Die Begegnung in den Ruinen [4.1]

Mit dieser Erzählung wird die Reihe „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge“ fortgesetzt.

Kleiner Rückblick: Alrond, Wad und Sellur folgten den Spuren der Angreifer von Phoenixstein und fanden eine unterirdische Ruinenstadt. Auf dem Weg zum Stadttor begegneten sie einer sprechenden Schildkröte, die sie davor warnte, die Stadt Nahraan zu betreten.

Die Erzählung „Die Begegnung in den Ruinen“ ist der vierte Teil der Reihe „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge“.

Was bisher geschah

Die Begegnung in den Ruinen [4.1]

Alrond betrachtete den vermoderten Torflügel, während Wad und Sellur die Ruinenstadt betraten. Er erkannte Einbruchspuren.
„Da hat sich jemand mit Gewalt Zutritt verschafft“, konstatierte er.
„Sind das diese seltsame Gestalten, über die die Schildkröte Baderro gesprochen hat?“, fragte Wad. „Alrond, du hast gesagt, dass du zwei von ihnen kennst?“
„Ja, ich hatte eine hässliche Begegnung mit dem Geschwisterpaar. Das sind zwei gefährliche Wechselinge.“
„Was sind Wechselinge?“, wollte Wad wissen.
„Wechselbalge, Gestaltwandler“, antwortete Sellur. „Ich habe auch von diesem Geschwisterpaar gehört. Die beiden arbeiten als Söldner oder Kopfgeldjäger, je nachdem, wer mehr zahlt. Und sie gehen nicht gerade zimperlich mit ihren Auftragszielen um.“
„Ich staune immer mehr, wie viel du weißt“, sagte Alrond spöttisch. „Händler, die ich kenne, sind in der Regel wesentlich schlechter informiert als du.“
„Ich komme viel herum“, lächelte Sellur geheimnisvoll. „Nun gehen wir aber weiter, hier sind wir leichte Beute.“
„Ahh, jetzt spricht wieder der Hobbyjäger aus dir“, frotzelte der Schreiber.
„Ja, das mag sein. Gehen wir“, forderte sie Sellur auf.
Alrond und seine Begleiter betraten die Ruinenstadt Nahraan durch das Tor. Der Schreiber bewunderte die Reste der mächtigen Wehranlage, die aus schwarzem Vulkangestein bestand. Die glatt geschliffene Oberfläche reflektierte das Tageslicht, das aus der Krateröffnung in die Höhle hereinfiel. Die Umfassungsmauer erstreckte sich über mehrere Kilometer, unterbrochen nur durch vereinzelte eingestürzte Stellen.
„Sellur, kannst du die Fußspuren der Angreifer finden?“, fragte Alrond.
„Ich versuche es ja, aber ich glaube, dass sie ihre Spuren verwischt haben. Zumindest sehe ich keine auf dem sandigen Boden, was ich sehr merkwürdig finde.“
„Seht, da sind wieder diese Häuser mit riesigen Muscheln und Schneckenhäusern anstelle eines Daches“, stellte Alrond fest. „Fast die ganze Stadt wurde auf diese Weise errichtet. Wenn ich es richtig sehe, reflektiert das Innere der Schneckenhäuser das Tageslicht.“
Alrond näherte sich einem der kleineren Häuser. Er sah sich das Dach von unten an. Es war ein aus Kalk bestehendes Schneckenhaus, das sich zur Spitze hin verjüngte. Die Öffnung war mit einer hellblauen, schimmernden Schicht überzogen. Die Außenwand des Hauses war mit einer grünen Moosart überzogen, wie die meisten Häuser in der Ruinenstadt.
„Ihr beiden, ich glaube, ich habe hier etwas“, sagte Sellur. „Während ihr die Architektur bewundert habt, habe ich mir den Platz vor dem Haupttor angesehen. Da hat jemand eindeutig seine Fußspuren bereinigt.“ Sellur deutete auf den Boden vor ihnen.
„Das Muster wiederholt sich.“
„Kannst du sagen, wohin sie gegangen sind?“ Alrond blickte sich ebenfalls um.
„Wenn ich es richtig sehe, sind sie die Hauptstraße entlanggegangen. Ungefähr … in diese Richtung.“ Sellur zeigte auf die andere Seite der Stadt. Dort sah Alrond ein großes Gebäude auf einem Berg über der Stadt.
Plötzlich hörte Alrond hinter sich eine weibliche Stimme.
„Vielleicht müsst ihr nicht weiter suchen.“
Hinter ihnen standen zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge. Sie hatten rotschimmernde Haare und dunkelgelbe Augen. Das Mädchen war 1,40 Meter groß und der Junge unwesentlich größer.
„Sind das die beiden Wechselinge?“, fragte Wad.
„Ja, sie sind es“, bestätigte Alrond. Er sah die beiden wütend an.
„So gefährlich sehen sie gar nicht aus“, stellte Wad fest. „Sie sehen eher harmlos und unscheinbar aus.“
„Sind wir auch. Mein Name ist Pelata und das ist mein Bruder Terann. Und wir sind keine Wechsel … linge, was auch immer das sein mag.“
„Ja, wir haben uns verirrt. Könnt ihr uns helfen, den Ausgang aus der Höhle zu finden?“, fragte sie Terann. Er wirkte wie ein verzweifelter kleiner Junge.
„Lasst euch nicht einlullen. Sie sind nicht so unschuldig, wie sie aussehen. Ganz und gar nicht. Und sie heißen Arzatoë und Gedan.“
„Nein, lieber Herr, Sie müssen sich irren“, sagte das Mädchen.
„Bist du sicher, dass sie diese Wechselinge sind, denen du vor einigen Monaten begegnet bist?“, fragte Sellur Alrond. „Die beiden sehen wirklich wie zwei verirrte Kinder.“
„Glaubt ihnen bloß nicht, sie hecken bestimmt etwas aus“, Alrond sah sich misstrauisch um. „Sie stecken bestimmt hinter den Ereignissen aus Phoenixstein.“
„Ich glaube, du übertreibst. Bestimmt hast du schon vergessen, wie sie aussehen.“ Wad wandte sich an die beiden Neuankömmlinge: „Wie seid ihr denn hierher gelandet?“
„Wir haben im Wald gespielt. Dann haben wir einen Dachs gesehen und sind ihm in seinen Erdbau gefolgt. So sind wir in diese Höhle gelangt. Und jetzt finden wir nicht mehr heraus.“ Der Junge blickte sie traurig an.
Alrond hörte hinter sich ein Geräusch. Schritte. Er drehte sich um. Ein Schwindelgefühl ergriff ihn.

Fortsetzung folgt

Titelfoto: Im Krater der Ruinenstadt, Fotorechte: Dario Schrittweise

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