Ich mag kurze Geschichten, die in wenigen Sätzen eine Stimmung, ein Gefühl, einen Gedanken, eine Naturbeobachtung usw. erfassen. Sie unterscheiden sich von anderen Erzähltexten in erster Linie in der Länge, aber oft auch in Struktur, weil sie meistens ohne viele Figuren, Konflikte oder Pointen auskommen.
Es gibt verschiedene Arten, zu einigen habe ich bereits Beiträge in meinem Blog veröffentlicht. Zu den gängigsten Arten gehören Miniaturen, literarische Skizzen, Fragmente, Vignetten, Postkarten-Geschichten etc.
Kürzestgeschichten halten einen Augenblick wie der Wind ein Blatt fest und lassen ihn bald darauf wieder los. Der folgende Text gehört ebenfalls in diese Kategorie.
Die Begegnung – eine Miniatur
An einem Freitag saß ich nach Feierabend in einem Café und beobachtete das rege Treiben um mich. Ich saß an einem blauen Tisch an der Ecke eines kleinen Platzes.
Quer gegenüber saßen zwei junge Frauen, vermutlich Freundinnen. Sie unterhielten sich angeregt über etwas, das ich nicht wahrnehmen konnte und natürlich nicht verstehen wollte. Lauschen gehört sich ja nicht. Ein Satzfetzen drang doch zwischendurch zu mir durch, ich hörte das Wort „Tansania“.
Daneben saßen zwei weitere Einzelgänger, ein Mann in seinen späten 60ern, der etwas las und am Nachbartisch eine Frau mit einer Schildmütze. Sie schrieb etwas in ihr Smartphone, vermutlich eine Kurznachricht.
An mir lief eine Familie vorbei. Die zwei kleinen Kinder zogen kleine Rollkoffer mit sich, die laut über den Asphalt klapperten.
Mit heranrückender Dunkelheit lichteten sich die Reihen im Café.
Am Ende saßen nur ich und der fleißige Schreiber im Außenbereich. Er notierte konzentriert etwas in seiner Kladde. Immer wieder machte er kurze Schreibpausen und blickte um sich. Was notierte er wohl? Einen Tagebucheintrag? Beobachtungen? Welchen Beruf er wohl nachging? Er sah wie ein Ingenieur aus.
Ich bestellte einen Brennnesseltee, als das Geräusch von Fahrrädern meine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Drei Kinder fuhren über die kleine Kreuzung. Sie waren der Größe nach geordnet, wie ich schmunzelnd festgestellt hatte. Der älteste, vermutlich der große Bruder, fuhr voraus. Ein erwachsener Radfahrer kreuzte ihren Weg und rief ihnen im Vorbeifahren wohlwollend zu: „Immer schauen, immer schauen. Nicht nur fahren …“
Ich lenkte meinen Blick wieder zurück auf die Tische um mich. Nun war auch der Schreibende nicht mehr da. Er ließ sein Notizheft auf dem Tisch zurück.
Ich ließ meinen Blick über das aufgeschlagene Notizbuch schweifen. Seine Schrift war verschnörkelt, jedoch gut lesbar.
Auf der linken Seite hielt er die Ereignisse und Stimmung der letzten Minuten fest.
Er hörte, worüber die zwei Freundinnen sprachen. Eine der beiden hatte ihre Sommerferien in Tansania verbracht und berichtete begeistert ihrer Freundin von ihren Erlebnissen. Sie empfahl ihr, unbedingt einmal in das afrikanische Land zu fahren.
In den Aufzeichnungen tauchte auch die Frau mit der Baseballmütze auf. Er traute sich scheinbar, die Kurznachrichten auf dem Bildschirm ihres Smartphones zu lesen. Sie schrieb darin ihrem Freund, dass sie ihn vermissen würde. Weiterhin plante sie, ihn an Weihnachten in New York zu besuchen. Er hatte vor drei Wochen dort eine neue Stelle begonnen.
