Hieroglyphen und Templer in Figeac [Via Podiensis 10]

Am 15. Juli 1799 entdeckte ein Offizier der Truppen Napoleons eine Basalttafel in der Nähe von Rosette in Ägypten. Diese Entdeckung wäre nur eine Randnotiz der Geschichte geblieben, wenn sie nicht eine Besonderheit hätte: auf der schwarzen Tafel wurde eine Inschrift in drei Sprachen geschrieben: Griechisch, Demotisch und in der Sprache der ägyptischen Hieroglyphen. 23 Jahre dauerte es, bis ein in Figeac geborener Franzose die Inschrift entziffern konnte. Mit der Übersetzung des Steins von Rosette legte Jean François Champollion im Jahr 1822 den Grundstein für die moderne Ägyptologie. Auf seiner Reise nach Ägypten, einige Jahre später, konnte er die Richtigkeit der von ihm erstellten Thesen und der Übersetzung der Hieroglyphen bestätigen.

Figeac, die Geburtsstadt von Champollion in der französischen Region Okzitanien, setzte dem berühmten Sohn ein Denkmal: auf der Place des Écritures, dem Platz der Schriften, schuf der Bildhauer Joseph Kosuth eine vergrößerte Kopie des Steins von Rosette. In letztem Spätsommer hatte ich im Rahmen meiner Pilgerschaft auf dem französischen Jakobsweg Via Podiesis die Gelegenheit, den Platz in Figeac zu bewundern.

Wegweiser

11. Etappe: Noalihac – Livinhac-en-Haut

  • Datum: So, 26.08.2018
  • Entfernung: 17 Kilometer

Am frühen Morgen packte ich meine Sachen, weil am Abend meine Zimmergenossen bereits schliefen, als ich das Zimmer betrat. Um sie nicht zu wecken, wollte ich das Licht nicht einschalten. Ich frühstückte mit anderen Pilgern im Restaurant Saint Jacques, wo wir auch die Unterkunft bezahlten und den Pilgerstempel bekamen. Den Tag verbrachte ich mit den zwei Pilgerinnen aus Frankreich, Annette und Monique. Der Morgen war neblig und ich konnte einige schöne Aufnahmen der Gegend machen.

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Einen kurzen Zwischenhalt machten wir in der kleinen Kapelle St. Rochus auf dem Hügel. Der Ausblick war an dem Vormittag beeindruckend und die Glasfenster in der Kapelle fanden wir auch sehr stimmungsvoll und ansprechend.

Decazesville

Nach ungefähr 12 km kamen wir nach Decazesville, wo wir in einer Bar Pause machten und belegte Brote in der angrenzenden Patisserie kauften. Auch Urs kam vorbei, wollte jedoch gleich weiterlaufen.

Kurz nach der Stadt kamen wir zur zweiten Kapelle, die ebenfalls St. Rochus hieß. Im Inneren lief sakrale Musik vom Band. Monique blieb in der Kapelle, um der Musik zu lauschen. Ich lief mit Annette weiter.

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Livinhac-en-Haut

Nach weiteren vier Kilometer erreichten wir die Häuser von Livinhac-en-Haut. Die Stadt wurde auf einer kleinen Insel in der Flussschleife von Lot errichtet.  Der Hafen von Livinhac-en-Haut wurde 924 erstmals urkundlich  erwähnt. Die Stadt wuchs und im 19. Jahrhundert wurden hier Erze aus den Minen bei Decazesville zwischengelagert und weiter transportiert. mit der Verbesserung der Transportwege verlor die Hafenstadt im Laufe der Zeit an Bedeutung.

Wir überquerten die neue Flussbrücke, die direkt neben den Resten der historischen Brücke gebaut wurde. Hier verabschiedete ich mich von Annette, weil sie eine andere Unterkunft als ich reservierte.

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In die Livinhac-en-Haut übernachtete ich in einem „Mobil Home“ auf dem Campingplatz „Beau Rivage“. Es handelte sich um eine Mischung aus Wohnwagen und Bungalow. Mein „Mobil Home“ hatte eine Toilette mit Bad und Dusche und ein kleines Schlafzimmer, das gleichzeitig Wohnzimmer und Küche war. Leider übernachteten keine weiteren Pilger auf dem Campingplatz. Zumindest konnte ich keine erkennen. Der nette Betreiber des Campingplatzes hat mir ausführlich erklärt, wie ich mit dem „Mobil Home“ umzugehen habe. Theoretisch hätte ich auch im Schwimmbad des Campingplatzes einige Bahnen ziehen können, ich wollte mir aber noch die Stadt ansehen und es war schon spät am Nachmittag.

Nachdem ich mich eingerichtet und meine Tageskleidung gewaschen und zum Trocknen aufgehängt hatte, ging ich in die Innenstadt. Das Städtchen ist zwar sehr klein, aber die kleinen Gassen rund um den Rathausplatz mit der Kirche haben ihren besonderen Charme.

