Musik, Gigantes und Riojawein in Logroño [Camino Francés IV]

Auf meinem Weg zwischen den beiden größeren Städten Estella in der Navarra sowie Logroño in der Weinregion La Rioja verbrachte ich im kleinen Dorf Sansol bei Los Arcos einen unerwartet außergewöhnlichen Abend. Einige der Gäste entpuppten sich als musikalische Pilger oder pilgernde Musiker. Sogar der Besitzer der Pilgerherberge gesellte sich zu uns und erfreute sich an der Livemusik. Der Abend gehörte zu den kleinen unerwarteten Geschenken, die ich auf dem Pilgerweg erleben dürfte.

Wegweiser

Etappe 6: Estella – Sansol

  • Datum: 28.09.2019
  • Entfernung: 27 Kilometer

Wie in Roncesvalles ging auch in meiner Pilgerherberge in Estella sehr früh am Morgen das Licht an. Noch müde und mit verschlafenen Augen stand ich auf, um mich für die neue Etappe vorzubereiten. Ich traf noch Agata und Mateusz, die wieder nach London fliegen mussten, weil ihr Urlaub zu Ende war. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich lief los. Draußen war es noch dunkel, die ersten Kilometer führten eine bergige Straße hinaus aus der Stadt.

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In einem Vorort von Estella kaufte ich in einem kleinen Laden, der bereits am frühen Morgen offen war, Proviant für den Tag. Danach musste ich mich für eine der beiden Routen entscheiden, die parallel zueinander bis zum Kloster Irache verliefen, der nächsten bedeutenderen Station der Tagesetappe. Ich folgte der „klassischen“ Variante.

Kloster Irache und der Weinbrunnen

Am Kloster Irache angekommen, ging ich zum berühmten Weinbrunnen der Weinkellerei „Bodegas Irache“, den die Winzer traditionell für die vorbeiziehenden Pilger eingerichtet hatten. Aus einem der beiden Wasserhähne am Brunnen kam statt Wasser Wein heraus, als ich ihn aufgedreht hatte. Deswegen passt in dem Fall die Bezeichnung „Weinhahn“ besser. Aus dem anderen können die durstigen Pilger Wasser trinken.

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Ich verließ das Klostergelände, ohne mich in der Klosterkirche umzusehen, weil die wegen Restaurierungsarbeiten umzäunt und scheinbar geschlossen war. Später erfuhr ich, dass es trotzdem einen offenen Seiteneingang gegeben hatte.

Einige Minuten später traf ich Peter aus Schweden. Er war schnell unterwegs und holte mich ein. Wir liefen gemeinsam weiter.

Die Landschaft war wieder sehr weitläufig, mit wenigen Bäumen und Erhebungen. Der Nachmittag war sehr heiß und die Ebene spendete kaum Schatten. Wir kamen an einem Foodtruck vorbei und machten dort Pause. Zu uns setzten sich zwei Landsleute von Peter, Olle und sein Vater Ivar. Beide stritten sich häufig, in erster Linie, weil Ivar dauernd an seinem Sohn etwas auszusetzen hatte. Zumindest erweckte es von außen den Anschein.

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Los Arcos

Früh am Nachmittag kamen Peter und ich in Los Arcos an, einer Station am Jakobsweg, die einen typischen Aufbau für die Pilgerstädte auf dem Camino Francés aufweist: in der Mitte befindet sich eine lange Straße, der Pilgerweg, und um sie herum wurde die Stadt gebaut und erweitert.

Vor einer Bäckerei kam es zu einem unerfreulichen Ereignis. Als ich ein Foto machen wollte, kam aus einer Bäckerei die Besitzerin auf mich zu und erklärte mir, dass sie es nicht mochte, wenn Menschen Fotos von ihrem Laden machten. Ich löschte das Foto und entschuldigte mich. Unabhängig davon fanden Peter und ich, dass es besser wäre, weiterzugehen. Die Stadt zog uns nicht sonderlich an und außerdem hatten wir das Gefühl, dass wir noch Kraft für einige Kilometer hatten.

Ein Schmuckstück von Los Arcos ist zweifellos die Kirche Santa María, die im 12. Jahrhundert errichtet wurde, zu einer Zeit, als der Jakobsweg eine Hochphase erlebte. Die einschiffige Kirche wurde bis zum 18. Jahrhundert immer wieder erweitert und vereint somit mehrere Baustile, von der Spätromanik bis zum Barock. Besonders sehenswert fand ich das Renaissance-Portal, die Orgel, den Hochaltar aus dem 17., sowie den Kreuzgang aus dem 16. Jahrhundert.

