Edvard Munch in Düsseldorf

Vor 16 Jahren wurden in Osloer Munch-Museum zwei Kunstwerke von Edvard Munch auf spektakuläre Art gestohlen. Unter den Augen der Ordner und Besucher nahmen 2004 zwei maskierte Diebe die Gemälde „Der Schrei“ und „Die Madonna“ samt Rahmen von der Wand und verließen fluchtartig das Museum. Zwei Jahre später tauchten die Kunstwerke wieder auf, jedoch in beschädigtem Zustand. Eines der beiden gestohlenen Gemälde, „Der Schrei“, zählt zu den bekanntesten Gemälden des norwegischen Künstlers. Edvard Munch schuf bekanntlich weitere sehenswerte Kunstwerke, wovon ich einige vor mehreren Wochen in der Kunstausstellung „Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård“ in Düsseldorf bewundern durfte.

Edvard Munchs künstlerisches Schaffen beeinflusste eine ganze Epoche. Der am 12.12.1863 in Løten, Norwegen, geborene Munch gilt als einer der Weichensteller der modernen Kunst. Der Norweger gehörte zu den Künstlern, die nur schwer eindeutig einer Kunstepoche zugeordnet werden können. Vielmehr wirkte sich seine Kunst stilbildend auf eine ganze Reihe Künstler seiner Zeit aus. Seine frühen Werke waren noch sehr realistisch, später wurden sie immer abstrakter. Seine Arbeiten beeinflussten insbesondere die Fauvisten und die Expressionisten, zu welchen er auch am ehesten stilistisch zugeordnet werden kann.

Nach seiner Kindheit und Jugend, die er in Kristiana, dem heutigen Oslo, verbringt und dem Abbruch eines Studiums für Ingenieurswissenschaften (1880), welches der Wunsch seines Vaters war, lebt er in verschiedenen europäischen Städten, unter anderem in Paris und Berlin. Hier entwickelte er seinen Kunststil weiter.

Edvard Munch - Self-Portrait with a Bottle of Wine - Google Art Project.jpg
„Selvportrett ved vinen“ (Selbstporträt mit einer Weinflasche) 1906 von Edvard Munch – Google Art Project: pic, Public Domain, Link, Munch-Museum Oslo Munchmuseet, Oslo, Maße: 110 × 120 cm, Öl auf Leinwand

Sein Leben und somit seine Kunst waren von mehreren Schicksalsschlägen geprägt. Zunächst musste er früh den Tod seiner Mutter verkraften und bald darauf starb auch seine Schwester an Tuberkulose. Sein Vater und seine zweite Schwester blieben ebenfalls nicht vom Unglück verschont, sie litten unter einer psychischen Erkrankung. Auch Munch musste sich wegen Depressionen und Verfolgungswahn in verschiedenen Kliniken behandeln lassen. Seine Kunst half ihm, mit diesen Problemen klarzukommen, in vielen seiner Werke kommt dieser Schmerz zum Vorschein. In seinem Gemälde „Das kranke Kind“ verarbeitete er die Krankheit seiner Schwester. Auch seine Kunst löste nicht nur große Begeisterung aus, so verursachte seine erste Ausstellung in Deutschland 1892 einen Skandal, weil seine Werke nicht den gängigen Erwartungen der Kunstwelt entsprachen. Und im Zweiten Weltkrieg bezeichneten die Nazis Munchs Kunst als „entartet“.

Trotzdem gelang es Munch, einer der größten Künstler seiner Zeit zu werden. Er fertigte bevorzugt Ölgemälde, Holzschnitte und Farblithographien – Skulpturen vervollständigten sein Werk. Die Kunst war für ihn etwas, was „aus den Tiefen unseres Inneren kommt. Die Kunst soll den Menschen bewegen und ein Ausdruck seines Lebens sein. Ein Leben, erfüllt mit Liebe, Leid und Gefühlen.“

Edvard Munch starb am 23.01.1944 mit 80 Jahren in Ekely, Norwegen. Viele seiner Werke vermachte er der Stadt Oslo, sie können heute hauptsächlich im Munch Museum und in der Nationalgalerie besichtigt werden.

Anfang November 2019 ging ich in die Kunstausstellung „Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård“ bei einem Besuch in Düsseldorf. An jenem Tag regnete es und ein guter Freund und ich nutzten die Gelegenheit, in die Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20 zu gehen. Sie ist in der Kooperation mit dem Munch Museum in Oslo entstanden und wurde parallel zur Frankfurter Buchmesse eröffnet. Norwegen war 2019 das Ehrengastland der Buchmesse.

