Albrecht Dürer als Kunstgrafiker und Wissenschaftler

Albrecht Dürer wurde einer Anekdote zufolge auf seiner zweiten Italienreise in Bologna zu einem besonderen Abendessen eingeladen. Zu Ehren des deutschen Meisters waren mehrere Künstler anwesend. Nachdem alle gegessen haben, bat der Gastgeber alle Anwesenden, eine Probe ihres Könnens zu geben. Dürers italienische Kollegen bemühten sich, ihren deutschen Besucher zu beeindrucken. Sie malten besonders ausgefallene Motive und alle versuchten sich gegenseitig zu übertreffen. Als Dürer an die Reihe kam, warteten alle gebannt darauf, was der deutsche Meister hervorbringen wird. Dieser nahm eine Kreide und malte auf dem Tisch einen Kreis und setze einen Punkt in die Mitte. Seine italienischen Kollegen schauten sich verstohlen enttäuscht und überrascht an. Was wollte der deutsche Besucher damit zum Ausdruck bringen? Was bedeutete diese Zeichnung? Die folgenden Zeilen werden Aufschluss darüber geben.[1]

 

„Neuer Geist und neuer Glaube. Albrecht Dürer als Zeitzeuge der Reformation“

Im Albrecht-Dürer-Haus in Nürnberg findet noch bis zum 4. Oktober 2017 die Ausstellung „Neuer Geist und neuer Glaube. Albrecht Dürer als Zeitzeuge der Reformation“ statt. Darin sind ungefähr 35 Holzschnitte und Kupferstiche Dürers ausgestellt. Die Drucke stammen aus der Sammlung der Familie Diehl und werden nach der Ausstellung mindestens 10 Jahre in einem lichtdichten Tresor aufbewahrt. Die Drucke sind teilweise zum ersten Mal ausgestellt. Einige der Blätter sind beispielsweise „das Männerbad“ (1495/96) und die drei Meisterstiche „Ritter, Tod und Teufel“ (1513), „Der heilige Hieronymus im Gehäus“ (1514) sowie „Melancolia I“ (1514). Die Ausstellung versucht Dürers Rolle und Position in der Reformation zu beleuchten. Einerseits stimmte er als Mitglied des Großen Nürnberger Rates für den Protestantismus als neue Konfession in Nürnberg, andererseits waren die Katholiken seine größten Auftraggeber. Auch konnte ihm nicht gefallen haben, als er von protestantischen Bilderstürmern gehört hat, die Kunstwerke und Kirchen zerstörten. Eine endgültige Antwort lässt die Ausstellung erwartungsgemäß offen. [2]

Der Holzschnitt „das Abendmahl“, den Dürer 1523/25 angefertigt hat, wird oft als Beispiel für Dürers protestantisches Selbstverständnis aufgefasst. Darin entwarf Dürer ein Bild des Abendmahls, in dem Christus und seine Apostel in einem einfachen, schmucklosen Raum versammelt sind. Das Lamm fehlt darin. Da für Luther das Abendmahl „nur“ ein Sakrament darstellte, ohne einen Opferbezug, interpretiert die Forschung im Fehlen des Lammes als Opfertier eine Anspielung auf diesen Gedanken.[3]

Dürer - Das Abendmahl Albrecht Dürer, "Das Abendmahl" [Public domain], via Wikimedia Commons
Albrecht Dürer, „Das Abendmahl“, 1523/25,   [Public domain], via Wikimedia Commons

In meinem ersten Blogbeitrag zu Albrecht Dürer, „Jugend und erste Reisen„, habe ich beschrieben, wie der junge Dürer nach seiner Ausbildung seine Gesellenreise im Jahr 1490 an den Niederrhein antrat, um nach seiner Rückkehr 1494 Agnes Frey zu heiraten. Im Herbst des gleichen Jahres fuhr er nach Italien. Einige sagen, um der Pest in Nürnberg zu entfliehen und um eine Bildungsreise zu unternehmen, böse Zungen behaupten jedoch, er wollte vor seiner Ehefrau fliehen.

