Die Stadt des Lichtbringers [3]

Kleiner Rückblick: Im zweiten Beitrag der Erzählung „Die Stadt des Lichtbringers“ erzählte Manas Alrond über seine Beobachtungen im Stadthafen. Am nächsten Morgen wird Alrond von zwei Stadtwachen zu Hauptmann Gatton gebracht. Der Hauptmann erzählte ihm von einem Angriff auf den Kleinen Rat. Er sagte ihm, dass er und die anderen Schreiber nicht weiter über die sonderbaren Vorkommnisse im Königreich forschen dürfen.

Die Stadt des Lichtbringers ist der zweite Teil der Erzählung „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge.

Was bisher geschah

Die Stadt des Lichtbringers 3

Alrond verließ aufgewühlt das Haus des Hauptmanns. Lyssea kam auf ihn zu:
„Guten Morgen, Alrond. Wie war es beim Hauptmann Gatton?“
„Sei gegrüßt, Lyssea. Woher wusstest du, dass ich hier bin?“ wunderte sich Alrond.
„Ich saß an meinem Tisch in der Schreibhütte, als die beiden Wachen dich abgeholt haben …“
„… und dann bist du uns gefolgt“ beendete Alrond ihren Satz.
„Ähm, ja“, gab die Schreiberin errötend zu, „ich wollte aber nicht neugierig sein. Ich habe mir nur Sorgen gemacht.“
„Schon in Ordnung. Ich bin sogar froh, dass du gekommen bist. Der Hauptmann wollte mich sehen. Jemand hat gestern den Kleinen Rat während der Sitzung überfallen.“
„Schrecklich“, rief Lyssea, mit weit aufgerissen Augen, „was ist genau passiert? Gab es Verletzte? Warum haben die Wachen nichts unternommen?“
„Das versuche ich auch herauszufinden. Gatton wollte mir nichts verraten. Er hat uns sogar verboten, weitere Untersuchungen anzustellen.“
„Er ist ein Ekel. Ich habe ihn nie gemocht“, sagte Lyssea angewidert.
„Dem kann ich nur zustimmen“,
„Und, werden wir uns an seinen Verbot halten?“ fragte sie.
„Auf keinen Fall! Aber ich kann nur für mich sprechen. Wie sieht es bei dir aus, Lyssea?“
„Ich bin für alles offen. Du kannst auf mich zählen. Da fällt mir gleich ein, Meister Belon ist heute nicht in die Hütte der Schreiber gekommen.“
„Er ist immer auf der Versammlung des Rates dabei. Hast du heute sonst jemanden von den Mitgliedern gesehen?“
„Nein, normalerweise rede ich morgens immer mit dem Schmied Felrond in seiner Werkstatt, bevor ich zu euch in die Hütte komme“, sagte sie nachdenklich.
„Hm, und ich laufe morgens an der Kräuterfrau Benilla vorbei. Sie sitzt immer vor ihrer Hütte und mischt neue Tinkturen“, fügte Alrond hinzu, „ich vermute, der Hauptmann hat den gesamten Kleinen Rat irgendwo eingesperrt, damit keine Informationen nach außen dringen können.“
„Das wäre eine Möglichkeit. Oder der Angriff war so schlimm, dass sie ernstzunehmende Verletzung davongetragen haben.“
„Daran wage ich nicht zu denken“, sagte Alrond mit düsterer Miene.
„Lass uns noch einen letzten Versuch wagen. Gehen wir zur Mühle, sie ist nicht weit von hier entfernt“, schlug Lyssea vor.
„Eine gute Idee, die Müllerin arbeitet um die Zeit immer mit ihrem Mann“, stellte Alrond fest.