Der Kurator der Ausstellung ist Karl Ove Knausgård (*1968). Der norwegische Schriftsteller ist für sein autobiografisches Projekt „Min Kamp“ berühmt, das in sechs Bänden erschienen ist. Über Munchs Begabung sagte Knausgård, sie „bestand in seiner Fähigkeit, nicht nur zu malen, was der Blick sah, sondern auch das, was in ihm lag.“

Solen av Edvard Munch.jpg
„Solen“ (Die Sonne) von Edvard Munch (Public Domain), 1911, Öl auf Leinwand, Sammlung University of Oslo Faculty of Law, Referenzen Katalog: Edvard Munch: Complete Paintings: Catalogue Raisonné, 970, Höhe: 455 cm; Breite: 780 cm – Fotograf: Tore Sætre, Gemeinfrei, Link

Das Plakat der Ausstellung ziert Munchs Gemälde „Solen“, die „Sonne“. Das im Jahr 1911 mit Öl auf Leinwand gemalte Werk ist ebenfalls in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20 zu sehen. Der norwegische Künstler bildete auf dem Gemälde weder Menschen noch Tiere ab. Auf der Leinwand wird eine karge Seelandschaft von einer überdimensionalen Sonne überstrahlt. Hier kann der Betrachter die Wärme der Sonnenstrahlen förmlich spüren. Das Gemälde hatte auf mich beinahe eine hypnotische Wirkung.

Knausgård versammelte in der Ausstellung rund 140 Werke des norwegischen Künstlers, in erster Linie Gemälde und Druckgrafiken, aber auch einige seiner bemerkenswerten Skulpturen. Viele dieser Kunstwerke wurden laut den Veranstaltern nicht häufig gezeigt oder waren noch nie in Deutschland zu sehen. Thematisch und räumlich ist die Kunstausstellung in vier Themenbereiche gegliedert: „Licht und Landschaft“, „Der Wald“, „Chaos und Kraft“ sowie „Die Anderen“. Die Ausstellung wird um einige Zitate von Karl Ove Knausgård ergänzt, die an Texttafeln an einigen Wänden zu lesen sind. So schrieb Knausgård über seinen berühmten Landsmann: „Munch interessierte sich dafür, wie ein Bild ein anderes Bild verändern konnte, wie die Beziehung und der Kontext mehr erschufen als die einzelnen Werke, einen Klang, wie er es nannte. Und so ist es auch mit den Menschen, zusammen sind wir mehr als einzelne Individuen, und wir leben im Gesicht des anderen, nicht in unserem eigenen, das sehen wir nicht.“

Die Ausstellung „Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård“ empfand ich als sehr sehenswert. Positiv fand ich, dass sich die Ausstellungsbesucher „ihr eigenes Bild“ machen können. Der Einfluss des Kurators Knausgård auf die Eindrücke der Betrachter ist in meinen Augen sehr gering, sogar die Titel der Kunstwerke können die Besucher nur in einem Begleitheft nachlesen. Die empfehlenswerte Ausstellung kann noch bis zum 01.03.2020 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20 in Düsseldorf besucht werden.

Quellen

Titelfoto: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20, Foto: Dario schrittWeise
Schneede, Uwe M: "Die Kunst der Klassischen Moderne", München 2009, S. 18 - 21
https://www.kunst-zeiten.de/Edward_Munch-Werk (zuletzt abgerufen am 13.01.2020)
www.kunstsammlung.de/edvard-munch.html (zuletzt abgerufen am 13.01.2020)
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/munch-raub-krimineller-bietet-munchs-der-schrei-und-madonna-an-1356055.html (zuletzt abgerufen am 13.01.2020)
Die Zitate von Karl Ove Knausgård habe ich von den Texttafeln in der Ausstellung im K20 übertragen.

11 Kommentare zu „Edvard Munch in Düsseldorf

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  1. Gediegener Artikel!
    Das Munch-Museum konnte ich in Oslo besuchen, vor etwa 6 Jahren.
    Über seine Lebensschwierigkeiten wusste ich auch, wennauch nicht mehr im Detail.
    Klassische Kunst wie etwa Brücke, blauer Reiter ect. zieht mich nicht mehr so an, aber bei Munch muss man eine Ausnahme machen, weil die Bilder Chiffren sind. Chiffren für Gemütslagen, für menschliches Sein.

    Vielleicht besuche ich die Ausstellung im Februar, muß mal schauen.

    Danke für den Hinweis!

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Gerhard, vielen Dank. Leider bin ich nicht eher dazu gekommen, über die Ausstellung zu schreiben, aber noch gibt es ein wenig Zeit. Witzig, dass wir Munch inzwischen zur klassischen Kunst zählen, seinerzeit sah das zum Teil noch anders aus. Liebe Grüße, Dario 🙂

      Gefällt 1 Person

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