Königsstadt Léon [Camino Francés X]

Die Ursprünge der spanischen Großstadt Léon gehen auf eine römische Legion zurück, die in der Region stationiert war. Der damalige römische Kaiser Galba ließ 68 n. Chr. die „siebte römische Doppellegion“ die Legio VII Gemina Pia Felix hier ihren Lager errichten. Im Laufe der Zeit wurde aus der kleinen Siedlung eine bedeutende Stadt. Noch heute können die Reste der römischen Steinmauer besichtigt werden.

Während der Besatzung der iberischen Halbinsel von den Mauren erklärte der spanische König Ordoño II.  León im Jahr 914 zur Hauptstadt seines Königreichs. Das bleib sie auch für ungefähr 200 Jahre. Heute erinnert der Name der Region „Kastillien-Léon“ an das stolze Königreich. Die Stadt war und ist heute noch eine wichtige Station auf dem Pilgerweg Camino Francés.

Für mich bedeutete die Ankunft in Léon, von vielen Pilgerinnen und Pilgern Abschied zu nehmen, weil sie hier entweder einen Pausentag eingelegt hatten oder sogar nach Hause gefahren sind, um ein anderes Mal weiterzulaufen. Wie bei mir im Jahr 2019, als ich in Burgos nach Hause gefahren bin. Einige Pilgerinnen und Pilger lernte ich auch erst danach kennen, weil sie in Léon entsprechend ihre Pilgerschaft fortgesetzt hatten.

Wegweiser

Etappe 18: Terradillos de los Templarios – Calzadilla de los Hermanillos

  • Datum: Freitag, 24.9.2021
  • Entfernung: 27 Kilometer

Am nächsten Vormittag regnete es in Terradillos de los Templarios. Ich frühstückte wieder mit der Pilgerin Franziska. Wir verabschiedeten uns, weil ich noch ein wenig trödeln wollte, während Franziska bereits loslaufen wollte.

An jenem Tag plante ich die erste längere Etappe ein. Der Regen begleitete mich den ganzen Vormittag, für ca. 1 – 2 Stunden. Meine Regenausrüstung bestand wie gewohnt aus meinem Rucksacküberzug und einer Regenjacke. Bei einem stärkeren Regen ziehe ich auch meine Regenhose an.

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Es regnete bis zu meiner Ankunft in Sahagún. Einige Kilometer vor Sahagún befindet sich die Kirche „Ermita de la Virgen del Puente“. Der Ort gilt als inoffizielle Mitte des Camino Francés. Unabhängig davon, ob das stimmt oder nicht, meine Mitte war bereits vorher, vermutlich irgendwo in Frankreich.

Die Kirche war leider geschlossen. Ich setzte meinen Weg fort und kam bald in Sahagún an. Dort traf ich Heidi aus Österreich und Franziska, die vor einem Café saßen. Ich aß darin mit ihnen zu Mittag. Danach liefen gemeinsam weiter.

Der Weg verlief nach Sahagún wieder für mehrere Kilometer entlang der Bundesstraße, die zumindest nicht stark frequentiert war. Diese Abschnitte des Jakobsweges gefallen mir nicht, sie gehören jedoch zum Weg, aus meiner Sicht sind sie ein Teil der Herausforderung.

Wir trennten uns an einer Straßenkreuzung, weil dort der alternative Weg nach Calzadilla de los Hermanillos abzweigte. In Calzadilla habe ich eine Unterkunft reserviert.

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In Calzada del Coto traf ich Annika, die Pilgerin aus Schweden, die ihr Gepäck transportieren lässt. Sie habe ich in Terradillos de los Templarios kennengelernt. Sie machte gerade Pause. Ich grüßte Annika und unterhielt mich kurz mit ihr, lief aber gleich weiter, weil ich das Gefühl hatte, dass sie alleine sein wollte.

Der letzte Abschnitt war sehr ruhig, die letzten Kilometer lief ich alleine, eine Seltenheit auf dem Camino Francés. Die Stecke erinnerte mich teilweise an die Bilder der afrikanischen Savanne, die man aus Dokumentarfilmen kennt.

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Am Nachmittag kam ich in Calzadilla de los Hermanillos an, einem sehr kleinen Dorf. Ich übernachtete dort in der Bar Via Traian. Das Dorf war sehr klein, hatte aber zwei bis drei Pilgerherbergen.