Sie gingen zur Mühle, die sich auf einer Wiese befand. Der Müller stand vor seiner Hütte und überwachte die vier Esel, die seine Drehmühle bewegten. Die braunen Huftiere waren an Holzbalken gebunden, die das Mahlwerk bewegten. Aus einer Öffnung im ratternden Getriebe fiel feingemahlenes Pulver in einen Stoffsack. Der Müller trug eine gelbe Schürze, die mit Mehl bestäubt war. Auch sein Gesicht und seine Haare waren weiß.
„Hallo Tralox“, begrüßte ihn Lyssea.
„Hallo ihr beiden“, grüßte der Müller zurück, „ich habe heute hervorragendes Mehl, für nur 3 Ronas.“
„Nur 3 für einen Sack Mehl? Dann will ich nicht wissen, was du sonst dafür verlangst“, spottete Alrond, „wir sind aber aus einem wichtigen Grund hier. Ist Firolla gestern von der Sitzung des Kleinen Rates zurückgekommen?“
„Nein, das ist sie nicht, aber ich habe mich zuerst nicht gewundert, weil die Sitzungen manchmal bis in die frühe Morgenstunde dauern. Als sie aber noch nicht zurückgekommen ist, als der Hahn meines Nachbarn gekräht hat, beschloss ich, sie zu suchen. Das ist einfach ihre Art. Ich bin zur Ratshütte gegangen, dort standen Wachposten und ließen mich nicht hinein.“
„Seltsam“, wunderte sich die Schreiberin.
„Ja, das habe ich auch gedacht. Sie sagten mir, dass die Ratsmitglieder wegen dringenden Angelegenheiten beim König sind.“
„Machst du dir denn keine Sorgen um deine Frau?“ fragte ihn Lyssea.
„Wieso denn? Sie tut einfach ihren Job, er dauert dieses Mal einfach ein wenig länger. Schließlich hat sie sich zum Mitglied des Rates aufstellen lassen, niemand hat sie gezwungen. Warum interessiert euch, wo meine Frau bleibt?“
„Wir wollten nur …“ setzte Lyssea an, doch Alrond fiel ihr ins Wort: „Wir wollten nur herausfinden, wo der Oberste Schreiber Belon ist. Er ist heute nicht zur Arbeit erschienen. Und da wir in der Nähe waren, wollten wir herausfinden, ob der Kleine Rat noch tagt.“
Lyssea schaute Alrond fragend und vorwurfsvoll an. Der Schreiber bedeutete ihr mit einer kreisförmigen Handbewegung, dass sie später darüber reden können. Er sah sie entschuldigend an.
„Na, er wird auch beim Cederic II sein“, mutmaßte Tralox schulterzuckend, „Und wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet, ich muss mich wieder meiner Mühle widmen. Die Esel werden immer langsamer.“
„Klar, danke dir, Tralox“, bedankte sich Alrond.
Sie verließen die Wiese. Hinter ihnen ratterte das Mahlwerk der Drehmühle unermüdlich weiter, im Rhythmus einer sonderbaren Melodie.

„Warum hast du mich nicht ausreden lassen?“ wollte Lyssea wissen, als sie sich weit genug vom Müller entfernt hatten. In ihrer Stimme klang leichte Verärgerung hindurch.
„Entschuldige bitte, aber ich habe befürchtet, dass du Tralox vom Überfall erzählen wolltest. Ich denke aber, dass es besser ist, vorerst nur ausgewählte Leuten in die Sache einzuweihen. Zumindest bis wir wissen, womit wir es hier zu tun haben.“
„Vermutlich hast du recht. Glaubst du, dass die Ratsmitglieder beim König sind?“
„Das weiß ich nicht. Aber warum sollte der Hauptmann ein großes Geheimnis daraus machen?“
„Die Sache stinkt zum Himmel“, entfuhr es der Schreiberin.
„Ja, das sehe ich auch so. Ich glaube, wir brauchen den neuesten Klatsch und Tratsch. So werden wir am besten erfahren, was Gatton vor uns verheimlichen möchte. Komm, ich habe eine Idee, wo wir anfangen können.“
Sie liefen zwischen den Hütten, bis Alrond vor einer dunkelbraunen Holzhütte mit dem Schild „Zum pfiffigen Biber“ stehen blieb.
„Eine Taverne? Du willst dich in einer Taverne umhören? Hast du auch so deine Nachforschungen im Blauen Nebelgebirge gemacht? Kein Wunder, dass dir danach solche verrückten Geschichten einfallen“, stichelte Lyssea.
„Du wirst schon sehen, die Wirtsleute gehören zu den am besten informierten Menschen in Phoenixstein.“

