Fränkischer Jakobsweg: von Nürnberg nach Roßtal [I]

Der frühe Morgen ist frisch, aber sonnig. Über dem Tal liegt ein leichter Nebel, der die farbenfrohe Felder bedeckt. Der Herbst hat die Natur in ein Farbenmeer aus Rot-und Gelbtönen gekleidet. Die Jakobsmuschel weist mir den Weg, nach der Kreuzung biege ich rechts in den Wald ab. Unter meinen Füßen rascheln abgefallene Blätter. Nach dem Waldstück erreiche ich eine Lichtung und atme tief die kühle Morgenluft ein. Derartige Bilder steigen in meinen Gedanken auf, wenn ich an meine herbstlichen Pilgeranfänge vor 2 Jahren zurückdenke.

Ein Schild vor der Nürnberger Jakobskirche zeigt die Richtung an (Foto: schrittWeise)

Die Entscheidung

Den Entschluss habe ich schnell gefasst: ich habe mich für den mittelfränkischen Jakobsweg entschieden, auch liebevoll „der fränkische Camino“ genannt. Spanier nennen übrigens den Jakobsweg „Camino“ (spanisch für „der Weg“), die Portugiesen sagen analog dazu „Caminho“ und die Franzosen „Chemin“.

Somit würde ich über Rothenburg o.d. Tauber laufen, damit ich einen Freund in Tübingen besuchen kann. Von dort wird es weiter nach Konstanz gehen, meine Studienstadt. Danach möchte ich durch Burgund pilgern, weil ich in der Region meinen Zivildienst, respektive „Friedensdienst“, verbracht habe. Dies mutet wie ein Weg in die Vergangenheit, so war es auch gedacht.

CC BY-SA 3.0, Link
Jakobswege in Europa (Bildrechte: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1377844)

Ich habe zudem beschlossen, hauptsächlich alleine zu laufen, schließlich sollte es eine Pilgerschaft werden. Auf diese Weise konnte ich am besten über das Leben nachdenken, den Jakobsweg „erspüren“ und allgemein mehr Eindrücke aufnehmen. An einigen Stellen habe ich bewusst Mitpilger eingeladen, die mich einen Abschnitt lang begleitet haben. Die meiste Zeit würde ich bewusst alleine pilgern.

Von Burgund ist es nicht mehr weit nach Le Puy, einer alten Pilgerstadt, in der Via Podiensis, einer der 4 großen französischen Jakobswege beginnt. Die anderen 3 großen Jakobswege durch Frankreich heißen: Via Tolosana, Vie Lemovicensis und Via Turonensis. Zudem verbindet noch die Via Gebenensis als großer Zubringerweg Genf mit Le Puy.

 

Chemins-Saint-Jacques-PM-en-France de
Die 4 großen Jakobswege in Frankreich (Autor: Hk kng, eigenes Werk, GFDL/ CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons)

Dabei darf man nicht vergessen, dass die Pilger früherer Tage keine besonderes ausgeschilderten „Jakobswege“ verwendet haben sondern die damals vorhandene Infrastruktur benutzt haben, unter Berücksichtigung ihnen bekannter Übernachtungsmöglichkeiten. Heute versucht man die historischen Routen lediglich zu rekonstruieren. Dies ist in Deutschland viel komplizierter als in Frankreich oder Spanien.

Wolfgang Lipp, der mit Sieger Köder maßgeblich für die Entwicklung des modernen Wegverlaufes des Fränkisch-Schwäbischen Jakobsweges verantwortlich ist, hat über den Jakobsweg in Süddeutschland geschrieben, dass dieser „nie die Eindeutigkeit haben“ kann, „wie das in Frankreich der Fall ist. […] Auch ist nicht zu erwarten, dass die Stationen fest bestimmbar sind […] wie Perlen an einer Schnur. Die Jakobspilger nahmen [in Süddeutschland] die Einrichtungen wahr, die für alle Pilger und Wanderer zur Verfügung standen.“[1]

1. Etappe: Nürnberg – Roßtal

Meine allererste Tagesetappe habe ich klassisch zu Hause begonnen. Ich lief an der Nürnberger Kaiserburg vorbei, über den Hauptmarkt zum Jakobsplatz. Dort habe ich mir in der Jakobskirche einen Pilgerstempel für meinen Pilgerpass geholt. Ich hatte noch Urlaub und fühlte mich nach meiner Pilgerreise in Spanien beschwingt.

St. Jakobskirche in Nürnberg (Foto: schrittWeise)

Die ersten Kilometer führten mich durch die Stadt. Keine sehr ansehnliche Strecke. Nach ungefähr 4 Kilometern erreichte ich die kleine Ortschaft Stein, bekannt für das Schloss und die Fabrikanlage der Familie Faber. Ich durchquerte den Faberpark, in dem die Jakobswegzeichen sehr rar waren. Später erfuhr ich, dass der Parkbesitzer sie an vielen Stellen abgenommen hat, um die Pilgerflut abzumildern.

