Der Expressionismus im Blauen Land

„[…] Nirgends hatte ich eine solche Fülle von Ansichten vereint gesehen, wie hier in Murnau zwischen See und Hochgebirge, zwischen Hügelland und Moos“, schrieb die expressionistische Malerin Gabriele Münter über die kleine Stadt im „Blauen Land“.

Die Region südlich von München gilt als die geistige Heimat der expressionistischen Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“. Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky, Franz Marc, August Macke und andere Künstlerinnen und Künstler ließen sich von der idyllischen Landschaft zwischen Murnau a. Staffelsee und Kochel a. See sowie von der Hinterglasmalerei und der oberbayerischen Volkskunst inspirieren. Im Blauen Land fanden sie wichtige Impulse für einen neuen, modernen Kunststil.

Letztes Jahr reiste ich in das Blaue Land, um mir dort einige Gemälde in Museen und Motive der Künstler/innen des Blauen Reiters anzusehen. Es war eine Idee, die ich schon lange in die Tat umsetzen wollte, und die sich verstärkt hatte, als ich meinen Beitrag zu Franz Marcs Skizzen geschrieben hatte. Ich übernachtete einige Tage in einem Hotel in Murnau und machte von dort Ausflüge in die Innenstadt und Umgebung.

Beiträge über den Expressionismus

Wer mehr über die Ursprünge und die Künstler/innen des Blauen Reiters erfahren möchte, kann dies in meinen bisherigen Beiträgen tun:

Expressionismus im Blauen Land

Die Künstler/innen um die Gründungsmitglieder des „Blauen Reiters“ hielten sich gerne in der Gegend um Murnau und Kochel auf, unter anderem, weil sie hier Ruhe und Motive für ihre Kunst finden konnten. Sogar der Name der Region soll auf die Künstler- und Redaktionsgemeinschaft zurückgehen.

Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky weilten bereits in Murnau, als sie im Jahr 1908 ihre Künstlerfreunde Gabriele Münter und Vassily Kandinsky eingeladen hatten, zu ihnen in die Stadt am Staffelsee zu kommen. Da sich ihr Freund und Mitbegründer des „Blauen Reiters“ Franz Marc ebenfalls häufig in der Nähe aufgehalten hatte, in Kochel am See, entstand in der Region eine Art Künstlerkolonie. Die ländliche Idylle, die regionale Kunst und die Abgeschiedenheit waren bedeutend für die Entwicklung des besonderen Malstils der Gruppe, die später den Kunstalmanach „Der Blaue Reiter“ (1911) herausgegeben und gemeinsame Ausstellungen veranstaltet hatte.

Murnau ist ein kleines Städtchen am bayerischen Staffelsee. Der 12.000-Einwohner-Ort ist überschaubar, dafür gibt es hier viel zu entdecken. Ich verbrachte in Murnau im Herbst 2020 ein verlängertes Wochenende, um mir die Kunstausstellungen in den örtlichen Museen und die Landschaft anzusehen. Es war für mich eine Art Kunstexkursion.

Zu den Sehenswürdigkeiten der kleinen Gemeinde im Landkreis Garmisch-Partenkirchen gehören das Murnauer Schloss mit dem Schlossmuseum, das Rathaus, die Maria-Hilf-Kirche, das Brauhaus Griesbräu, das Gabriele-Münter-Haus und die Kottmüllerallee. In der unmittelbaren Umgebung sind der Staffelsee und das Murnauer Moos empfehlenswert. Über das Wohnhaus von Gabriele Münter und die größte zusammenhängende Moorlandschaft in Mitteleuropa werde ich in einem der späteren Beiträge schreiben.

Einige Motive der Künstlerinnen und Künstler des Blauen Reiters

Die Künstler/innen des Blauen Reiters fertigten viele Kunstwerke an, zu welchen sie sich von den unterschiedlichsten Orten und Landschaften des Voralpenlandes inspirieren ließen. Zu einigen habe ich Fotos aufgenommen.