Das Wohnhaus am Tiergärtnertor, in dem die Ausstellung stattfindet, kaufte Dürer im Jahr 1509. Heute ist das Gebäude unter dem Namen „Albrecht-Dürer-Haus“ bekannt. Er wohnte und arbeitete darin mit seiner Frau Agnes und seinen Angestellten bis zu seinem Tod. Die Ehe mit Agnes blieb kinderlos. Im Haus versuchte man das Leben des berühmten Renaissancekünstlers museumspädagogisch nachzuvollziehen. Die Küche bleibt jedoch als einziger Raum, zu dem mit Sicherheit gesagt werden kann, welche Funktion er hatte. Die gefundenen Kochreste reichten als Indizien aus.

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Vom Handwerker zum Künstler und Unternehmer

Mit seinen Bildungsreisen entwickelte sich Dürer stetig als Künstler weiter. Insbesondere seine beiden Italienreisen hatten eine große Bedeutung für sein künstlerisches Schaffen. Von 1520 bis 1521 reiste er mit seiner Ehefrau in die Niederlande und lernte dort Kunstwerke berühmter Künstler kennen. Nach seiner Rückkehr aus Italien 1496 begann seine kreativste Schaffensperiode und in den kommenden 15 Jahren schuf Dürer die meisten seiner Holzschnitte, Kupferstiche und Gemälde.[4]

Reich und international berühmt ist Dürer in erster Linie durch seine Holzschnitte und Kupferstiche geworden. Die Gemälde blieben wenigen Auserwählten vorbehalten. Die Druckgrafiken ließ er europaweit verkaufen und engagierte Agenten und Vertreter, um sie zu vermarkten. Diese mussten ihrem Vorgesetzten sogar manchmal in seiner Werkstatt aushelfen. Bis 1497 betrug sein Portfolio an Kupferstichen und Holzschnitten bereits über 25 Exemplare und die Anzahl wuchs ständig. Vom elsässischen Künstler Martin Schongauer ließ er sich dazu inspirieren, ein Markenzeichen in seinen Werken zu hinterlegen. Auf diese Weise entstand sein berühmtes Monogramm, mit dem er seine Kunst kennzeichnete.[5]

Albrecht Dürer Monogramm
Monogramm von Dürer [Public domain], via Wikimedia Commons

Dürers Monogramm trat zum ersten Mal im Jahr 1494 auf dem Kupferstich „Die Heilige Familie mit der Libelle“ in Erscheinung. Bald entwickelte es sich zu einem Markenzeichen, das Dürer verteidigen musste, weil seine Kunstwerke oft kopiert wurden. Der italienische Kunstgeschichtsschreiber Vasari berichtet von einer Beschwerde, die Dürer gegen Marcantonio Raimondi vor Gericht brachte, weil Raimondi seine Grafiken unerlaubt kopierte und verkaufte. Das Gericht entschied zwar zu Dürers Gunsten, jedoch verbot es nicht das Nachstechen, sondern nur die Verwendung des Monogramms auf den Kopien.[6]

Einen der ersten großen Gemäldeaufträge bekam der deutsche Renaissance Maler vom Kurfürst Friedrich III. von Sachsen, auch „der Weise“ genannt. Er beauftragte Dürer mit seinem Portrait und großen Gemäldetafeln. Diese Auftragsarbeiten verhalfen dem bisher wenig bekannten Künstler zu mehr Ansehen bei den Nürnberger Patrizierfamilien, weitere Gemäldeaufträge folgten.[7]

Dürer malte auch viele Selbstportraits. In den meisten Fällen ist ihre Auftragslage unklar. Die ersten dienten wohl dem Übungszweck, die späteren sollen auch als Eigenwerbung gedacht gewesen sein. Neben seinem berühmten „Selbstbildnis mit Pelzrock“ aus dem Jahr 1500, auf dem er sich selbstbewusst in einer bis dahin Christus vorbehaltenen Pose inszenierte, gehört auch sein Selbstbildnis von 1498 zu seinen berühmtesten. Auf dem Gemälde ist ein modisch gekleideter junger Dürer mit lockigem Haar und Bart zu sehen. Im Hintergrund befindet sich eine alpine Ideallandschaft, die auf seine Reise nach Italien und seine von dort mitgebrachten künstlerischen Vorstellungen hindeutet.[8]

