Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge [4]

Die Reisenden um Alrond kamen in der dritten Fortsetzung der Erzählung nach Nebelheim, damit sie sich in der Siedlung ausruhen und den Pferdewagen von Tuson reparieren lassen können. Sie unterhielten sich mit den Torwächtern, die sie nicht ohne weiteres in die Siedlung hineinfahren lassen dürfen.

Was bisher geschah

Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge – eine fantastische Erzählung, Teil 4

„Ihr habt auch von diesen Vorkommnissen gehört?“ wollte Alrond von den Wachen wissen.
„Wir beide nicht, aber die Ortsbewohner. Es sind einige Menschen durch Unfälle verletzt oder getötet worden“, antwortete der eifrigere Torwächter, „deswegen hat der Ortsvorsteher Rohan König Cederic II. gebeten, für die Sicherheit von Nebelheim zu sorgen.“
„Interessant, dem sollte ich nachgehen“, erwiderte Alrond und holte ein ledernes Bündel aus seiner Ledertasche: „hier habe ich etwas, was euch überzeugen wird, dass ihr uns hereinlassen sollt“.
„Was ist das?“ Der Wächter nahm das Päckchen in die Hand.
„Ein Passierschein, wenn man es so will. Von höchster Stelle“, versicherte Alrond lächelnd.
Der Wächter öffnete das Bündel. Zum Vorschein kam eine Pergamentrolle.
„Hm, hm“, stammelte der Soldat unsicher. Er reichte das Dokument seinem Nebenmann. Dieser sah es prüfend an. Beide sahen sich ratlos an.
„Darin steht, dass dieser Mann hier“, Tuson half ihnen auf die Sprünge, auf Alrond deutend, „im Auftrag des Hofes in dieser Gegend seine Nachforschungen anstellt. Unterzeichnet von Olm Sartorius, seines Zeichens der königliche Historienschreiber.“
„Hm, gut, ja, das habe ich auch sofort erkannt.“
„Kein Problem. Wir möchten einfach passieren“, sagte Ysella freundlich.
„Gut, tretet ein“, stimmte der Wächter zu, „macht aber ja keine Fisimatenten.“
„Ihr habt unser Wort“, versprach Ysella.

Die Soldaten klopften an das schwere Holztor zum Zeichen für ihre Kameraden, dass sie öffnen sollen. Knarzend ging das Tor auf. Oberhalb des Tores war das Dorfwappen zu sehen: zwei Lilien mit einer Sonne und einem kleinen Vogel, der aus dem Feuer aufsteigt.

„Jungs, wir lassen das Pferdegespann passieren“, rief einer der Wachposten.
„In Ordnung, sie können hineinfahren“, bestätigte jemand von der anderen Seite.

Sie fuhren durch den südlichen Torturm in die Siedlung hinein. Die Wächter verschlossen das Tor hinter ihnen. Durch das Dorf floss der Fluss Welronn, sie überquerten ihn über eine einfache Holzkonstruktion.

Tuson steuerte direkt auf die Ortsschenke „Zum Wilden Ehemann“ zu, wo sie sich jeweils ein Zimmer nehmen wollten. Die Hauptstraße war schlammig und zerfahren von vielen Pferde- und Wagenspuren. An einigen Stellen haben die Dorfbewohner Holzbretter aufgestellt, damit sie nicht im Schlamm laufen müssen.
Die Gassen säumten einfache Hütten, die alle ähnlich gebaut waren: Um dir tragenden Pfosten hatten die Bewohner Wände aus Lehm und Flechtwerk gezogen. Die geneigten Reetdächer schützen die Dorfbewohner vor Wind und Wetter. Nur zwei Hütten hoben sich vom Rest ab, das Haus des Ortsvorstehers und der Tempel der Göttin Guenea, der Hüterin des Waldes und des Lichts.
Nachdem sie sich in der Taverne um ihre Unterkunft gekümmert hatten, gingen Alrond und Tuson zum Schmied, um ihm den Wagen zum Reparieren zu geben. Ysella und Gellas zogen es vor, zuerst zur örtlichen Heilerin zu gehen, die sich ihre Wunden ansehen sollte.
Tuson hielt vor dem Haus des Schmiedes an. Davor saß ein bärtiger Mann auf einem Dreibein. Er trug ein Lederschurz und polierte einen Bronzepflug. Seine Tätigkeit erzeugte unangenehme kratzende Geräusche.

„Guten Abend, sind Sie der Dorfschmied?“ erkundigte sich Tuson.
„Ja, Sie sind hier richtig“, bestätigte der Gefragte die naheliegende Vermutung, ohne von seiner Arbeit abzulassen. Seine langen, schwarzen Haare band er zu einem Pferdeschwanz. „Wie kann ich euch helfen? Soll ich eure Waffen reparieren?“
„Nein, Waffen nicht, aber meinen Wagen“, Tuson zeigte auf den jämmerlich aussehenden Pferdewagen.
„Den habt ihr aber übel zugerichtet“, staunte der Schmied.
„Wir hatten einen Unfall in den Bergen. In einer Schlucht stürzte eine Steinlawine auf uns“, erklärte Alrond.
„Unfall, wie?“ der Schmied schien nicht überzeugt zu sein. „In letzter Zeit passieren hier häufiger solche Unfälle. Wenn ihr mich fragt, geht es dabei nicht mit rechten Dingen zu.“
„Hm, nun, das können wir erstmal nicht beweisen“, sagte Tuson. Alrond enthielt sich eines Kommentars.

