Bossa Nova – im Rhythmus der Wellen

Der Atlantik umspült den langen, weißen Sandstrand. Die Sonne sorgt für eine ausgelassene Stimmung. Fröhliche Menschen suchen im türkisblauen Wasser Abkühlung. Die Strandbesucher lachen, rennen, spielen Ballspiele. Der warme Sand umschmeichelt ihre Zehen. Strandverkäufer bieten den Badegästen gefälschte Markenuhren und Schmuck an. Manchmal finden sie Abnehmer für ihre Waren, insbesondere wenn sie kalte Getränke oder frisches Obst verkaufen. An den Strandbars trinken Gäste Cocktails und Kokosnusswasser. Sie flirten und tanzen, genießen das Leben. Im Radio ertönt die berühmte Melodie des Liedes „Chega de Saudade“ des brasilianischen Gitarristen und Sängers João Gilberto. „Chega de Saudade“ wurde 1958 von Komponisten Antônio Carlos Jobim (Musik) und Vinícius de Moraes (Text) geschrieben und gilt als das erste Lied, das vollständig als ein Bossa Nova-Song bezeichnet werden kann.

Link zum Youtube-Video „Chega de Saudade“

Sugarloaf Sunrise 2
„Sugarloaf Sunrise 2 – Sonnenaufgang des Zuckerhuts“, Fotograf: Donatas Dabravolskas (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Ursprünge des Bossa Nova und Brasilien im Aufbruch

„Bossa Nova“ kann als „neue Welle“ oder „neues Ding“ übersetzt werden. Mit „Bossa“ wurden in Brasilien Anfang des letzten Jahrhunderts auch „neue Trends“ bezeichnet. In Brasilien waren die 1950er Jahre eine Zeit der Neuerungen, der Er-neuerung und des Aufbruchs.

Im Jahr 1956 wurde das Schauspiel „Orfeu da Conceicão“ von Vinicius des Moraes in Rio de Janeiro uraufgeführt. Die Musik stammte aus der Feder von Antonio Carlos „Tom“ Jobim und das Bühnenbild schuf der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer. Alle drei waren auf ihre Art an der kulturellen und künstlerischen Modernisierung Brasiliens beteiligt: Tom Jobim und Vinicius de Moraes waren maßgeblich für die Entwicklung des neuen Musikstils „Bossa Nova“ verantwortlich und Niemeyer schuf die wichtigsten Gebäude für die neue Hauptstadt Brasilia des Stadtplaners und Architekten Lucio Costa. Für den damaligen Präsidenten Juscelino Kubitschek sollte das Prestigeprojekt Brasilia ein Symbol des Aufbruchs Brasiliens in eine bessere Zukunft sein.[1]

Palacio Alvorada commons
Alvorada-Palast in Brasilia (Amtssitz der brasilianischen Präsidenten), von Oscar Niemeyer entworfen, Fotograf: Thum_Fel [GFDL oder CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons]

In jenen Jahren blicken die Brasilianer hoffnungsvoll in die Zukunft. Die Wirtschaft blüht langsam auf, die brasilianische Nationalmannschaft wird 1958 mit dem damals jungen Pelé zum ersten Mal Weltmeister. Bossa Nova revolutionierte die brasilianische Musikszene, die Jugend war der verstaubten Samba-Musik überdrüssig.[2]  Der neue Musikstil war die Titelmelodie des aufstrebenden Staates und Kubitschek wurde auch als „Bossa-Nova-Präsident“ bezeichnet.[3]

„Orfeu negro“ – der moderne Orpheus

1959 erschien der französisch-brasilianische Film „Orfeu negro“, der auf dem Theaterstück „Orfeu da Conceição“ von Vinícius de Moraes basierte. Regie führte Marcel Camus und beim Drehbuch unterstützten ihn Jacques Viot und Vinícius de Moraes. Darin versetzten die Autoren den antiken Mythos von Orpheus und Eurydike in die zeitgenössischen Favelas und zur Zeit des Karnevals in Rio. Antônio Carlos Jobim und Luiz Bonfá waren für die Filmmusik verantwortlich und verwendeten bereits Melodien der neuen Musikrichtung, die am entstehen war. Einige der berühmtesten Titel des Films, „A Felicidade“ und „Manhã de Carnaval“, können ebenfalls als erste Bossa Nova-Stücke angesehen werden.[4] Beim Filmfestival in Cannes wurde „Orfeu negro“ 1959 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Ein Jahr später, 1960, bekam er zwei weitere große Filmpreise: den Oscar als „bester ausländischer Film“ und den Golden Globe als „bester fremdsprachiger Film“.[5]