Ich aß zu Abend mit einigen anderen Pilgern. Annika kannte ich bereits, sie erzählte mir, dass sie sich am Nachmittag etwas verloren gefühlt hatte, nachdem wir uns verabschiedet hatten. Sie war froh, mich in der Ferne laufen zu sehen, weil sie so wusste, dass sie auf dem richtigen Weg war.

Am Tisch saßen noch Michelle und Michael sowie die Schwestern Ineke und Fleur aus den Niederlanden. Michael und Michelle kommen aus den USA. Michael, der Vater von Michelle, hatte vor mehreren Jahren den Jakobsweg gemacht und schwärmte seiner Tochter immer davon. Deswegen machten sie ihn nun gemeinsam.

Etappe 19: Calzadilla de los Hermanillos – Mansilla de las Mulas

  • Datum: Sa, 25.09.2021
  • Entfernung: 25 Kilometer

Am Vormittag hatte ich gewissermaßen „die Straße“ nur für mich. Da ich mich auf einer der alternativen Routen befand, waren wieder wenige Pilger unterwegs. Die meisten nutzten die Hauptroute.

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Ein Vorteil am Wandern im Herbst liegt unter anderem darin, dass auch Nachteulen wie ich in den Genuss des Sonnenaufgangs kommen können. Ich benutze mit Absicht die Bezeichnung „Langschläfer“ nicht, weil die Frühaufsteher und Spätaufsteiger meistens ungefähr gleich lange schlafen, nur zu unterschiedlichen Zeiten schlafen gehen und aufstehen.

Ein Stopp-Schild zog meine Aufmerksamkeit an. Jemand schrieb auf dem Verkehrsschild „Don’t stop me now!“ („Halte mich nicht auf !“). Ich musste dabei an das gleichnamige Lied von Queen denken.

Das Lied motivierte mich dazu, weiterzulaufen. In Gedanken sang ich das Lied, zeitweise auch laut, weil ich Lust hatte:

„(Don′t stop me now)
I′m having such a good time
I’m having a ball
(Don′t stop me now)
If you wanna have a good time just give me a call
(Don’t stop me now)
′Cause I’m having a good time
(Don′t stop me now)
Yes, I’m havin‘ a good time
I don′t want to stop at all“

Queen

Meine Stimmung hellte auch der Regenbogen auf, der sich vor meinen Augen spannte. Da musste ich auch wieder an ein anderes Lied denken

Reliegos

Das Dorf Reliegos war ein Zwischenziel, das ich nach ca. 18 Kilometern erreichte. Vor einer typischen Kaffeebar mit Charme saßen viele bekannte Gesichter. Ich setzte mich dazu und unterhielt mich mit einigen. Viele kamen und gingen, neue Bekanntschaften zwischen den Pilgern wurden geschlossen.

Auch Davide aus Italien kam dazu, mein Schutzengel, der mein Portemonnaie gefunden hatte. Ich wollte ihn aus Dank einladen, doch er versicherte mir es sein nicht nötig. Danach liefen wir gemeinsam nach Mansilla de las Mulas. Amüsant fand ich, als David in sein Smartphone-Mikrophon etwas auf Italienisch diktierte. Ich verstand nicht alles, aber genug, um zu wissen, dass er über uns gesprochen hatte, wie wir auf dem Jakobsweg nach Mansilla liefen. Er erklärte mir, dass er unterwegs immer wieder in sein Pilgertagebuch diktiert, um es nicht am Abend machen zu müssen.

Mansilla de las Mulas

Nach anderthalb Stunden kamen Davide und ich in Mansilla de las Mulas an. Um zu meiner Unterkunft zu kommen, musste ich zuerst den Schlüssel im Hauptgebäude abholen. Dort saßen Michael und Michelle im Restaurantbereich. Sie freuten sich, mich wiederzusehen und luden mich zu sich an den Tisch. Ich setzte mich dazu. Sie erzählten mir, dass sie Ashley von mir gesprochen hatten, woraufhin sie sich sehr positiv an mich erinnerte. Sie gaben Ashley Bescheid, dass ich da bin und sie kam dazu, weil sie im gleichen Hotel war. Pilgerpost funktioniert eben schnell. Wir verabredeten uns für den Abend.

