Ein Gottesdienst, der 97 Tage dauerte

Im Inneren der evangelischen Bethel-Kapelle im niederländischen Den Haag sangen und beteten die Besucher des Gottesdienstes. Der Orgelspieler stimmte ein neues Lied an. Es war kurz vor Mitternacht. Der Gottesdienst dauerte bereits 97 Tage an. Um die Hintergründe des ungewöhnlichen Gottesdienstes zu verstehen, müssen wir einige Jahre zurückblicken. 2009 flüchtete Familie Tamrazyan aus politischen Gründen aus ihrem Heimatland Armenien in die Niederlande, weil es in ihrem Land Morddrohungen gegen den Vater gab.

Die Familie beantragte in den Niederlanden Asyl. Ihr Antrag wurde jedoch 2018 abgelehnt. Deswegen wandte sich die Familie im Oktober 2018 an die protestantische Kirche. Die Kirchenvertreter beschlossen, ein altes Gesetz in Anspruch zu nehmen. Demnach darf niemand von den Behörden aus einer Kirche ausgewiesen werden, solange ein Gottesdienst dauert. Während dieser Zeit wollte die Gemeinde um den Aufenthalt der Familie kämpfen. Dafür benötigte sie Zeit. Um diese zu gewinnen, brachte die Gemeinde die armenische Familie in der Bethel-Kapelle in Den Haag unter. Während die Tamrazyans in einer Wohnung im Obergeschoss wohnten, wechselten sich unter ihnen die Pastoren Tag und Nacht ab, um den Gottesdienst ohne Pause zelebrieren zu können. Denn so lange der Gottesdienst lief, konnte die Polizei die Familie Tamrazyan nicht abschieben.

Ein mehrköpfiges Team kümmerte sich um die Eltern und die drei Kinder im Alter von 15 bis 21 Jahren. Für den Gottesdienst meldeten sich 680 Pastoren an, zuerst aus Den Haag und ganz Niederlanden, später aus den Nachbarländern Belgien und Deutschland.

Die Geschichte der Tamrazyans stand bald stellvertretend für das Schicksal von anderen Familien mit minderjährigen Kindern in den Niederlanden, die zu dem Zeitpunkt auf Bewilligung ihres Asylantrags warteten. Für mich ist diese Nachricht ein modernes Märchen, eine Botschaft der Hoffnung. Sie ist für mich ein weiteres Beispiel für positive Nachrichten. Doch wie ist diese wahre Geschichte ausgegangen?

Kehren wir gedanklich zurück in die Bethel-Kapelle in Den Haag. Kurz vor Mitternacht verkündete der Pastor den Gottesdienstbesuchern eine Nachricht, die ihn kurz zuvor erreicht hatte. Alle freuten sich. Der Pastor führte die Zeremonie zu Ende. Somit endete auch die Messe, die fast 100 Tage dauerte. Den Tamrazyans wurde von der niederländischen Regierung Asyl gewährt. Auch die anderen rund 600 Minderjährigen und ihre Familien durften bleiben. Die Voraussetzung für diese Regelung war, dass die Kinder in den Niederlanden aufgewachsen sind. Die Geschichte der Familie Tamrazyan bekam somit in der Tat ein märchenhaftes Ende.

Quellen

Titelfoto: Frauenkirche, Nürnberg (Symbolfoto), Fotorechte: Dario schrittWeise
https://m.dw.com/de/dauergottesdienst-für-flüchtlingsfamilie-beendet/a-47300038
https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/den-haag-warum-eine-kirche-seit-monaten-einen-dauergottesdienst-abhaelt-a-1245156.html

14 Kommentare zu „Ein Gottesdienst, der 97 Tage dauerte

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  1. Hallo Dario, schön, dass du wieder da bist. Und noch mit so einer außergewöhnlichen Geschichte. Ich glaube, dass der große Teil dieses Rettungserfolgs in der Kraft der Gemeinschaft aller Beteiligten liegt. Danke dir für diesen Impuls am Wochenende.
    LG, Sophie Mai

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    1. Hallo Sophie, danke dir ebenfalls 🙂 Kleine Auszeiten und Tapetenwechsel tun immer gut 😉 Ja, ich denke, dass du Recht hast. Es war wichtig, dass alle zusammen und nicht gegeneinander gearbeitet haben, wie das so häufig der Fall ist. Liebe Grüße

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  2. Hört sich gut an.
    Worüber ich aber stolpere: Die Kinder sind zwischen 15 & 21 gewesen. Waren aber von 2009 bis 2018 in den Niederlanden. Somit sind die dort nicht geboren. Hätten laut dem die Vorraussetzung nicht erfüllt. Oder habe ich einen Gedankenfehler?

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    1. Hallo Nati,

      danke dir für deinen aufmerksamen Kommentar 🙂 Deine Frage hat aus meiner Sicht zwei Seiten, eine inhaltliche und eine sprachliche.

      Inhaltlich kann ich sie kurz beantworten: die Regelung der niederländischen Regierung ermöglichte es der Familie Tamrazyan, in den Niederlanden zu bleiben.

      Sprachlich gesehen ist es so, dass man das Verb „aufwachsen“ vermutlich unterschiedlich auslegen könnte. Je nach Fachgebiet könnte man es unterschiedlich erklären: juristisch, medizinisch, politisch …

      Ich habe mich dafür entschieden, der Einfachheit halber das Wort „aufwachsen“ im Sinne von: (irgendwo) „seine Kindheit verbringen“ zu betrachten. Aus meiner Sicht muss man dafür nicht in der gleichen Stadt/ Straße geboren sein. Man könnte z.B. in Hamburg das Licht der Welt erblicken aber in Frankfurt aufwachsen. Juristisch gesehen ist man ca. bis zum 14. Lebensjahr ein Kind, philosophisch oder umgangssprachlich vielleicht länger 😉 Medizinisch gibt es da vielleicht weitere Unterschiede usw. Ich wollte allerdings auch keinen juristisch wasserdichten Text schreiben, das überlasse ich anderen 😉

      Laut einer Quelle ging es darum, dass die geflüchteten Minderjährigen mindestens 5 Jahre in den Niederlanden gelebt haben, eine andere Quellen schreibt auch vom „Aufwachsen“, eine dritte bezeichnet sie als im Land „verwurzelt“.

      Aus meiner Sicht ist es in diesem Fall einfacher, von „aufwachsen“ zu sprechen 🙂

      Liebe Grüße und einen entspannten Abend, Dario 🌝

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      1. Danke für deine ausführliche Antwort Dario.
        Interessant wäre es für mich wie es die Niederlande darlegt.
        Da es ja eine reelle Geschichte ist.
        Aber da sie durch die Aktion bleiben durften ist es für sie fast egal.

        Danke dir, hab du auch einen schönen Abend.
        LG, Nati

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