Gabriele Münters „Spreufuhren im Winter“

In Murnau ist kaum ein Künstlername so prägend wie jener von Gabriele Münter (1877 – 1962). Es zog sie immer wieder hin. Münter lebte am längsten von den Künstlerinnen und Künstlern des Blauen Reiters im Ort, in den Sommermonaten von 1908 bis 1914 mit Kandinsky und nach dem Ersten Weltkrieg, von 1932 bis zu ihrem Tod 1962.

Gabriele Münter „Spreufuhren im Winter“ 1911, Gemälde von einer Tafel der Touristeninfo in Murnau fotografiert

Im Jahr 1911 malte Gabriele Münter das Gemälde „Spreufuhren im Winter“. Die kleine Szene im Vordergrund dominiert den Bildaufbau: zwei Ochsen werden scheinbar von einem Hund bewacht, während sie auf den Besitzer warten, der die Spreufuhren verladen oder verkaufen wird. Das Leben der einfachen Menschen war immer wieder ein Thema in ihren Bildern. Hier kommen zwei beliebte Motive zusammen: die Darstellung von Häusern und die Arbeitswelt der Landwirte.

Die Ansicht, die ich während meines Aufenthaltes in Murnau im Herbst 2020 aufgenommen hatte, ist natürlich ohne Spreufuhren und Schnee. Auch ansonsten lässt sich der Untermarkt nur erahnen.

Grüngasse in Murnau damals und heute

Zu den Motiven gehört auch die Gasse, die Wassily Kandinsky (1866 – 1944) auf dem Gemälde „Grüngasse in Murnau“ verewigt hatte. Der russische Maler und Grafiker gründete zusammen mit Franz Marc die Redaktionsgemeinschaft „Der Blaue Reiter“.

Das Gemälde mit den heiteren Farben erinnert mich an ein Stillleben. Nichts deutet auf Darstellung von Bewegung oder eine Geräuschquelle hin. Im Kontrast zu den ruhig wirkenden, leuchtenden Farben und klaren Formen steht der Garten im vorderen Drittel des Bildes.

Kandinsky – Grüngasse in Murnau, 1909, commons.wikimedia.org

Recht ernüchternd ist der Vergleich zu meinem Foto, das die Gasse aus heutiger Sicht zeigt. Vieles hatte sich hier in den mehr als hundert Jahren geändert. Die Autos auf dem Foto empfinde ich persönlich als störend, auf dem Gemälde von Kandinsky fehlen sie komplett. Den größten Wiedererkennungseffekt hat die Maria-Hilf-Kirche in der Bildmitte.

Grüngasse heute

Murnau Blick über den Staffelsee von Kandinsky

Ein sehenswertes Gemälde ist auch „Blick über den Staffelsee“ vom gleichen Künstler. Die Farbgebung ist in grünblauen Farbtönen gehalten, die den charakteristischen Eindruck des Blauen Landes vermitteln.

Kandinsky – Murnau – Blick über den Staffelsee, Sommer 1908

Ich finde das Gemälde exemplarisch für Kandinskys Kunstwerke, die er während seiner Aufenthalte in Murnau gemalt hatte. Gut erkennbar sind der breite Farbauftrag und die kräftigen Farben. Zum Vergleich habe ich ein Foto vom Staffelsee, jedoch aus einem anderen Blickwinkel, aus der unmittelbaren Perspektive. Ein Spaziergang entlang des Staffelsees ist auf jeden Fall empfehlenswert. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Insel Wörth zu sehen.

Staffelsee am Abend im Herbst

Alexej von Jawlensky: Skizze aus Murnau

Alexej von Jawlensky (1864 -1941) war ein russisch-deutscher Maler. Seine Zeichnung „Skizze aus Murnau“ gehört zur umfangreichen Expressionismus-Sammlung des Museums Lenbachhaus in München. Der Künstler verzichtete auf diesem Gemälde ebenfalls auf Darstellung von Menschen oder Tieren. Sein Hauptaugenmerk galt hier der farbigen Gestaltung.

