Über Stock und Stein am Rhein [Konstanz – Basel I]

Der Rhein gehört zu den größten Flüssen Europas. Eine mächtige Wasserader, die sich durch das Herz des Kontinents schlängelt. Seinen Ursprung hat der Fluss in der Schweiz, der größte Teil verläuft jedoch durch Deutschland. Die Menschen nutzen Gewässer oft, um eine Grenze zu ziehen. Für mich besitzen Flüsse wie der Rhein in erster Linie etwas Positives. Lange Zeit erleichterten sie den Transport von Menschen, Tieren und Gütern. Die Flüsse verbanden die Menschen, unterstützen den Handel und versorgten die Mühlen mit Wasser. Oft wurden entlang der Flüsse auch wichtige Handelsrouten errichtet, so auch die Via Rhenana zwischen Konstanz und Basel. Obwohl die Handelsstraße Via Rhenana im Mittelalter vermutlich häufig von den Santiagopilgern verwendet wurde, gab es 2016 noch keine entsprechenden Wegweiser mit dem berühmten Muschelsymbol. Nur vereinzelte Aufkleber mit dem Jakobswegzeichen waren von Zeit zu Zeit auf den gewöhnlichen Wegweisern zu sehen. Zudem gab es zu dem Zeitpunkt auch keine offiziellen Pilger-/Wanderführer für die Strecke wie für die anderen Jakobswege. Ich musste mir den Weg damals selber suchen. Auf Nachfrage beim Jakobsweg-Team Winnenden, das bereits viele Jakobswegführer herausgab, bekam ich den Tipp, mich an den Wanderwegen „Hochrhein-Höhenweg“ und „Via Rhenana“ zu orientieren. Diese Wanderwege sind auch sehr gut ausgeschildert und verlaufen größtenteils am Rhein entlang. Der Abschnitt wird auch der „Hochrhein-Jakobsweg“ genannt. Ein sehr schöner Weg mit vielen landschaftlichen und kulturellen Höhepunkten.

Wegweiser

Am Konstanzer Münster

1. Konstanz – Diessenhofen

  • Datum: Samstag, 07.05.2016
  • Entfernung: ca. 38 Kilometer
Die erste Tagesetappe am Rhein plante ich nur teilweise. Ich wusste, dass ich relativ weit kommen wollte, mein Etappenziel ließ ich zunächst bewusst offen. Die ersten Kilometer bis Schaffhausen sind sehr einfach, weil der Wanderweg meistens sehr flach ist. Ich verabredete mich wieder mit Ina und Elias, meinen Freunden aus Konstanz, die mit dem Auto nachreisen wollten, damit wir gemeinsam weiterwandern können. Der Samstag war sehr sonnig und warm, wie die Tage zuvor, als ich zwischen Meßkirch und Konstanz pilgerte. Ich begann am Konstanzer Münster, nahm dort den Pilgerstempel, weil die Kirche am Freitag geschlossen war, und lief zunächst an meinem alten Studentenwohnheim am Rhein vorbei. Theoretisch könnte ein Jakobspilger einfach dem Bodensee und später dem Rhein bis nach Basel folgen, ich tat dies auch fast, jedoch mit einigen kleinen Ausnahmen, wie ich es in den nächsten Beiträgen zu meinem Jakobsweg zwischen Konstanz und Basel beschreiben werde.

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Grenzgänger zwischen Konstanz, Gottlieben und Ermatingen

