Traumwelten des Aubrac [Via Podiensis 4]

Der Aubrac gehört für mich zu einer der schönsten Regionen auf dem französischen Jakobsweg „Via Podiensis“. Weite Steppen und Heiden erstrecken sich bis zum Horizont. Auf dem Weg begegnet der Wanderer und Pilger auf den eingezäunten Weiden den Herden des kastanienbraunen Aubrac-Rindes mit typischen schwarz umrandeten Augen. Aubrac ist der südlichste Vulkankomplex des Zentralmassivs und wird von den Flüssen Truyére und Lot begrenzt. Via Podiensis schlängelt sich ungefähr 50 Kilometer lang über das raue aber idyllische Hochplateau mit den unzähligen Blumen, Gräsern und Kräutern. Ich durfte die saftigen Hochwiesen auf meiner Pilgerschaft zwei Tage lang genießen. [1]

Wegweiser

Schöne Aussichten im Aubrac (Fotorechte: schrittWeise)

Etappe 5: Aumont-Aubrac – Nasbinals

  • Datum: Freitag, 08.09.2017
  • Entfernung: 27 Kilometer
  • Besonderheiten: wunderschöne Landschaften mit atemberaubenden Aussichten, die sich bis zum Horizont erstrecken, nette Begleitung und geselliger Abend

Am Freitag blieb Anna in Aumont-Aubrac, um in die Apotheke zu gehen, die erst später am Vormittag öffnete. Ihr Fuß schmerzte weiterhin und sie entschied sich dafür, an jenem Tag eine kürzere Etappe zu laufen. Ich musste jedoch wie geplant nach Nasbinals laufen, um im Zeitplan zu bleiben. Nach mehreren Anrufen fand sie einen Platz in der Pilgerherberge von Finieyrols. Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich von Anna und schaute mich noch ein wenig in Aumont-Aubrac um, weil mir am Vorabend nur wenig Zeit dafür blieb. Der Ort ist relativ überschaubar, sehenswert fand ich in erster Linie die mittelalterlichen Gebäude und Gässchen sowie die Ortskirche. Bemerkenswerterweise schmückte den Brunnen vor dem Rathaus wieder eine Statue der Bestie von Gévaudan, die in dieser Region tatsächlich nicht zu übersehen ist.

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Beim Verlassen der Stadt traf ich eine französische Pilgerin, die selbst alleine auf dem Jakobsweg unterwegs war. Sie läuft den Weg wie ich, in mehreren Jahresetappen. Wir liefen einige Kilometer gemeinsam und unterhielten uns über unsere Erfahrungen mit dem Pilgern. Interessant fand ich ihre Gedanken über die Menschen zu Hause, die nicht immer Verständnis für ihre Pilgerreise haben. Manche finden es auch merkwürdig. Wer es selber nicht probiert hat, kann nur schwer die Beweggründe und die Motivation für das Pilgern nachvollziehen. Auf einmal kam uns Bernardette entgegen, die zum Bahnhof in Aumont-Aubrac lief, um zurück nach Hause zu fahren. Wir verabschiedeten uns erneut und ich lief weiter. Unterwegs kam ich an einer Kuhherde vorbei.

Quatre Chemins

Schon bald veränderten sich die Landschaft und teilweise auch die Vegetation. Ich fühlte mich in eine andere, beinahe unwirkliche Welt versetzt. Während ich bis dahin weite Wälder und üppige Täler gewohnt war, breitete sich hier weite Heidelandschaft mit niedrigen, moosbedeckten Steinmauern und Kuhweiden vor meinen Augen aus.

Der Weiler Quatre Chemins (Fotorechte: schrittWeise)

Interessant fand ich den Namen eines Weilers auf der Strecke, „Quatre Chemins“, weil die wenigen Häuser buchstäblich an der Kreuzung von vier Wegen gebaut wurden. Hier besteht die Möglichkeit, eine Nacht zu bleiben oder im Restaurant zu speisen.

Unterwegs nach Finieyrols

In Finieyrols machte ich eine Pause in der Pilgerherberge, bei der ich wusste, dass Anna hier übernachten wollte. Darin können die Pilger bei schönem Wetter im Garten sitzen. Zum Glück schien an jenem Septembertag die Sonne und ich setzte mich an einen der Gartentische.

Einige Impressionen vom Weg…

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Bildergalerie: Manuelle Navigation mit Pausen- und Pfeiltasten

Da ich wusste, dass Anna ein wenig geknickt war wegen ihrer Blessur, beschloss ich spontan, ihr eine kleine Überraschung zu bereiten. Ich bat den Leiter der Herberge, Anna ein Getränk ihrer Wahl zu geben, wenn sie kommt und gab ihm das entsprechende Geld. Ich spürte, dass Anna ein wenig „Magie des Jakobsweges“ benötigt. Schließlich habe ich auf meinem bisherigen Weg ebenfalls viele schöne Momente und Gesten anderer Menschen erleben dürfen. Dieses Mal lag es an mir, etwas davon weiterzugeben.

Mit Ben im Aubrac unterwegs

Ein wenig später kam Ben, der Pilger aus den USA, in den Garten der Pilgerunterkunft und fragte mich, ob er sich hinzusetzen kann. Wir plauderten noch ein wenig im Garten und liefen anschließend gemeinsam ein Stück des Weges. Die grünen Auen waren bis zum Mittelalter von üppigen Wäldern bedeckt. Mönche rodeten sie im Mittelalter, um eine Fernweidewirtschaft für die Versorgung der Pilger einzurichten. Schade eigentlich.

