Kurzhörspiel „Das Artefakt“ [2/4]

Im ersten Teil meines Drehbuchs für das Kurzhörspiel „Das Artefakt“ habe ich erzählt, wie Jack und Robert zu Art Masterson gegangen sind, um ihm einen merkwürdigen Gegenstand zu zeigen. Kaum haben sie ihm die zwielichtigen Umstände erklärt, unter welchen das Artefakt gefunden wurde, schon klopfte jemand ungeduldig an die Tür von Arts Werkstatt.

Kurzhörspiel „Das Artefakt“

Teil 2: „Alphabetum Kaldeorum“

Stimmen

Art Masterson: Besitzer einer Werkstatt, übernimmt manchmal auch kleinere Überwachungsaufträge für Jack
Dr. Dana Figuera: Literaturwissenschaftlerin, eine Freundin von Art
Dr. Klara Polikova: Linguistin, Kollegin von Dana
Jack Holland: Anwalt, ein Freund von Robert und Art
Robert Jenkins: Kunstrestaurator
Joan Timor: Radiomoderatorin, Wetteransagerin

3. Szene: Im Diner

(Laute Hintergrundgeräusche. Gäste eines Bostoner Diners reden durcheinander. Klirren der Teller und des Bestecks. Im Hintergrund läuft leise Musik aus der Jukebox im Diner. Musikvorschlag: Nina Simone „I Put A Spell On You“)