Ich genoss die Vorstellung, als Pilger ein Grenzgänger zwischen mehreren Ländern, anfangs zwischen Deutschland und der Schweiz, zu sein. Den Abschnitt zwischen Konstanz und Schaffhausen kannte ich sehr gut, weil ich hier des Öfteren kleine Ausflüge machte, als ich in Konstanz wohnte. In Tägerwilen überquerte ich die deutsch-schweizerische Grenze und lief ab dem Zeitpunkt auf dem Schweizer Ufer weiter. Bis Stein am Rhein verläuft der Wanderweg hauptsächlich im Kanton Thurgau. Nach einer halben Stunde erreichte ich Gottlieben mit dem Schloss Gottlieben und der Drachenburg. Während des Konstanzer Konzils (1414 – 1418) wurden im Schloss Gottlieben der abgesetzte Papst Johannes XXIII. und der Reformator Jan Hus gefangen gehalten. Mit Gottlieben verbinde ich einige schöne Erinnerungen, unter anderem an einen Seminar, nach dem wir Teilnehmer mit dem Dozenten im Untersee schwammen. Hier ist die Entfernung zum deutschen Ufer sehr kurz, so dass man problemlos zwischen zwei Ländern schwimmen kann. Auf dem Wanderweg nach Schaffhausen sieht man immer wieder alte Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie gehören zum Schweizer Festungsgürtel im Grenzgebiet und zeugen von einem dunklen Kapitel der Weltgeschichte.

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In Salenstein bei Ermatingen lief ich unterhalb der geschichtsträchtigen Schloss Arenenberg, in dem die holländische Königin Hortense de Beauharnais und ihr Sohn, der französische Kaiser Napoléon III, der Neffe von Napoleon Bonaparte, wohnten. Die sehenswerte Burg besuchte ich bei einigen meiner früheren Ausflüge. Die meisten Kilometer lief ich am Vormittag am Untersee, einem Teil von Bodensee, entlang. Blühende Frühlingswiesen, üppige Weinberge und Obstplantagen, Klöster und Burgen säumten meinen Weg. Nur selten musste ich über kleinere Hügel laufen. Viele Wanderer und Fahrradfahrer kamen mir entgegen. Leider bekam ich an jenem Samstag leichten Sonnenbrand, weil ich mich vom sommerlichen Wetter überraschen ließ.

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Mit Freunden in Stein am Rhein

In Eschenz wartete ich auf Ina und Elias, die dorthin mit dem Auto gefahren sind. Wir liefen zunächst gemeinsam nach Stein am Rhein, wo wir uns die Stadt ansahen und zu Mittag aßen. Wir wurden wieder daran erinnert, wie teuer die Schweiz ist. Die farbenfrohe Stadt war auch mein Mindestziel für den Tag, da wir uns aber erst in Eschenz, einem Ort kurz vor Stein am Rhein, trafen beschlossen wir natürlich, noch etwas weiter zu gehen. Zu einem der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Stein am Rhein gehört die 1225 erbaute Burg Hohenklingen, die über die Stadt wacht, und das ehemalige Kloster St. Georgen, das heute als Museum verwendet wird. Im Klostermuseum fragte ich auch nach einem Stempel, weil ich davon ausging, dass Pilger früher hier vorbeigingen und bestimmt auch bei den Mönchen übernachteten. Viel bekannter ist Stein am Rhein jedoch für seine bemalte Fassaden im Renaissance-Stil. Die Fassadenmalereien sind unterschiedlich alt, die älteste stammt aus dem 16. Jahrhundert und die jüngste vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

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Interessant fand ich auch, dass der Rhein den Bodensee durchfließt, ohne sich nennenswert mit ihm zu vermischen. In Stein am Rhein endet der Bodensee als „Untersee“ offiziell. Ab hier fließt nur noch der Hochrhein in Richtung Basel weiter.
Karte von Travus (talk) 04.05,2012 (UTC), er fügte dt. Bezeichnungen ein (Ausschnitt aus File: Karte Bodensee-fr.svg) [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Abenddämmerung in Diessenhofen

Unterwegs nach Diessenhofen machten wir noch eine Picknickpause. Wir konnten die deutsche Uferseite sehen und an vereinzelten kleinen Stränden Menschen, die dort den Nachmittag und Abend verbrachten. Langsam wurde es dunkel und still. Das Abendlicht tauchte den Rhein in rötliche Farben, die eine besondere Abendstimmung erzeugten. Ungefähr 9 Kilometer nach Stein am Rhein kamen wir in das Schweizer Dörfchen Diessenhofen, das mit einer markanten überdachten Holzbrücke mit der deutschen Stadt Gailingen am Hochrhein verbunden ist. Diessenhofen schmücken viele schöne mittelalterliche Häuser und eine sehenswerte Turmuhr. Hier nahmen wir den Zug zurück nach Eschenz, von wo auch wir mit Inas Auto nach Konstanz fuhren, wo ich wieder bei Elias übernachtete.

