Fernweh: Orient Express

Der berühmte Luxuszug quält sich durch die verschneite Landschaft. Der starke Schneefall behindert die Sicht aus dem Fenster. Auch der Telegraf ist ausgefallen. Die Schneeverwehung macht schließlich die Weiterfahrt des Zuges unmöglich. Der mitreisende belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot wird plötzlich durch einen Schrei aus seinen Gedanken gerissen. Eine Leiche wurde gefunden. Das Opfer ist ein amerikanischer Passagier, der durch zwölf Messerstiche ermordet wurde. Poirot wird mit der Aufklärung des Falles beauftragt.

So beginnt die weltbekannte Handlung des 1934 herausgebrachten Kriminalromans von Agatha Christie „Mord im Orient Express“. Die Enge des Zuges und der nostalgische Zauber des Settings eignen sich hervorragend, um einen dramatischen und mysteriösen Spannungsbogen aufzubauen und haben viele Künstler inspiriert. Die Reise im Orient Express ist ein Mythos, nicht erst seit Christie dem Luxuszug ein Denkmal gesetzt hat.

Orientexpress1883
Der erste Orient-Express 1883 (Bild via Wikimedia Commons)

Jeder von uns kennt Orte oder Reisewege, die für ihn einen besonderen Reiz ausüben. Diese Reiseziele ziehen ihn magisch an. Für viele sind es Städte wie Paris, Rom oder Venedig, für andere Wege wie der Jakobsweg, Seidenstraße oder eine Rucksackreise im Amazonas-Dschungel. Ich möchte euch einige meiner persönlichen Fernweh-Ziele vorstellen, die es in ihrer ursprünglichen Form vielleicht so gar nicht mehr gibt.


Verschiedene Namen und komplexe Fahrpläne

Am 5. Juni 1883 fuhr der „Express d‘ Orient“, wie der Luxuszug der Compagnie Internationale des Wagons-Lits anfangs hieß, zum ersten Mal. Die erste Strecke führte ihn von Paris über Straßburg, München, Wien, Budapest nach Rumänien und von dort aus mit einem Dampfschiff über das Schwarze Meer nach Konstantinopel. Anfangs bestand der Zug nur aus Schlaf- und Speisewagen. Die Fahrt dauerte 80 Stunden[1].

Seit 1891 trug der berühmte Zug den Namen Orient Express[2]. Im Laufe der Zeit änderte der Zug auch häufig seinen Namen. So hieß er Ostende-Wien-Orient-Express, Karlsbad-Express, Simplon-Orient-Express usw. Auch die Linienverläufe waren keinesfalls homogen. Die berühmteste Strecke ist jene über Wien, Belgrad und mit dem Schiff nach Istanbul. Allerdings gab es auch viele andere Neben- und Teilstrecken. Ganze Waggonreihen wurden in Zwischenstationen angekoppelt oder getrennt. Ein großes Netz von Zubringerzügen ermöglichte Passagieren aus unterschiedlichen Regionen Europas mit dem Luxuszug zu fahren.

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Fahrplan des Orient-Express von 1883 bis 1914, (Autoren: Alphathon und Pechristener, via Wikimedia Commons)

Von der Nachkriegszeit bis heute

Während der beiden Weltkriege war eine durchgängige Verbindung von Paris bis Konstantinopel nicht möglich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Verbindung als Simplon-Orient-Express, der Orient-Express und Arlberg-Orient-Express wiederbelebt, diesmal auch mit Sitzwagen, und seit 1950 nicht mehr als Luxuszüge der CIWL sondern als gewöhnliche Züge[3].

1962 fuhrt der Orient-Express unter dem Namen Arlberg-Orient zu letzten Mal als Luxuszug. Danach verkehrten verschiedene Züge unter ähnlichem Namen, in erster Linie als gewöhnliche Fernzüge oder als besondere Nostalgie-Züge für Touristen, wie der seit 2008 von der SNCF betriebene Orient-Express[4].

Berühmte Fahrgäste und unerhörte Begebenheiten

Für mich ist die Zeit bis zum ersten Weltkrieg die entschiedene Zeit für den Mythos des Luxuszuges. Ich denke an diese Anfangsjahre, wenn ich mir den berühmten Orient-Express vorstelle: die luxuriöse Innenausstattung, die alten Wagons und Dampflokomotiven und Anekdoten um schillernde Reisende. Könige und Königinnen, Maharadschas, Diplomaten, königliche Kuriere, Geheimagenten, Waffenschmuggler, berühmte Sänger und Tänzerinnen, zeitweise sogar Soldaten und Partisanen sind nur einige der illustren Fahrgäste gewesen.

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Abteil in einem CIWL-Schlafwagen des ab 1929 gebauten Typs Lx (Autor: ignis, via Wikimedia Commons)

Laut einer Erzählung sollen König Ferdinand I. von Bulgarien und sein Sohn Boris III. häufig die Lokomotive des Orient-Express auf dem bulgarischen Abschnitt geführt haben. Ferdinand I. hatte im Gegensatz zu seinem Sohn nicht die nötige Qualifikation, so dass sich Reisende häufig über seine Fahrkünste beschwert haben sollen. Einer anderen Anekdote zufolge soll Geiger Jascha Heifetz aus dem geöffneten Waggonfenster Sigmund Freud um ärztlichen Rat gebeten haben[5].

Auf einer Fahrt durch Ungarn lag eine Dame in den Wehen und der Schaffner konnte keinen Arzt im Zug finden. Glücklicherweise konnte eine Mitreisende helfen. Später stellte sich heraus, dass dies Königin Maria von Rumänien war[6]. Allesamt Geschichten, die fast unglaublicher sind als die Romane und Filme selbst.

Hotel Pera Palace - Istanbul
Zimmer im Hotel Pera Palace, Istanbul, in dem Christie ihren Kriminalroman geschrieben haben soll (Autor: SteveHopson, via Wikimedia Commons)

Am Ende von „Mord im Orient Express“ versammelt der belgische Meisterdetektiv Hercules Poirot alle Zugpassagiere im Speisewagen, um den Fall aufzuklären. Auch das Zugpersonal wartet gebannt auf die entscheidende Enthüllung: Wer hat den amerikanischen Reisenden ermordet? Wird Poirot es gelingen, den Fall aufzuklären? Ein Blick ins Buch wird es euch verraten… 😉

Fußnoten:

[1] Mühl, Albert: Internationale Luxuszüge. Die großen europäischen Expreßzüge durch Deutschland, Österreich und die Schweiz . Freiburg, Eisenbahn-Kurier, EK-Verlag, (1991)., 1991, S. 64

[2] Mühl, Albert: Internationale Luxuszüge. Die großen europäischen Expreßzüge durch Deutschland, Österreich und die Schweiz . Freiburg, Eisenbahn-Kurier, EK-Verlag, (1991)., 1991, S. 64

[3] Sölch, Werner: Orient-Express. Glanzzeit, Niedergang und Wiedergeburt eines Luxuszuges. Alba, Düsseldorf, 1998, S. 72 ff.

[4] Sölch, Werner: Orient-Express. Glanzzeit, Niedergang und Wiedergeburt eines Luxuszuges. Alba, Düsseldorf, 1998, S. 65 ff.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Orient-Express (zuletzt abgerufen am 08.05.2017)

[6] Sölch, Werner: Orient-Express. Glanzzeit, Niedergang und Wiedergeburt eines Luxuszuges. Alba, Düsseldorf, 1998, S. 66

2 Kommentare zu „Fernweh: Orient Express

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