Kurze Geschichten finde ich faszinierend und herausfordernd zugleich. Sie sind wie kleine Funken, die im Wald umherfliegen. Oft sind sie Betrachtungen von kleinen Szenen oder Gedanken, die aus dem Leben gegriffen sind. Die einzelnen Geschichten umfassen meistens nur wenige Sätze.
Ich finde es angenehm, Momentaufnahmen des Alltags manchmal statt mit dem Fotoapparat auch mal schriftlich oder zeichnerisch festzuhalten. Der Stift und das Notizbuch dienen dabei als Ersatz für die Fotokamera.
Zur Herausforderung gehört es auch, einen Augenblick interessant einzufangen, unabhängig davon, wie banal er zunächst auf mich wirken mag.
Momentaufnahmen als Textfunken
Die U-Bahn-Fahrt
Eine Zeitlang saß ich alleine in einem leeren U-Bahn-Waggon. Erst später stiegen weitere Fahrgäste hinzu. Die moderne Gesellschaft transportierte die Passagiere wie Gespenster durch dunkle Höhlen.
Vor dem Zahnarztbesuch
Ich wartete beim Zahnarzt auf meinen Termin. Würde das Bohren weh tun? Ich freute mich jedenfalls nicht darauf. Andere Patienten warteten ebenfalls auf ihren Rendezvous mit dem heißen Stuhl. Der chemische Geruch eines Reinigungsmittels setzte sich in meiner Nase fest.
Nach dem Zahnarztbesuch
Nach meinem Termin fühlte ich mich entspannter. Die Zeit auf dem insektenartigen Stuhl verlief schneller als befürchtet. Das Licht der beweglichen Lampe blendete mich, der Stich der Spritze erinnerte mich an einen Bienenstich. Leider nicht an den essbaren. Danach brummte und knackte es in meinem Mund. Doch bald war es vorbei.
Mittagspause
In der Mittagspause genoss ich die Sonne des Nachmittags. Ein warmer Herbsttag verwöhnte die Stadtbewohner und mich. Mir taten die wenigen Ruhemomente im trubeligen Alltag gut.
Der Wochenmarkt
Ich besuchte mal wieder den Wochenmarkt im Viertel. Wie jede Woche versammelten sich geschätzte 10 Stände um einen kleinen Platz. Kleine Händler, Bäcker, Olivenölverkäufer, Gemüse- und Obstverkäufer, kamen hier alle sieben Tage zusammen. Ich führte kleine Gespräche mit den Händlern, die immer für einen witzigen Spruch gut waren.
Die Zeitumstellung
Vor einigen Tagen stellten wir wieder die Zeit um. Ein amüsanter Gedanke, wie ich fand. Als ob man die Zeit zurück- oder vordrehen könnte. Wie ein Zeitreisender. Könnten wir die Zeit manipulieren oder nur unsere Wahrnehmung? Wer manipulierte hier wen?
Die Blätter im Park
Ich bewunderte die Herbstfarben des naheliegenden Parks. Die herabfallenden Blätter flogen umher. Rot, braun, gelb, orange … die Farbpalette der Jahreszeit versetzte mich ins Staunen. Wenn ich über das Laub lief, fühlte ich mich gut aufgehoben. Eine Familie feierte Kindergeburtstag auf der Wiese. Der kleine Jubilar war 4 Jahre alt geworden, wie mir ein Luftballon verraten hatte.
Das letzte Eis
Die kleine Eisdiele an der Ecke verkaufte ihre letzten Eiskugeln. Der Pudel durfte nicht mit in den Laden. Er bellte, als ein Bernhardiner die Straße vor ihm überquerte. Doch dieser beachtete ihn nicht und folgte entspannt seiner Besitzerin. Wenige Minuten später verließen zwei Geschwister das Eiscafé mit reichlich Kugeln in ihren Eiswaffeln. Sie banden den Hund los. Der Pudel freute sich sichtlich und folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Der Besitzer der Eisdiele verschloss die Tür. Der Sommer war vorbei.
Regenpfützen
„Platsch! Platsch!“ Der Regen hinterließ Pfützen auf dem Asphalt. Die Häuser und der bewölkte Himmel spiegelten sich darin. Passanten und Autos fuhren darüber. Das Geräusch der Regentropfen erfreute mein Gemüt.
„Platsch!“
Die drei Krähen
Am frühen Morgen beobachtete ich drei pechschwarze Krähen, die um ein Stückchen Essen kämpften. Einer der Vögel hielt ein Päckchen im Schnabel – ich konnte es nicht deutlich erkennen. Die anderen beiden verfolgten ihn. Sie gehörten zu den Krähen, die die Mülleimer der Stadt nach Essbaren durchsuchten. Auch eine Folge der Ausbreitung des Menschen, worunter die Natur leiden musste.
Titelfoto
Verwachsen, Fotorechte: Dario Schrittweise
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Hallo Dario,
schöne Textfunken in den Herbst, wie die Eisdiele schließt, die bunten Blätter fallen und der Zahnarztbesuch überstanden ist.
Das Titelbild ist wohl aus dem Katharinenkloster?
Gute Zeit im Spätherbst wünscht herzlich
Bernd
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Hallo Bernd, gut beobachtet, ja, das Foto ist im Innenhof des Katharinenklosters entstanden, im Außenbereich des Zeitungscafés. Danke, dir auch eine gute Herbstzeit, LG, Dario
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Immer wieder erstaunlich wie viel an Atmosphäre man in so einem Textwinzling unterbringen kann.
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Hallo Myriade, das begeistert mich auch, es sind kurze Geschichten, die die Fantasie anregen. Liebe Grüße, Dario 🙂
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Fein eingefangene Stimmungen. 🙂
Liebe Grüße Ariana
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Danke dir, Ariana. Liebe Grüße und einen entspannten Abend, Dario 🙂
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lieber dario, ich mag diese kleinen erlebnissplitter sehr gerne. schön von dir und deinem erleben zu lesen. lg poetin
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Hallo poetin, das freut mich sehr. Und wie immer, die Frage bleibt offen, was Realität und was Fiktion ist. Liebe Grüße! 🙂🍂🍁🍃🍄
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