Die Stadt des Lichtbringers [2.2]

In der ersten Fortsetzung der fantastischen Erzählung „Stadt des Lichtbringers“ beobachtete der Hafenarbeiter Manas die einfahrenden Schiffe. Insbesondere das Segelschiff von Kapitän Alhir hatte sein Interesse geweckt. Manas lief zur Hütte der Schreiber, wo ihn Lyssea empfing. Dort traf er Alrond, um ihn seine Beobachtungen zu schildern.

Die Stadt des Lichtbringers ist der zweite Teil der Erzählung „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge.

Was bisher geschah

Die Stadt des Lichtbringers 2

„Was hast du auf dem Schiff gesehen?“ fragte Alrond den Hafenarbeiter.
„Es geht nicht um was, sondern vielmehr um wen,“, korrigierte ihn Manas.

Alrond trat aus dem Schatten auf ihn zu. Er war ein vierzigjähriger Mann mit leicht gewelltem, braunen Haar und dunkelgrünen Augen. Seine Haut war etwas dunkler als die von Manas und Lyssea. Auf seiner linken Schläfe zeichnete sich eine kleine Narbe ab. Zu seinem rötlichen Leinenhemd trug Alrond eine braune Hose aus grober Wolle.

„Mit dem Schiff des alten Alhir kam ein Fremder in die Stadt, den ich sehr interessant fand.“
„Ja? Was war denn so interessant an ihm? Es kommen ständig Besucher nach Phoenixstein. Was macht den Neuankömmling so besonders?“
„Schscht, müsst ihr die ganze Zeit reden?“ ermahnte sie einer der Schreiber, ein schmächtiger Mann mit grauen Haaren und einem Schnauzer. „Wir haben hier alle viel zu tun.“
„Ja, ja, wir gehen ja schon“, erwiderte Alrond, „komm, Manas, nebenan haben wir unsere Ruhe.“
Der Schreiber deutete mit der Handbewegung nach draußen.
Der schmächtige Mann blickte ihnen noch eine Weile hinterher, bis sie den großen raum verlassen haben.

