Bielefeld – die Stadt, die es nicht gibt? [Hermannshöhenweg 2]

„Saltus teutoburgensis“ nannte der berühmte römische Geschichtsschreiber Tacitus das Gebiet, in dem er die Varusschlacht vermutete. Doch die teutonischen Stämme zogen um 120 vor Christus aus Jüttland nach Italien. Die einzelnen Familien, die sich auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands niederließen, blieben nicht im heutigen Teutoburger Wald, sondern in anderen Regionen. Auch die Varusschlacht fand nicht, wie von den Wissenschaftlern lange gedacht, auf diesen Bergen, sondern vermutlich etwas nördlicher, bei Kalkriese in der Nähe von Osnabrück, wie die neuesten Funde es nahelegen. Trotzdem heißt der Wald, der früher zusammen mit dem Eggegebirge Osning hieß, seit dem 18. Jahrhundert Teutoburger Wald, oder nur „Teuto“, wie ihn die Einheimischen nennen.

Die beiden zusammengelegten Fernwanderwege, der Hermannsweg und der Eggeweg verlaufen durch zwei Naturparke, „Terra.vita“ und „Teutoburger Wald/Eggegebirge“ sowie durch mehrere geschützte Flora-Fauna-Habitate und Naturschutzgebiete. „Terra.vita“ ist zudem ein UNESCO Geopark.

Die größte Stadt auf dem Hermannshöhenweg ist Bielefeld. Seit einigen Jahren kursiert im Internet der Witz, wonach es die Stadt gar nicht gäbe und welcher als die „Bielefeld-Verschwörung“ bezeichnet wird. 1993 kam der Informatiker Achim Held auf einer Studentenparty auf die Idee, die Existenz von Bielefeld infrage zu stellen, als ein Studienkollege sagte, Bielefeld würde es gar nicht geben. Daraufhin schrieb Achim Held einen Text über die „Bielefeld-Verschwörung“, die als Satire auf die gängigsten Verschwörungstheorien gemeint war. Den Text stellte er im Usenet online, einem Vorläufer der heutigen Sozialen Netzwerke. Die Geschichte wurde zu einem Hit. Noch heute ist der Scherz bekannt und beliebt. Als die Stadt 2014 seinen 800. Geburtstag feierte, lautete das Motto „800 Jahre Bielefeld – Das gibt’s doch gar nicht“.

Wegweiser

  1. Etappe: Rheine – „Schöne Aussicht“
  2. Etappe: „Schöne Aussicht“ – „Malepartus“

3. „Malepartus“ – Dissen

  • Datum: 15.06.2019
  • Entfernung: 22 Kilometer

Nach dem langen und heißen zweiten Tag mit mehreren Auf- und Abstiegen folgte eine entspannte dritte Etappe. Ich frühstückte gemütlich in der Unterkunft und unterhielt mich mit dem Besitzer des Gasthauses und zwei holländischen Wanderern, die ebenfalls auf einigen Etappen des Hermannsweges unterwegs waren. Sie blieben nicht lange und wir verabschiedeten uns, kaum, dass wir uns kennengelernt haben. Der Hotelbetreiber begleitete mich nach dem Frühstück in den Garten und zeigte mir den Weg zurück zu den Hermannshöhen.

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Der Morgen war bewölkt und neblig, ich rechnete jederzeit mit Regen. Nach ungefähr zwei Kilometern kehrte ich auf den Kammweg zurück und setzte meine Wanderschaft fort. Die nächste größere Zwischenstation war Bad Iburg. Unterwegs sah ich das Zeichen des Heiligen Clemens, das in ein Stein eingemeißelt war.

Bad Iburg

Bad Iburg erreichte ich am später Vormittag, noch vor dem Regen. Ich folgte dem Weg unterhalb der Burg Iburg, durch einen Park mit einem Teich und einer Kneippanlage. Vor einer Kirche sah ich einen interessanten Brunnen, den sogenannten „Handwerker- oder Bürgerbrunnen“ aus dem Jahr 1991, der verschiedene Handwerksberufe darstellt. Der Brunnen erinnerte mich an den Zunftbrunnen, den ich in Reutlingen gesehen hatte.