Dana Figuera: „Hallo Art, schön dich wiederzusehen. Wie lange ist es schon her? Sechs oder sieben Monate?“
Art Masterson: „Fünf, denke ich. Gut siehst du heute aus, Dana.“
Dana Figuera: (lacht) „Art, charmant wie immer. Bestimmt brauchst du wieder etwas!“ (lacht noch ausgelassener)
Art Masterson: „Ich sage nur die Wahrheit.“
Dana Figuera: „Wie geht es dir? Leider kann ich dein Kompliment nicht erwiedern. Du siehst ziemlich mitgenommen aus. Hast du wieder Kopfschmerzen?“
Art Masterson: „Leider ja.“
Dana Figuera: (nachdenklich) „Und deine Alpträume?“
Art Masterson: (gedämpt) „Unverändert.“
Dana Figuera: (besorgt) „Mensch, Art, da musst du etwas dagegen tun. Nimmst du regelmäsig deine Kopfschmerztabletten?“
Art Masterson: (resignierend) „Sie helfen doch auch nicht. Außerdem weißt du, was ich von Medikamenten halte.“
Dana Figuera: „Leider schon. Du solltest mehr auf dich aufpassen.“
Art Masterson: „Das werde ich.“ (seine Stimmung hellt sich auf) „Jedoch bin ich nicht hier, um einen gesundheitlichen Rat einzuholen, du Hobby-Apothekerin. Es geht um eine ernste Sache.“
Dana Figuera: (gespielte Empörung) „Das habe ich mir schon gedacht. Immer, wenn du dich meldest, geht es um eine ernste Sache. Um einen deiner besonderen Aufträge.“
Art Masterson: (verteidigend) „Das stimmt nicht ganz. Gerade letztens…“
Dana Figuera: (sie unterbricht ihn lächelnd) „Ich weiß, ich mache nur Spaß.“
Art Masterson: „Außerdem bist du meine Lieblingsprofessorin für alte Sprachen.“
Dana Figuera: „Wahrscheinlich auch die einzige Expertin in dem Gebiet, die du kennst. Ich bin jedoch vorerst noch eine Doktorin. So viel Zeit muss sein. “
Art Masterson: (lacht) „Das werde ich mir merken.“
Art Masterson: „Nun ja, wie dem auch sei…“ (Pause) „Dieses Mal ist es ein wenig anders. Ich bin in einen wirklich schwierigen Fall hineingeraten.“
Dana Figuera: (besorgt) „Oh, erzähl‘. Was ist denn passiert?“
Art Masterson: „Ich bin schon fast eine Woche unterwegs. Meine Werkstatt habe ich auch vorübergehend geschlossen.“
Dana Figuera: (lacht) „Die berühmte Elektronik- und HiFi-Werkstatt von Art Masterson.“
Art Masterson: (stimmt in ihr Lachen ein) „Genau diese.“
Dana Figuera: (wieder ernst) „Wie kann ich dir dieses Mal aus dem Schlammassel helfen? Soll ich dir wieder eine präkolumbianische Tafel oder eine lateinische Inschrift übersetzen?“
Art Masterson: „Das Problem ist zwar ein wenig ähnlich und doch anders.“ (Pause. Rascheln, er holt etwas aus seiner Tasche hervor.)
Dana Figuera: „Jetzt machst du mich ganz neugierig. Was ist das? Ein Zahnrad? Es sieht sehr filigran aus.“
Art Masterson: „Ja, das ist es auch. Damit nahm das Unglück seinen Lauf. Vor ungefähr einer Woche ist Jack Holland mit einem Bekannten zu mir gekommen.“
Dana Figuera: (freudig überrascht) „Jack Holland? Wie geht es dem alten Rechtsverdreher?“
Art Masterson: „Ihm geht es gut, aber darum geht es nicht. “
Dana Figuera: „Entschuldige. Rede weiter.“
Art Masterson: „Kurz nachdem die beiden meine Werkstatt betreten haben, sind Unbekannte gekommen und haben an der Tür geklopft. Da ich niemanden erwartet habe und Jacks Freund erzählt hat, dass er verfolgt wird, wurde ich misstrauisch und warf einen Blick auf meine Überwachungskamera.“