Selbstdarstellungen von Künstlern waren wohl keine Erfindung der Renaissance, denn die Künstler haben sich auch bereits im Mittelalter in ihren, meist sakralen, Auftragswerken als Figuren in Gemälden, Skulpturen oder Handschriften verewigt. Neu war die Position des porträtierten Künstlers, der im wahrsten Sinne des Wortes zunehmend in den Vordergrund rückte und seine Blickrichtung zum Beobachter wendete.[9]

Selbstbildnis mit Landschaft (Madrider Selbstbildnis), Öl auf Lindenholz (1498), Museo Nacional del Prado, Madrid (Bildrechte: Albrecht Dürer [Public domain], via Wikimedia Commons)

Dürer als Wissenschaftler

Dürer beschäftigte sich intensiv mit der Proportionslehre. Auch hinter seinem „Selbstbildnis mit Pelzrock“ vermuten Forscher eine intensive Auseinandersetzung mit menschlichen Proportionen.[10] Im Jahr 1504, kurz nach der Fertigstellung des „Selbstbildnisses mit Pelzrock“, schuf Dürer seinen Kupferstich „Adam und Eva“, der als die erste in Deutschland veröffentlichte Proportionsstudie einer Frau und eines Mannes gilt.[11]

Sein wohl wichtigstes kunsttheoretisches Werk ist die „Underweysung der Messung, mit dem Zirckel und Richtscheyt, in Linien, Ebenen unnd gantzen corporen“ (Nürnberg 1525), das auch außerhalb der Künstlerkreise Anerkennung fand. Darin setzte sich der deutsche Künstler mit Problemen perspektivischer und geometrischer Konstruktionen auseinander, die in einem künstlerischen Werk vorkommen könnten.[12]

Albrecht Dürer - The Fall of Man (Adam and Eve) - Google Art Project
Albrecht Dürer, „Adam und Eva – Sündenfall“ [Public domain], via Wikimedia Commons

Dürer verstand sich als Künstler und Wissenschaftler, wie seine italienischen Kollegen, die er bewunderte. Neben den Forschungsarbeiten zu Kunst und Geometrie schrieb er auch ein Werk zur Befestigungslehre, „Etliche underricht / zu befestigung der Stett / Schloß / und flecken“ (Nürnberg 1527). Seine Erkenntnisse zu diesem Thema  waren jedoch bald nicht mehr aktuell, weil sich die Methoden der Kriegsführung schnell änderten.[13]

Unter diesen Gesichtspunkten können wir uns die Anekdote mit dem Künstlertreffen in Bologna besser vorstellen. Nachdem alle Gäste ein Beispiel ihrer Kunstfertigkeit präsentiert haben, zeichnete Dürer mit einer präzisen Handbewegung einen Kreis mit einem Punkt darin. Bevor jemand etwas sagen konnte, erklärte Dürer heiter seinem verdutzten Publikum: „Nehmt einen Zirkel und messt nach!“. Einer der anwesenden Künstler prüfte den Kreis und stellte verwundert fest: „Der Kreis ist perfekt gezeichnet und der Punkt liegt exakt in seiner Mitte.“. Seine Kollegen gratulierten ihm anerkennend. In Dürers Augen gehörten Kunst und geometrische Präzision untrennbar zusammen.[1]

Quellenangaben

[1] Anekdote nacherzählt nach: Schiener, Anna: „Albrecht Dürer. Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit“, Regensburg 2011, S. 60 f.
[2] https://tourismus.nuernberg.de/pressroom/pressematerial/pressemitteilungen/news/mehr-als-35-duerer-orignale-nuernberg-ausflug-lohnt-immer (zuletzt abgerufen: 13.08.2017)
[3] Schiener, S. 102
[4] ebd. S. 41
[5] ebd. S. 33
[6] Salley, Victoria: "Albrecht Dürer", München 2003, S.22
[7] Schiener, S. 44f.
[8] Klinke, Harald: "Dürers Selbstportrait von 1500. Geschichte eines Bildes", Norderstedt 2004, S. 12
[9] ebd., S. 24f.
[10] ebd., S. 22 f.
[11] Schiener S. 53
[12] ebd. S. 127 f.
[13] Schiener, S. 128 - 130

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