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In Bad Iburg regnete es auch zum ersten mal. Ich ging in ein Café, um Pause zu machen, weil ich wusste, dass ich an jenem Tag vermutlich bis zu meiner Unterkunft keine Gelegenheit mehr haben würde, an einem trockenen Ort eine Pause zu machen. Ich hielt mich nicht lange in der Stadt auf, sondern ging bald weiter.

Der Hermannsweg führte nach Bad Iburg durch das Naturgebiet „Freeden-Limberg“, über die Berge „Großer Freeden“ sowie „Kleiner Freeden“. Hier erreichte mich auch ein leichter Regen, der aber nur ungefähr eine Stunde dauerte. An einer Eisenbahnampel, kurz nach der Ortschaft Hilter, unterhielt ich mich mit drei Fahrradfahrerinnen, die gemeinsam einen kleinen Ausflug machten.

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Nach Hilter musste ich den Hermannsweg verlassen, um zu meiner Unterkunft in Dissen zu kommen. Ich lief teilweise querfeldein und auf einmal sprang ein Reh aus einem der Felder und lief davon. Ich konnte noch einige Fotos machen.

Am frühen Nachmittag kam ich in meine Unterkunft an, die leider etwas außerhalb von Dissen war. Ich hatte aber Proviant dabei und konnte mich gut versorgen. Der freundliche Wirt erlaubte mir, meine Wanderkleidung in der Waschmaschine des Gasthauses zu reinigen.

4. Dissen – „Peter auf’m Berge“

  • Datum: 16.06.2019
  • Entfernung: 30 Kilometer

Am nächsten Tag schien wieder die Sonne. Nach einem reichhaltigen Frühstück im Gasthaus lief ich wieder über die Feldwege zurück zum Hermannsweg. Spannend fand ich es, zwischen zwei Hauptgrenzsteinen zu stehen, die sich auf dem Weg befinden. Sie markierten im 19. Jahrhundert die Grenze zwischen dem Königreich Preußen, heute Bundesland Nordrhein-Westfalen, und dem Königreich Hannover, heute Bundesland Niedersachsen. Durch diese beiden Bundesländer verläuft heute der Hermannshöhenweg.

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Borgholzhausen

Die nächste Station war Borgholzhausen, eine kleine Stadt im Teutoburger Wald. Kurz vor dem Eingang in die Stadt lädt ein kleiner Aussichtsturm, der Luisenturm, zum Hinaufklettern und Verweilen ein. Als ich in Borgholzhausen ankam, waren die meisten Restaurants und Cafés geschlossen, die Stadt wirkte an dem Tag fast wie ausgestorben. Eine Bronzeskulptur mit drei Musikern neben dem Kultur- und Heimathaus sowie ein geschlossener Lebkuchenladen regten mein Interesse an. Die drei Musiker der Bielefelder Bildhauerin Nina Koch verkörpern die Nachtwächter, die das traditionelle Sylverstersingen bis heute praktizieren. Ich blieb nicht lange, nach einer kurzen Verschnaufpause in einer Eisdiele zog ich weiter.

Wenige Kilometer nach Borgholzhausen erreichte ich die gut erhaltene Burg Ravensberg. Im Jahr 1141 wurde die Burg zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Mit dem Bau wurde vermutlich einige Jahrzehnte zuvor unter Hermann II. von Calvelage begonnen, um einen Pass durch den Teutoburger Wald bei Holthusen, dem heutigen Borgholzhausen, zu sichern. Die Burg Ravensberg war der Stammsitz der Grafen von Ravensberg, die später auch Bielefeld und die Sparrenburg errichtet haben. Im Gegensatz zur Sparrenburg wurde die Burg im Laufe der Jahrhunderte wenig ausgebaut.