Dana Figuera: „Wen hast du gesehen?“
Art Masterson: „Das ist es ja. Ich konnte nichts sehen. Die Unbekannten haben die Sicherheitsanlage ausgeschaltet.“
Dana Figuera: „Das klingt nicht gut…“
Art Masterson: „Das war es auch nicht. Das Klopfen ist immer lauter geworden.“ (Pause) „Da ich meine Klienten nicht in Gefahr bringen wollte, brachte ich sie durch den Hinterausgang in Sicherheit. Wir konnten die Verfolger abschütteln. Ich nahm sie mit zum Imbiss von Lee.“
Dana Figuera: „Der gute Lee, er hat immer ein gutes Wort für mich übrig. Sein Bami Goreng ist vielleicht der beste in Boston.“
Art Masterson: „Auch uns hat er an dem Abend geholfen. Zwar nicht mit guten Worten und Bami Goreng, aber er hat uns seinen Wagen geliehen. Wir konnten so unbeobachtet fliehen.“
Dana Figuera: „Wie ist es weitergegangen? Hast du den Auftrag angenommen? Seid ihr nicht zur Polizei gegangen?“
Art Masterson: „Wir sind dann zur Polizei gegangen und ich bin in einem Streifenwagen mit zwei Polizisten in meine Werkstatt zurückgekehrt.“
Dana Figuera: (neugierig) „Und? Was habt ihr gesehen? “
Art Masterson: „Leider nicht viel. Nur eine eingebrochene Tür und meine Werkstatt, die sehr verwüstet war. Die Einbrecher haben alle meine Sachen auf den Kopf gestellt. Wer auch immer diese Leute sind, sie verstehen etwas von Hausdurchsuchungen.“
Dana Figuera: „Schrecklich. Was hast du dann gemacht?“
Art Masterson: „Nachdem die Polizei meine Garage zu einem Tatort erklärt hat, bin ich in ein Hotel gegangen, weil ich meine Wohnung vorerst nicht mehr betreten kann. Außerdem wollte ich weder Familienmitglieder noch Freunde in Gefahr bringen.“
Dana Figuera: „Hm, unangenehm, aber wohl notwendig. Wie bist du weiter vorgegangen? Was konntest du bisher über das Zahnrad herausfinden?“
Art Masterson: „Ich habe es zu einem Bekannten gebracht. Er ist Experte für Untersuchungen dieser Art.“
Dana Figuera: „Was kam dabei heraus?“
Art Masterson: „Er hat vorerst nur einen Teil der Ergebnisse vorliegen.“ (Pause) „Das Zahnrad wurde aus einem Metall hergestellt, das nicht auf der Erde vorkommt.“
Dana Figuera: (lacht) „Sag‘ jetzt bloß nicht, dass du an Außerirdische glaubst!?“
Art Masterson: (lacht mit) „Das natürlich nicht. Ich glaube übrigens auch nicht an Zeitreisende oder Dimensionenwanderer. Mein Kontakt befragt seine Quellen, ob sie von ähnlichen Gegenständen oder Metallarten bereits etwas gehört haben.“
Dana Figuera: (nachdenklich) „Wie ungewöhnlich. Während wir auf weitere Untersuchungsergebnisse warten, sollten wir uns deiner Gravur widmen.“
Art Masterson: (hoffnungsvoll) „Hast du vielleicht eine Idee, um welche Sprache es sich dabei handeln könnte?“
Dana Figuera: „Ja, das habe ich eventuell. Allerdings kann ich keine sprachlichen Muster erkennen, obwohl die einzelnen Zeichen entfernt an Buchstaben erinnern.“
Art Masterson: „Was könnte es sonst sein?“
Dana Figuera: „Ich habe so ein Gefühl, würde aber gerne noch mit einer Kollegin sprechen, die sich mit Sprachwissenschaft und Kryptologie beschäftigt. Ich werde sie telefonisch vorwarnen, dass wir kommen. Lass uns gleich zu ihr gehen.“
Art Masterson: „Da bin ich gespannt. Hoffentlich kann sie uns helfen.“