Alrond öffnete die Tür der Taverne. Aus dem Inneren kam der intensive Geruch des Eintopfes, der im großen Kessel über dem Feuer im Nachbarraum köchelte. Die Gespräche der Tavernenbesucher vermischten sich zu einem lauten Stimmengewirr.
Eine Frau mit hellbraunen Haaren kam auf sie zu. „Hallo Alrond“, sagte sie freundlich, „schön, dass du es endlich geschafft hast, uns zu besuchen.“
„Grüß dich, Ysella, toll dich wiederzusehen“, begrüßte sie der Angesprochene.
„Setzt euch erstmal“, Ysella führte sie an einen der freien Tische. Sie setzte sich zu ihnen.
„Das ist Lyssea“, stellte Alrond seine Begleiterin vor, „wir arbeiten gemeinsam in der Hütte der Schreiber.“
„Aha, noch eine Schreiberin. Ich habe nie verstanden, warum es wichtig sein sollte, diese Zeichen beherrschen zu können. Unsere Vorfahren sind ohne diese Bildchen gut ausgekommen. Und sie haben keine Probleme gehabt.“
„Buchstaben“, korrigierte sie Lyssea amüsiert, „wir nennen diese Zeichen Buchstaben. Und ich hoffe, dass eines Tages alle Menschen schreiben und lesen können.“
„Dann werdet ihr aber eure Arbeit verlieren. Wozu wird man dann Schreiberinnen und Schreiber benötigen?“
„Dann wird es andere Möglichkeiten für Leute wie uns geben. Wir werden schon etwas finden“, erwiderte Alrond.
In dem Moment rief Ysella eine junge Frau zu sich, die gerade leere Tonkrüge und Teller auf einem Tablett an ihnen vorbeigetragen hatte.
„Seht mal, wer noch bei uns arbeitet“, sagte sie fröhlich, als die Gerufene zu ihnen kam.
„Danea, wie schön dich zu sehen!“ erfuhr es Alrond, „das ist die Nebelheimerin, von welcher ich gesprochen habe“, erinnerte er Lyssea.
„Freut mich, ich heiße Lyssea. Arbeitest du nun beim alten „Biber“?
„Ja, Ysella hat ihrer Tante und ihrem Onkel gesagt, dass ich eine Arbeit suche. Sie haben mich dann freundlich aufgenommen.“, antwortete Danea schüchtern.
„Du hast ein wenig Ruß im Gesicht“, neckte sie Ysella.
„Danke, das ist von der Kochstelle“, Danea errötete, „ich habe mich um den Eintopf gekümmert“. Sie wischte sich das Gesicht mit einem Tuch ab, das sie aus einer Tasche in ihrer Schürze rausholte.
„Aber ihr seid nicht nur hier, um mit uns zu plaudern, oder?“ wollte Ysella wissen. Sie hob dabei die rechte Augenbraue an.
„Du hast recht“, stimmte ihr Lyssea zu.
„Wir möchten die Neuigkeiten erfahren. Erzählt uns alles“, fügte die Schreiberin lächelnd hinzu, „egal wie unwichtig es euch erscheinen mag.“

Fortsetzung folgt ..

Titelfoto: "Die Hütten von Phoenixstein", Fotorechte: Dario schrittWeise

8 Kommentare zu „Die Stadt des Lichtbringers [3]

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        1. Das mit dem Verlieren und Verirren im Netz geht heutzutage ganz schnell, ein Link führt zum nächsten 😉 Zum Glück gibt es auch viele sinnvolle Einsatzmöglichkeiten wie das Lernen von Fremdsprachen oder Bloggen 🙂 Danke, mir geht es ebenfalls ganz gut. LG, Dario

          Gefällt 1 Person

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