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Nachdem ich mich in meiner Unterkunft „La Casa de los Soportales“ frisch gemacht hatte, lief ich zum vereinbarten Treffpunkt, wo Michael, Michelle und Ashley auf mich gewartet hatten. Dabei war auch Sean, ein Polizist, ebenfalls aus den USA. Im Herbst 2021 waren insgesamt viele US-amerikanische Staatsbürger unterwegs. Ich fühlte mich wohl in der Runde.

Wir machten einen Spaziergang durch die Altstadt von Mansilla de las Mulas. Die alte Steinmauern und die kleinen Gassen blieben mir in guter Erinnerung.

Etappe 20: Mansilla de las Mulas – Léon

  • Datum: Sonntag, 26.09.21
  • Entfernung: 18,5 Kilometer

Die Tagesetappe nach Léon hatte ich bewusst kurz geplant. Ich wollte früh in Léon ankommen, weil die Stadt groß und sehenswert ist. Ich wusste auch aus Erzählungen anderer Pilger, dass viele hier einen Pausentag verbringen.

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Die Geschichte von Ineke und Fleur

Unterwegs traf ich Ineke und lief gemeinsam mit ihr nach León. Sie erzählte mir, dass ihre Schwester Fleur zurück nach Hause gehen musste, weil sie festgestellt hatte, dass sie schwanger ist.

Nun haderte Ineke mit dem Gedanken, ob sie ebenfalls zurückfahren sollte oder nicht. Ursprünglich wollten die beiden Schwestern gemeinsam nach Santiago laufen. Ich erzählte ihr, dass sie keine Bedenken haben sollte, weil sie auf dem Jakobsweg in Spanien nicht alleine bleiben wird, wenn sie das nicht möchte.

Ankunft in Léon

Der Pilgerweg führte teilweise entlang der Stadtautobahn nach Léon. Lachen musste ich über die Bar, die „Viel Glück“ hieß. Ich verabschiedete mich von Ineke, die in einer Pilgerherberge kurz nach dem Eingang in Léon übernachtet hatte und lief weiter zu meiner Unterkunft. Unterwegs machte ich einen kurzen Halt im Park des Heiligen Franziskus.

Ich buchte ein Zimmer in der Pension Hostal Bayón, die sich in der Stadterweiterung vom Ende des 19. Jahrhunderts befand. Im Grunde war es eine größere Wohnung mit mehreren Zimmern, welche in einem Mietshaus untergebracht war.

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Nach einer kurzen Erholung ging in die Innenstadt. Mich interessierte in erster Linie die historische Altstadt. Sie befindet sich innerhalb der ehemaligen Stadtmauern der Römerzeit, die noch teilweise erhalten sind.

Eines der Schmuckstücke ist die Basilika San Isidoro mit den Reliquien des Heiligen Isidor, der im 6. Jahrhundert Bischof von Sevilla war. In der romanischen Basilika befindet sich das Panteón de los reyes, das „Pantheon der Könige von Kastilien“.

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Ein anderes wichtiges Gebäude ist Palacio de Los Guzmanes aus dem 16. Jahrhundert. Heute befindet sich darin der Sitz der Provinzregierung von Kastilien und León. Das Gebäude liegt zwischen der historischen Altstadt und der Stadterweiterung.

Unweit des Palastes steht die Casa Botines, welche der berühmte Architekt Antoni Gaudí i Cornet (1852 – 1926) entworfen hatte. Sie wurde 1892 errichtet, heute ist darin das Museum für zeitgenössische Kunst untergebracht. Casa Botines war ein Frühwerk von Gaudí, der ein bedeutender Vertreter des Modernisme war, einer Stilrichtung der Kunst, die auch große gesellschaftliche Auswirkungen hatte. Mir gefiel die Bank mit der Skulptur von Gaudi, die vor dem Gebäude angebracht wurde. Ich setzte mich neben die Skulptur und bewunderte die Casa Botines. Der berühmte Architekt scheint in seinem Heft ein neues Kunstwerk zu skizzieren. Vielleicht legte er darin den Grundstein für seine spätere Kunst, die ich während meiner Aufenthalte in Barcelona und Umgebung sehr zu schätzen gelernt hatte.

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An der Casa Botines traf ich den Pilger Ferdinand, mit dem ich mich über seinen Fotoclub und sein Buch unterhalten hatte. Ich bat ihn, Fotos von mir vor dem Haus und mit der Gaudi-Skulptur zu machen. Da sich Ferdinand dafür entschieden hatte, in Leon einen Pausentag zu verbringen, war es das letzte Mal, das ich ihn gesehen hatte.