(Geräusche der Dinerbesucher werden lauter. Dana und Art stehen auf und verlassen das Diner. Am Ausgang ertönt wieder die Türklingel.)

Joan Timor, Wetteransagerin: (spricht im Radio) „Liebe Leute, ich befürchte, in Boston werden wir in den nächsten Tagen nicht viel Sonne sehen. Das Wetter bleibt durchwachsen, der Regenbogen versteckt sich hinter den grauen Wolken. Das Wetter ist also perfekt fürs Hören von Radiosendungen. Bleibt uns treu und jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit unserem Musikprogramm.“ (Musikvorschlag: David Bowies „Life on Mars“)

4. Szene: Im Büro von Danas Kollegin Klara

(Im Radio läuft weiterhin David Bowies „Life on Mars“, Klopfen an der Tür.)

Klara Polikova: (nach einer kurzen Pause) „Herein.“
Dana Figuera: (fröhlich) „Hallo Klara, danke, dass du Zeit für uns gefunden hast. Das ist Art, ein guter Freund von mir.“
Klara Polikova: (Musik hört auf zu spielen. Klara spricht mit einem leichten, jedoch nicht zu überhörenden tschechischen Akzent.) „Für Freunde habe ich immer Zeit. Hallo Art, Klara ist mein Name. Es freut mich, dich kennenzulernen.“
Art Masterson: „Hallo Klara, die Freude ist ganz meinerseits.“ (Sie reichen sich zur Begrüßung die Hand.)
Klara Polikova: (ernst und konzentriert) „Dana, am Telefon klangst du sehr besorgt. Habt ihr das Zahnrad dabei, von dem du gesprochen hast?“
Dana Figuera: „Art hat es in seiner Jackentasche.“
Art Masterson: „Ja, in diesem Etui ist das Zahnrad. Wir konnten die Metallart noch nicht mit Sicherheit festlegen, ein Bekannter ist noch dabei, die Zusammensetzung des Artefaktes zu bestimmen.“
Klara Polikova: „In Ordnung. Für meine Untersuchung ist es auch nicht notwendig. Ich werde das Zahnrad unter mein Vergrößerungsglas legen, um die Schrift zu lesen.“ (Pause. Summen und Surren sind zu hören.)
Dana Figuera: (ungeduldig) „Kannst du schon etwas erkennen?“
Klara Polikova: „Ja, ich kann den Text lesen, es scheint sich um eine Art Geheimschrift zu handeln.“
Dana Figuera: „Das habe ich mir schon gedacht, als Art mir davon erzählt hat. Deswegen wollte ich zu dir gehen.“
Art Masterson: „Das war eine gute Idee, Dana. Kannst du den Text entziffern?“
Klara Polikova: „Hmm, ich habe zwar eine Ahnung, worum es sich handeln könnte, ich muss jedoch kurz in einem Buch nachsehen.“ (Klara läuft zielstrebig zum Buchregal in ihrem Büro und blättert in einem Buch.)
Dana Figuera: „Hat sich dein Verdacht bestätigt?“
Art Masterson: (gespielt tadelnd) „Sie sind ganz schön ungeduldig, Frau Figuera.“
Dana Figuera: (lächelnd) „Jemand muss hier schließlich für Ordnung sorgen.“
Klara Polikova: „Ich denke, ich habe hier tatsächlich etwas, was uns weiterhelfen könnte.“
Art Masterson: „Jetzt bin ich aber gespannt.“
Dana Figuera: (stichelnd) „Ist das ein Zeichen von Ungeduld?“
Klara Polikova: (lacht) „Ich glaube, ich wäre an eurer Stelle auch ungeduldig. Nun zu meiner Vermutung.“ (Pause) „Wart ihr schon in Wien? Genauer gesagt in der Domkirche St. Stephan?“
Art Masterson: (irritiert) „Ja, ich war von einigen Jahren während einer Europareise in Wien. An den St. Stephan kann ich mich auch noch erinnern. Ich weiß jetzt allerdings nicht, was der Stephansdom mit der eingravierten Schrift auf dem Zahnrad zu tun hat.“
Klara Polikova: „Eine Menge. Auf dem linken Seiteneingang des Stephansdoms, dem Bischofstor, befindet sich eine besondere Inschrift. Sie wurde in einer im Mittelalter weit verbreiteten Geheimschrift verfasst, dem Alphabetum Kaldeorum. Wörtlich heißt es das „Alphabet der Chaldäer“, nach einem antiken semitischen Volk aus Mesopotamien. Im Mittelalter haben die Menschen gedacht, dass Chaldäer besondere Kenntnisse über Magie und übersinnliche Phänomene hätten. Der Text auf dem Tor ist recht simpel, es ist ein Epitaph, eine Grabinschrift für Herzog Rudolph IV. und lautet: „Hier liegt begraben, aus edlem Geschlecht, Herzog Rudolf der Stifter.“ Ein ähnlicher Text in dieser Geheimschrift ist auch im Stephansdom auf dem Scheingrab des Herzogs eingelassen. Lange Zeit haben die Wissenschaftler vermutet, dass Rudolf IV. der Erfinder dieser Schrift sei. Heute hat man diese Theorie wieder verworfen.“
Art Masterson: (mißtrauisch) „Und du glaubst, dass der Text auf dem Zahnrad ebenfalls in dieser Schrift verfasst wurde?“
Klara Polikova: (selbstsicher) „Ja, ich bin mir sogar ziemlich sicher. Wenn ich die Zeichen in meinem Buch mit den Zeichen hinter meinem Vergrößerungsglas vergleiche, muss ich feststellen, dass sie identisch sind.“
Dana Figuera: (gespannt) „Was bedeuten dann die Zeichen? Kannst du sie entziffern?“
Klara Polikova: (entschlossen) „Ich denke schon. Einen Augenblick bitte, ich muss die Schriftzeichen miteinander vergleichen.“

(Hintergrundmusik übertönt die Gespräche im Büro. Musikvorschlag: Simon and Garfunkel „Scarborough Fair“)

Ende des 2. Teils

Teil 3: Im Bostoner Athenaeum

2 Kommentare zu „Kurzhörspiel „Das Artefakt“ [2/4]

Gib deinen ab

    1. Hallo Alex, ich habe es zunächst als ein Drehbuch geschrieben. Mal sehen, ob daraus tatsächlich ein Hörspiel wird 🙄 😀Wir werden bald erfahren, worum es sich beim geheimnisvollen Zahnrad handelt. Was Reisende durch Raum und Zeit eventuell damit zu tun haben oder nicht, wird sich noch zeigen 😉 LG

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