Die Stadt des Lichtbringers [2.4]

Die Bewohner von Phoenixstein kamen nicht zur Ruhe. Während einer Sitzung des Kleinen Rates gab es einen Zwischenfall. Daraufhin verbot Hauptmann Gatton Alrond, sich weiter in die Angelegenheit einzumischen. Lyssea und Alrond ignorierten seine Anweisung und gingen in die Taverne „Zum pfiffigen Biber“, um sich über die Neuigkeiten in Phoenixstein zu informieren.

Die Stadt des Lichtbringers ist der zweite Teil der Erzählung „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge.

Was bisher geschah

Die Stadt des Lichtbringers 4

„Neuigkeiten? Was wollt ihr hören?“ fragte Ysella, „Frau Rothan soll vor einigen Tagen wieder in die Hütte des verwitweten Bäckers gegangen sein.“
Lyssea und Alrond lachten.
„Könnte es sein, dass du weiter auf der Suche nach deinen unmöglichen Geschichten bist?“ vermutete Danea lachend.
„Gewissermaßen. Nur dieses Mal ist es ernst“, Alrond fuhr flüsternd fort: „Unsere Ratsmitglieder wurden überfallen.“
„Ja, das klingt nach einer deiner Geschichten“, witzelte Ysella, „oder stimmt das wirklich? Seid ihr deswegen hier?“ sie sah die Schreiberin besorgt an.
„Ja, dieses Mal stimmt es wirklich“, antwortete sie.
Alrond wandte sich an Lyssea: „Siehst du, ich wusste doch, dass wir in einer Taverne fündig sein werden.“
„Wir werden es gleich erfahren“, zwinkerte sie ihm zu.
„Von einem Überfall habe ich nichts gehört“, überlegte Ysella, „du auch nicht, Danea, oder?“ Die junge Frau schüttelte den Kopf.
„Wir haben aber gehört, dass der Königliche Elixierbrauer heute Früh in das Langhaus des Kleinen Rates gegangen ist. Seitdem wurde er nicht mehr gesehen“, erinnerte sich Ysella.
„Und habt ihr etwas von den Mitgliedern des Rates gehört? Wurde jemand von ihnen heute in der Stadt gesehen?“ fragte Lyssea.
„Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nein, das haben wir nicht“, fügte Danea hinzu, „aber das muss erstmal nichts Schlimmes sein, manchmal dauern die Sitzungen eben länger.“
„Normalerweise nicht, aber dann hätte uns der Hauptmann nicht verboten, unsere Nachforschungen fortzusetzen“, erwiderte Alrond.
„Gatton? Ein komischer Kauz ist das. Mir läuft es immer kalt den Rücken runter, wenn er zu uns in die Taverne kommt“, stellte Ysella fest.
Alrond lächelte, „Die Sache mit dem Elixierbrauer Tyllun ist interessant“, sagte er, „dem sollten wir nachgehen“.

„Eine Frage hätte ich noch: Habt ihr von einem ungewöhnlichen Fremden gehört, der gestern mit Alhirs Furchtlosen Feda nach Phoenixstein gekommen ist?“
„Ja, von einem sonderbaren Besucher habe ich gehört“, sagte Danea, „Er hat sich im „Betrunkenen Elch“ einquartiert. Die Matrosen von der Feda haben über ihn gelästert, als sie bei uns waren. Sie finden ihn unheimlich.“
„Sie finden fast jeden unheimlich“, fügte Ysella verächtlich hinzu, „insbesondere nach 3 Krügen Met.“
„Was ist denn so besonders an diesem Mann? Manas hat ihn auch als auffällig bezeichnet.“
„Die Matrosen haben gesagt, dass ihn seine ganze Erscheinung besonders macht. Sein schwarzer Wollmantel mit bunten Verzierungen, seine bläulich schimmernde Haut und kobaltgrüne Augen.“