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Ich bestellte mir in der Eco Gîte „La Vita é bella“ einen Kaffee, weil mich der bunte Laden angesprochen hatte und ich mir vorher überlegte, dort zu übernachten. Im Garten der Eco Gîte traf ich auch einige Pilger, die ich in der Unterkunft in Noalinhac kennengelernt hatte.

Der italienische Herbergsvater von „La Vita é bella“ war sehr freundlich und fragte mich, wo ich zu Abend essen werde. Er war sich nicht sicher, ob ich an einem Sonntagabend noch offene Restaurants im Ort finden kann. Er schlug mir vor, dass ich wiederkomme, wenn ich nichts finden könnte. Ich fand jedoch ein Restaurant am Rathausplatz. Ich saß direkt neben dem Rathauseingang.

12. Etappe: Livinhac-en-Haut – Figeac

  • Datum: Mo, 27.08.2018
  • Entfernung: 25 Kilometer

Nachdem ich am nächsten Morgen im Bungalow alles vorbereitet hatte, folgte ich den Muschelzeichen ins Stadtzentrum und trank in „La Vita é bella“ noch einen Abschiedskaffee. An dem Tag fehlte mir noch ein bisschen die Herzlichkeit einer Pilgerunterkunft. Da der Herbergsvater ursprünglich aus Italien stammt, erzählte ich ihm über meinen Kurztrip nach Trentino im April 2018. Er selbst kommt aus der Nähe von Neapel und erzählte mir ein bisschen über sich und seiner Geschichte. Vor einigen Jahren kam er nach Frankreich und führt seitdem die Eco Gîte. Zum Abschied gab er mir noch zwei Bio Cookies und wünschte mir einen guten Weg.

An jenem Tag legte ich die bisher längste Strecke des Sommers zurück, die Sonne schien auch wieder. Es war heiß, der Sommer kam – zumindest vorübergehend – wieder. Die Tagesetappe verlief weitestgehend unaufgeregt über Felder und Wiesen sowie durch mehrere Dörfer und Weiler. Die Strecke zwischen Montredon und Figeac konnte historisch sehr genau rekonstruiert werden und wurde, wie mehrere Abschnitte der Via Podiensis, zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.

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Eine kurze Pause machte ich am Kreuz der drei Bischöfe, dem „Croix des trois Evêques“, das 2013 anstelle des ursprünglichen Kreuzes angebracht wurde, um die historische Grenze zwischen den Provinzen Quercy und Rouerge (heute Midi Pyrénées) sowie Auvergne zu markieren. Neben dem Weg sah ich viele typische Schutzhütten der Bauern, die sie auf ihren Feldern aus Stein errichteten.

Figeac

Gegen 16 Uhr kam ich in der Herberge in Figeac an, die wie eine kleine Villa ausgesehen hat. Sie hieß „Relais des Angels“. Die Unterkunft war äußerst bequem und die Betreiber freundlich, nur fühlte ich mich als Pilger ein wenig fehl am Platz, da ich gerne in einfachen Unterkünften übernachten möchte, wenn ich auf dem Jakobsweg unterwegs bin.

Zunächst erledigte ich mein Pflichtprogramm nach meiner Ankunft: duschen und meine Tagesklamotten per Hand waschen. Im Garten lauerte schon der Hund der Besitzerin auf die Übernachtungsgäste und stellte sich mir faul in den Weg, als ich durch die Tür zum Garten gehen wollte. Zuerst dachte ich, dass er mich nicht durchlassen wollte, es stellte sich aber heraus, dass er vermutlich nur gekrault werden wollte. Nachdem ich meine Wäsche im Garten zum Trocknen aufgehängt hatte, besichtigte ich die schöne historische Altstadt von Figeac.

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Figeac ist eine alte und bedeutende Pilgerstadt an der Via Podiensis. Die Entwicklung der Stadt wurde durch die Nähe zu einem Kloster aus dem 8. Jahrhundert begünstigt. Das Kloster wurde ebenfalls im 8. Jahrhundert von den Wikingern geplündert, wurde aber bald wieder aufgebaut. Die unzähligen Pilger, die nach Rocamadour und Santiago zogen, verhalfen der Stadt und dem Kloster zum Reichtum.

Die Kirche Saint-Sauveur, die 1092 geweiht wurde, war ein Teil der ehemaligen Abtei, die damals Hugo von Cluny als Abt leitete. Normalerweise gibt es in der Kirche einen Pilgerempfang, an jenem Tag nicht oder ich kam zur falschen Zeit. Ich sah mich noch ein wenig in der Kirche um, insbesondere die kleine Kapelle gefiel mir.

Ein weiteres Zeichen der langen Pilgergeschichte der Stadt ist das Hôpital Saint Jacques aus dem 13. Jahrhundert. Hier wurden insbesondere die verletzten Pilger untergebracht und versorgt.

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Tempelritterhaus – Turm des Greifs

Eine Überraschung für mich war, ein ehemaliges Gebäude der Tempelritter in Figeac zu entdecken. Der mittelalterliche Mönchsorden, der sich dem Schutz der christlichen Pilger und Pilgerwege verschrieben hat, errichtete auch entlang des Jakobsweges einige Stützpunkte.