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Der musikalische Abend in Sansol

Nach der Besichtigung der Kirche gingen Peter und ich weiter. Es hatte sich so ergeben, dass wir nun gemeinsam liefen. Bis zum nächsten Ort, Sansol, waren es noch 7 Kilometer in der sengenden Hitze. In Sansol wählten wir eine Unterkunft, was sich später als ein Glücksfall erwiesen hatte. Die Pilgerherberge war ein schönes Bauernhaus mit Garten. Olle und sein Vater waren ebenfalls hier. Wir trafen sie im Garten mit einem Wasserbecken, in dem die Pilger ihre müden Beine erfrischen konnten.

Nachdem ich mich erholt hatte, ging ich noch zum ca. 800 m entfernten Nachbarort Torres del Rio, um mich mit Jean-Pierre zu treffen, den ich einige Tage zuvor auf dem französischen Jakobsweg Via Podiensis kennengelernt hatte. Ich freute mich, ihn wiederzusehen und ging wieder zurück, als Jean-Pierre in seine Unterkunft gehen musste, um zu Abend zu essen. In Torres del Rio besichtigte ich noch die kleine romanische Kirche des Heiligen Grabes aus dem 12. Jahrhundert, für die man jedoch Eintritt zahlen musste.

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Nur musste ich bei meiner Rückkehr leider feststellen, dass es in meiner Unterkunft kein Abendessen mehr gab. Ich musste mich noch schnell in Sansol umsehen, um mir noch etwas zu essen zu organisieren. Zunächst konnte ich kein offenes Restaurant finden, doch dann entdeckte ich einen kleinen Tante-Emma-Laden, in dem ich mir verschiedene Zutaten gekauft hatte. Ich kehrte in die Pilgerherberge zurück und aß mit den anderen Pilgern im Garten zusammen.

Später am Abend begannen einige Pilger Gitarre zu spielen und zu singen. Sie waren Musiker einer Band, die auf dem Camino Francés pilgerten. Auch der Besitzer freute sich, dass die Musiker bei ihm gespielt hatten und spendierte allen viel Wein an dem Abend. Die Musiker spielten einige Klassiker wie die Lieder von Manu Chao, Bella Ciao und verschiedene Rock-Lieder.

Etappe 7: Sansol – Logroño

  • Datum: 28.09.2019
  • Entfernung: 22 Kilometer

Am nächsten Morgen wurde ich in Sansol erneut sehr früh geweckt. Einerseits fand ich es ärgerlich, dass ich nicht ausschlafen konnte, insbesondere nach der langen Nacht mit den Musikern. Andererseits hatte ich so gefühlt „mehr vom Tag“. Glücklicherweise gab es in der Pilgerherberge Frühstück und ganz wichtig – frischen Kaffee.

Peter wollte gleich loslaufen, aber ich wollte mir Zeit lassen, so dass wir beschlossen, an dem Morgen getrennt zu starten. Der Sonnenaufgang, den ich bei Sansol erlebt hatte, war atemberaubend und entschädigte mich wieder für das frühe Aufstehen.

Ein kleiner Ruheort auf dem Weg lud zum Verweilen ein. Ein Mann schichtete hier kleine Steinsäulen auf und verkaufte Snacks und Getränke. Derartige Stellen gab es häufiger auf dem Weg, die an kleine Oasen für Pilger erinnern.

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Viana

Kurz vor Viana holte ich Peter ein. Der mittelalterliche Ort wurde 1219 von König Sancho VII. gegründet, um die Grenzen Navarras vor dem Königreich Kastilien mit einer befestigten Siedlung zu schützen. Jedoch erst viel später, im Jahr 1630, erhielt Viana die Stadtrechte. Viana ist nach wie vor eine bedeutende Station auf dem Camino Francés. Mir hat das Städtchen sehr gefallen, ich hätte mir gut vorstellen können, dort länger zu bleiben.

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Übergang zwischen Navarra und Rioja

Am frühen Nachmittag überquerten Peter und ich die Grenze zwischen Navarra und La Rioja. Somit verließ ich auch das Baskenland, in dem ich mich seit einigen Tagen befunden hatte, sowohl auf der französischen als auch auf der spanischen Seite.

La Rioja ist eine berühmte Weinregion, mit Logroño als Verwaltungszentrum. Die Region befand sich häufig in einem Spannungsverhältnis zwischen Navarra und Kastilien. Lange Zeit war der Camino Francés eine bedeutende finanzielle Einnahmequelle, die sich auch positiv auf die kulturelle Entfaltung der Region auswirkte. Später kam auch der Weinanbau hinzu, der sich erst im 19. Jahrhundert zu einer tragenden wirtschaftlichen Säule entwickelte. Heute gehört La Rioja zu den wichtigsten Weinregionen Spaniens.

