Aufbruchstimmung im Velay [Via Podiensis 1]

Kurz vor 6:00 Uhr wachte ich auf. Noch ruhte die Stadt, in Schatten getaucht. Die anderen Pilger im Schlafsaal taten mir gleich. Ich stand auf und bereitete mich für meine erste Etappe auf dem Jakobsweg „Via Podiensis“ vor. Meinen Rucksack packte ich, wie gewohnt, bereits am Vorabend. Um 6:30 Uhr begann das Frühstück im „Accueil Saint-Jacques“, der Pilgerherberge der „Amis de chemin de St. Jacques“ in Le Puy-en-Velay. In der Küche herrschte ausgelassene Stimmung. Pilger und Herbergsbetreuer tauschen sich aus und scherzen. Auch die letzten Morgenmuffel kamen nach. Vor dem Frühstück sangen wir noch das bekannte Pilgerlied „Ultreia“:

„Tous les matins nous prenons le chemin,

tous les matins nous allons plus loin.

Jour après jour la route nous appelle,

c’est la voix de Compostelle.

Ultreia, Ultreia, et Suseia,

Deus, adjuva nos!“

„An jedem Morgen da treibt’s uns hinaus,

An jedem Morgen da heißt es: Weiter!

Und Tag um Tag da klingt der Weg so hell:

Es ruft die Stimme von Compostell’.

Ultreia, Ultreia (immer weiter, vorwärts und aufwärts)

E sus eia. Deus, adjuva nos! (Gott (be)schütze uns)“

Text und Musik: J. Claude Bénazet, (Übersetzung von Wolfgang Simon)
Text und Übersetzung: http://www.jakobus-info.de/ultreia/texte.htm
Youtube-Video zum Ultreia-Lied (2:36 Minuten)

Nach dem Frühstück verabschieden sich die meisten Pilger von den Herbergsbetreuern, um in den 7 Uhr-Gottesdienst zu gehen. Ich kam ebenfalls mit, an dieser Stelle endete meine letzte Etappe im Juni. Wir nahmen die Treppenstufen zur Kathedrale. Die ersten Sonnenstrahlen erhellten langsam die mittelalterlichen Gassen.

Vortag, Sonntag 03.09.17

Ich reiste am Samstag, 02.09. aus Nürnberg mit dem Zug nach Clermont-Ferrand an. Am Sonntag fuhr ich weiter nach Le Puy-en-Velay. In dieser Stadt endete mein Jakobsweg-Abschnitt von Cluny, den ich im Juni gelaufen bin und gleichzeitig beginnt hier der Jakobsweg „Via Podiensis„.

Ich habe bereits ein Foto dieses Street Art-Bildes zum Thema „Jakobsweg“ aus Le Puy veröffentlicht. Das Bild faszinierte mich aber so sehr, dass ich nun noch einige Details abbilden möchte.

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Bildergalerie: Manuelle Navigation mit Pausen- und Pfeiltasten

Meine Rückkehr nach Le Puy fühlte sich erhebend an. Ich aß am Place de Plot zu Mittag, in dem Wissen, dass ich am kommenden Morgen hier meinen Jakobsweg fortsetzen werde. Ich schlenderte den ganzen Nachmittag durch die verwinkelten Gässchen, machte Fotos und genoss den Tag, die Vertrautheit und schwelgte in Erinnerungen. Schon hier merkte ich die große Zahl der Pilger, die überall umherschwirrten. Alles wirkte touristischer und auf die Pilgerscharen ausgerichtet. Ich fühlte mich noch ein wenig fremd. Wie es sich später herausstellte, war dies der einzige Tag, am dem sich dieses Gefühl einschlich. Ich nutzte die Gelegenheit, erneut in die Kathedrale Notre Dame zu gehen und im Hôtel Dieu die Picasso-Ausstellung „Maternité“ zu besichtigen, die jedoch im wahrsten Sinne sehr überschaubar war.

Ich ging wieder in das Pilgercafé „Le Camino“, das ebenfalls von den „Amis de Saint Jacques“ ehrenamtlich geführt wird. Hier hatte ich Gelegenheit, einige der Pilger kennenzulernen, die ich auch später auf dem Weg getroffen habe. Die meisten davon waren Franzosen. Ehrenamtliche Mitglieder der Gesellschaft beantworteten hier auch die Fragen der Pilger. So fragte ich Georges, einen der Betreuer, wie ich am besten nach 9 – 10 Etappen ab Le Puy wieder zurück nach Nürnberg zurückkehren könnte. Er erklärte mir, dass es ein wenig kompliziert sei, aber, wenn ich ihm meine Daten geben würde, könnte er mir vielleicht helfen. Ich gab Georges die benötigten Daten, glaubte jedoch nicht daran, dass er mir wesentlich neuere Informationen geben könnte. Ich legte mich somit auf einen Ort fest, von dem aus ich zurückfahren würde: Conques.

