Vertreterbesuch in Nürnberg

Guten Tag, erinnert ihr euch an mich? Ich bin Fabian, der ungebetene Stellvertreter von Dario. Ich vergaß in meinem Vertretungsbeitrag zu erwähnen, dass ich vor einigen Jahren als Stellvertreter für eine international tätige Organisation von anonymen Hackern Urlaubsvertretung machte, als sich mehrere Mitglieder schöne Wochen in der Karibik gönnten. Damals lernte ich einiges über das Knacken von Passwörtern. Daher war es ein Leichtes, mir erneut Zugang zum Account von Dario zu verschaffen.

Ihr fragt euch bestimmt, was aus meinem Engagement auf dem Fischerboot geworden ist? Nun, die Fischer waren sehr nett zu mir und boten mir ein Praktikum auf ihrem Boot an. Kochen, putzen, Deck schrubben und Fischernetze flicken waren meine Aufgaben. Wir haben uns kaum verständigen können, aber sie waren sehr freundlich zu mir, auf ihre knorrige und wortkarge Art zumindest. Auf Dauer merkte ich, dass mir das Dasein als Fischermann nicht zusagt. Zu kalt, zu nass, zu wenig Urlaub. Die gefangenen Fische waren mir außerdem zu glitschig. Deswegen beschloss ich, meine Zelte wieder abzubrechen und eine Reise nach Europa zu unternehmen. „Warum nicht Deutschland?“ dachte ich mir.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einem Park in Nürnberg. Sobald ich den Text zu Ende geschrieben habe, werde ich den Blogeintrag so einstellen, dass er dann erscheint, wenn Dario am wenigsten damit rechnet. Die Fotos werde ich auch wie Darios Fotos erscheinen lassen, damit sie weniger auffallen. Den vorbereiteten Beitrag muss ich gut verstecken, weil Dario sein Passwort ändern und vermutlich sein Blogkonto besser schützen wird, sobald er meinen kleinen Text entdeckt.

Ich habe mich seit meinem Beitrag im August oft gefragt, was Dario so die ganze Zeit wohl macht. Aus diesem Grund habe ich ein wenig in seinem Blog gestöbert, um einiges über ihn zu erfahren. Ich wollte herausfinden, wie ich ihn am besten aufspüren könnte. Ein Anhaltspunkt war sein Faible fürs Wandern und Pilgern, aber ich konnte ihm schlecht auf dem Jakobsweg im Wald auflauern. Auch konnte ich nicht einfach zu einer Veranstaltung gehen und hoffen, dass er dort auftauchte.

Im Innenhof der Stadtbibliothek von Nürnberg

Dann fiel mir ein Beitrag von ihm auf, in dem er über die Bibliotheken im Allgemeinen und über die Nürnberger Stadtbibliothek im Besonderen geschrieben hat. Dem Blogbeitrag entnahm ich, dass er sich gerne dort aufhält.

Ich entwickelte ein Programm, mit dem ich nachverfolgen konnte, wann Dario wieder etwas in der Stadtbibliothek ausleiht oder zurückgibt. Das IT-Netz der Stadtbibliothek war auch einfach zu überwinden, dann musste ich nur noch in meiner kleinen Ferienwohnung neben der Bibliothek warten.

Und tatsächlich, nach zwei Tagen bekam ich die Meldung, dass er seine Bücher, DVDs und CDs zurückbrachte. Jetzt musste ich ihn nur noch in der großen Menschenansammlung der Bibliothek an einem Samstag erkennen. Ich vertraute in dem Fall meiner Intuition. Aus dem Fenster sah ich einen braunhaarigen Brillenträger, der gerade die Stadtbibliothek verlassen hat.