Orfeu Negro, 1959
Filmplakat „Ofreu negro“, Künstler: Helmuth Ellgaard (1913-1980) – Familienarchiv Ellgaard [CC BY 3.0, via Wikimedia Commons)

Desafinado – schräge Töne und unaufgelöste Dissonanzen

Oft wird Bossa Nova als Mischung aus Samba und Jazz bezeichnet, jedoch enthält der Musikstil auch viele andere Einflüsse wie beispielsweise der klassischen Musik und der brasilianischen Volksmusik. Unverkennbar sind der „weiche, fließende Charakter“ der Musik sowie die „vielen unaufgelösten Dissonanzen und der ständige Wechsel zwischen Dur und Moll“. Die Grundstimmung ist meist melancholisch und gleichzeitig beschwingt, der Rhythmus „vermeidet schwere Akzente“, wodurch manchmal beim Zuhörer der Eindruck entsteht, dass der Sänger schräg singt und der Gitarrist die Akkorde verpasst. [6]

Die anfangs häufig negativen Kritiken veranlassten Tom Jobim 1958 das Bossa-Nova-Lied „Desafinado“ (Portugiesisch für „verstimmt; unmusikalisch“) zu komponieren. Den Text schrieb der Dichter und Pianist Newton Mendonça. Es wurde von João Gilberto zuerst auf seiner Single im November 1958 und 1959 auf seinem Album „Chega de Saudade“ veröffentlicht. Der Text enthält erstmals das Wort „Bossa Nova“, womit der Stil auch offiziell einen Namen bekommen hat. Die Erfolge der ersten Lieder und der viel beachtete „Orfeu negro“ lenkten auch die Aufmerksamkeit des internationalen Publikums auf die neue Musikszene.

Desafinado: Verstimmt/Unmusikalisch
Komponist: Antônio Carlos Jobim
Text: Newton Mendonça
Link zum Lied auf Youtube

Wenn du mir sagst, meine Liebe, dass ich anti-musikalisch bin,
Musst du wissen, das schmerzt mich sehr.
Nur Privilegierte haben ein Gehör wie du,
Ich habe lediglich was Gott mir gegeben hat.

Wenn du darauf beharrst, mein Verhalten
Als anti-musikalisch zu bezeichnen,
Muss ich – selbst auf die Gefahr hin zu lügen – entgegnen,
Dass dies Bossa Nova ist, und dass dies sehr natürlich ist[7]

Was du nicht weißt und auch nicht ahnst,
Ist, dass die Unmusikalischen auch ein Herz haben.
Ich habe dich mit meiner Rolleiflex fotografiert,
Und dabei ist deine riesige Undankbarkeit zum Vorschein gekommen.

Aber so kannst du nicht über meine Liebe sprechen
Es ist die größte, die du finden kannst, weißt du das?
Du mit deiner Musik hast das Wichtigste vergessen…
Dass in der Brust der Unmusikalischen
Ganz tief in der Brust leise schlägt…,
Dass in der Brust der Unmusikalischen
Auch ein Herz schlägt… [8]

Quellennachweise

[1] Schlicke, Cornelius: "Salsa rica Tango caliente. Eine musikalische Reise durch Lateinamerika“, Berlin 2012, S. 272f.
[2] http://www.tagesspiegel.de/kultur/bossa-nova-der-klang-von-ipanema/6251194.html (zuletzt abgerufen am 29.06.2017)
[3] Schlicke, Cornelius: "Salsa rica Tango caliente. Eine musikalische Reise durch Lateinamerika“, Berlin 2012, S. 272f.
[4] Schlicke, Cornelius: "Salsa rica Tango caliente. Eine musikalische Reise durch Lateinamerika“, Berlin 2012, S. 280
[5] Schlicke, S. 280
[6] http://www.tagesspiegel.de/kultur/bossa-nova-der-klang-von-ipanema/6251194.html (zuletzt abgerufen am 29.06.2017)
[7] Übersetzung, Teil 1, nach: Schlicke, Cornelius: "Salsa rica Tango caliente. Eine musikalische Reise durch Lateinamerika“, Berlin 2012, S. 283
[8] Übersetzung, Teil 2, nach: http://lyricstranslate.com/de/desafinado-unmusikalisch.html-0 (zuletzt abgerufen am 29.06.2017)

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