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Logroño, die Hauptstadt von Rioja

In Logroño kamen wir vergleichsweise früh an. Wenn ich meine Etappen in Spanien mit jenen in Frankreich vergleiche, dann stelle ich fest, dass ich in Spanien morgens insgesamt viel früher aufgestanden bin, teilweise weil die anderen so viel Krach gemacht hatten. Auf diese Weise konnte ich jedoch meine Tagesziele schneller erreichen.

Die Stadt betraten mein Begleiter und ich über die Puente de Piedra, die Steinbrücke, die im 11. Jahrhundert über den Fluss Ebro gebaut wurde, jedoch im 19. Jahrhundert eingestürzt ist und neu gebaut werden musste. Die ursprüngliche Brücke hatte vier Bögen und drei Türme, weil sie als eine Befestigungsanlage verwendet wurde.

Wir entschieden uns für eine Unterkunft, die sich in der Nähe der imposanten Kathedrale Santa María de la Redonda befand. Wie es sich später herausstellte, bewiesen wir wieder ein glückliches Händchen, weil uns die anderen Pilger berichteten, dass die andere Herberge, die ebenfalls auf unserer Liste stand, zu dem Zeitpunkt in einem schlechten Zustand war.

Während Peter sich ausruhen wollte, machte ich einen Spaziergang in der Stadt. Es gab viel zu sehen, mehrere große Kirchen, ein Platz mit einem großen Springbrunnen. Logroño verdankt einen großen Teil seines Aufschwungs ebenfalls dem großen Pilgerstrom. Die Hauptstadt von Rioja wird bereits im „Codex Calixtinus“, dem vermutlich ersten schriftlichen Jakobuswegführer aus dem 12. Jahrhundert, genannt. Viele Bauwerke erinnern an die mittelalterliche Pilgerzeit, die Pilgerstraße sirga peregrinal, ein Pilgerhospital, eine Pilgerkirche und ein Pilgerbrunnen. Auch die Puente de Piedra wurde einst, wie Puente del Reina, für die Pilger gebaut.

Später am Nachmittag kam auch Peter dazu. Wir trafen viele der bekannten Pilgerinnen und Pilger, weil viele gerne ihre Tagesetappen bis zu größeren Städten planen.

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An jenem Nachmittag fand in Logroño ein Umzug der Gigantes und Cabezudos statt. Dabei handelt es sich um Figuren von Riesen (Gigantes) und großköpfigen Figuren (Cabezudos), die im Rahmen einer festlichen Parade durch die Stadt laufen. Die überdimensionierten Puppen sind in ganz Spanien beliebt, viele Städte haben ihre eigenen Versionen. Sie bestehen meistens aus Pappmaché, Holz, Tüchern und leichtem Aluminium. Die großen Figuren werden jeweils von einer Person getragen werden.

Der Umzug in Logroño ist ein Teil der Fiesta de San Mateo, eines Festes anlässlich der Weinlese . Das ursprüngliche Fest findet jedes Jahr am 21. September statt, doch die Feierlichkeiten zu Ehren des Heiligen dauern eine Woche an. An jenem Tag erlebten wir zwar nur einen kleinen Umzug, konnten trotzdem einen Eindruck davon gewinnen, wie das große Fest aussehen mag.

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Den Abend ließen Peter und ich mit den beiden US-amerikanischen Pilgerinnen Beth und ihrer Tochter Liz ausklingen. Wir aßen gemeinsam zu Abend im Außenbereich eines Restaurants neben der Kathedrale Santa María de la Redonda. Die Nacht war mild und der Sternenhimmel klar. Wir unterhielten uns gepflegt. Liz musste wegen ihrer Arbeit zurückfliegen und ihre Mutter hätte zwar noch Zeit gehabt, wusste aber nicht, ob sie alleine weiterpilgern sollte. Gegen 22:00 Uhr verabschiedeten wir uns voneinander. Peter und ich kehrten in unsere Pilgerherberge zurück.

Quellen

Titelfoto: "Umzug der Gigantes und Cabezudos in Logroño", Fotorechte: Dario schrittWeise
Joos, Raimund: „Spanien: Jakobsweg. Camino Francés“; Welver, 2019, S.
https://www.turismo.navarra.es/deu/organice-viaje/recurso/Patrimonio/3160/Iglesia-de-Santa-Maria.htm (zuletzt abgerufen am 31.03.2020)
https://www.spain.info/de_DE/que-quieres/ciudades-pueblos/otros-destinos/logrono.html (zuletzt abgerufen am 31.03.2020)
https://www.spanien-reisemagazin.de/kunst-und-kultur/feste/giganten.html

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