Ich beschloss, ihm unauffällig zu folgen, sollte er der falsche sein, würde ich es einfach erneut versuchen. Der Brillenträger lief über kleine Flussinsel in der Pegnitz und ging den kleinen Berg hinauf, auf dem sich auch die Nürnberger Burg befindet. Ich achtete gut darauf, dass er mich nicht erkennt und machte einige Fotos, damit er mich für einen Touristen hält, sollte er mich sehen. Der Buchliebhaber kam an einem der Tore der Nürnberger Ringmauer vorbei. Wenige Minuten später setzte er sich in ein Café und las dort einen Roman. Später schrieb der Brillenträger etwas in seinem Notizbuch auf. Ich bestellte mir ebenfalls einen Kaffee und einen Apfelkuchen. Er legte sein Notizheft und sein Buch in seinen Rucksack, zahlte und ging weiter.

Der Teich im Marienbergpark

Bald kam der Spaziergänger in einen Park und ich, Abstand haltend, lief hinterher. Dabei handelte sich um den Marienbergpark, wie ich auf einem der Hinweisschilder lesen konnte. Die herbstlichen Blätter raschelten unter unseren Füssen. Er ahnte wohl nichts und blieb an einem vertrockneten Teich stehen, um mehrere Fotos zu machen. Ich erinnerte mich an seine Beiträge mit einem Motiv und vier Jahreszeiten. In dem Augenblick wusste ich mit Sicherheit, dass die Person vor mir Dario ist. Gerade als ich eine Nahaufnahme von ihm machen wollte, schaute er in meine Richtung. Vermutlich bemerkte Dario in dem Augenblick, dass ich ihm bekannt vorkomme, weil ich ihn schon länger verfolge.

Ich lade am besten noch schnell den Beitrag hoch und verschwinde von hier. Mein Vertretungsjob als Beschatter ist nun vorbei. Vielleicht mache ich jetzt mal endlich selber Urlaub.

Titelfoto: Nürnberger Burg, Fotorechte: Dario schrittWeise ;-)?

10 Kommentare zu „Vertreterbesuch in Nürnberg

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  1. Hallo Dario,

    eine sehr kurzweilige Idee für eine interessante Geschichte. Fast surreal. In jedem Fall aber ansprechend. Sie bringt mich ins Grübeln, besonders vor dem Hintergrund von öffentlichen Lausch- und Abhörangriffen.

    Ich sage nur: weiter so, die Phantasie lebe hoch!

    Liebe Nachtgrüße vom Paul 😉

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    1. Hallo Paul, ja, wir leben in Zeiten, in welchen die Technik den Menschen fast gläsern macht. Viele geben ihre persönlichen Informationen aber auch freiwillig preis bzw. achten nicht genug auf den Schutz ihrer Daten. Ich finde, der Fantasie sind (fast) keine Grenzen gesetzt und es macht Spaß neue Geschichten zu erfinden. Danke dir. Ich wünsche dir einen schönen Donnerstag, trotz Regen, liebe Grüße, Dario

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    1. Hallo LuxOr, laut seinem merkwürdigen Beitrag hat Fabian mich verfolgt und ich glaube mich zu erinnern, dass jemand damals am Weiher tatsächlich Fotos von der bekannten Stelle gemacht hat. Außerdem hat Fabian den Ablauf von jenem Tag gut beschrieben. Andererseits hat er keine Beweisfotos vorzuweisen. In der heutigen rationalen und überdigitalisierten Gesellschaft ist dann schnell von Fälschung die Rede. Aber beschatten wir uns alle nicht manchmal selbst? 😉Übrigens habe ich vorhin zufällig erfahren, dass heute der Tag der Bibliotheken ist. Ziemlich passend zum Beitrag 😉 Das Krankheitsbild könntest du bei der WHO einreichen 😉 Die Organisation verwaltet derartige Informationen, glaube ich. Du könntest das Krankheitsbild Luxoritis nennen, weil du es zuerst beobachtet hast. Der Test würde dann „der LuxOr-Test“ heißen 😉 Liebe Grüße aus der Stadt an der Pegnitz, Dario

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