Kathedrale von León

Zu den Höhepunkten der Stadt gehört die „Pulcra Leonina“, die Schöne von Léon, wie die Kathedrale von León auch genannt wird. Ordoño II. ließ das Gotteshaus an der Stelle seines Palasts und über den Überresten eines ehemaligen römischen Bades errichten. Auf diese Weise wollte er den Sieg über die Mauren feiern. In der Kathedrale wurde er begraben. Im Jahr 999 wurde Alfons V. darin gekrönt und seine Thronfolgerin Doña Urraca ließ die Kirche umgestalten.

Stilistisch erinnert sie an die gotische Kathedrale Notre-Dame von Reims, wie man an vielen Stellen nachlesen kann. Die Vorderseite mit dem Hauptportal hat mehrere sehenswerte Skulpturen der Gotik, eine große Rosette und zwei Türme, welche direkt an der Fassade angebracht sind, was eine Besonderheit ist.

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Weitere Besonderheiten sind der Chor und die 2013 geweihte Orgel, die in Bonn gemacht wurde. Sehenswert sind auch die Glasfenster aus dem 13. bis 20. Jahrhundert, die eine Gesamtfläche von 1.800 Quadratmetern besitzen.

Über den Dächern der Königsstadt

Nach meiner Besichtigung der Innenstadt luden mich Michael und Michelle zu sich in eine Bar. Ich machte Bekanntschaft mit einem Pilger aus den USA, der ein Zimmer in einem Hotel in der Nähe der Kathedrale gebucht hatte. Es war ein Hotel der gehobenerer Kategorie, wie es sich herausgestellt hatte. Er verschaffte uns Zugang zur Cocktail-Bar auf der Dachterrasse des Hotels. Von hier aus konnten wir einen herrlichen Blick über die Königsstadt genießen.

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Später gingen wir in eine typische Tapasbar. Im Laufe des Abends wurde die Gruppe immer größer, am Ende waren wir mehr als zehn Personen. Zu uns gesellten sich Ashley und Sean, sowie Kosta aus Zyprus, der in Großbritannien lebte. Er musste bereits drei Tage in Léon bleiben, weil er schmerzhafte Blasen an den Füßen bekommen hatte. An dem Abend verabschiedete ich mich von Ashley und Sean sowie Michelle und Michael, weil sie in Léon einen Pausentag gemacht haben.

Nach Léon bekam der Jakobsweg für mich eine besondere Dynamik. Von hier aus entfaltete der Camino seinen ganzen Zauber. Viele Pilgerinnen und Pilger sah ich auf den späteren Etappen wieder, so auch die Kunst von Antoni Gaudí.

Quellen

Titelfoto: Léon, Fotorechte: Dario schrittWeise
https://www.spain.info/de/highlights/kathedrale-leon/(zuletzt abgerufen am 21.03.22)
https://www.dw.com/de/made-in-germany-die-orgel-der-kathedrale-von-le%C3%B3n/a-48381562 (zuletzt abgerufen am 21.03.22)
https://www.spain.info/de/highlights/botines-haus/(zuletzt abgerufen am 21.03.22)
https://www.spain.info/de/reiseziel/leon/(zuletzt abgerufen am 24.03.22)
http://www.aytoleon.es/en/recursosmonumentales/Paginas/lacatedral.aspx (zuletzt abgerufen am 24.03.22)
https://www.spain.info/de/highlights/stadtmauern-romanas-leon/

6 Kommentare zu „Königsstadt Léon [Camino Francés X]

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  1. Wie schön, dass du auf dem Camino weiter gepilgert bist! Bin gespannt auf die Fortsetzung deines Berichts. Mir persönlich wäre es wohl zu trubelig auf dem Camino Frances. Aber jetzt beende ich erst einmal die Via Jacobi in der Schweiz und dann werde ich weiter sehen.

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Inga, ja, „Fortsetzung folgt …“ Es war schon trubelig, aber 2019 war es voller. Ich hatte auch Zeiten, in welchen ich tagelang alleine war (z.B. entlang des Rheins von Konstanz nach Basel und in Frankreich). So gesehen habe ich den Camino in verschiedenen Facetten erlebt. Die Via Jacobi soll auch empfehlenswert sein. Wie ist aktuell die Lage hinsichtlich der Unterkünfte? Buen camino! 🙂

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