Alexej von Jawlensky – Skizze aus Murnau – GMS 677 – Lenbachhaus, Wikimedia Commons

Auf der Skizze ist die berühmte Fußgängerzone von Murnau zu sehen. Sie gilt als eine der schönsten Flaniermeilen Bayerns. Die Häuser wurden im Biedermeierstil errichtet und viele der bunten Fassaden stammen vom Architekten Emanuel von Seidl, der sie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gestaltete.

In der berühmten Flaniermeile darf natürlich auch der überall präsente Blick auf die Berge nicht fehlen, die tatsächlich immer eine gewisse blaue Färbung behalten. Links ist das Rathaus zu sehen.

Das Ende des Blauen Reiters

Die Hochphase der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ dauerte zwar nur sechs Jahre, zwischen 1908 und 1914, doch sie war sehr intensiv und einflussreich für die Malerei im Besonderen und die Kunst im Allgemeinen. Während dieser Zeit hielten sich die Mitglieder immer wieder im Blauen Land auf.

Der Erste Weltkrieg beendete die Zusammenarbeit der Künstlerinnen und Künstler des Blauen Reiters. Während Franz Marc und August Macke im Krieg fielen, verließen Münter, Kandinsky, Jawlensky und von Werefkin Deutschland vorerst.

Doch auch in Murnau blieb nicht immer alles idyllisch, von den 1920er Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war der Ort ein wichtiger Stützpunkt der Nazis. Heute kommen sehr viele Touristen nach Murnau. Deswegen haben es die Einwohner auch abgelehnt, sich an der Bewerbung für den UNESCO Weltnaturerbe-Titel zu beteiligen.

Meine Gedanken zum Aufenthalt im Blauen Land und Ausblick

Ich fand es spannend, eine Kunstreise ins Blaue Land zu unternehmen. Für mich atmete fast jede Ecke, jede Wiese und jeder Baum Kunstgeschichte. Die Ausstellungen in den Museen waren spannend und lehrreich und die Motive für die Kunstwerken, die überall in den Orten und Landschaften verstreut sind, konnte ich wie in einem Freiluftmuseum betrachten.

In den kommenden Wochen plane ich, in einer losen Folge, weitere Beiträge zu den Künstlerinnen und Künstlern des Expressionismus im Blauen Land zu schreiben.

Quellen

Titelfoto: "Der Blick auf Murnau", Fotorechte: Dario schrittWeise
Engels, Sybille und Trischberger, Cornelia: "Der Blaue Reiter. Die Künstler, ihr Leben, ihre Zeit.", München, London, New York, 2016
https://www.faz.net/aktuell/stil/drinnen-draussen/wieso-die-bewohner-von-murnau-keinen-unesco-welterbe-titel-wollen-16669557.html
https://schlossmuseum-murnau.de/de/gabriele-muenter
https://www.murnau.de/de/gabriele-muenter.html
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/der-blaue-reiter
https://www.ndr.de/info/sendungen/mikado/Wer-war-eigentlich-Der-blaue-Reiter,wwederblauereiter101.html

18 Kommentare zu „Der Expressionismus im Blauen Land

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  1. Ein sehr umfangreicher Bericht.
    Gabriele Münter, „Bildnis Marianne von Werefkin, 1909“,
    ist ein sehr bekanntes Werk der Münter.

    Kandinskys späteres ungegenständliches Werk sah ich mir in München vor etwa 10, 12 Jahren an. Das gab mir damals einen besseren Zugang zu dem vorher für mich sperrig erschienenen Werk.

    Das Aufsuchen eines Wohnorts eines bekannten Künstlers war bei mir in Sedona der Fall. Max Ernst wohnte dort in seinen späten Jahren. Auch da spürte ich sozusagen die Gegenwart des Meisters.