1. Etappe: Le Puy-en-Velay – Saint-Privat-d’Allier

  • Datum: Montag, 04.09.2017
  • Entfernung: 24 Kilometer
  • Besonderheiten: Frühstück in der Pilgerherberge und Pilgergottesdienst in der Kathedrale, besonderer „Pilgerladen“, Saint-Privat-d’Allier

Nach dem Frühstück in der Pilgerherberge verabschiedete ich mich von den sehr freundlichen und zuvorkommenden ehrenamtlichen Betreuern in der Pilgerherberge und lief in die Kathedrale „Notre Dame“. Sie befindet sich auf dem Berg Mont Anis. Früher soll sich auf der Stelle, wo sich heute die Kirche befindet, ein keltischer Kultplatz mit einem Druidenalter und einer heiligen Quelle befunden haben. Der berühmte „Fieberstein“ soll demnach auch als Deckstein für den Druidenaltar fungiert haben.

Den Gottesdienst fand ich besonderes schön, auch weil ich zum ersten Mal, seitdem ich auf dem Jakobsweg unterwegs bin, nicht als ein anonymer Pilger losgelaufen bin. Der Pilgergottesdienst wird täglich um 7:00 Uhr von einem lokalen Bischof zelebriert. Danach segnet er die Pilger und fragt sie nach ihrer Herkunft. Dieses Mal waren tatsächlich in erster Linie französische Pilger unterwegs.

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Ich verließ ein wenig später die „heiligen Hallen“, weil ich noch mit einigen ehrenamtlichen Mitarbeitern der „Amis de chemin“ sprach, die ich kennenlernte. Ich staunte ob der großen Anzahl von Pilgern. Auf meiner ersten Etappe der „Via Podiensis“ traf ich mehr Jakobspilger als auf den Etappen der  letzten beiden Jahre zusammen. In der Kirche waren ungefähr 100 Pilger anwesend, hinzu kamen jene, die am gleichen Tag gestartet sind, ohne in den Gottesdienst zu gehen. Am Wochenende oder montags starten die meisten, ich wusste dies, hatte jedoch nur an diesen Tagen Zeit.

Beim Ausgang aus der Kirche bat mich ein Pilger aus den USA, Ben, ein Foto von ihm zu machen. Ich lernte ihn am Sonntag im Pilgercafé kennen. Er erzählte mir, dass er beabsichtigte am Stück bis nach Santiago zu laufen. Ich verabschiedete mich und lief los. Unterwegs zum Platz de Plot, auf dem der Jakobsweg „Via Podiensis“ traditionell beginnt, fiel mir noch eine pilgernde Familie auf. Eine Mutter mit einem kleinen Jungen und einer Tochter. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich sie später wieder begegnen würde.

Der Jakobsweg schlängelte sich zunächst aus Le Puy heraus. Die ersten Kilometer führten bergauf, über Mont Anis. Der Aufstieg erwies sich jedoch nicht als so anstrengend wie befürchtet. Vom Berg aus entfaltet sich ein toller Blick auf Le Puy-en-Velay, schönes Wetter vorausgesetzt. Ein guter Augenblick, um innezuhalten und den Moment des Aufbruchs zu genießen.

 

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Bildergalerie: Manuelle Navigation mit Pausen- und Pfeiltasten

Ein besonderer Pilgerladen auf dem Weg

Ich lief am beeindruckenden Tal Dolaison entlang, das laut Erklärtafeln am Weg vulkanischen Ursprungs ist. Ein Hirte trieb mit seinen Hunden eine Ziegenherde vor sich her. Sehr viele Pilger liefen vor und hinter mir. Ich fühlte mich ein wenig an den spanischen Jakobsweg erinnert. Unterwegs traf ich Sue und Dirk aus den Vereinigten Staaten wieder. Auch sie lernte ich am Sonntag im Pilgercafé kennen.

Madame Chevalier mit ihrem „Verkaufswagen“ für Pilger

Nach einigen Kilometern erreichten wir einen ungewöhnlichen Laden am Weg. Die Besitzerin musste ihr Café schließen und machte aus der Not eine Tugend:  sie öffnete einen Laden in einem Wohnwagen. Normalerweise würde ich nicht nach 6 Kilometern Pause machen, ich konnte jedoch diesem besonderen Erfindergeist nicht widerstehen.

Frischer Kaffee für verschlafene Pilger (Fotorechte: schrittWeise)

Saint-Christophe-sur-Dolaison und Montbonnet

Zwischen Saint-Christophe-sur-Dolaison und Montbonnet sah ich erneut die französische Familie, der ich in Le Puy begegnet bin. Der kleine Junge, etwa 11 – 12 Jahre alt, quälte sich mehr recht als schlecht mit seinem Rucksack, um voranzukommen. Ich denke aber, dass er mehr mit seiner Motivation kämpfte, als mit dem Gewicht des Gepäcks, denn seine Mutter trug neben ihrem Rucksack noch eine zweite Tasche, in der wahrscheinlich noch einige Gegenstände des Jungen enthalten waren.