Auch die Familie mit den Rollkoffern und die drei Radfahrer fand er scheinbar erwähnenswert.
Am interessantesten fand ich jedoch die Zeilen auf der rechten Seite:
„Ein Mann, ungefähr Mitte 40, sitzt mir gegenüber und beobachtet unentwegt die Umgebung. Dauernd notiert er etwas in einem kleinen Heft. Ist das ein Sudelheft? Mich hat er auch im Blick. Was er wohl vorhat? Ist er ein verdeckter Ermittler? Ein Restaurant-Tester? Oder schreibt er seine Memoiren? Ich habe den Eindruck, dass er gerne sehen möchte, was ich so schreibe. Nicht, dass er am Ende ein Reporter ist. Wie dem auch sei, ich müsste nun zurück an meinen Schreibtisch.“ Hier endeten seine Beobachtungen. Warum hatte er Angst vor Journalisten?
Die Kellnerin fragte mich, ob ich noch etwas bestellen möchte. Ich bat sie um die Rechnung. Ich zeigte ihr das vergessene Schreibheft.
„Ach, das ist das Notizbuch von André“, erwiderte sie lächelnd. „Er ist häufig hier und gehört zu unseren liebsten Stammgästen.
„Sie scheinen nicht sonderlich überrascht zu sein.“
„Nicht wirklich. André lässt sein Heft immer wieder hier liegen, wir bewahren es für ihn auf.“
„Das ist ein toller Service.“
„Er gehört fast dazu, er ist ein Teil der Familie. Aber glauben sie nicht allem, was darin steht. Er erfindet gerne Sachen.“ Sie lachte und räumte das Geschirr ab.
Ich zahlte und verließ den Laden. Auf der Straße dachte ich über die Notizen meines Tischnachbarn nach.
Die drei Fahrradfahrer fuhren wieder an mir vorbei, vermutlich kehrten sie nach Hause zurück.
Ich beschloss, es ihnen gleichzutun.
Ich hörte noch, dass André wieder in den Laden zurückkehrte.
„Ach, hier ist mein Sudelbuch“, sagte er.
„Ja, du hast deine Fantastereien wieder bei uns liegen lassen“, sagte die Verkäuferin heiter. „Du kannst von Glück sprechen, dass wir immer auf deine Sachen aufpassen.“
„Dafür bin ich euch dankbar. Und weißt du was? Ich schreibe noch ein wenig weiter …“
Der Rest verlor sich im Gewirr der Stimmen und Geräusche des Viertels.
Titelfoto: Tische und Stühle (Symbolfoto), 2023, Dario Schrittweise
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Lieber Dario, das ist eine tolle Miniatur- Geschichte. Nur, ich denke, dass dieser Herr Schreiber, keineswegs zerstreut ist. Vielleicht lässt er seine Betrachtungen und Überlegungen absichtlich am Tisch liegen, mit der Hoffnung, dass viele, neugierige, heimliche Lesern seine „Kurzgeschichten“ regelmäßig lesen werden.
LG, Sophie Mai
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Hallo Sophie, ein guter Gedanke. Wer weiß? Am Ende bleiben einige Rätsel offen. 😉 Liebe Grüße, Dario
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Sudelbuch – sehr schön 🙂
Fein geschrieben!
Liebe Grüße, Reiner
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Danke dir, Reiner. Herbstliche Grüße. Dario 🙂
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lieber dario, hat mir gefallen, deine kleine geschichte. worüber ich schmunzeln musste – er, der erzähler, schreibt, dass er den frauen am nebentisch nicht lauschen wolle. aber dann liest er das liegengelassene buch. sehr gerne gelesen, erzähl nur weiter deine geschichten. liebe grüße und ein schönes wochenende, poetin
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Hallo poetin, die Neugier war dann doch stärker 😉 Danke und liebe Grüße, Dario
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