    Liebe Grüsse
    Gerhard

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    1. Hallo Gerhard, über Münter werde ich voraussichtlich später noch einen Beitrag schreiben. Kandinskys Bilder sind in der Murnauer Zeit noch einigermaßen gegenständlich gewesen, soweit ich es erkennen konnte, obwohl sie einigen zeitgenössischen Kollegen zu abstrakt war (z.B. der „Neuen Künstlervereinigung München“). Später sind sie noch abstrakter geworden.

      Ich finde es faszinierend, wenn ich die Gelegenheit habe und ich mir genug Zeit nehmen kann, um regelrecht in eine Kunstepoche einzutauchen. Wer sich für die Kunst des Expressionismus und insbesondere des Blauen Reiters interessiert, wird in den Museen des Blauen Landes auf jeden Fall auf ihre/seine Kosten kommen.

      Sedona klingt auch sehr verlockend. Wie lange warst du in der Gegend? Danke dir, liebe Grüße und einen schönen Abend, Dario

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      1. In Sedona war ich nur ein paar Stunden. Das war eine Rundreise. Ich wusste aber, daß er hier geweilt hatte.

        Deien intensive Beschäftigung mit dem Blauen Reiter erinnert mich an meine der Kunst der Maya.
        In den 90ern gab es eine Ausstellung in Köln, vielleicht 94.
        Ich fuhr dann 96 nach Mexiko, bereitete mich aber einige Monate auf die Maya vor. Ich hatte daszu 3 voluminöse Bände.

        Schönen Abend Dir
        Gerhard

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  2. Lieber Dario, danke dir für diesen spannenden und sehr, sehr interessanten Beitrag über den Expressionismus im „Blauen Land“ und seine Künstler. Besonders interessant finde ich, wie du dich in die Lage der Künstler hineinversetzt hast. Ich habe gleich großen Wunsch bekommen, hinzufahren, um mich auch von der Gegegend inspirieren zu lassen.
    LG, Sophie Mai

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Sophie, es freut mich, dass dir mein Beitrag gefällt. Ich konnte auch gut nachvollziehen, warum die Künstler/innen des Blauen Reiters gerne dort gelebt haben. Liebe Grüße und einen schönen Abend, Dario 🙂🍀🏞️🖌️🎨🖼️👩‍🎨👨🏼‍🎨

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  3. Danke für die Info. Diese Region regt wirklich zu künstlerischem Schaffen an. Ich glaub ich zieh doch noch um. Lol Wüsche dir ein schönes, erholsames Wochenende, Dario! Pass auf dich auf, das Virus ist immer noch unterwegs. ;-( Die „Unbelehrbaren“ die denken, dass es das Virus nicht gibt auch. Was da wohl die größere Gefahr darstellt? ;-( LG Michael

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    1. Hallo Michael, ich finde es immer wieder anregend, den Ursprüngen von bestimmten Kunstrichtungen nachzuspüren. Die Gegend ist sehr inspirierend, wenn auch normalerweise recht überlaufen. Und was die andere Sache anbelangt: in Krisenzeiten zeigt sich der wahre Charakter von Menschen. Am besten, man bleibt zu Hause und liest unsere Blogbeiträge, das ist am sichersten 😅😉 Liebe Grüße, Dario

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      1. Danke für den virtuellen Ausflug. Ja, mal abgesehen vom Wetter, muss man hier auch noch nicht unbedingt raus. Abgesehen davon, dass ich mich hier nicht gefährdet ansehe, muss ich ja bei einem hoch ansteckenden Virus (Masern u. Windpocken sind ja ebenfalls sehr ansteckend. Die Leute müssten sich also etwas vorstellen können.) nicht ggf. andere anstecken. Ich war in meiner Vergangenheit einige Jahre im Internat. Da lernt man auch, dass man – so gerne man raus möchte – einfach nicht raus darf. Lol LG Michael

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