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Die wichtigsten Orte:
  • Tägerwilen
  • Gottlieben
  • Triboltingen
  • Ermatingen
  • Salenstein
  • Steckborn
  • Stein am Rhein
  • Diessenhofen

2. Diessenhofen – Schaffhausen

  • Datum: Sonntag, 08.05.2016
  • Entfernung: ca. 12 Kilometer
Nachdem wir am Vorabend weiter gekommen sind als geplant, konnte ich die letzte Etappe meiner mehrtägigen Tour von Meßkirch relativ kurz gestalten, um entspannt den Zug nach Nürnberg nehmen zu können. Ich lief von Diessenhofen nach Schaffhausen und sparte mir den Besuch des berühmten Wasserfalls für meine nächsten Etappen im Sommer auf. Auch am Sonntag blieb mir das Glück hold und ich lief die Etappe bei schönstem Sonnenschein. Die Tagesetappe begann ich an der Turmuhr in Diessenhofen und begab mich durch die mittelalterlichen Gässchen zum Rheinufer, um dort meinen Weg fortzusetzen.
In Diessenhofen
Kurz nach Diessenhofen führt der Wanderweg am Kloster St. Katharinental mit einer sehenswerten Klosterkirche und einem gemütlichen Biergarten vorbei, wo ich gerne Pause gemacht hätte, wenn ich nicht erst losgelaufen wäre. Auf Nachfrage gab es im Kloster keinen Pilgerstempel, dafür bekam ich einen Flyer, als Erinnerung. Auf der Strecke zwischen Konstanz und Basel war es schwierig, einen Stempelabdruck für mein Pilgerstempelheft zu bekommen, ich musste meistens auf eine Verlegenheitslösung zurückgreifen, um auf mindestens einen Stempel pro Tag zu kommen. Der Wanderweg nach Schaffhausen folgt wieder größtenteils dem Verlauf des Rheins. Die Ausschilderung ist sehr vorbildlich und es ist fast unmöglich, sich zu verlaufen. In der Schweiz werden die Entfernungen auf den Wegweisern für Wanderwege in Stunden und Minuten angegeben. Eine interessante Idee, jedoch läuft nicht jeder Wanderer gleich schnell. So muss man die angegebene Zeit immer zuerst umrechnen, um die verbliebene Entfernung ermitteln zu können.

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An jenem Sonntag traf ich wieder viele Wanderer und Spaziergänger, der Wanderweg scheint auch bei den Einheimischen sehr beliebt zu sein. Die einzige größere Ortschaft auf dem Weg war Feuerthalen, kurz vor Schaffhausen. Schaffhausen wird meistens zunächst mit dem Rheinfall in Verbindung gebracht, jedoch besitzt die nördlichste Stadt der Schweiz noch viele andere Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel die Festung Munot und die vielen Renaissance-Gebäude, die an Stein am Rhein erinnern. Jedes Jahr läuten am 1. April in Schaffhausen die Glocken, in Gedenken an ein tragisches Ereignis aus dem Zweiten Weltkrieg: Im Jahr 1944 wurde die Stadt durch einen Navigationsfehler von drei US-Flugzeugen bombardiert. 40 Menschen starben im Bombenhagel und 271 wurden verletzt. Auch Stein am Rhein fiel einem missglückten Luftangriff der Alliierten zum Opfer, jedoch mit weniger verheerenden Folgen.

