„Der Blaue Reiter“ und Franz Marcs Skizzen

Alles begann mit einer kleinen Rebellion: Die Künstler Gabrielle Münter, Franz Marc und Wassily Kandinsky fühlten sich in der „Neuen Künstlervereinigung München“, zu welcher sie bis dahin gehörten, nicht mehr wohl und sahen ihre Kunst auch nicht mehr als Teil dieser Kunstbewegung. Ihre Vorstellungen von der Kunst waren zu radikal für ihre Kollegen. Sie traten mit einem Knall aus der Künstlervereinigung aus und gründeten ihre eigene Künstlergruppe, den „Blauen Reiter“, die zusammen mit den Künstlern der „Brücke“ am Anfang des 20. Jahrhunderts zu den wichtigsten deutschen Kunstbewegungen gehörte.

Die Gründung der Künstlergemeinschaft „Der Blaue Reiter“

Die drei gleichgesinnten Künstler Gabrielle Münter, Franz Marc und Wassily Kandinsky wollten etwas Neues beginnen und gründeten in Marcs Haus in Sindelsdorf 1911 die Redaktion „Der Blaue Reiter“, die im Mai 1912 den gleichnamigen kunsttheoretischen Almanach herausgeben sollte. Mit ihrer Kunst wollten sie die Natur nicht nur abbilden, sondern in erster Linie interpretieren und fühlbar machen. Ihre Linien waren schwungvoll und nicht durchgängig gerade, die Farben trugen sie großflächig auf, eher so wie sie die Farbe empfanden und nicht wie sie diese sahen.

Über die Entscheidung für den Namen der Redaktion und Ausstellungsgemeinschaft „Der Blaue Reiter“ sagte Kandinsky: „Den Namen […] erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf; beide liebten wir Blau, Mark – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst. Und der märchenhafte Kaffee von Frau Maria Marc mundete uns noch besser“.

Die berühmte erste Ausstellung

Die erste Ausstellung des „Blauen Reiters“, die im Dezember 1911 stattfand, war ein Seitenhieb gegen die „Neue Künstlervereinigung München“. Wassily Kandinsky, der sogar Vorsitzender der Vereinigung war, bot seinen Kollegen für eine Ausstellung ein Gemälde an, obwohl ihm von vornherein klar war, dass sie es nicht annehmen würde. Er wusste, dass die Jury der „Neuen Künstlervereinigung München“ das Bild zu groß und den Stil zu abstrakt finden würde. Wie erwartet, lehnte die Jury das Bild ab. Kurz daraufhin traten Marc, Kandinsky, Münter aus der Künstlervereinigung aus.

Parallel planten die Künstler des neugegründeten „Blauen Reiters“ ihre erste eigene Ausstellung als Gruppe, die im selben Gebäude wie die andere Veranstaltung stattfinden sollte. Dort stellten sie auch das abgelehnte Bild aus. Doch die ausgestellten Gemälde kamen nicht bei allen Besuchern gut an, einige bespuckten die Kunstwerke oder wollten sie sogar zerstören. Die Maler ließen sich davon nicht beirren und entwickelten ihren expressionistischen Stil weiter, jeder auf seine eigene Art und Weise.

BlaueReiter.jpg
Wassily Kandinsky: Titelseite des Almanachs „Der Blaue Reiter“, aus en.wikipedia und Commons., Gemeinfrei, Link

Nachwirkungen

Zu den drei Gründungsmitgliedern des „Blauen Reiters“ gesellten sich später Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin und andere hinzu. Auch August Macke beteiligte sich anfangs an der Arbeit am Almanach und an den beiden einzigen Ausstellungen des „Blauen Reiters“. Er konnte aber mit Kandinskys Vorstellungen von Kunst mit einer stark ausgeprägten geistigen und spirituellen Ebene nicht viel anfangen, in einem Bild parodierte er Kandinsky sogar. Zudem fühlte er sich nicht genug an den beiden Ausstellungen beteiligt. Deswegen blieb er nicht lange ein Teil der losen Künstlergruppe

„Der Blaue Reiter“ wirkte nur wenige Jahre, zwei gemeinsame Ausstellungen und der Almanach aus dem Jahr 1912 gehören zu ihren Hauptwerken. Der Künstlerkreis hinterließ aber viele wichtige Gemälde und kunsttheoretische Schriften. Der Erste Weltkrieg stoppte die Blütezeit der Gemeinschaft. Franz Marc und August Macke starben im 1. Weltkrieg. Kandinsky, Jawlensky und von Werefkin verließen Deutschland.

Kandinsky schloss sich später dem Bauhaus an. Im März 1924 gründete er in Weimar mit seinen Bauhaus-Kollegen Lyonel Feininger und Paul Klee sowie mit Alexej von Jawlensky die Ausstellungsgemeinschaft „Die Blaue Vier“, die ihr Wirken in der Tradition des „Blauen Reiters“ sahen. „Der Blaue Reiter“ gilt heute als eine wichtige Kunstbewegung, die frischen Wind und bedeutende Erneuerungsimpulse in die Kunst brachte.