Da der Turm für die Besucher nur im Rahmen einer Führung begehbar ist, weswegen ich noch länger warten müsste, beschloss ich, nur kurz zu bleiben, weil ich noch einige Kilometer bis zu meiner Unterkunft zurücklegen musste.

Der Hermannshöhenweg streift Halle (Westfalen) und führt durch eine Kastanienallee entlang der Apothekerstraße, wo sich früher ein großer Park befand. Witzig fand ich im Park die Warnschilder, auf welchen Uhus abgebildet waren, die ihre Brut verteidigten. Den Höhepunkt der Allee bildet der Pavillon „Kaffeemühle“, der seinen Namen seinem Aussehen und dem Bauherrn, dem Bremer Kaufmann und Kaffeehändler Hermann Hagedorn verdankt. Die „Kaffeemühle“ bietet einen sehenswerten Ausblick über Halle und die Umgebung. In der Parkanlage hat der Haller Männergesangsverein ein Denkmal für den Minnesänger Walter von der Vogelweide errichtet, obwohl der berühmte Dichter vermutlich nie in der Gegend weilte. Der Verein fühlte sich mit dem Minnesänger künstlerisch verbunden.

Zu der Zeit, als ich auf dem Fernwanderweg wanderte, fanden in der Gegend um Halle (Westfalen) viele verschiedene Veranstaltungen statt, beispielsweise das berühmte Tennisturnier von Halle und eine Pferderennmeisterschaft. Zum Glück buchte ich fast alle Unterkünfte vorab. Zudem fand ich, dass für Wanderer geeignete Übernachtungsmöglichkeiten in der Gegend allgemein rar sind.

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Da ich nicht in Bielefeld übernachten wollte, weil mir im Rahmen meiner Wandertour kleinere Orten lieber waren, buchte ich ein Zimmer im beschaulichen Waldhotel „Peter auf’m Berge“. Ich erreichte mein Tagesziel am Nachmittag und wurde vom freundlichen Personal in Empfang genommen. Ich freute mich auch, dass ich endlich auf dem Weg bleiben konnte, ohne zusätzlich 2 bis 3 Kilometer laufen zu müssen.

5. „Peter auf’m Berge“ – Lage

  • Datum: 17.06.2019
  • Entfernung: 27 Kilometer

Die Strecke zwischen dem Waldhotel und Bielefeld legte ich vergleichsweise schnell zurück. Kurz vor Bielefeld führt der Hermannsweg den Wanderer durch den Heimat-Tierpark Olderdissen. Ich lief mit einem zwiespältigen Gefühl an den Tiergehegen vorbei: Einerseits freute ich mich über die vielen, teilweise exotischen Tiere, andererseits musste ich daran denken, dass sie hier in Gefangenschaft leben.

Bielefeld

Vom Tierpark dauerte es nicht mehr lange, bis ich das Ortsschild von Bielefeld sah. „Die Stadt gibt es also doch“, erinnerte ich mich an die bekannte „Bielefeld-Verschwörung“ und schmunzelte.

Die erste berühmte Sehenswürdigkeit auf dem Weg ist die Kunsthalle Bielefeld mit dem Skulpturenpark vom amerikanischen Architekten Philip Johnson. Der Hauptfokus der Kunsthalle liegt auf der deutschen und internationalen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Vor dem Haupteingang wurde ein Guss der berühmten Skulptur „Der Denker“ von Auguste Rodin aufgestellt.

Ich war hin- und hergerissen, ob ich die Kunsthalle betreten soll, denn viel Zeit für die Besichtigung hatte ich als Wanderer nicht. Meine Entscheidung nahm mir der Ticketverkäufer ab, als er sagte, dass ich am nächsten Tag zurückkommen sollte, weil die Kunsthalle an dem Tag nur für Schulklassen offen war.