Jakobsweg durch Nürnberg (Foto: schrittWeise)

in in die westliche Richtung. Nach wenigen Kilometern erreichte ich Oberweihersbuch. Die St. Jakobkirche war wegen Restaurationsarbeiten geschlossen. Ich wollte im angrenzenden Gemeindehaus fragen, ob sie einen Stempel haben. Nur der Sohn des evangelischen Pfarrers war zu Hause. Er wusste zunächst nicht, wo er den Stempel finden kann. Der hilfsbereite junge Mann schaute aber in den Schubladen im Sekretariat nach und holte einen einfachen Pilgerstempel heraus. Der Stempelabdruck war zwar nicht besonderes ansehnlich, die Spanienpilger sind besonderes kreative Pilgerstempel gewohnt, und der Pfarrerssohn stempelte ihn zudem verkehrt herum ab. Ich finde den Abdruck jedoch für mich besonderes wertvoll, weil er einer der ersten auf „meinem“ Jakobsweg war und sich zudem eine schöne Geschichte dahinter verbirgt.

Wegweiser Mittelfränkischer Jakobsweg (Foto: schrittWeise)

Auf der Pilgerschaft können sogar kleine Gesten und Begegnungen besondere Bedeutung erlangen. Schade, dass im Alltag derartige Situationen oft in der allgemeiner Hektik untergehen oder gar nicht erst aufkommen. Ich verabschiedete mich von meinem Helfer und zog weiter. Ich wusste nicht, wie weit ich an dem Tag laufen würde, die Entfernung wurde immer weiter.

Nach Stein und Oberweihersbuch wechselten sich herbstliche Landschaften und weniger Zivilisation ab. Dafür waren auch die Wirtschaften entlang des Weges wegen Betriebsferien geschlossen.

Unterwegs zwischen Nürnberg und Roßtal (Foto: schrittWeise)

Ankunft in Roßtal

Von Oberweihersbuch lief ich über die Dörfer Unterbüchlein und Weitersdorf. Nach wenigen Kilometern erreichte ich Roßtal, eine Stadt, die noch zum Landkreis Fürth gehört. Roßtal ist ungefähr 16 Kilometer von Nürnberg entfernt. In Roßtal hat mir die Laurentiuskirche sehr gut gefallen. Unter der Kirche befindet sich eine sehenswerte frühromanische Hallenkrypta, die schätzungsweise um das Jahr 1020 entstanden sein soll[2].

Stempel aus der Kirche in Roßtal (Foto: schrittWeise)

Eine weitere Besonderheit der Kirche St. Laurentius in Roßtal ist der von einer Wehrmauer geschützter Friedhof. Die Höhe der ehemaligen Mauer lässt sich besonderes gut am nördlichen Torturm und dem spätgotischen Pfarrhaus (um das Jahr 1410 gebaut) erkennen[3].

St. Laurentiuskirche in Roßtal, mit einem Torturm und Friedhof (Foto: schrittWeise)

In der dritten und letzten Fortsetzung der Blogbeiträge über meine Pilgerschaft auf dem mittelfränkischen Jakobsweg werde ich über meine Etappen nach Heilsbronn und Rothenburg ob der Tauber schreiben. Darin werde ich unter anderem auch auf meine längste Tagesetappe jenseit von Saint-Jean-Pied-de-Port eingehen.

Nächster AbschnittFränkischer Jakobsweg: „von Roßtal nach Rothenburg ob der Tauber“ [II]

Fußnoten:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A4nkisch-Schw%C3%A4bischer_Jakobsweg (zuletzt abgerufen am 13.05.2017)
[2] http://www.rosstal.de/index.php?id=532,117 (zuletzt abgerufen am 13.05.2017)
[3] http://www.rosstal.de/index.php?id=532,117 (zuletzt abgerufen am 14.05.2017)

5 Kommentare zu „Fränkischer Jakobsweg: von Nürnberg nach Roßtal [I]

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  1. Schön 🙂

    und du hast das auch echt toll gemacht… mit den Fotos und den Karten…

    Was vielleicht aber nicht schlecht wäre – vor allem für Menschen, die vom Jakobsweg gar keine Ahnung haben – die Beiträge einmal durch zu nummerieren, damit man auf den ersten Blick sehen kann, wo es anfängt und wo es weiter geht….
    was meinst du?

    Lieben Gruß ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Ananda, danke für die lieben Worte und für den Tipp 😃 ich freue mich immer über konstruktive Verbesserungsvorschläge. Beim Jakobsweg nach Le Puy hatte ich schon eine Nummerierung, jetzt habe ich sie auch hier ergänzt. Eine Übersichtsseite will ich noch erstellen, denn ich möchte noch den Weg bis Cluny beschreiben. LG 😃

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