Kielspuren im Meer

Caminante (Der Wanderer)

 

Wanderer, deine Spuren
sind der Weg, sonst nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
Weg entsteht im Gehen.
Im Gehen entsteht der Weg,
und wendet man den Blick,
sieht man den Pfad, den man
nie mehr betreten wird.
Wanderer, es gibt keinen Weg,
nur Kielspuren im Meer.

Autor: Antonio Machado (1875  – 1935)[1]

Machados Gedicht „Caminante“ schwirrt mir schon länger durch den Kopf und begleitet mich beim Wandern und Pilgern. Der in Sevilla geborene Dichter Machado beschreibt mit seinem Gedicht „Caminante“ Wege eines Wanderers, die nur einmal begangen werden können. Seine Pfade sind nicht vorgegeben, sie entstehen, wenn der Wanderer sich in Bewegung setzt. Unsere Lebensspuren sind wie die Wege des Wanderers.

Antonio Machado arbeitete als Französischlehrer an Gymnasien. Seine Dichtung lässt nach dem Ersten Weltkrieg und während der spanischen Republik seine liberale Überzeugung erkennen. Während des Spanischen Bürgerkrieges (1936 – 1939) stellte er sich in den Dienst der „rechtmäßigen republikanischen Regierung“. Antonio Machado starb 1939 in Südfrankreich auf der Flucht. Der Spanier gilt als einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts.[2]

 Ein Wanderweg in Frankreich (Fotorechte: schrittWeise)

Der Weg des Lebens

Einmal Betretenes kann nicht wieder betreten werden. Wir können immer nur vorwärts gehen. Auch wenn wir versuchen, den bereits zurückgelegten Weg erneut zu laufen, erleben wir diesen anders als vorher. Denn wir sind anders geworden. Der kleine Hügel von unserer letzten Wanderung hat sich vielleicht minimal verändert, wir erfahren jedoch den Hügel anders als damals. Auf diese Weise gehen wir auch in unserem Alltag jedes Mal anders mit den Situationen und unseren Mitmenschen um.

Vergängliche Spuren im Meer

Die Frage stellt sich auch, was von unseren Lebenswegen übrig bleibt. Sie sind laut Machado wie „Kielspuren im Meer“, sie sind vergänglich wie Fußabdrücke im heißen Wüstensand, die vom Wind wieder aus dem kollektiven Gedächtnis der Geschichte verweht werden.

Die Vergänglichkeit begleitet uns auf dem Weg des Lebens. Sie erinnert uns daran, dass nichts von Bestand ist. Nichts können wir ungeschehen oder rückgängig machen. Nichts können wir für immer bewahren. Wir sollen im Hier und Jetzt leben, meist nach vorne blicken und frohgemut vorwärts schreiten. Denn aus Kielspuren im Meer können nur kurzzeitig Erkenntnisse gewonnen werden. Sie verblassen und verschwinden so schnell wie sie entstanden sind. Vergänglich wie die weiße Schaumkrone der Wellen.

„Kielspur im Meer“ (Fotorechte: schrittWeise)

Quellenangaben

[1] Wachinger, Kristof [Hrsg.]: "Spanische Gedichte vom 15. bis zum 20. Jahrhundert", München 2004, S. 112/113
[2] Wachinger, S. 177

3 Kommentare zu „Kielspuren im Meer

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  1. Toll! Das Gedicht und der Beitrag gefällt mir wirklich gut. Das regt zum tiefen Nachdenken an.
    Ich frage mich nur, ob wir wirklich anders mit den Situationen und den Menschen im Alltag umgehen bzw. umgehen können? Ist es nicht eher so, dass wir von Gewohnheiten und Erfahrungen geprägt sind, manchmal durch Glaubenssätze regelrecht blockiert sind? Es dauert schon ein wenig, alte Gewohnheiten loszulassen und durch neue, günstigere zu ersetzen.
    Die Spuren mögen vielleicht schnell wieder verblassen, aber wenn es uns wichtig ist einen Weg zu verfolgen, dann werden wir die Spur wiederfinden. Neue Türen werden sich öffnen und unsere Spur wird sich erweitern, zu neuen – ungeahnten – Möglichkeiten.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für den Kommentar, SL :-). Die alten und hinderlichen Gewohnheiten sind schwer zu durchbrechen, gewiss, aber es lohnt sich, daran zu arbeiten. Ich denke, dass auch wenn wir versuchen würden, alte Wege wiederaufzunehmen, wir dies nur teilweise tun können. Ich finde jedoch, dass es sich nicht wirklich lohnt, zu viel Zeit mit Nachdenken über die Vergangenheit zu verbringen. „Aus Vergangenheit lernen, im Jetzt leben“, soll das Motto sein.

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