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Ich folgte weiter dem Hermannsweg, der die Innenstadt umkreiste und direkt zur Sparrenburg oberhalb der Stadt führte. Ich beschloss, einen Umweg in Kauf zu nehmen und ging wieder zurück, um mir ein wenig die Innenstadt anzusehen, weil ich noch nie in Bielefeld war.

Graf Hermann von Ravensberg gründete 1214 die Stadt Bielefeld als „Biliuelde“ an der Kreuzung von alten Handelswegen in der Nähe eines Passes im Teutoburger Wald. Die neue Stadt sollte den Einfluss der Familie von Ravensberg in der Region stärken. Noch heute können der Alte Markt, das Rathaus und die Nikolaikirche aus dieser Zeit besichtigt werden.

Etwa fünfundzwanzig Jahre später – ein genaueres Datum ist unbekannt – begannen die Herren von Ravensberg mit dem Bau der Burg Sparrenberg, kurz Sparrenburg, die den Pass und die neugegründete Stadt schützen sollte. Die Burg würde 1256 erstmals urkundlich erwähnt.

Meine Navigationsapp führte mich zum Alten Rathaus, das gerade saniert wurde. Direkt daneben befindet sich das Stadttheater und unweit davon die Altstädter Nikolaikirche.

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Ich blieb nicht lange in Bielefeld, weil die Großstadt ein Kontrastprogramm zu meinem entspannten Wandern darstellte und ging wieder aus der Stadt hinaus, wieder an der Sparrenburg vorbei. Eine Allee spendete mir Schatten. Obwohl ich die Bielefelder Innenstadt hübsch fand, freute ich mich, wieder in der Natur zu sein.

Die Strecke zwischen Bielefeld und Bad Oerlinghausen verlief ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Eine Schafherde beobachtete mich neugierig. Interessant fand ich den Aussichtsturm „Eiserner Anton“ und bei Bad Oerlinghausen die sogenannte Kumsttonne, eine ehemalige Mühle. Ich hielt mich nicht sehr lange in Bad Oerlinghausen auf, sondern beeilte mich, um bald mein Tagesziel Lage zu erreichen.

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An jenem Tag übernachtete ich im Haus Berkekamp in Lage. Die Hotelpension fand ich sehr gemütlich eingerichtet, mit einem große Garten und einem Wildtiergehege. Am Abend konnte ich die Rehe beim Grasen beobachten. Ich bereitete mich auf meine nächste Etappe vor und freute mich auf den kommenden Tag.

Quellen

https://www.teutoburgerwald.de
https://m.spiegel.de/einestages/bielefeldverschwoerung-interview-mit-erfinder-achim-held-a-968319.html
Borgholzhausen.de
www.bielefeld.de
https://www.hallewestfalen.de/portal/seiten/kaffeemuehle-geschichtspfad-900000046-22700.html?rubrik=900000002
http://burg-ravensberg.de
http://grenzsteine.de/grenzsteine-deutsche-laender/grenzsteine-hannover-preussen/grenzsteine-teutoburger-wald/index.html

8 Kommentare zu „Bielefeld – die Stadt, die es nicht gibt? [Hermannshöhenweg 2]

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  1. Richtig schöne Orte hast du durchwandert Dario.
    Und alles gar nicht sooo weit weg von mir.
    Schade dass du dir für die einzelnen Orte nicht soviel Zeit nimmst.
    Aber da hat wohl jeder andere Vorlieben.
    LG, Nati

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Nati, ja, die Orte sind auch schön, aber beim Wandern möchte ich in erster Linie in der Natur sein, weil ich mich sonst meistens in den Städten aufhalte, vermutlich mindestens 90% des Jahres. Da ich häufiger Städtetrips mache, kann ich es dann nachholen. Zusätzlich habe ich mir die Städte gemerkt, die mir besonders gut gefallen haben, und werde eines Tages zurückkommen. Liebe Grüße 🙂

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