Alrond und Manas gingen aus der Schreibhütte und liefen einige Schritte. Zwischen zwei Hütten blieben sie stehen.
„In Ordnung, hier stören wir niemanden“, versicherte Alrond, „leider ist die Stimmung in der Schreibstube häufig angespannt.“
„Mhm, das habe ich gemerkt“, der junge Hafenarbeiter lächelte verschmitzt, „was ich erzählen wollte, der Mann, den ich gesehen habe, hat mich an eine deiner Geschichten erinnert.“
„Ach so? Welche denn?“
„Es war die Geschichte mit den Anhängern des Nautilus.“
„Diese Geschichte … Nun, das ist wirklich eine interessante Sache“, Alrond fuhr sich mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand nachdenklich über das Kinn, wo ein Grübchen zu erkennen war. Ein schwarzer Fleck blieb übrig, weil seine Fingerkuppen mit Tinte beschmiert waren. Er wischte sich den Fleck mit einem Tuch aus dem Gesicht. „Welche Details hast du wiedererkannt?“,
„Sein Aussehen und mehrere Verzierungen der Kleidung. Sie waren genauso, wie du sie uns in deiner Geschichte beschrieben hast.“
Alrond deutete mit der linken Hand, dass sein Gesprächspartner eine kurze Pause machen sollte. Er drehte sich um:
„Lyssea, du brauchst dich nicht mehr zu verstecken. Du kannst dich jetzt gerne zu uns gesellen.“
Die schwarzhaarige Schreiberin kam um die Ecke: „Entschuldigt bitte, ich war einfach neugierig. Ich wollte hören, was ihr so heimlich zu besprechen habt. Und wie ich sehe, Alrond, hast du noch ein Opfer für deine erfundene Geschichten gefunden.“ Lyssea lachte herzlich. Ihre rote Tunika hob und senkte sich dabei leicht.
„Hach, das sind keine Erfindungen! Es sind Erfahrungsberichte von meinen Reisen.“
„Ja, ja, das hast du schon mehrfach gesagt“, erwiderte sie.
„Wie du meinst“, Alrond lachte.
„Glaubst du, dieser Fremder könnte dir neue Erkenntnisse liefern?“ versuchte Manas das Gespräch wieder auf das Ausgangsthema zu lenken.
„Das könnte sein, ich werde ihm vermutlich in einigen Tagen einen Besuch abstatten“, erwiderte Alrond nachdenklich.
„Und was, wenn er gefährlich ist?“ wollte Manas wissen.
„Das werden wir sehen, vorerst können wir nichts machen.“
Lyssea mischte sich wieder ein: „Ihr habt seltsame Ideen. Ich glaube nicht, dass hier jemand gefährlich ist, nur weil er ungewöhnlich oder anders aussieht.“
„Das sagen wir auch nicht“, stellte Alrond richtig, „wir sollten nur vorsichtig sein, nachdem, was in letzter Zeit in unserem Königreich passiert ist.“
„Genau. Bekomme ich jetzt die versprochene Belohnung?“ wandte sich Manas an Alrond.
„Erst nachdem sich die Information als nützlich erwiesen hat. Ich muss mir den Fremden erst aus der Nähe ansehen.“
Der Hafenarbeiter wirkte nicht unbedingt glücklich darüber, schien sich aber damit abfinden zu können.
„Ihr seid mir zwei witzige Gestalten“, erfreute sich Lyssea an der Situation.
„Ich werde jetzt wieder in die Schreibstube zurückkehren und weitermachen. Alrond, kommst du auch mit?“
„Nein, ich werde für heute Schluss machen. Außerdem wird es bald dunkel und dann müsst ihr ohnehin die Schreibarbeit bis morgen zur Seite legen.“
„Schreibarbeit“, dachte Manas laut nach, „Woran arbeitet ihr gerade?“
„Du hast bestimmt vom neuen Tempel des Regengottes Rotas gehört? Seine Anhänger bauen ihn gerade im Gelben Viertel“, erklärte Alrond, „der Rotas-Älteste gab uns einen längeren Text in Auftrag, wir sollen mehrere Abschriften davon machen.“
„Eine Schrift“, grübelte der junge Mann, „die würde ich gerne sehen.“
„Ich bin mir sicher, dass dir der Rotas-Älteste gerne eine überlassen würde, wenn du ihn darum freundlich bitten würdest.“
Sie verabschiedeten sich und jeder ging ihrer eigenen Wege. Alrond bog um die Ecke einer grünen Hütte. Ein bärtiger Mann kreuzte seinen Weg. Er trug einen Weidekorb mit Holzscheiten auf dem Rücken. Beide nickten sich zu. Ein grauer Hund lief dem Mann hinterher und kam auf Alrond zu, mit dem Schwanz wedelnd.
„Du bist ein braver Hund, Derron. Hier, ich habe etwas für dich“, Alrond kraulte ihn unter dem Kinn und holte ein Päckchen aus der Hosentasche.
„Das wird dir schmecken“, er legte das Päckchen auf den Boden und öffnete es. Der Hund schnappte nach dem Happen, welches sofort in seinem Maul verschwand. Er bellte kurz darauf zufrieden und lief um die Beine seines Wohltäters.
„Danke dir, Alrond“, sagte der Mann mit den Holzscheiten.
„Gerne, Sod.“
„Komm Derron, wir gehen weiter.“ Der Hund sah den Schreiber dankend an und bellte kurz zum Abschied. An einem Baum blieb der Hund stehen, hob sein rechtes Hinterbein an und verrichtete sein Geschäft.
Mit Einbruch der Dunkelheit kehrte Alrond in seine Hütte am Ende der Handwerkergasse.

Am nächsten Morgen kam Alrond kurz vor dem Sonnenaufgang in die Schreibstube, um seine Arbeit fortzusetzen. Vor dem Eingang standen zwei Soldaten in roten Leinentunikas mit Lederbändern um die Taille und quer über der Brust.
„Bist du der Schreiber Alrond Celantis?“ fragte ihn einer der beiden.
„Wer will das wissen?“
„Du bist hier nicht derjenige, der Fragen stellen darf“, antwortete der Soldat barsch.
„Das klingt dringend. Gut, ich höre. Was wolltest du mir sagen?“
„Hauptmann Gatton will dich sprechen, du musst dringend hingehen. Ich bringe dich zu ihm.“
„Oho, das ist eine Nachricht. Wieso das?“
„Ich kann dir nicht viel erzählen. In der Nacht ist etwas passiert, worüber Gatton mit dir sprechen möchte. Alles Weitere wirst du später erfahren.“
„In Ordnung, ich folge euch.“