„Guten Tag“, unterbrach sie ein Mann, der von einem der Nachbartische an sie herangetreten ist, „mein Name ist Wad.“
„Guten Tag Wad“, begrüßte ihn Lyssea amüsiert mit einem Anflug von Neugierde im Gesicht. Alrond, Ysella und Danea beobachten ihn interessiert.
„Entschuldigt bitte die Störung, aber ich habe am Nachbartisch gesessen und konnte nicht anders, als zu hören, dass ihr über einen gewissen Neuankömmling redet.“
Der Mann war ungefähr 1,90 Meter groß und hatte lange, blonde Haare. Er trug Jacke und Hose aus Leder und schwarze Reiterstiefel.
„Warum ist das von Bedeutung?“ fragte ihn Alrond irritiert.
„Weil ich euch eventuell helfen könnte“, antwortete Wad selbstbewusst, „ich habe den Mann gesehen. Wir sind beide mit dem gleichen Schiff nach Phoenixstein gekommen.“
„Das wussten wir es auch schon“, erwiderte Ysella.
„Aber ich kann den Mann wiedererkennen. Er heißt Sellur und ist mit einem großen Segelschiff nach Phoenixhafen gereist. Ich habe es gehört, als er sich mit dem Kapitän unterhalten hat.“
„Hach“, lachte Alrond, „er würde zu dir passen, Lyssea, er belauscht auch gerne Gespräche von anderen Menschen.“ Lyssea boxte ihn spielerisch in die Seite.
„Wenn ihr also Hilfe braucht“, setzte War dramatisch an, „könnt ihr euch gerne an mich wenden.“
„Womit verdienst du deinen Lebensunterhalt, dass du uns helfen willst? Bist du ein Fährtenleser?“ wollte Alrond süffisant wissen, ohne wirklich eine Antwort wissen zu wollen.
„Nein, aber ich habe viele Fähigkeiten, die euch nützlich sein könnten“, Wad schien die Ironie in der Frage zu überhören, unklar jedoch, ob absichtlich oder nicht, „am wichtigsten ist es jedoch, dass ich ein abenteuerliches Gemüt habe und vor keiner Gefahr Angst habe.“
„Wie ich es vermutet habe, du bist ein Taugenichts“, spottete Ysella zwinkernd.
„Danke, aber momentan kommen wir ohne deine Unterstützung aus“, versicherte Lyssea.
„Wie ihr meint“, sagte Wad leicht enttäuscht, „wenn ihr mich sucht, ich werde im Gasthaus nebenan sein.“ Er stand auf, verbeugte sich theatralisch und ging an seinen Tisch zurück.

„Alrond, was mich interessieren würde ist, von welcher deiner Geschichte Manas gesprochen hat, als er dir über den Neuankömmling erzählt hatte?“
„Ach, diese Geschichte“, dachte Alrond laut nach, „es ist meine Begegnung mit den Kultisten des Nautilus.“
„Diese Geschichte kenne ich noch nicht, hoffentlich ist sie spannender, als die anderen“, sagte Ysella lachend, „auch wenn sie vermutlich erfunden ist.“
„Das kann ich nicht bestätigen“, erwiderte Alrond.
„Na, lass uns das beurteilen, lass sie mal hören“, bekräftigte Lyssea ihren Wunsch.
„Gut, wie ihr wollt“, sagte Alrond, „alles begann an einem Nachmittag, als meine Begleiter und ich im Dorf Rutónn angekommen sind.

Ich ritt mit Riandell und Ledos zum Marktplatz von Rutónn. Dort erfuhren wir in einem Lebensmittelladen von einer ungewöhnlichen Gruppe von Menschen, die in einer nahegelegenen Höhle seltsame Rituale abgehalten hatte. Ein Schafhirte entdeckte sie zufällig, als er mit seiner Herde am Höhleneingang vorbeilief. Wir fanden schnell die Höhle und gingen hinein.
„Ich höre Stimmen“, stellte Riandell fest, nachdem sie einige Minuten durch die Höhle liefen.
„Mhm“, grunzte Ledos, „endlich sind wir am Ziel, ich kann hier kaum etwas erkennen.“
„Da, ich sehe Licht“, sagte ich und zeigte auf einen Vorsprung mehrere Meter vor uns.
„Passt, jetzt sollten wir ganz leise sein“, Ledos senkte seine Stimme.
„Ich kann etwas durch den Felsspalt sehen, es sind Menschen mit dunklen Roben“, beschrieb Riandell, was er sehen konnte.
Ich bat ihn, kurz zur Seite zu gehen, damit ich auch sehen konnte, was sich da abspielt.

