiden Flanken der fliegenden Geschöpfe durchbrochen hatten, ritten wir um unser Leben. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass die seltsamen Kreaturen die Verfolgung aufgenommen hatten“, setzte Alrond seine Geschichte fort, „sie waren flink und schnell, doch wir konnten sie mit unseren Pferden auf Abstand halten. Riandell sagte uns, er würde einen einsamen Hof in der Nähe kennen, wo wir Zuflucht finden würden. Wir sollten ihm folgen, weil er eine Abkürzung über eine Holzbrücke kannte. Kurz darauf erreichten wir die Brücke, die plötzlich von mehreren fliegenden Leuchtkäfern umgeben war. Die Brücke fing Feuer. Aus den Flammen schritt die Dunkle Herrin auf uns zu. Sie rezitierte mit ihrer eisigen Stimme Verse in einer uns unbekannten Sprache. Aus der Erde krochen Kopffüßler hervor, kleine, glatte Wesen, mit einem riesigen, geäderten Kopf mit einem Glubschauge und vier kurzen Beinen. Ihre spitzen Zähne verhießen nichts Gutes.“
Fortsetzung folgt …

Titelfoto: Im Nebelgebirge, Fotorechte: Dario schrittWeise

5 Kommentare zu „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge [1]

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