Versteckte Reutlinger Gassen

Reutlingen hat einen kuriosen Eintrag im „Guinnessbuch der Rekorde“, der besonderes bei ausländischen Touristen sehr beliebt zu sein scheint. Bei einem Stadtrundgang werden die Reiseleiter von ihren Touristengruppen immer gebeten, diesen Ort zu zeigen. Auch ich hatte zunächst Mühe, bei meinem Besuch in Reutlingen letztes Wochenende, die besondere Stelle zu finden. Schließlich entdeckte ich in der Spreuerhofstraße 9 ein unscheinbares Hinweisschild zwischen zwei Gebäuden, die so dicht beieinanderstehen, dass der winzige Spalt nicht sofort erkennbar ist. Genau um diese Stelle geht es aber, dafür hat die Stadt Reutlingen 2007 den Weltrekord verliehen bekommen.

Nach dem großen Brand von 1726, der die ganze Stadt erfasste, musste Reutlingen wiederaufgebaut werden. Im Züge dessen entstand auch in Spreuerhofstraße 9 diese schmale Gasse von 31 Zentimetern. Der enge Durchgang gilt offiziell als eine Straße, weil er als „öffentlicher Grund“ eingetragen ist. Somit trägt das 3,80 Meter lange Gässchen den Titel der „engsten Straße der Welt“.[1]

Spreuerhofstraße 9, „die engste Straße der Welt“ (Fotorechte: schrittWeise)

Marienkirche

Das kulturelle Highlight von Reutlingen ist in meinen Augen an einer anderen Stelle zu finden: Sehr beeindruckt hat mich die gotische Marienkirche. Im Jahr 1247 stand damals kurz zuvor zur Reichsstadt erhobenes Reutlingen unter Belagerung von Heinrich Raspe von Thüringen, dem Gegenkönig von Konrad IV. Die Bürger sollen gelobt haben, zu Ehren Mariens eine Kirche zu bauen, wenn sie ihnen hilft, die Stadt zu befreien. Die gegnerischen Truppen konnten vertrieben werden und die Grundsteinlegung für eine „herrliche Kapelle innerhalb der Mauern“ begann noch im gleichen Jahr. Der Legende nach sollen die Belagerer einen Rammbock hinterlassen haben, der für die Vermessung der Kirchenlänge verwendet wurde. 1343 erfolgte die Weihe der fertigen Kirche, die in mehreren Details Ähnlichkeiten mit der Kathedrale Notre-Dame in Paris sowie dem Straßburger Münster aufweist.[2]

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Reste der Stadtmauer und Zunftbrunnen

Vermutlich um das Jahr 1180 verleiht der Staufer Friedrich Barbarossa dem Ort das Marktrecht. Kaiser Friedrich II. erklärt Reutlingen zwischen 1220 und 1240 zur Freien Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und sichert diese mit Türmen, Befestigungsmauern und Gräben.[3]

Heute sind noch einige Reste der reichsstädtischen Mauer erhalten, die von den Stadtplanern in das Stadtbild eingefügt worden sind. Von den Türmen können noch der Eis-, Kessel- sowie der Zwingerturm besichtigt werden. Zudem konnten noch zwei Tore die Zeiten überdauern: das Tübinger und das Gartentor.

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Ein Blickfang ist auch der Zunftbrunnen in der Oberamteistraße neben dem Hauptportal der Marienkirche. Der Brunnen wurde 1983 von dem Aachener Bildhauer Bonifatius Stirnberg erstellt. Darin werden 12 Handwerker dargestellt, die die um 1500 entstandenen 12 Reutlinger Zünfte verkörpern. Die Handwerksgruppen waren Bäcker, Tucher, Metzger, Weingärtner, Karcher, Küfer, Krämer, Kürschner, Schuhmacher, Schmiede, Schneider und Gerber. Sie übten bis zur ihrer Auflösung im Jahr 1862 wirtschaftliche und politische Macht aus und waren Vorgänger der heutigen Handwerksinnungen.[4]

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Spitalhof

Architektonisch hat mich auch der Spitalhof am Marktplatz beeindruckt. Das 1333 erstmals urkundlich erwähnte Spital diente zunächst als Krankenanstalt und später als Altersheim. In der Zeit von 1922 bis 1978 wurde der „Neue Spital“ als Volksbildungshaus verwendet. Unter dem Dachgesims wurde im Mittelalter ein Prangerbild angebracht. Rechts neben dem Haupteingang befindet sich die Spitalkirche. Heute finden im Innenhof verschiedene Veranstaltungen statt, unter anderem treten hier die Schauspieler des Reutlinger Theaters „Die Tonne“ auf und im Sommer werden darin Kinofilme gezeigt.[5]

Marktplatz mit dem Spitalhof – rechts (Fotorechte: schrittWeise)

Auf den Spuren des Achalmvogtes

Reutlinger Hausberg Achalm (Fotorechte: schrittWeise)

Am Sonntag habe ich noch die Achalm, den 707 m hohen Hausberg Reutlingens „erklommen“. Auf der Achalm lebte bis in das 15 Jahrhundert der Achalmvogt, der im Mittelalter rechtlich und wirtschaftlich über die Stadt bestimmte. Heute können noch die Überreste des im 11. Jahrhundert errichteten, namensgebenden Bergfrieds besichtigt werden. Die Achalmburg zerfiel bereits im 15. Jahrhundert und wurde im Dreißigjährigen Krieg vollständig zerstört. Vom 18 m hohen Aussichtsturm, der 1838 auf den Fundamenten der Burg gebaut wurde, bietet sich dem Spaziergänger eine schöne Aussicht auf die Stadt, die Schwäbische Alb und den Schwarzwald.[6]

Blick vom Aussichtsturm der Achalm auf Reutlingen (Fotorechte: schrittWeise)

Links

[1] http://www.spiegel.de/panorama/rekord-spreuerhofstrasse-in-reutlingen-ist-die-engste-strasse-der-welt-a-842301.html (zuletzt abgerufen am 18.07.2017)
[2] http://www.stiftung-marienkirche.de (zuletzt abgerufen am 18.07.2017)
[3] https://www.reutlingen.de/12989 (zuletzt abgerufen am 18.07.2017)
[4] https://www.tourismus-bw.de/Media/Attraktionen/Zunftbrunnen-Reutlingen (zuletzt abgerufen am 18.07.2017)
[5] http://www.tourismus-reutlingen.de/freizeit-kultur/sehenswertes/reutlingen/locator/spitalhof.html (zuletzt abgerufen am 20.07.2017)
[6] http://www.tourismus-reutlingen.de/freizeit-kultur/sehenswertes/reutlingen/locator/achalm-und-burgruine-1.html (zuletzt abgerufen am 18.07.2017)

2 Kommentare zu „Versteckte Reutlinger Gassen

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