Sie liefen durch die Gassen. Die genervten Soldaten blieben vor dem Haus des Hauptmanns stehen. Sie war, neben der Festung Phoenixburg, eines der wenigen Gebäude der Stadt, die größtenteils aus Stein gebaut waren. Der Steinbau befand sich in der Nähe des Bergs mit der großen Festung, die wie ein dunkler Gigant die Stadt überragte. König Cederic II. lenkte von dort aus die Geschicke seines Reiches.
Der Soldat klopfte an die Tür des Hauses. Ein Mann blickte aus dem Fenster im ersten Stock. „Ach, ihr seid es“, sagte die Wache, „kommt herein. Der Hauptmann Gatton wartet bereits auf euch.“
Die Holztür öffnete sich knarzend. Sie führten ihn in den großen Empfangsraum.
Ein Mann mittleren Alters saß im größten Raum des Gebäudes an einem Holztisch. Darauf waren mehrere Schriftrollen und eine rudimentäre Karte der Region verteilt. Im Raum roch es nach Fleisch und Bier. Der Mann war kräftig gebaut, er trug einen langen, schwarzen Bart und hatte einen voluminösen Bauch.
„Du bist also Alrond, einer der Schreiber von Belon?“
„Ja, mit Haut und Haar“.
„Wo warst du gestern Abend?“ wollte der Hauptmann ohne Umschweife von ihm wissen.
„Bei mir zu Hause. Meine Nachbarn können es bezeugen. Warum? Ist gestern etwas passiert?“
„Und ob. Gestern fand die Sitzung des Kleinen Rates statt. Einige der bedeutendsten Persönlichkeiten von Phoenixstein und somit des ganzen Königreichs waren anwesend. Auch dein Meister Belon war da. Es gab einen Überfall auf die Mitglieder des Kleinen Rates.“
„Ein Überfall auf den Kleinen Rat? Wer sollte so etwas tun wollen?“ wunderte sich der Schreiber.
„Ich habe gehofft, dass du es mir verraten kannst“, zeigte sich der ungeduldige Hauptmann enttäuscht, „Schließlich hast du dich in den letzten Monaten im Nebelgebirge herumgetrieben“, er zupfte nervös an seinem Lederwams.
„Ja, das habe. Ich bin erst seit einigen Tagen wieder in der Stadt zurück. Aber ich kann auf Anhieb keinen direkten Zusammenhang herstellen“, bedauerte Alrond.
„Hm, dann will ich dir das erstmal glauben“, sagte Gatton gönnerhaft, „aber, dass du mir ja nicht Phoenixstein ohne meine Erlaubnis verlässt. Sollte ich weitere Fragen haben, möchte ich dich in der Nähe wissen“, drohte ihm der kräftige Mann.
„Das lässt sich einrichten, ich habe für die nächsten Tagen ohnehin keine Reisepläne gehabt“, erwiderte Alrond spöttisch. Gatton ging nicht darauf ein.
„Wie geht es den Mitgliedern des Rates? Was wissen wir schon über die Angreifer?“ fragte Alrond.
„Das hat dich nicht zu interessieren. Ich werde dir keine weiteren Informationen geben. Deine Untersuchungen müssen ab sofort ein Ende haben. Die königlichen Truppen übernehmen die Verfolgung der Angreifer. Mit eurem Geschreibsel sind wir bisher nicht weit gekommen. Ab sofort müssen wir mit Schwert und starker Hand handeln. Wehe, ihr Schreiberlinge kommt mir in die Quere“, sagte er verächtlich.
„Aber, …“ versuchte Alrond zu widersprechen, der Hauptmann unterbrach ihn mit einer abwehrenden Geste und fiel ihm ins Wort:
„Ich habe jetzt keine Zeit dafür, gehe bitte!“ Gatton zeigte auf den Ausgang, ohne seinen Gesprächspartner eines weiteren Blickes zu würdigen. Alrond verließ wütend den Raum, mit dem Kopf schüttelnd. Wortlos lief er an den Wachen vorbei, die ihn neugierig musterten, als er entschlossen durch die Tür schritt.

Fortsetzung folgt ..

Titelfoto: "Ein Blick in die Schreibstube", Fotorechte: Dario schrittWeise

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