Im Innenhof der ehemaligen „Commanderie“ in Figeac erwartete ein als Ritter verkleideter Mann die Besucher und erzählte ihnen über die Geschichte des Gebäudes. Der Innenhof und allgemein die Architektur der Kommanderie der Tempelritter haben mir gefallen, aber die Inneneinrichtung im Turm des Falken, der für die Besucher offen war, hat mich enttäuscht, weil sie nicht wirklich authentisch auf mich wirkte.

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Platz der Schriften

Ein Highlight meines Aufenthaltes in Figeac war die Besichtigung des Schriftenplatzes, wo die Stadt zu Ehren von Champollion eine überdimensionierte Version des Steins von Rosette angebracht hat, um an den berühmten Sohn der Stadt zu erinnern, der in einem der Nachbarhäuser das Licht der Welt erblickte. Er verwendete den Text des Steines um die Hieroglyphen zu übersetzen. Das Original befindet sich heute im British Museum in London.

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Ich aß zu Abend in einem der Restaurants am Platz Champollion, in der Nähe des Hieroglyphen-Denkmals. Ich fand es schade, dass ich nicht mehr Zeit hatte, um mir die Stadt anzuschauen sondern nur den kurzen Abend. Als ich in die Herberge zurückkehrte, schlief der Hund bereits tief und fest.

Quellen

https://www.welt.de/kultur/history/article109374755/Ein-31-Jaehriger-entschluesselt-die-Hieroglyphen.html

Engel, Helmut: "Frankreich: Jakobsweg. Via Podiensis, von Le Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port", Welver, S. 102 - 111

17 Kommentare zu „Hieroglyphen und Templer in Figeac [Via Podiensis 10]

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  1. Habe mir gerade sehr intererssiert deinen Bericht angeschaut. Sehr schöne Fotos und Erlebnisse.

    Wir sind letztes Jahr auch diese Strecke gelaufen – ca. eine Woche vor dir.
    Am 20.8. hatten wir jedoch in Figeac beendet.
    Nun, vielleicht trifft man sich ja im nächsten Jahr, wenn es wieder im Sommer weitergeht.
    Vermutlich verlassen wir aber die Podiensis in Lectoure und machen den Schwenk südlich über Lourdes in Richtung Somport.

    Liebe Grüße aus Oberbayern

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      1. Hallo Joe, dann haben wir uns nur knapp verpasst 😉 Ich freue mich immer, wenn Pilgerkameraden bei mir im Blog vorbeischauen. Letztes Jahr bin ich bis Nogaro gelaufen. Lectoure fand ich auch schön. Die Strecke bis Nogaro und meine Erlebnisse werde ich auch bald hier beschreiben. Der Weg über den Somport-Pass soll etwas ruhiger sein, als über Saint- Jean-Pied-de-Port, ich habe mich aber für den „klassischen“ Weg entschieden. Liebe Grüße aus Nürnberg und Ultreia, Dario 🙂

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  2. Mein Lieber
    Ich komm einfach nicht mehr dazu, immer alles zu lesen
    Das find ich selbst schade … ich denk mir , irgendwann, wenn ich mal viel Zeit hab , hol ich das alles nach …
    Aber ob das jemals der Fall sein wird …. das steht in den Sternen …
    LG 💚

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    1. Hi Caro, danke für deine Geduld, ich freue mich, dass dir meine schriftlichen und fotografischen Eindrücke vom Weg gefallen. 10 Minuten sind aber schon happig. Das finde ich schade. Ich versuche schon jedes Mal viele Bilder auszusortieren und zu komprimieren und es fällt mir immer schwer bestimmte Fotos wegzulassen. Eine Einschränkung besteht auch darin, dass ich jeweils zwei Tagesetappen in einem Beitrag zusammenfassen möchte. Ich überlege es mir noch, wie ich es lesefreundlicher machen könnte. Liebe Grüße

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  3. „La Vita é bella“ 🙂

    Lieber Dario, wieder einmal so schöne Bilder und die Beschreibung nimmt den Geist mit auf die Reise. Danke fürs Teilen. Es ist ein Vergnügen, wirkt gar erfrischend, weiter zu lesen und dabei in sich zu fühlen.

    Frische Grüße * Luxus

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    1. Hallo Luxus, dort habe ich mich tatsächlich sehr wohl gefühlt und ich hatte die Bestätigung, wie schön das Leben ist und sein kann 🙂 Kleine und große Reisen tun mir immer wieder gut und durchlüften meine Gedanken. Verregnete Grüße aus Nürnberg, Dario 🙂🐞🌧️☔🌜

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  4. Hallo Dario.
    Wieder eine interessante Strecke.
    Die bunten Glasscheiben gefallen mir auch immer besonders gut.
    Die Stadt Via Podiensis hat es mir angetan. Ich mag alte Städte die gut erhalten werden.
    Dankeschön fürs Mitnehmen.
    LG, Nati

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