Sie vereinbarten mit dem Schmied, dass sie den Wagen am späten Vormittag des kommenden Tages abholen würden. Bis dahin wollte sich der stämmige Handwerker auch um die Pferde kümmern.

Sie verließen die Schmiede. Überall war deutlich zu sehen, dass die Dorfbewohner von der Landwirtschaft lebten. Drei Hühner liefen gackernd an ihnen vorbei. Plötzlich rief jemand: „Vorsicht, feucht und stinkig!“ Eine Frau schüttete den Inhalt ihres Nachttopfs auf die Straße. Sie stand vor dem Eingang in ihre Hütte, den Nachttopf in der Hand haltend.
„Seien sie doch vorsichtig, gute Frau“, beschwerte sich Alrond.
„Ich muss meine gute Stube reinigen“, die Frau lachte.
„Tstss“, Tuson schüttelte den Kopf.

Alrond und Tuson gingen zur Dorfheilerin, die ihre Wunden versorgte. In ihrer Hütte roch es nach Kräutern und Räucherwerk. Von den Wänden hingen getrocknete Blätter und Zweige. Sie gab ihnen einen Tee aus Wurzeln, den sie in Stille ausgetrunken hatten.

Die Tempelglocke läutete vier Mal, als sie die Hütte der Heilerin verließen.
„Das Zeichen. Erinnerst du dich, Tuson? Der Wirt hat uns gesagt, dass es Abendessen mit den vier Schlägen der Tempelglocke geben wird.“
„Gut, dass du mich daran erinnerst, mein Magen knurrt auch schon. Lass uns in die Taverne zurückkehren“, erwiderte der Wagenfahrer.
„Gerne, die anderen sind bestimmt schon dort.“

Die Sonne ging bereits unter, als sie die Taverne „Zum Wilden Ehemann“ betraten. Der wohlbekannte Geruch aus gekochtem Fleischeintopf, abgestandem Bier und dichtgedrängten Tavernengästen kam ihnen entgegen. Der Wirt versuchte mit Gewürzen und Kräutern den Schweißgeruch der Dorfbewohner zu vertreiben. Nur, es gelang ihm nicht. Das knisternde Feuer in der Kochnische erwärmte und beleuchtete die Schenke zugleich. Ein Stimmengewirr herrschte im Raum.
Die beiden Neuankömmlinge erkannten in der schummrigen Atmosphäre Ysella und Gellas. Sie saßen an einem Tisch in der hinteren rechten Ecke des Raumes.
„Hallo Tuson, hallo Alrond“, begrüßte Ysella sie freundlich. Sie setzten sich zu ihnen. Zwei Bierkrüge aus Ton standen auf dem Tisch.
„Wie war es beim Schmied?“ erkundigte sich Gellas.
„Alles lief gut. Der Schmied hat sich meinen Wagen angesehen. Wir können morgen nach dem zweiten Schlag der Tempelglocke weiterfahren“, erklärte Tuson die Lage.

Die Tavernengäste beäugten sie misstrauisch. An einem Tisch spielten vier Männer Karten. Sie tuschelten. An einem der Nebentische saß eine junge Frau mit langen braunen Haaren. Sie sah sie verstohlen und neugierig an.
Fortsetzung folgt …

Titelfoto: In Nebelheim, Fotorechte: Dario schrittWeise

4 Kommentare zu „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge [4]

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  1. Hallo Dario! Entschuldige bitte, ich bin schon wieder spät dran. War jetzt einige Zeit nebenbei beim Umstellen auf einen selbst gehosteten Blog, weil ja dieses Jetpack-Plugin gem. GDPR nicht so sicher ist. Jedenfalls bei mir nicht, der ich in diesem Bereich nicht besonders viele Freunde habe. 😉 Tolle Geschichte. Ich muss mir mal die vorherigen Teile noch einmal ruhig durchlesen. Doch es ist sehr spannend, und interessant. Wünsche dir eine schöne Woche! Bitte bleib sicher, denn das mit dem Virus hört scheinbar doch nicht so schnell auf. Auch wenn man geimpft ist, besteht ein Restrisiko. ;-( LG Michael

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    1. Guten Morgen Michael, kein Problem, die Beiträge kann man lesen, wann man dazu kommt. Es eilt ja nicht. 🙂 Ich wünsche dir auch, dass du gesund bleibst. Hab einen guten Start in die neue Woche. Danke dir und liebe Grüße, Dario 🙂

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