Ausstellung „Franz Marc auf dem Weg zum Blauen Reiter“

Wer direkt mit der Kunst des „Blauen Reiters“ in Verbindung treten möchte, kann dies noch bis zum 01. September 2019 in der Ausstellung „Franz Marc auf dem Weg zum Blauen Reiter. Skizzenbücher“ im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum tun. Darin werden 603 Zeichnungen aus 26 der ursprünglich 32 Skizzenbücher von Franz Marc gezeigt.

Ich besuchte Anfang Juli die Ausstellung und fand es faszinierend, so viele Skizzen eines Künstlers auf einmal zu sehen. Wegen der notwendigen Restaurierungsarbeiten mussten die einzelnen Seiten aus den Büchern entnommen werden, weswegen sie im Museum ausgestellt werden konnten. Nach der Ausstellung werden Marcs Skizzenbücher wieder gebunden.

Die Zeichnungen sind chronologisch und somit teilweise thematisch angeordnet. So beschäftigte sich Marc in einem Skizzenbuch mit seiner komplizierten Dreiecksbeziehung mit zwei Frauen und in einem anderen Buch hielt er die Griechenlandreise, die er mit seinem Bruder unternahm, zeichnerisch fest. Immer wieder malte er Natur, Frauenakte und Tiere, anfangs sehr realitätsgetreu, im Laufe der Jahre zunehmend abstrakter. Auch mehrere Vorzeichnungen für seine Ölgemälde sind dort zu sehen.

Marc - Skizzenbuch aus dem Felde1.jpg
Franz Marc: „Skizzenbuch aus dem Felde“ Reprografie aus einem Kunstbuch, Wiki commons, Gemeinfrei, Link

Am besten gefiel es mir, seine Entwicklung als Künstler zu beobachten. Der 1880 in München geborene Frank Marc wollte zuerst Priester werden, entschied sich aber mit 20, Maler zu werden und begann mit 23 Jahren ein Kunststudium an der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Er war 31 Jahre alt, als er mit Münter und Kandinsky die neue Künstlergruppe gründete. Drei Jahre später begann der Krieg, der ihn 1916 das Leben kostete. Über Franz Marc sagte Wassily Kandinsky: „Marc hatte, allgemein, direkte Beziehung zur Natur. (…) Zwischen dem Künstler und seinen ‚Modellen‘ existierte ein gegenseitiger Kontakt, und deshalb hatte Marc ‚Zutritt‘ zum Leben der Tiere, und es war dieses Leben, das ihn inspirierte.“

Die Skizzenbücher umfassen eine Zeitspanne von 1904 bis 1913/14 und belegen auch seine Auseinandersetzung mit anderen Kunststilen, beispielsweise mit den byzantinisch anmutenden Ornamenten in griechischen Klöstern, dem Jugendstil, später mit Impressionismus, Kubismus, Futurismus oder mit Künstlern wie Van Gogh oder Edvard Munch. Insgesamt fand ich die Ausstellung sehr sehenswert, auch weil sie Einblicke hinter den Kulissen eines der größten Vertreter des deutschen Expressionismus und „Blauen Reiters“ gewährt.

Quellen

Titelbild: Von Franz Marc: „Die großen blauen Pferde“, 1911, Public domain, via Wikimedia Commons, The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, Link
Bild 2: Wassily Kandinsky: Titelseite des Almanachs "Der Blaue Reiter", aus en.wikipedia und Commons., Gemeinfrei, Link
Bild 3: Franz Marc: "Skizzenbuch aus dem Felde" Reprografie aus einem Kunstbuch, Wiki commons, Gemeinfrei, Link
https://www.lenbachhaus.de/sammlung/der-blaue-reiter/einfuehrung/
https://www.ndr.de/info/sendungen/mikado/Wer-war-eigentlich-Der-blaue-Reiter,wwederblauereiter101.html
https://murnau.de/de/freizeit-der-blaue-reiter.html
https://www.gnm.de/services/kalender/?&tx_kalender_kalender%5Bsammlung%5D=franz_marc
https://www.br.de/nachrichten/bayern/franz-marc-ausstellung-im-germanischen-nationalmuseum-nuernberg,RR7GW1m
https://www.br.de/themen/kultur/inhalt/kunst/franz-marc-potraet100.html
https://www.br.de/nachrichten/kultur/gnm-nuernberg-marcs-skizzenbuecher-und-abenteuer-forschung,RHIJZzc
http://www.kpz-nuernberg.de/kpz/gnm_ausstellungen_2019_Franz%20Marc_Abt1&2.shtml

6 Kommentare zu „„Der Blaue Reiter“ und Franz Marcs Skizzen

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  1. Vor ein paar Jahren hatten wir hier bei uns im Folkwang Museum eine tolle Ausstellung ,
    Da waren auch all diese Künstler dabei.
    Ich bin ja nu keine Fachfrau und geh ganz nach meinem Geschmack, aber die gefielen mir wirklich !

    …. da hab ich auch erst gemerkt , dass die blauen Pferde nicht von Chagall sind 😉
    … aber auch zum ersten Mal vor einem Original Chagall gestanden und verstanden, was die immer alle haben mit dem Blau … dieses Blau ist wirklich sehr blau , was auf keinem Ab-Bild zu sehen ist

    Gefällt 1 Person

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