Der Erzähler und die Unendlichkeit

„Hallo du, ja, dich meine ich. Bestimmt fragst du dich jetzt, warum du meine Gedanken lesen kannst. Du fragst dich auch, warum du mit mir auf dieser entlegenen Insel bist. Die Brandung umspült den Strand, die Mittagssonne wärmt dich und du spürst eine leichte Brise. Ich brachte dich hierher, weil ich bemerkte, dass du ein wenig Abwechslung vom tristen Wetter gebrauchen könntest. Außerdem benötigte ich selber Urlaub. Denn ich bin der Erzähler und ständig im Einsatz. Mal brauchen sie mich für eine Fabel, mal für ein Märchen, dann wiederum für ein Theaterstück. Lauf ein Stück des Weges mit mir, ich erzähle dir ein wenig über mich.

Erdachte Geschichten überlieferten unsere Vorfahren seit Urzeiten, noch lange bevor sie dir Schrift erfunden haben. Sie versammelten sich um das Feuer und erzählten sich Geschichten von Abenteurern und Königstöchtern, von Ungeheuern und vergrabenen Schätzen. Und von geheimnisvollen Inseln. Oft benutzten sie auch Höhlenmalereien oder selbst hergestellte Gegenstände und Skulpturen, um ihre Erzählungen plastischer zu gestalten. Später kamen erste Zeichen und dann die Schrift hinzu. Alle mündlich und schriftlich überlieferten fiktiven Geschichten hatten jedoch ein Detail gemeinsam: Ich, der Erzähler, kam jedes Mal darin vor.

Mich gibt es seit Menschengedenken. Ich tauche in jeder erfundenen Geschichte auf, aber auch in Träumen und Gedanken. Deswegen weißt du auch, was ich jetzt denke. Ich bin weder an eine bestimmte Zeit noch an einen festen Ort gebunden. Diese Insel erschuf ich vor deinem geistigen Auge, so wie ich Orte, Ereignisse oder Charaktere in unzählige Male zuvor entstehen ließ.

Schau dir dieses schier endlose und ungebändigte Meer vor uns an. Die Wellen prasseln kraftvoll gegen das Ufer und der warme Wind weht uns die Gischt ins Gesicht. Die Geschichten und Träume der Menschen sind unendlich wie dieses dunkelblaue Meer. Auch ich werde existieren, so lange sich Menschen gegenseitig Geschichten erzählen und zu träumen wagen. Jetzt kehre zurück in deine Realität. Wenn du mich brauchst, suche mich in deiner Phantasie.“

Titelfoto: "Das Meer der Unendlichkeit" (Fotorechte: schrittWeise)

13 Kommentare zu „Der Erzähler und die Unendlichkeit

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    1. Ich lasse mich auch gerne in fiktive Welten hineinziehen. Dein Blognamen gefällt mir auch sehr, „frei“ denken finde ich sehr wichtig und erstrebenswert. LG und einen inspirierten Abend 🙂, Dario schrittWeise

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    1. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt 😉 Heute nimmt uns vielleicht der Ich-Erzähler auf eine Schifffahrt um die Welt und morgen auf eine Reise zum Mittelpunkt der Erde mit. ⛵🚢🗺️Wir müssen nur offen sein für neue Geschichten. Liebe Grüße 🙂

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  1. Schön, ich habe eine kurze Pause auf der Insel eingelegt. Danke, Erzähler:)
    Bis meine vierjährige Tochter und ihr Freund mit folgenden Worten in die Küche gerannt kamen: „Mama, wir machen jetzt Mal richtig Rabatz, damit die Nachbarn merken, dass wir Zuhause sind, okay?“ 🙂
    LG, Ruby

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