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Die Hirten von Aubrac lebten den ganzen Sommer in den sogenannten Burons, Sennhütten aus Basaltstein, die zur Hälfte unter der Erde gegraben wurden. Wir liefen an einem Steinhäuschen, das jedoch kein Buron war, sondern vermutlich eine Art Werkstatt oder Lager. Dieses Häuschen dient heute den müden Wanderern als Rastplatz.

Die Gegend zwischen Finieyrols und Montgros gehörte zu den schönsten und außergewöhnlichsten Landschaften, die ich bisher in Frankreich gesehen habe. Ich habe vor, eines Tages zurückzukehren und in dieser Gegend wieder wandern zu gehen. Hier ließ ich mich auch zu meinem Beitrag „Mauern, die trennen“ inspirieren.

Montgros

Kurz vor Montgros verläuft der Pilgerweg über eine alte und sehenswerte Steinbrücke mit einem Metallkreuz über den Bach Bès. Überhaupt, entlang des Pilgerweges läuft man an vielen Kreuzen aus Stein, Metall oder Holz vorbei.

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In Montgros traf ich Gérôme, den ich über Anna kennengelernt habe. Er ging bis Aumont-Aubrac mit dem Schweizer Pierre, der Neurologe ist. In Aumont-Aubrac kehrte sein Begleiter nach Hause zurück, weil sein Urlaub zu Ende war. Gérôme schloss sich mir an und wir wanderten einige Kilometer gemeinsam. Auf dem Ortsausgang von Montgros begegneten wir einem Bauern mit seinem Traktor auf dem ein kleiner Hund saß. Das Bild fand ich herrlich und musste es festhalten.

Der motorisierte Hund (Fotorechte: schrittWeise)

Nasbinals

Nach wenigen Kilometern kamen wir in Nasbinals an, dem wirtschaftlichen Zentrum des Aubrac. Touristisch ist die Stadt ein Ausgangspunkt für Skiläufer im Winter und in den warmen Monaten für Wanderer und Pilger.[2]

Ich verabschiedete mich von Gérôme, weil er in einer anderen Gruppenunterkunft übernachten wollte als ich. Das dachte ich zumindest, doch dann stellte in der Touristeninformation fest, dass sie meine Reservierung für die städtische Herberge nicht (mehr) hatten. Wahrscheinlich kamen sie bei der Umbuchung von Annas Reservierung durcheinander.

In der Touristeninformation traf ich zum Glück die Pilger Henri und seine Frau wieder. Ich lernte sie auf dem in Le Falzet auf der „Ferme aux Fromages“, mit der jungen Katze, kennen. Henri half mir freundlicherweise mit der Kommunikation, denn ich war schon etwas aufgewühlt, dass sie meine Buchung durcheinander gebracht haben. Zum Glück war noch ein Bett in der anderen Unterkunft, N.A.D.A. frei, die von Freiwilligen geleitet wird. Ich verabschiedete mich von Henri und richtete mich in der Pilgerunterkunft ein.

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Dorfkirche von Nasbinals

Im Zentrum von Nasbinals befindet sich die kleine romanische Kirche „Notre Dame de la Carce“ aus dem 13. Jahrhundert. Sie wurde aus dem Basalt der Region gebaut und mit Schieferplatten gedeckt. Der Glockenturm der Kirche ist oktogonal gebaut. Eine Besonderheit ist die Ausrichtung des reich verzierten Eingangsportal. Während die meisten mittelalterlichen Kirchen ein Westportal als Eingang haben, wurde dafür in Nasbinals ein Südportal mit einem Triumphbogen verwendet. [3]

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Zum Abendessen suchte ich in ein Restaurant neben der Kirche auf, weil die Geschäfte schon geschlossen waren und ich ansonsten nur Notproviant dabei hatte. Im Nachhinein habe ich es nicht bereut, weil ich dort viele bekannte Gesichter wiedersah. Ben, Sue und Dirk sowie ein französisches Ehepaar luden mich zu sich an ihren Tisch ein. Später kamen auch Nazire und seine Freunde kurz vorbei, weil sie in dem angeschlossenen Gasthaus übernachteten. Wir freuten uns, dass wir uns wiedergesehen haben.

Nach dem geselligen Abend kehrte ich fröhlich in meinen Schlafsaal zurück. Dort traf ich Gérôme wieder. Er schenkte mir eine Schokobrioche, einfach so. Ich erinnerte mich an Anna und das Getränk, das ich ihr in Finieyerols spendierte. Alles fügte sich auf eine bemerkenswerte Weise. Mir kamen unsere Gespräche über den „Zauber des  Jakobsweges“ in den Sinn. Wer weiß, vielleicht gibt es diesen tatsächlich?

Besondere Orte auf dem Weg

  • Lasbros (6 Kilometer)
  • Quatre Chemins (4 Kilometer)
  • Finieyrols (6 Kilometer)
  • Montgros (6,5 Kilometer)
  • Nasbinals (3,5 Kilometer)

Quellenangaben

[1] Forst, Bettina: "Französischer Jakobsweg. Via Podiensis von Le Puy-en-Velay bis zu den Pyrenäen", München, S. 50
[2] Forst, S. 55
[3] Forst, S. 55

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