In der kalten Höhle versammelte sich die Kultistengruppe um eine Skulptur. Sie stellte ein großes Tier mit einem helmartigen Panzer dar, zwei seitlichen, riesigen Augen und Tentakeln, die aus dem Mund nach etwas Unsichtbaren zu greifen schienen.
„Es ist ein Nautilus“, stellte ich leise fest.

Die Kultisten trugen dunkelblaue Roben mit eingenähten Bändern um den Hals und die Handgelenke. Darauf waren gelbe, geometrische Zeichen zu sehen, die mit keinen mir bekannten Schriftzeichen oder Symbolen vergleichbar waren.
„Ich möchte näher an sie herankommen“, erklärte ich meinen Begleitern.
„Sei vorsichtig“, warnte mich Riandell.
Ich folgte einem Gang und kletterte in den großen Raum hinunter, in welchem die Wesen versammelt waren. Ich hörte sie leise etwas murmeln, eine leise Melodie, die sich wiederholte. Am meisten interessierten mich die gelben Zeichen, die ich auf ihren Roben gesehen hatte. Mit schnellen Bewegungen skizzierte ich einige der Zeichen auf der Rückseite einer Schreibrolle, die ich bei mir hatte. Ledos und Riandell folgten mir. Riandell rutschte aus, mehrere Steine rollten geräuschvoll hinunter. Die Kultisten unterbrachen ihr Ritual.
„Wer ist da?“ fragte einer der Versammelten.
„Dort drüben! Fangt die Eindringlinge!“, rief ein kräftiger Kultist.
„Bloß weg hier!“ rief ich.

Die Kultisten verfolgten uns, doch wir hatten einen Vorsprung. Wir flohen aus der Höhle. Die Verfolger rannten hinter uns her. Einer von ihnen trug eine hellblaue Robe und schwarze Handschuhe. Der grauhaarige Mann berührte mit der rechten Hand den Boden, verließ uns jedoch dabei nicht aus den Augen. Die Erde fing an zu beben. Wir kamen zu unseren Pferden. Sie wieherten ängstlich.
„Was ist das!?“ reagierte Riandell entsetzt.
„Wir müssen los!“ forderte uns Ledos auf.
Während wir in die Sattel unserer Pferde stiegen, hob der Grauhaarige einen silbernen Stab in die Luft. Ein Sturm zog herauf. Blitze erhellten den Himmel.
Ich zeigte auf ein Waldstück vor uns. Dort konnten wir unseren Verfolgern entkommen, die keine Pferde hatten. Von dort aus kehrten wir nach Rutónn zurück. Die Kultistengruppe haben wir seitdem nicht mehr gesehen, hatten aber bisher keine Gelegenheit mehr, nach ihnen zu suchen.

„Unglaublich!“ rief Danea aus.
„Ja, wie alle seine Geschichten“, witzelte Ysella, „du hast noch nicht alle gehört.“
Alronds Blick hellte sich auf, ein Lächeln huschte über seine Lippen.
„Und welche Zeichen waren das?“ fragte Lyssea neugierig, „eine besondere Art von Buchstaben?“
„Das weiß ich nicht genau. Mir sind keine ähnlichen Symbole bekennt. Hier, sehr selbst“, Alrond zeigte ihnen seine Schreibrolle, „diese Symbole habe ich vor einigen Wochen Manas gezeigt. Er hat sie auf der Kleidung des Unbekannten erkannt.“
„Sehr merkwürdig, solche Symbole habe ich bisher noch nie gesehen“, staunte Lyssea, „Doch leider befürchte ich, dass wir uns später darum werden kümmern müssen, denn ich denke, dass wir nachsehen sollten, warum der Elixierbrauer Tyllun so lange in der Hütte des Kleinen Rates geblieben ist.“
„Das ist ein guter Einwand, Lyssea“, sagte Alrond, „gehen wir am besten gleich dorthin. Die Frage ist nur, wie wir an den Wachen vorbeikommen sollen.“
„Dazu hätte ich eine Idee“, fiel Ysella ein, „direkt neben der Ratshütte wohnt der Kuhhirte Eggur. Wir kennen ihn gut, er bringt uns immer Rindfleisch für unsere Gerichte. Er wird uns bestimmt helfen.“
„Eine gute Idee. Lasst uns gleich zu ihm gehen“, schlug Alrond vor.
„Gut, ich werde hier bleiben, um mich um die Taverne zu kümmern“, sagte Danea.

