Die Stadt des Lichtbringers [1]

Fünf Schiffe segelten in den Hafen der großen Stadt. Die Wachen auf der äußeren Ringmauer öffneten das große Holztor, welches zwei Türme mit einem pyramidenförmigen Dach flankierten. Der äußere Schutzwall verlief kreisförmig um die Stadt herum. Steine und Pfosten verstärkten den hügelartigen Wall. Vier Tore dienten als Zugänge in die Stadt, zwei davon auf dem Flussweg. Durch die anderen beiden Toren führte die Straße der Könige hindurch.

Die Schiffe segelten an diesem Tag in die Stadt, weil durch die Flut erhöhte Wasserstand die Durchfahrt erleichterte und übermorgen der große Markttag stattfand. Sie waren alle mit einem viereckigen Segel ausgestattet, wie es allgemein Sitte war. Weißgraue Möwen flogen kreischend um sie herum, in der Hoffnung, Essensreste zu bekommen. Auf den Decks herrschte hektisches Treiben, die Matrosen bereiteten ihre Anlegemanöver vor.

Das Sonnenlicht des späten Nachmittags bahnte sich seinen Weg durch den wolkenbehangenen Himmel. Der Nachmittag war trotz der grauen Wolkendecke schwül und drückend. Manas arbeitete bereits den ganzen Tag im Hafen, er half beim Aus- und Beladen von Waren. In seiner Pause sah er sich die einfahrenden Schiffe genauer an. Der Hafenarbeiter war ein dreißigjähriger, drahtiger Mann. Seine schwarzen Haare trug er schulterlang, obwohl er nicht wie jemand ausgesehen hatte, der sich um solche Sachen viel Gedanken machen würde.

Ein Segelschiff schien es Manas besonders angetan zu haben: Es war die Furchtlose Feda von Kapitän Alhir. Sein grünes Segel mit zwei gelben Querstreifen stach im Vergleich zu den vier anderen Segelschiffen deutlich hervor. Alhirs Segler transportierte Waren und einige Passagiere. Als sich die Furchtlose Feda dem Ufer genähert hatte, glitten vier Ruder ins Wasser, zwei auf jeder Schiffsseite. Die rudernden Matrosen saßen im Schiffsbauch und zogen kräftig an den Rudern. Das Schiff kam parallel zur Anlegestelle zum Stehen. Eine Matrosin sprang auf die Anlegestelle und band das Segelschiff mit einem Seil an. Während die Passagiere von Bord gingen, begannen die Matrosen und einige Hafenarbeiter Waren zu entladen. Im Hafen roch es nach altem Fisch, Muscheln und Algen. Eine Katze verspeiste ein Stück Fleisch, das aus einer der Kisten rausgefallen ist.

Manas lief den Passagieren diskret hinterher. Zwei von ihnen gingen in die „Flotte Schildmagd“ und einer in „Den betrunkenen Elch“. Die restlichen Drei gingen zielstrebig zum Markt, vermutlich um dort die Verkäufer zu treffen, die ihre Waren kaufen wollten.

Der Hafenarbeiter verließ die Anlegestelle. Zwei Männer schoben leere Holzkarren in die entgegengesetzte Richtung.
„Sei gegrüßt, Manas“, rief ihm einer von ihnen zu, „bist du schon fertig mit der Arbeit?“
„Für heute schon, Zelo. Außerdem habe ich wie immer viel früher angefangen als du“, gab Manas lächelnd zu bedenken.
„Ja ja, der fleißige Manas, stets auf Zack!“ fügte Zelos Kollege hinzu. Sie lachten.

Manas kam zur inneren Ringmauer. Die zweite Befestigung war etwas kleiner als der äußere Schutzwall. Die wachhabenden Soldaten kannten ihn gut. Sie trugen braune Lederrüstungen mit dem Zeichen eines gelben Vogels auf dem Brustsegment. Die Wachen öffneten das schwere, zweiflügelige Holztor und ließen ihn passieren. Die Torflügel knarrten als sie auseinandergingen.

Manas ging hindurch und lief zum Marktplatz. Der große Platz war umgeben von bunten Langhäusern mit Reetdächern. Die Händler bereiteten ihre Stände für den großen Verkaufstag vor. Inmitten des Platzes erhob sich eine Statue, die auf einem hohen Sockel stand. Es war die Figur eines Vogels, der aus dem Feuer einsteigt. Der Kopf des Vogels war in Richtung der Festung auf dem Berg oberhalb der Stadt gerichtet. Manas folgte mit den Augen den Umrissen der Burg, die von einer mächtigen, fünfeckigen Steinmauer umgeben war. Ein Turm überragte alle Gebäude der Befestigung.

„Manas!“, eine Frauenstimme weckte den Hafenarbeiter aus seiner Tagträumerei, „Manas! Ich bin es, Tiala.“ Er drehte sich um. Eine schwarzhaarige Händlerin, die einen Verkaufsstand aufbaute, winkte ihn zu sich.
„Guten Tag, Tiala, wie geht es dir?“
„Das wollte ich gerade dich fragen. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Ich arbeite jetzt im Hafen“, sagte er verlegen.
„Das habe ich gehört. Warum holst du mich heute Abend nicht ab? Du könntest mir erzählen, was du so gerade machst.“
„Gerne“, Manas lächelte schüchtern, „jetzt muss ich aber jemand treffen.“
„Das klingt geheimnisvoll. Eine Frau?“ bohrte Tiala misstrauisch nach.
„N – nein, das nicht. Sagen wir, ich habe einen kleinen Nebenjob. Ich erkläre es dir heute Abend.“
„Nun gut, Herr Beschäftigt. Dann hole mich nach dem vorletzten Gongschlag ab. Ich bin schon gespannt zu erfahren, was du so treibst.“

Manas verabschiedete sich von Tiala und begab sich in das Gelehrtenviertel. Eine staubige Gasse führte leicht bergauf. Der junge Hafenarbeiter blieb vor einer langen, hellblauen Hütte stehen. Das Reetdach reichte bis zum Boden. Er klopfte an die Holztür. Eine Frau öffnete.
„Ach, du bist es.“
„Hallo Sella!“
„Wir haben alle viel zu tun gerade.“
„Das habt ihr dauernd“, spottete Manas.
„Lach du nur“, antwortete Sella. „Du willst bestimmt zu deinem besonderen Freund?“
„Ja, das ist mein Ziel.“
„Na gut, komm rein.“ Sella ließ ihn hereintreten.

Manas musste den Kopf einziehen, um durch die Tür in die Hütte hineintreten zu können. Sella schloss die Tür mit einem Holzbalken hinter ihnen zu. Das Innere des Hauses war von vielen Kerzen erhellt. Darin saßen an die fünfzehn Frauen und Männer an einfachen Tischen. Sie waren mit Schreiben und Zeichnen beschäftigt.

An einem der Tische saß ein braunhaariger Mann, mit dem Rücken zu ihnen gedreht. Er war wie die anderen Schreiber im halbdunklen Raum in seine Schreibarbeit vertieft. Manas berührte ihn leicht an der rechten Schulter. Der Mann drehte sich zu ihm um:
„Manas, du hast mich erschreckt! Wegen dir habe ich meine Schreibrolle ruiniert. Jetzt muss ich den Abschnitt neu beginnen.“
„Hallo Alrond! Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht stören. Aber ich habe eine Information, die dich interessieren könnte.“

Was bisher geschah

Fortsetzung folgt …

Titelfoto: "Die Stadt des Lichtbringers", Fotorechte: Dario schrittweise

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