Bar St. Jacques in Montbonnet (Fotorechte: schrittWeise)

In Montbonnet ging ich in die Bar Saint Jacques, in der ich auch mit anderen Pilgern ins Gespräch kam. Dort traf ich auch den kleinen Jungen, Jean, wieder. Interessanterweise stellte sich heraus, dass seine Schwester und er bei ihrem Vater in Nürnberg leben, während sie nun eine Woche mit ihrer Mutter auf dem Jakobsweg pilgern. Sie sprechen perfekt Deutsch und Französisch. Wenig später lernte ich auch die erste Person aus Deutschland kennen. Es handelte sich um die nette Pilgerin Anna, die am Bodensee lebt. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte mir, dass sie als studierte Psychologin eine Ausbildung zur Therapeutin macht und zunächst bis Figeac pilgern möchte.

Saint-Privat-d’Aillier

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Saint-Private-d’Allier war mein persönlicher Höhepunkt des Tages. Der Ort mit seinem Schloss auf einem Felsen hat mich sehr beeindruckt. Ich übernachtete in einer der Pilgerherbergen im Ort, dem „L’Abri  du Jacquet“ von Michèle und Alain, die selber Pilger sind. Da ihr Mann unterwegs war,  betreute uns die sehr liebenswürdige Madame Michéle alleine.

Ich schaute mich im mittelalterlichen Dörfchen um und begegnete Ben, dem US-Amerikaner, den ich vor der Kathedrale fotografierte. Er erzählte mir von seiner Arbeit als Justizvollzugsbeamter und von seinem Blog über seine Erfahrungen auf dem Jakobsweg. Ich freute mich, einen Blogger-Kollegen zu treffen. Allerdings schreibt Ben seine Erlebnisse meist am Abend auf, ich habe mich schon früh dagegen entscheiden, weil ich mich so mehr auf das Pilgern konzentrieren kann. Zudem kann ich einige Zeit über das Erlebte nachdenken.

Das Abendessen mit anderen Pilgern in der Unterkunft war ein besonderes Erlebnis. Madame Michéle erzählte sehr lebendig über ihre Pilgererfahrungen und Begegnungen mit anderen Gästen. Ich hatte zwar einige Mühe alles zu verstehen, das Wesentliche habe ich jedoch verstanden.

An dem Abend wurde mir wieder klar, dass ein wichtiger Aspekt des Pilgerns auch in der Begegnung mit anderen zu sehen ist. Wie heißt es so schön – auf dem Jakobsweg gibt es die Pilger und die, die Pilger aufnehmen, sie unterstützen. Dieser Gedanke machte mich glücklich. Passend dazu bekam ich am Abend eine E-Mail von Georges aus dem Pilgercafé „Le Camino“ in Le Puy. Ich dachte gar nicht mehr daran und glaubte auch nicht, dass er mir noch schreiben würde. In seiner E-Mail erklärte Georges mir detailliert, wie ich aus Conques nach Nürnberg zurückkehren könnte. Ich habe mich später für eine der drei Möglichkeiten entschieden, die er mit beschrieben hat.

Dieser menschenverbindende Geist, der mir bereits am ersten Tag auf Schritt und Tritt begegnete, erfüllte mich mit großer Freude,

Pilgergemeinschaft in der Unterkunft „L’Abri  du Jacquet“ (Fotorechte: schrittWeise)

Ich erinnerte mich an das Ultreia-Lied aus der Unterkunft in Le Puy:

Et tout là-bas au bout du continent,

messire Jacques nous attend,

depuis toujours son sourire fixe,

le soleil qui meurt au Finistère.

Ultreia, Ultreia, et Suseia,

Deus, adjuva nos!

Und ganz dahinten, am Ende der Welt,

Der Herr Jakobus erwartet uns sehr!

Seit ew’ger Zeit sein Lächeln ganz fest hält

die Sonne, wie sie sinkt in Finistère.

Ultreia, Ultreia

E sus eia. Deus, adjuva nos!

Chemin de terre et chemin de foi,

voie millénaire de l’Europe,

la voi lactée de Charlemagne,

c’est le chemin de tous les jacquets.

Ultreia, Ultreia, et Suseia,

Deus, adjuva nos!

Der Weg auf Erde und der Weg des Glaubens –

Aus ganz Europa führt die Spur schon 1000 Jahr’

Zum Sternenweg des Charlemagne:

Das ist, ihr Brüder, unser Weg fürwahr.

Ultreia, Ultreia

E sus eia. Deus, adjuva nos!

Text und Musik: J. Claude Bénazet, (Übersetzung von Wolfgang Simon)
Text und Übersetzung: http://www.jakobus-info.de/ultreia/texte.htm
Youtube-Video zum Ultreia-Lied (2:36 Minuten)

 

Wichtige Orte auf dem Weg:

  • Saint-Christophe-sur-Dolaison
  • Montbonnet

„Meinen“ Jakobsweg habe ich in einer thematischen Übersichtsseite zusammengefasst, weil ich die Erfahrungsberichte nur teilweise chronologisch aufschreibe. Die Themenseite werde ich  laufend aktualisieren und überarbeiten.

2 Kommentare zu „Aufbruchstimmung im Velay [Via Podiensis 1]

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