Sie verabschiedeten sich von ihr und gingen zu Eggur. Sie trafen ihn vor seiner Hütte beim Holz hacken an. Die viel größere Nachbarhütte wurde von vier Soldaten bewacht. Ysella begrüßte Eggur und machte ihn mit Lyssea und Alrond bekannt. Sie betraten seine Hütte, wo Alrond ihm den Grund ihres Besuches erklärt hatte.

„Ein Überfall?“ rief Eggur verwundert aus. Er war ein kleiner, untersetzter Mann mit krummer Nase. Seine gelockten, roten Haare fielen ihm ins Gesicht, „davon habe ich nichts mitbekommen. Ich habe zwar die vielen Soldaten gesehen, die seit heute Vormittag in die Ratshütte ein- und ausgehen, aber ich habe mir nicht viel dabei gedacht.“
„Hast du den Elixierbrauer gesehen? Er soll auch seit heute Morgen in der Hütte gewesen sein.“
„Tyllun? Ja, jetzt da ihr es sagt, ich habe gehört, dass ihn heute Morgen zwei Soldaten in die Hütte begleitet haben. Er ist aber vor ungefähr einer Stunde wieder gegangen.“
„Hast du eine Idee, wie wir unbemerkt in die Hütte kommen können?“ fragte Ysella, „Ich habe den beiden versprochen, dass du uns helfen kannst.“
„Ihr meint, wie ihr an den Wachen vorbeikommen könnt?“
„Genau, wir wollen uns selber davon überzeugen, was in der Hütte passiert ist. Und warum der Hauptmann Gatton nicht will, dass wir uns weiter einmischen“, sagte Alrond.
„Außerdem vermissen wir den Obersten Schreiber.“
„Mir ist schon unwohl bei der Sache, muss ich zugeben. Aber seltsam finde ich die Geschichte schon etwas“, erklärte Eggur.
„Du musst nicht mit uns in die Hütte gehen, wir machen das schon alleine“, beruhigte ihn Lyssea.
„Eine Idee hätte ich schon“, sagte Eggur zaghaft, „zwischen den Hütten gibt es einen kleinen Durchgang. Dort könntet ihr durch die schmale Lüftungsöffnung in die Speisekammer einsteigen. Wir müssen nur die Schutzabdeckung aufbrechen.“
„Hier tun sich Abgrunde auf, Eggur“, neckte ihn Ysella, „ich bin begeistert.“
„Wir tun es natürlich nur, weil wir es hier mit einem absoluten Notfall zu tun haben“, versicherte Alrond.
„Das werden aber Alrond und ich alleine machen“, sagte Lyssea, „wir haben euch schon zu tief in die Sache hineingezogen.“
„Das wird wohl am besten sein“, pflichtete ihr Ysella bei, „ich muss mich wieder um unsere Gäste kümmern. Danea wird froh sein, dass ich wieder zurückgekommen bin.“

Lyssea und Alrond verabschiedeten sich von ihren Helfern und schlichen sich in den engen Durchgang zwischen den Hütten. Alrond nutzte vorsichtig den Schürhaken, den er von Eggur ausgeliehen hatte, um die Holzabdeckung leise aufzubrechen. Sie kletterten durch die Öffnung in die Speisekammer. Mehrere Säcke und Fässer standen in der Kammer. Von der Decke hingen mehrere Kräutersträuße, Würste und Knoblauchzehen. Ein intensiver Geruch nach getrockneten Kräutern und frischem Weizen stieg ihnen in die Nase.
„Gehen wir weiter“, flüsterte Alrond, während sie durch die Dunkelheit schlichen. Sie öffneten die Tür und liefen in den langen Versammlungsraum. Sie konnten nur schattenhafte Umrisse erkennen.

„Was ist das?!“ erfuhr es Alrond halblaut, als er den Raum betreten hatte.

Ende des 2. Teils in der 5. Fortsetzung

Titelfoto: In der Taverne, Fotorechte: Dario schrittWeise

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