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Ich stattete noch dem Kloster Allerheiligen einen Besuch ab. Auch diese Klosteranlage wird heute nur noch als Museum verwendet. Im Museumscafé bekam ich den Stempel und fühlte mich ein wenig wie ein Paradiesvogel, im wahrsten Sinne des Wortes. Um mich wuselten die aufgebrezelten Museumsbesucher und die vornehm gekleideten Kellner, während ich in meiner Wanderkleidung entspannt meinen Kaffee schlürfte. Hier fiel mir wieder eine Kaffeespezialität auf der Getränkekarte auf, die mich immer wieder aufs Neue zum Schmunzeln bringt, wenn ich in der Schweiz unterwegs bin: „Schümli Pfümli“, ein Kaffee mit einem Schuss Pflaumenschnaps und ein wenig Schlagsahne. Auf dem Weg zum Bahnhof sah ich noch den Schwabenturm, einen der drei noch erhaltenen Türme der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Mein Zug fuhr am Nachmittag ab und ich kehrte ohne Probleme nach Hause zurück. Ich freute mich auf meine baldige Rückkehr nach Schaffhausen, weil ich dann den spektakulären Rheinfall wiedersehen werde. Die wichtigsten Orte:
  • Kloster von Diessenhofen
  • Feuerthalen
  • Schaffhausen

25 Kommentare zu „Über Stock und Stein am Rhein [Konstanz – Basel I]

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  1. Ach ja, ich erinnere mich, erlief mir damals einen hartnäckigen Bluterguss, aber bukolisch 🙂 wars trotzdem, vor allem das weiche Abendlicht entlang des Rheins, mache mer gern ma wieda, gell! Servus, E

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    1. Hallo lieber Elias, schön von dir zu hören 🙂 Ja, es waren sehr angenehme und wiederholenswerte Wanderungen. In der Gegend gibt es viele schöne Wanderwege, die es noch zu entdecken gilt 😉 Liebe Grüße aus Nürnberg, Dario

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    1. Hallo Michael, es freut mich zu hören, wenn ich jemanden fürs Wandern oder Pilgern begeistern könnte. Alternativ zu den Pilgerwegen gibt es in der Region viele schöne Fernwanderewege, beispielsweise den Altmühltal-Panoramaweg und den Goldsteig-Wanderweg. Liebe Grüße, Dario

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    1. Hallo Gerhard, die Häuser in Stein am Rhein sind mit Fassadenmalereien versehen, in erster Linie mit allegorischen Darstellungen und dekorativen Mustern. Sie stammen zwar aus verschiedenen Jahrhunderten, aber der Stil entspricht am ehesten der Renaissance, würde ich behaupten. Liebe Grüße, Dario

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    1. Hallo Tanja, ich finde, zu Fuß lässt sich der Reisende eher auf die kleinen Details um ihn herum ein. Mit der Strecke von Konstanz bis Stein am Rhein verbindet man wahrscheinlich hauptsächlich Ermatingen und Steckborn. Ich habe auch eine ähnliche „kulinarische“ Erinnerung: In Gottlieben gibt es eine Schokoladenmanufaktur mit Fabrikverkauf 😉😋🍫 Liebe Grüße, Dario

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  2. Hallo Dario,
    ein schöner Bericht von deinem Start auf dem Hochrheinpilgerweg. Ich interessiere mich ja auch dafür und jetzt, wo ich deine schönen Fotos sehe, habe ich noch viel mehr Lust drauf!
    Mich würde außerdem interessieren, wie die Wege so sind, z.B. ob es durch den Wald, durch Wiesen oder auf asphaltiertem Uferradweg entlang geht. Vor allem der Asphaltanteil ist für mich entscheidend. Falls du magst und es demnächst in deinen Berichten erwähnen möchtest, wäre das toll!
    Freue mich auf die Fortsetzung,
    Aurora

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    1. Hallo Aurora, vielen Dank für die lieben Worte 🙂 Die Wege habe ich durchweg positiv in Erinnerung, der asphaltierte Strassenanteil war sehr gering, abschnittsweise teilen sich Wanderer und Radfahrer den Weg, meistens läuft man aber auch durch kleine Wäldchen oder Wiesen. Insbesondere zwischen Rheinau und Waldshut-Tiengen hat man viele Waldwege. Eine genaue Statistik habe ich nicht geführt, mein subjektiver Gesamteindruck ist, dass es wenig asphaltierte Strecken gibt. Nur die letzten ca. 3 km ins Zentrum von Basel waren anstrengend, weil der Weg durch ein Industriegebiet und entlang von Straßen geht. Insgesamt kann ich den Weg aber wärmstens empfehlen. Liebe Grüße und noch einen angenehmen Abend, Dario 🙂

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